Top

Der Waldgang


Brevier für den geistig-politischen Partisanen

Ernst Jünger

Ernst Jünger | Der Waldgang


ÜBERSICHT

1. Die Fragen, die an uns gerichtet werden, vereinfachen und verschärfen sich. 2. Sie drängen einem Entweder-Oder zu, wie es die Wahlen andeuten. 3. Die Freiheit, Nein zu sagen, wird planmäßig begrenzt. 4. Sie soll die Überlegenheit des Fragestellers veranschaulichen 5. und ist zu einem Wagnis geworden, zu dem sich vielleicht Einer unter Hundert entschließt. 6. Das Wagnis spielt sich an taktisch verfehlter Stelle ab. 7. Das soll kein Einwand gegen seine ethische Bedeutung sein. 8. Der Waldgang stellt eine neue Antwort der Freiheit dar. 9. Die Freien sind mächtig auch in winziger Minderheit. 10. Die Zeit ist arm an großen Männern, aber sie bringt Gestalten hervor. 11. Durch die Bedrohung formen sich kleine Eliten aus. 12. Neben die beiden Gestalten des Arbeiters und des Unbekannten Soldaten tritt als dritte der Waldgänger. 13. Die Furcht 14. kann durch den Einzelnen bezwungen werden, 15. wenn er sich in seiner Macht erkennt. 16. Der Waldgang als das freie Verhalten in der Katastrophe 17. ist unabhängig von den politisch-technischen Vordergründen und ihren Gruppierungen. 18. Er widerspricht nicht der Entwicklung, 19. sondern trägt Freiheit in sie hinein durch die Entscheidung des Einzelnen. 20. In ihm begegnet der Mensch sich selbst in seiner unaufgeteilten und unzerstörbaren Substanz. 21. Diese Begegnung bannt die Todesfurcht. 22. Hier können auch die Kirchen nur Assistenz geben, 23. denn der Mensch ist in der Entscheidung einsam, 24. und der Theologe kann ihm zwar seine Lage bewußt machen, 25. ihn aber nicht hinausführen. 26. Der Waldgänger überschreitet den Nullmeridian aus eigener Kraft. 27. Auf den Gebieten der Heilkunst, 28. des Rechts 29. und der Waffenführung fällt ihm die souveräne Entscheidung zu. 30. Er handelt auch sittlich nicht nach Doktrinen 31. und behält sich die Anerkennung der Gesetze vor. Er nimmt nicht am Kultus des Verbrechens teil. 32. Er entscheidet über Art und Behauptung seines Eigentums. 33. Er ist sich der unangreifbaren Tiefe bewußt, 34. aus der auch das Wort immer wieder die Welt erfüllt. Dort liegt der Auftrag für das »Jetzt und Hier«.


»Jetzt und hier«

1

Der Waldgang — es ist keine Idylle, die sich hinter dem Titel verbirgt. Der Leser muß sich vielmehr auf einen bedenklichen Ausflug gefaßt machen, der nicht nur über vorgebahnte Pfade, sondern auch über die Grenzen der Betrachtung hinausführen wird. Es handelt sich um eine Kernfrage unserer Zeit, das heißt, um eine Frage, die auf alle Fälle Gefährdung mit sich bringt. Wir reden ja viel von Fragen, ähnlich wie unsere Väter und Großväter das schon getan haben. Inzwischen hat sich freilich bedeutend verändert, was man in diesem Sinne eine Frage nennt. Sind wir uns dessen schon bewußt genug? Noch sind die Zeiten kaum vergangen, in denen man solche Fragen als große Rätsel, etwa als Welträtsel, auffaßte, und zwar mit einem Optimismus, der sich ihre Lösung zutraute. Andere Fragen galten eher als praktische Probleme, wie die Frauenfrage oder die soziale Frage überhaupt. Auch diese Probleme hielt man für lösbar, wenngleich weniger durch Forschung als durch Entwicklung der Gesellschaft zu neuen Ordnungen. Inzwischen ist die soziale Frage auf weiten Gebieten unseres Planeten gelöst worden. Die klassenlose Gesellschaft hat sie so entwickelt, daß sie eher zu einem Teil der Außenpolitik geworden ist. Natürlich heißt das nicht, daß damit die Fragen überhaupt verschwinden, wie man im ersten Eifer glaubte — es treten vielmehr andere und noch brennendere auf. Mit einer solchen beschäftigen wir uns hier.

2

Der Leser wird an sich selbst erfahren haben, daß sich das Wesen der Frage geändert hat. Wir leben in Zeiten, in denen ununterbrochen fragenstellende Mächte an uns herantreten. Und diese Mächte sind nicht nur von idealer Wißbegier erfüllt. Indem sie sich mit ihren Fragen nähern, erwarten sie von uns nicht, daß wir einen Beitrag zur objektiven Wahrheit liefern, ja nicht einmal, daß wir zur Lösung von Problemen beitragen. Sie legen nicht auf unsere Lösung, sie legen auf unsere Antwort Wert. Das ist ein wichtiger Unterschied. Er nähert die Fragen den Verhören an. Man wird das an der Entwicklung verfolgen können, die vom Wahlzettel zum Fragebogen führt. Der Wahlzettel zielt auf die Feststellung reiner Zahlenverhältnisse und deren Auswertung. Er soll den Willen des Wählers ermitteln, und der Wahlvorgang ist dahin ausgerichtet, daß dieser Wille rein und ohne fremde Einflüsse zur Darstellung gelangt. Die Wahl wird daher auch von einem Gefühl der Sicherheit, ja selbst der Macht begleitet, wie es den freien, im Rechtsraum abgegebenen Willensakt auszeichnet. Der Zeitgenosse, der einen Fragebogen abzugeben sich veranlaßt sieht, ist weit entfernt von solcher Sicherheit. Die Antworten, die er erteilt, sind folgenschwer; oft hängt von ihnen sein Schicksal ab. Man sieht den Menschen in eine Lage kommen, in der von ihm verlangt wird, Urkunden zu schaffen, die auf seinen Untergang berechnet sind. Und was für belanglose Dinge bestimmen heute oft den Untergang. Es leuchtet ein, daß sich in dieser Veränderung der Fragestellung eine ganz andere Ordnung andeutet, als wir sie zu Anfang unseres Jahrhunderts vorfanden. Hier gibt es die alte Sicherheit nicht mehr, und unser Denken muß sich danach einrichten. Die Fragen rücken uns enger, dringender auf den Leib, und immer bedeutungsvoller wird die Art, in der wir antworten. Dabei ist zu bedenken, daß Schweigen auch eine Antwort ist. Man fragt uns, warum wir dann und dort geschwiegen haben, und gibt uns die Quittung dafür. Das sind die Zwickmühlen der Zeit, denen keiner entrinnt. Merkwürdig ist, wie in solchem Zustand alles zur Antwort in diesem besonderen Sinne wird, und damit Stoff der Verantwortung. So sieht man vielleicht selbst heute noch nicht deutlich genug, in welchem Maße etwa der Wahlzettel sich zum Fragebogen wandelte. Ein Mensch, der nicht gerade das Glück hat, in einem Naturschutzpark zu leben, ist sich indessen, soweit er handelt, darüber klar. Wir stimmen ja immer unser Handeln eher als unsere Theorien auf die Bedrohung ab. Aber erst mit der Besinnung gewinnen wir neue Sicherheit. Der Wähler also, an den wir denken, wird sich der Urne mit ganz anderen Gefühlen nähern als sein Vater oder Großvater. Er wäre ihr gewiß am liebsten ferngeblieben, doch hätte sich gerade darin eine unmißverständliche Antwort ausgedrückt. Aber auch die Beteiligung erscheint gefährlich, wo man die Wissenschaft des Fingerabdrucks und durchtriebene statistische Verfahren in Rechnung ziehen muß. Warum soll man denn wählen in einer Lage, in der es keine Wahl mehr gibt? Die Antwort lautet, daß unserem Wähler durch den Wahlzettel Gelegenheit geboten wird, sich an einem Beifall spendenden Akt zu beteiligen. Nicht jedermann wird dieses Vorzuges für würdig erachtet — so fehlen in den Listen sicher die Namen der zahllosen Unbekannten, aus denen man die neuen Sklavenheere rekrutiert. Der Wähler pflegt daher zu wissen, was von ihm erwartet wird. Insofern liegen die Dinge klar. Im Maße, in dem die Diktaturen sich entwickeln, ersetzen sie die freien Wahlen durch das Plebiszit. Der Umfang des Plebiszits übergreift aber jenen Ausschnitt, den vor ihm die Wahlen einnahmen. Die Wahl wird vielmehr zu einer der Formen des Plebiszits. Das Plebiszit kann öffentlichen Charakter tragen, wo sich die Führer oder die Symbole des Staates zur Schau stellen. Der Anblick großer, leidenschaftlich erregter Massen ist eines der wichtigsten Zeichen dafür, daß wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind. In solchem Bannkreis herrscht, wenn nicht Einhelligkeit, so doch gewiß Einstimmigkeit, denn wo hier eine andere Stimme sich erhöbe, würden sich Wirbel bilden, die ihren Träger vernichteten. Daher kann sich der Einzelne, der sich auf diese Weise bemerkbar machen will, auch gleich zum Attentat entschließen: es läuft in den Folgen auf dasselbe hinaus. Wo aber das Plebiszit sich in die Formen der freien Wahl verkleidet, wird man auf den geheimen Charakter Wert legen. Die Diktatur sucht damit den Nachweis zu erbringen, daß sie sich nicht nur auf die ungeheure Mehrheit stützt, sondern daß deren Beifall zugleich im freien Willen der Einzelnen verwurzelt ist. Die Kunst der Führung liegt nicht nur darin, die Frage richtig zu stellen, sondern zugleich in der Regie, die monopolistisch ist. Sie hat den Vorgang als überwältigenden Chorus darzustellen, der Schrecken und Bewunderung erregt. Bis hierher scheinen die Dinge übersichtlich, wenngleich für einen älteren Betrachter neuartig. Der Wähler sieht sich einer Frage gegenüber, auf welche die Antwort aus triftigen Gründen im Sinne des Fragestellers abzufassen sich empfiehlt. Die eigentliche Schwierigkeit liegt aber darin, daß zugleich die Illusion der Freiheit erhalten bleiben soll. Und damit mündet die Frage, wie jeder moralische Prozeß in diesen Räumen, in die Statistik ein. Mit ihren Einzelheiten wollen wir uns näher beschäftigen. Sie führen auf unser Thema zu.

3

Technisch gesehen, bereiten Wahlen, bei denen hundert Prozent der Stimmen im gewünschten Sinne abgegeben werden, kaum Schwierigkeit. Die Ziffer wurde bereits erreicht, ja überschritten, insofern in gewissen Bezirken mehr Stimmen als Wähler auftauchten. Dergleichen deutet auf Fehler in der Regie, wie sie nicht allen Bevölkerungen zuzumuten sind. Wo feinere Propagandisten am Werk sind, liegen die Dinge etwa so: Hundert Prozent: das ist die ideale Ziffer, die, wie alle Ideale, stets unerreichbar bleibt. Man kann sich ihr indessen annähern — ganz ähnlich, wie man sich im Sport gewissen, auch unerreichbaren Rekorden um Bruchteile von Sekunden oder Metern annähert. Wie groß nun die Annäherung sein darf, das wird wiederum von einer Fülle verwickelter Erwägungen bestimmt. An Plätzen, wo die Diktatur schon stark gefestigt ist, würden neunzig Prozent Bejahungen schon zu stark abfallen. Daß sich in jedem Zehnten ein geheimer Gegner verbirgt: den Gedanken kann man den Massen nicht zumuten. Dagegen würde eine Zahl von ungültigen und Gegenstimmen, die sich um zwei Prozent herum bewegt, nicht nur erträglich, sondern auch günstig sein. Diese beiden Prozente wollen wir nun nicht einfach als taubes Metall betrachten und abstreichen. Sie sind der näheren Betrachtung wert. Man findet heute das Ungeahnte gerade in den Rückständen. Der Nutzen dieser beiden Stimmen für den Veranstalter ist ein doppelter: sie geben einmal den übrigen achtundneunzig Stimmen Kurs, indem sie bezeugen, daß jeder ihrer Träger sein Votum hätte abgeben können wie jene zwei Prozent. Damit gewinnt sein Ja an Wert, wird echt und vollgültig. Den Diktaturen ist der Nachweis wichtig, daß die Freiheit, Nein zu sagen, bei ihnen nicht ausgestorben ist. Darin liegt eines der größten Komplimente, die man der Freiheit machen kann. Der zweite Vorteil unserer zwei Prozent liegt darin, daß sie die ununterbrochene Bewegung unterhalten, auf welche die Diktaturen angewiesen sind. Aus diesem Grunde pflegen sie sich immer noch als »Partei« zu geben, obwohl das sinnlos ist. Mit hundert Prozenten wäre das Ideal erreicht. Das würde die Gefahren mit sich bringen, die mit jeder Erfüllung verbunden sind. Man kann auch auf dem Lorbeer des Bürgerkrieges einschlafen. Beim Anblick jeder großen Fraternisierung muß man sich fragen: wo steht der Feind? Solche Zusammenschlüsse sind zugleich Ausschlüsse — Ausschlüsse eines Dritten und Verhaßten, der dennoch unentbehrlich ist. Die Propaganda ist auf einen Zustand angewiesen, in dem der Staatsfeind, der Klassenfeind, der Volksfeind zwar durchaus aufs Haupt geschlagen und schon fast lächerlich geworden, doch immerhin noch nicht ganz ausgestorben ist. Die Diktaturen können von der reinen Zustimmung nicht leben, wenn nicht zugleich der Haß und mit ihm der Schrecken die Gegengewichte gibt. Nun würde aber bei hundert Prozent guter Stimmen der Terror sinnlos werden; man träfe nur noch Gerechte an. Das ist die andere Bedeutung der zwei Prozent. Sie weisen nach, daß zwar die Guten in ungeheurer Mehrheit, doch auch nicht gänzlich ungefährdet sind. Im Gegenteil ist anzunehmen, daß angesichts so überzeugter Einheit nur eine besondere Verstocktheit sich unbeteiligt verhalten kann. Es handelt sich um Saboteure mit dem Stimmzettel — und was liegt näher als der Gedanke, daß sie auch zu anderen Formen der Sabotage schreiten werden, wenn sich Gelegenheit ergibt? Das ist der Punkt, an dem der Wahlzettel zum Fragebogen wird. Es ist dabei nicht nötig, eine individuelle Haftung für die erteilte Antwort anzunehmen, doch darf man sicher sein, daß ziffernmäßige Beziehungen bestehen. Man darf gewiß sein, daß jene zwei Prozent nach den Regeln der doppelten Buchführung auch in anderen Registern als denen der Wahlstatistik in Erscheinung treten, wie etwa in den Namenslisten der Zuchthäuser und Arbeitslager oder an jenen Stätten, wo Gott allein die Opfer zählt. Dies ist die andere Funktion, die diese winzige Minderheit auf die ungeheure Mehrheit ausübt — die erste bestand, wie wir sahen, darin, daß sie den achtundneunzig Prozenten erst Wert, ja Wirklichkeit verlieh. Noch wichtiger ist indessen, daß niemand zu den zwei Prozent gerechnet werden will, in denen ein böses Tabu sichtbar wird. Im Gegenteil wird jeder Wert darauf legen, recht bekannt zu machen, daß er eine gute Stimme abgegeben hat. Und sollte er zu den zwei Prozent gehören, so wird er das auch seinen besten Freunden gegenüber geheim halten. Ein weiterer Vorteil dieses Tabus liegt darin, daß es auch gegen die Klasse der Nichtwähler gerichtet ist. Die Nichtbeteiligung gehört zu den Haltungen, die den Leviathan beunruhigen, doch deren Möglichkeit der Außenstehende leicht überschätzt. Sie schwindet angesichts der Bedrohung rasch dahin. Man wird dann immer mit einer fast restlosen Wahlbeteiligung rechnen können, und nicht viel geringer wird die Anzahl der im Sinne des Fragestellers abgegebenen Stimmen sein. Der Wähler wird Wert darauf legen, daß er bei der Abstimmung gesehen wird. Wenn er ganz sicher gehen will, dann wird er auch einigen Bekannten den Zettel zeigen, bevor er ihn in die Urne legt. Man tut das am besten gegenseitig und kann dann bezeugen, daß das Kreuz an der rechten Stelle stand. Es gibt hier eine Fülle lehrreicher Varianten, von denen sich der gute Europäer, der solche Lagen nicht studieren konnte, nichts träumen läßt. So zählt zu den Figuren, die immer wiederkehren, der Biedermann, der seinen Zettel etwa mit den Worten überreicht: »Man könnte ihn ja auch offen abgeben.« Darauf der Wahlbeamte mit wohlwollendem, sibyllenhaftem Lächeln: »Ja, ja — es soll aber nicht sein.« Der Besuch solcher Stätten schärft die Augen im Studium der Machtfragen. Man nähert sich einem der Nervenknoten an. Doch würde es zu weit führen, wenn wir uns mit den Einzelheiten der Einrichtung beschäftigten. Wir wollen uns damit begnügen, die eigenartige Figur des Mannes zu betrachten, der ein solches Lokal in der festen Absicht, mit Nein zu stimmen, betreten hat.

4

Die Absicht unseres Mannes ist vielleicht gar nicht so eigenartig; sie mag von vielen anderen geteilt werden, wahrscheinlich von bedeutend mehr als von den erwähnten zwei Prozenten der Wählerschaft. Dagegen sucht die Regie ihm vorzuspiegeln, daß er sehr einsam sei. Und nicht nur das — die Mehrheit soll nicht nur ziffernmäßig imponieren, sondern auch durch die Zeichen moralischer Überlegenheit. Wir dürfen annehmen, daß unser Wähler dank seiner Urteilskraft der langen, eindeutigen Propaganda widerstanden hat, die auf geschickte Weise sich bis zum Wahltag steigerte. Das war nicht einfach; dazu kommt, daß die Kundgebung, die von ihm verlangt wird, sich in höchst achtbare Fragestellungen kleidet; man fordert ihn zur Teilnahme an einer Freiheitswahl oder Friedensabstimmung auf. Wer aber liebte Frieden und Freiheit nicht? Er müßte ein Unmensch sein. Das teilt dem Nein schon einen kriminellen Charakter mit. Der schlechte Wähler gleicht dem Verbrecher, der zum Tatort schleicht. Wie anders fühlt der gute Wähler sich durch diesen Tag erquickt. Bereits beim Frühstück erhielt er durch den Rundfunk den letzten Auftrieb, die letzte Anweisung. Dann geht er auf die Straße, auf der festliche Stimmung herrscht. Von jedem Hause, aus jedem Fenster hängen Fahnen herab. Im Hof des Wahllokales begrüßt ihn eine Kapelle, die Märsche spielt. Die Musikanten sind in Uniform gekleidet, und auch im Wahlraum fehlt es an Uniformen nicht. Dem guten Wähler wird in der Begeisterung entgehen, daß dagegen von einer Wahlzelle kaum noch gesprochen werden kann. Das freilich ist der Umstand, der die Aufmerksamkeit des schlechten Wählers vor allem in Anspruch nimmt. Er sieht sich mit seinem Bleistift dem uniformierten Wahlkollegium gegenüber, dessen Nähe ihn verwirrt. Die Eintragungen finden auf einem Tische statt, der vielleicht sogar die Reste eines grünen Vorhangs trägt. Die Vorrichtung ist ohne Zweifel genau durchdacht. Es ist nicht wahrscheinlich, daß man die Stelle, die der Wähler ankreuzt, sehen kann. Ob aber das Gegenteil ganz ausgeschlossen ist? Gestern noch hat er flüstern gehört, daß man die Stimmzettel mit Schreibmaschinen ohne Farbband numerieren soll. Gleichzeitig muß er sich vergewissern, ob auch der Hintermann ihm nicht über die Schulter sieht. Von der Wand blickt das riesenhafte Porträt des gleichfalls uniformierten Staatschefs mit starrem Lächeln auf ihn herab. Der Wahlzettel, dem er sich nun zuwendet, strahlt gleichfalls Suggestivkraft aus. Er ist das Ergebnis sorgfältiger Erwägungen. Man sieht unter dem Wort »Freiheitswahl« einen großen Kreis, auf den zum Überfluß ein Pfeil hinweist: »Hierher gehört dein Ja.« Daneben verschwindet fast der kleine, für das Nein bestimmte Kreis. Der große Augenblick ist gekommen: der Wähler macht seine Eintragung. Wir wollen im Geist an seine Seite treten; er hat tatsächlich mit Nein gestimmt. Zwar ist der Akt ein Schnittpunkt von Fiktionen, die wir noch untersuchen wollen —: die Wahl, der Wähler, die Wahlplakate, das sind Etiketten für ganz andere Dinge und Vorgänge. Es sind Vexierbilder. In ihrem Aufstieg leben die Diktatoren zum großen Teile davon, daß man ihre Hieroglyphen noch nicht entziffern kann. Dann finden sie ihren Champollion. Er bringt zwar die alte Freiheit nicht zurück. Doch lehrt er richtig antworten. Man hat den Eindruck, daß unser Mann in eine Falle gegangen ist. Das macht sein Verhalten nicht weniger bewundernswert. Wenngleich es sich bei seinem Nein um eine Kundgebung auf Verlorenem Posten handelt, so wird es dennoch fortwirken. Dort freilich, wo die alte Welt sich noch im Abendsonnenglanze badet, an schönen Hängen, auf Inseln, kurzum in milderen Klimaten, wird es nicht bemerkt werden. Dort imponieren die achtundneunzig anderen Stimmen, die auf das Hundert abgegeben worden sind. Und da man seit langem immer gedankenloser den Kult der Mehrheit feiert, übersieht man die zwei Prozent. Sie spielen im Gegenteil die Rolle, die Mehrheit anschaulich und überwältigend zu machen, denn bei hundert vom Hundert fiele die Mehrheit fort. In Ländern also, in denen man noch echte Wahlen kennt, wird der Erfolg zunächst Erstaunen, Achtung und auch Neid hervorrufen. Wenn seine Wirkung sich auch außenpolitisch bemerkbar macht, können diese Gefühle in Haß und Verachtung umschlagen. Auch dann wird man, anders wie Gott vor Sodom, die zwei Gerechten übersehen. Man wird die Ansicht hören, daß sich dort alle dem Bösen verschworen haben und zum verdienten Untergang reif geworden sind.

5

Wir wollen nun die achtundneunzig Prozent abstreichen und uns den beiden restlichen zuwenden, als den Goldkörnern, die wir gesiebt haben. Zu diesem Zwecke wollen wir die verschlossene Tür durchschreiten, hinter der man die Stimmen zählt. Wir treten hier in einen der Taburäume der plebiszitären Demokratie, über die es nur eine amtliche Meinung gibt und zahllose geflüsterte. Das Gremium, das wir hier treffen, wird auch uniformiert sein, doch vielleicht hemdsärmelig, vom Geist vertrauter Gemütlichkeit erfüllt. Es wird aus örtlichen Vertretern der herrschenden und einzigen Partei, dazu aus Propagandisten und Polizisten gebildet sein. Die Stimmung ist die eines Geschäftsinhabers, der seine Kasse zählt, wenngleich nicht ohne Spannung, da alle Anwesenden mehr oder minder für das Ergebnis verantwortlich sind. Die Jaund die Neinstimmen werden verlesen — die einen mit wohlwollender, die anderen mit bösartiger Befriedigung. Dazu kommen die ungültigen Stimmen und Leerzettel. Am unbehaglichsten wird die Stimmung, wenn das Epigramm eines Witzbolds vorkommt, wie sie freilich selten geworden sind. Wie das gesamte Gefolge der Freiheit, vermißt man den Humor im Bannkreis der Tyrannis, doch wird der Witz auch um so schärfer, wenn man dafür den Kopf riskiert. Wir wollen annehmen, daß wir uns an einem Punkt befinden, an dem die Propaganda in ihrer abschreckenden Wirkung schon ziemlich fortgeschritten ist. In diesem Falle wird in der Bevölkerung das Gerücht umgehen, daß große Mengen von Neinstimmen in Bejahungen verwandelt worden sind. Das wird wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen sein. Es könnte sich sogar das Gegenteil ereignet haben, insofern der Fragesteller noch Neinstimmen erfinden mußte, um die Zahl zu schaffen, die er errechnete. Gewiß bleibt, daß er den Wählern das Gesetz gibt, und nicht sie ihm. Damit wird die politische Entthronung der Massen sichtbar, die das 19. Jahrhundert entwickelte. Es dürfte unter diesen Umständen schon viel bedeuten, wenn sich nur eine Neinstimme auf das Hundert in der Urne vorfindet. Von ihrem Träger kann man erwarten, daß er für seine Meinung und für seine Vorstellung von Recht und Freiheit Opfer bringen wird.

6

Es mag auch an dieser Stimme oder vielmehr ihrem Träger liegen, daß der uns stets bedrohende Termitenzustand nicht verwirklicht wird. Die Rechnung, die dem Geist oft zwingend vorkommt, geht dann an diesem Punkt nicht auf, wenngleich nur ein winziger Bruchteil bleibt. Wir stoßen hier also auf wirklichen Widerstand, freilich auf einen Widerstand, der seine eigene Stärke noch nicht kennt und nicht die Art, in der sie anzuwenden ist. Indem unser Wähler sein Kreuz an die gefährliche Stelle setzte, tat er gerade das, was der übermächtige Gegner von ihm erwartete. Das ist die Tat eines gewiß tapferen Menschen, aber zugleich eines der zahllosen Analphabeten in den neuen Machtfragen. Es handelt sich um jemanden, dem geholfen werden muß. Wenn er im Wahllokal von dem Gefühl ergriffen wurde, in eine Falle einzutreten, dann erkannte er die Lage, in der er sich befand. Er war an einem Ort, an dem kein Name mehr stimmte für die Dinge, die sich ereigneten. Vor allem füllte er, wie wir sahen, keinen Stimmzettel, sondern einen Fragebogen aus, stand daher nicht im freien Verhältnis, sondern war seiner Behörde konfrontiert. Indem er nun, als einziger unter hundert, sein Nein ankreuzte, wirkte er an einer Behördenstatistik mit. Er gab, indem er sich dabei ganz unverhältnismäßig gefährdete, dem Gegner die erwünschten Aufschlüsse. Für diesen würden hundert von hundert Stimmen beunruhigender gewesen sein. Wie aber soll sich unser Mann verhalten, wenn er die letzte ihm eingeräumte Möglichkeit der Meinungsäußerung ver säumt? Mit dieser Frage berühren wir eine neue Wissenschaft, nämlich die Lehre von der Freiheit des Menschen gegenüber der veränderten Gewalt. Das führt weit über unseren Einzelfall hinaus. Ihn wollen wir indessen zunächst begutachten. Der Wähler steht vor der Klemme, daß er zur freien Entscheidung eingeladen wird durch eine Macht, die sich ihrerseits nicht an die Spielregeln zu halten gedenkt. Es ist die gleiche Macht, die ihm Eide abfordert, während sie selbst von Eidbrüchen lebt. Er leistet also einen guten Einsatz bei einer betrügerischen Bank. Daher kann niemand ihm einen Vorwurf machen, wenn er nicht auf die Fragestellung eingeht und sein Nein verschweigt. Er ist dazu berechtigt nicht nur aus Gründen der Selbsterhaltung, sondern es kann sich in diesem Verhalten auch eine Verachtung dem Machthaber gegenüber offenbaren, die einem »Nein« noch überlegen ist. Damit soll nicht gesagt sein, daß nun das Nein unseres Mannes der Außenwelt verloren gehen muß. Im Gegenteil — nur soll es nicht an dem Ort erscheinen, den der Machthaber dafür auserkoren hat. Es gibt andere Plätze, an denen es ihm bedeutend unangenehmer ist — etwa den weißen Rand eines Wahlplakates, ein öffentliches Telefonbuch oder das Geländer einer Brücke, über die täglich Tausende von Menschen gehen. Hier würde ein kurzer Satz, etwa »Ich habe Nein gesagt«, an besserer Stelle stehen. Man müßte dem jungen Manne, dem man einen solchen Ratschlag gibt, noch manches mitteilen, was erst die Erfahrung lehrt, wie folgendes: »In der vergangenen Woche erlebte man in einem hiesigen Traktorenwerk, daß das Wort ›Hunger‹ an eine Wand geschrieben war. Man ließ die Belegschaft antreten und die Taschen ausleeren. Unter den Bleistiften fand sich einer, dessen Spitze Kalkspuren trug.« Andererseits eröffnen die Diktaturen durch ihren eigenen Druck eine Reihe von Blößen, die den Angriff vereinfachen und abkürzen. So braucht man, um bei unserem Beispiel zu bleiben, nicht einmal den oben erwähnten Satz. Auch das Wörtchen »Nein« würde ausreichen, und jeder, dessen Au gen darauf fielen, würde genau wissen, was es zu bedeuten hat. Das ist ein Zeichen dafür, daß die Unterdrückung nicht völlig gelungen ist. Gerade auf eintönigen Unterlagen leuchten die Symbole besonders auf. Den grauen Flächen entspricht Verdichtung auf engstem Raum. Die Zeichen können als Farben, Figuren oder Gegenstände auftreten. Wo sie Buchstabencharakter tragen, verwandelt sich die Schrift in Bilderschrift zurück. Damit gewinnt sie unmittelbares Leben, wird hieroglyphisch und bietet nun, statt zu erklären, Stoff für Erklärungen. Man könnte noch weiter abkürzen und statt des »Nein« einen einzigen Buchstaben setzen — nehmen wir an, das W. Das könnte dann etwa heißen: Wir, Wachsam, Waffen, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger. Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist.

7

An diesem Punkte sind zwei Einwände zu berücksichtigen. Man könnte fragen, ob denn die eine auf dem Stimmzettel vermerkte Absage sinnlos sei? Auf hoher sittlicher Stufe gibt es die vorgetragenen Bedenken nicht. Der Mann sagt seine Meinung, vor welchem Forum es auch sei. Er nimmt auch seinen Untergang in Kauf. Dem soll nicht widersprochen werden, obwohl die Forderung praktisch die Ausrottung der Elite bedeuten würde und es selbst Fälle gibt, in denen sie böswillig vertreten wird. Nein, eine solche Stimme kann nicht verloren gehen, obwohl sie auf Verlorenem Posten abgegeben wird. Das gerade teilt ihr eine besondere Bedeutung mit. Sie wird den Gegner nicht erschüttern, doch verändert sie jenen, der sich zu ihr entschloß. Er war bislang der Träger einer politischen Überzeugung unter anderen — der neuen Gewaltanwendung gegenüber wird er zum Kämpfer, der ein unmittelbares Opfer bringt, vielleicht zum Märtyrer. Diese Veränderung ist unabhängig vom Inhalt seiner Überzeugung — die alten Systeme, die alten Parteien werden mitverändert, wenn es zur Begegnung kommt. Sie finden zur ererbten Freiheit nicht zurück. Ein Demokrat, der mit einer gegen neunundneunzig Stimmen für Demokratie gestimmt hat, trat damit nicht nur aus seinem politischen Systeme, sondern auch aus seiner Individualität heraus. Das wirkt dann weit über den flüchtigen Vorgang, indem es nach ihm weder Demokratie noch Individuum im alten Sinne mehr geben kann. Das ist der Grund, aus welchem unter den Cäsaren die zahlreichen Versuche, zur Republik zurückzukehren, scheiterten. Die Republikaner waren im Bürgerkrieg gefallen, oder sie gingen verändert aus ihm hervor.

8

Der zweite Einwand ist noch schwieriger zu widerlegen — ein Teil der Leser wird ihn bereits gemacht haben: Warum soll nur das eine Nein Gewicht haben? Es ist doch denkbar, daß unter den neunundneunzig anderen Stimmen sich solche befinden, die aus voller, ehrlicher Überzeugung und mit triftigen Gründen abgegeben worden sind? In der Tat, das läßt sich nicht abstreiten. Wir haben hier den Punkt erreicht, an dem keine Verständigung möglich scheint. Der Einwand ist triftig, auch wenn nur eine echte Jastimme abgegeben worden ist. Nehmen wir eine ideale Jaund eine ideale Neinstimme an. In ihren Trägern würde der Zwiespalt sichtbar werden, den die Zeit in sich birgt, ja der sein Für und Wider auch in der Brust des Einzelnen erhebt. Das Ja würde für die Notwendigkeit, das Nein für die Freiheit stehen. Der historische Vorgang verläuft so, daß beide Mächte, sowohl Notwendigkeit wie Freiheit, auf ihn einwirken. Er entartet, wo eine der beiden Mächte fehlt. Welche von beiden Seiten gesehen wird, hängt nicht nur von der Lage, sondern vornehmlich vom Betrachter ab. Immer aber wird ihm die Gegenseite fühlbar sein. Er wird in seiner Freiheit durch das Notwendige begrenzt, doch gibt er durch eben diese Freiheit dem Notwendigen den Stil. Das schafft den Unterschied, in dem Menschen und Völker der Zeit genügen oder an ihr zugrunde gehen. Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt. Dazu ist auch die Schwierigkeit, ja das Verdienst zu schildern, das darin liegt, in dieser Welt ein Einzelner zu sein. Daß sie sich, und zwar notwendig, verändert hat und noch verändert, wird nicht bestritten, doch damit verändert sich auch die Freiheit, zwar nicht in ihrem Wesen, wohl aber in der Form. Wir leben im Zeitalter des Arbeiters; die These wird inzwischen deutlicher geworden sein. Der Waldgang schafft innerhalb dieser Ordnung die Bewegung, die sie von den zoologischen Gebilden trennt. Er ist weder ein liberaler noch ein romantischer Akt, sondern der Spielraum kleiner Eliten, die sowohl wissen, was die Zeit verlangt, als auch noch etwas mehr.

9

Der Träger der einen Stimme ist noch kein Waldgänger. Historisch gesehen, ist er sogar im Verzug. Das deutet sich auch darin an, daß er verneint. Erst wenn er die Partie überblickt, kann er mit eigenen und vielleicht überraschenden Zügen aufwarten. Er muß dazu vor allem aus dem Rahmen der alten Mehrheitsvorstellungen heraustreten, die immer noch wirken, obwohl sie bereits von Burke und Rivarol durchleuchtet worden sind. In diesem Rahmen wird eine Minderheit von einem Prozent ganz ohne Bedeutung sein. Wir sahen, daß sie eher dazu dient, die überwältigende Mehrheit zu bestätigen. Das ändert sich, sowie man von der Statistik absieht zugunsten wertender Erwägungen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die eine Stimme so sehr von allen anderen, daß sie ihnen sogar den Kurs verleiht. Wir dürfen ihrem Träger zutrauen, daß er sich nicht nur eine eigene Meinung zu bilden, sondern daß er an ihr auch festzuhalten weiß. Wir dürfen unserem Manne daher auch Mut zubilligen. Wenn sich, in vielleicht langen Zeiten reiner Gewaltanwendung, Einzelne finden, die Kenntnis des Rechten auch unter Opfern wahren, so ist es hier, wo man sie suchen muß. Auch wo sie schweigen, wird immer, wie über unsichtbaren Klippen, Bewegung um sie sein. An ihnen erweist sich, daß eine Übermacht, auch wo sie historisch verändert, nicht Recht schaffen kann. Wenn wir die Dinge unter diesem Winkel sehen, erscheint die Macht des Einzelnen inmitten der ranglosen Massen nicht so gering. Man muß bedenken, daß dieser Einzelne fast immer von Nächsten umgeben ist, auf die er einwirkt und die sein Schicksal teilen, wenn er fällt. Auch diese Nächsten unterscheiden sich von den Mitgliedern der bürgerlichen Familie oder von den guten Bekannten der Vergangenheit. Es handelt sich um stärkere Bindungen. Damit ergibt sich ein Widerstand nicht nur von einem auf hundert Wähler, sondern von einem auf hundert Einwohner. Die Rechnung hat insofern eine Lücke, als auch die Kinder in sie einbezogen sind, wenngleich im Bürgerkrieg der Mensch früh mündig wird und früh verantwortlich. Andererseits wird in Ländern von alter Rechtsgeschichte die Ziffer höher anzusetzen sein. Es geht aber nicht mehr um Zahlenverhältnisse, sondern um Seinsverdichtungen, und damit treten wir in eine andere Ordnung ein. Hier bildet es keinen Unterschied, ob die Meinung des Einzelnen der von hundert oder von tausend anderen widerspricht. Desgleichen kann seine Einsicht, sein Wille, seine Wirkung die von zehn, zwanzig oder tausend anderen aufwiegen. Hat er sich nur entschlossen, aus der Statistik herauszutreten, dann wird ihm mit dem Wagnis zugleich das Unsinnige ihres Betriebes sichtbar werden, der fern der Quellen liegt. Wir wollen uns begnügen, in einer Stadt von zehntausend Einwohnern hundert Menschen zu vermuten, die der Gewalt Abbruch zu leisten entschlossen sind. In einer Millionenstadt leben zehntausend Waldgänger, wenn wir uns dieses Namens bedienen wollen, ohne noch seine Tragweite zu übersehen. Das ist eine gewaltige Macht. Sie ist zum Sturz auch starker Zwingherren hinreichend. Die Diktaturen sind ja nicht nur gefährlich, sie sind zugleich gefährdet, da die brutale Kraftentfaltung auch weithin Abneigung erregt. In solcher Lage wird die Bereitschaft winziger Minderheiten bedenklich sein, vor allem, wenn sie eine Taktik entwickelten. Daraus erklärt sich das riesenhafte Wachstum der Polizei. Die Ausweitung der Polizei zu Heeren wird auf den ersten Blick seltsam erscheinen in Reichen, in denen der Beifall so überwältigend geworden ist. Sie muß also ein Zeichen dafür sein, daß die Potenz der Minderheit im gleichen Verhältnis gewachsen ist. Das ist auch in der Tat der Fall. Von einem Manne, der bei einer sogenannten Friedenswahl mit Nein stimmt, wird unter allen Umständen Widerstand zu erwarten sein, und dann besonders, wenn der Gewalthaber in Schwierigkeit gerät. Dagegen läßt sich durchaus nicht mit derselben Gewißheit darauf zählen, daß, wenn die Dinge schwankend werden, der Beifall der neunundneunzig anderen erhalten bleibt. Die Minderheit in solchen Fällen gleicht einem Mittel von starker und unberechenbarer Wirkung, das den Staat durchsetzt. Um diese Ansatzpunkte zu ermitteln, zu beobachten, zu überwachen, ist Polizei in großen Mengen notwendig. Das Mißtrauen wächst mit der Zustimmung. Je näher der Anteil der guten Stimmen den hundert Prozent kommt, desto größer wird die Zahl der Verdächtigen, denn es ist anzunehmen, daß nun die Träger des Widerstandes aus einer statistisch faßbaren Ordnung hinüberwechselten in jene unsichtbare, die wir als den Waldgang ansprechen. Nunmehr muß jeder überwacht werden. Die Ausspähung schiebt ihre Organe in jeden Block, in jedes Wohnhaus vor. Sie sucht selbst in die Familien einzudringen und erreicht ihre letzten Triumphe in den Selbstbezichtigungen der großen Schauprozesse: hier sehen wir das Individuum als seinen eigenen Polizisten auf treten und an seiner Vernichtung mitwirken. Es ist nicht mehr, wie in der liberalen Welt, unteilbar, sondern durch den Staat in zwei Hälften zerlegt, in eine schuldige und eine andere, die sich anschuldigt. Welch ein befremdender Anblick, diese hochgerüsteten, im Besitz aller Machtmittel sich brüstenden Staaten zugleich so überaus empfindlich zu sehen. Die Sorgfalt, die sie auf die Polizei verwenden müssen, vermindert ihre äußere Macht. Die Polizei beschränkt den Etat des Heeres, und nicht nur den Etat. Wären die großen Massen so durchsichtig, so gleichgerichtet in den Atomen, wie die Propaganda es behauptet, dann wäre nicht mehr an Polizei vonnöten, als ein Schäfer Hunde für seine Herde braucht. Das ist nicht der Fall, denn es verbergen sich Wölfe in der grauen Herde, das heißt: Naturen, die noch wissen, was Freiheit ist. Und diese Wölfe sind nicht nur an sich stark, sondern es ist auch die Gefahr gegeben, daß sie ihre Eigenschaften auf die Masse übertragen, wenn ein böser Morgen dämmert, so daß die Herde zum Rudel wird. Das ist der Albdruck der Machthaber.

10

Zur Eigenart unserer Zeit gehört die Verknüpfung bedeutender Auftritte mit unbedeutenden Darstellern. Das wird vor allem an ihren großen Männern sichtbar; man hat den Eindruck, daß es sich um Gestalten handelt, wie man sie in beliebiger Menge in Genfer oder Wiener Kaffeehäusern, in provinziellen Offiziersmessen oder obskuren Karawansereien finden kann. Wo über die bloße Willenskraft hinaus geistige Züge auftreten, darf man darauf schließen, daß noch alter Stoff vorhanden ist, wie etwa bei Clemenceau, den man als in der Wolle gefärbt bezeichnen kann. Das Ärgerliche an diesem Schauspiel ist die Verbindung von so geringer Höhe mit ungeheurer funktionaler Macht. Das sind die Männer, vor denen Millionen zittern, von deren Entschlüssen Millionen abhängen. Und doch sind es diesel ben, von denen man zugeben muß, daß der Zeitgeist sie mit unfehlbarem Griff auswählte, wenn man ihn unter einem seiner möglichen Aspekte, nämlich dem eines gewaltigen Abbruchunternehmers, betrachten will. All diese Enteignungen, Abwertungen, Gleichschaltungen, Liquidationen, Rationalisierungen, Sozialisierungen, Elektrifizierungen, Flurbereinigungen, Aufteilungen und Pulverisierungen setzen weder Bildung noch Charakter voraus, die beide den Automatismus eher schädigen. Wo daher in der Werkstättenlandschaft auf die Macht geboten wird, erhält derjenige den Zuschlag, in dem sich das Bedeutungslose durch starken Willen überhöht. Dies Thema, und insbesondere seine moralische Verflechtung, werden wir an anderer Stelle wieder aufnehmen. Im gleichen Maße aber, in dem die Handlung psychologisch abzusinken beginnt, wird sie typologisch bedeutender. Der Mensch tritt in Zusammenhänge ein, die er mit dem Bewußtsein nicht sogleich erfaßt, geschweige denn durch die Gestaltung — die Optik wird erst mit der Zeit erworben, die das Schauspiel verständlich macht. Erst dann wird Herrschaft möglich sein. Ein Vorgang muß zunächst begriffen werden, ehe man auf ihn einwirken kann. Wir sehen mit den Katastrophen Gestalten auftreten, die sich ihnen gewachsen zeigen und die sie überdauern werden, wenn längst die Zufallsnamen vergessen sind. Zu ihnen zählt vor allem die Gestalt des Arbeiters, die sicher und unbeirrbar ihren Zielen zuschreitet. Das Feuer der Untergänge hebt sie nur immer glänzender hervor. Noch leuchtet sie im ungewissen Titanenlichte; wir ahnen nicht, in welchen Königsstädten, in welchen kosmischen Metropolen sie ihren Thron errichten wird. Die Welt trägt ihre Uniform und Rüstung und einmal wohl auch ihr Festtagskleid. Da sie erst im Beginn ihrer Laufbahn steht, werden Vergleiche mit dem Vollendeten ihr nicht gerecht. In ihrem Gefolge treten andere Gestalten auf — auch solche, in denen das Leiden sich sublimiert. Zu ihnen zählt der Unbekannte Soldat, der Namenlose, der gerade deshalb nicht nur in jeder Kapitale, sondern auch in jedem Dorfe, in jeder Familie lebt. Die Stätten des Kampfes, seine zeitlichen Ziele und selbst die Völker, die sie vertraten, tauchen ins Ungewisse ein. Die Brände erkalten, und es bleibt ein Anderes, Gemeinsames, dem sich nicht mehr Wille und Leidenschaften, wohl aber Kunst und Verehrung zuwenden. Wie kommt es nun, daß diese Gestalt sich deutlich mit der Erinnerung an den Ersten, nicht aber mit der an den Zweiten Weltkrieg verknüpft? Das beruht darauf, daß nunmehr Formen und Ziele des Weltbürgerkrieges deutlich hervortreten. Damit fällt das Soldatische in den zweiten Rang zurück. Der Unbekannte Soldat ist noch ein Heros, ein Bezwinger der Feuerwelten, der große Lasten auf sich nimmt inmitten mechanischer Vernichtungen. Damit ist er ein echter Nachfahr abendländischer Ritterschaft. Der Zweite Weltkrieg unterscheidet sich vom Ersten nicht nur dadurch, daß die nationalen Fragen offen in die des Bürgerkrieges eingehen und sich ihnen unterordnen, sondern zugleich dadurch, daß die mechanische Entwicklung sich steigert und letzten Grenzen nähert im Automatischen. Das bringt verschärfte Angriffe auf Nomos und Ethos mit. In diesem Zusammenhang kommt es zu völlig ausweglosen Umstellungen durch große Übermacht. Die Materialschlacht steigert sich zur Kesselschlacht, zu einem Cannä, dem die antike Größe fehlt. Das Leiden wächst auf eine Weise, durch die das Heroische notwendig ausgeschlossen wird. Wie alle strategischen Figuren, so gibt auch diese ein genaues Bild der Zeit, die ihre Fragen im Feuer zu klären sucht. Die ausweglose Umstellung des Menschen ist seit langem vorbereitet, und zwar durch Theorien, die eine logische und lückenlose Welterklärung anstreben und mit der technischen Entwicklung Hand in Hand gehen. Es kommt zunächst zur rationalen, sodann auch zur gesellschaftlichen Umkreisung des Gegners; dem schließt sich zu gegebener Stunde die Ausrottung an. Es gibt kein hoffnungsloseres Schicksal, als in einen solchen Ablauf zu geraten, in dem das Recht zur Waffe geworden ist.

11

Solche Erscheinungen hat es in der menschlichen Geschichte schon immer gegeben, und man könnte sie den Greueln zurechnen, die selten fehlen, wo große Veränderungen sich vollziehen. Beunruhigender ist, daß die Grausamkeit zu einem Element, zu einer Einrichtung der neuen Machtgebilde zu werden droht und daß man den Einzelnen ihr wehrlos ausgeliefert sieht. Das hat mehrere Gründe, vor allem den, daß das rationale Denken grausam ist. Das geht dann in die Pläne ein. Dabei spielt eine besondere Rolle das Erlöschen der freien Konkurrenz. Es führt ein sonderbares Spiegelbild herbei. Die Konkurrenz gleicht, wie ihr Name sagt, dem Wettlauf, in ihm erringen die Geschicktesten den Preis. Wo sie entfällt, droht eine Art von Rentnertum auf Staatskosten, während die äußere Konkurrenz, der Wettlauf der Staaten untereinander, bestehen bleibt. In diese Lücke tritt der Terror ein. Wohl sind es andere Umstände, die ihn herbeiführen: hier zeigt sich einer der Gründe, aus denen er bestehen bleibt. Die durch den Wettlauf erzeugte Geschwindigkeit muß nun die Furcht hervorbringen. Der Standard hängt dort vom Hochdruck und hier vom Vakuum ab. Dort gibt der Gewinnende die Gangart an, hier der, dem es noch schlechter geht. Damit nun hängt zusammen, daß im zweiten Falle der Staat beständig einen Teil der Einwohner schauerlichen Zugriffen zu unterwerfen sich gezwungen sieht. Das Leben ist grau geworden, doch mag es dem erträglich scheinen, der neben sich die Dunkelheit, das absolute Schwarz erblickt. Darin, und nicht auf dem Gebiet der Wirtschaft, liegen die Gefahren der großen Planungen. Die Auswahl der so verfolgten Schichten bleibt beliebig; es wird sich immer um Minderheiten handeln, die sich entweder von Natur aus abzeichnen oder die konstruiert werden. Es leuchtet ein, daß dabei alle mitgefährdet werden, die sich durch Erbe und Talent abheben. Das Klima überträgt sich auf die Behandlung der Besiegten im Kriege; es kommt im Anschluß an den Vorwurf der Allgemeinschuld zur Aushungerung der Gefangenenlager, zur Zwangsarbeit, zur Ausrottung in weiten Landgebieten und zum Abschub der Überlebenden. Es ist begreiflich, daß der Mensch in dieser Lage lieber die schwersten Lasten tragen als zu den »Anderen« gerechnet werden will. Der Automatismus scheint spielend die Reste des freien Willens zu zerbrechen, und die Verfolgung ist dicht und allgemein geworden wie ein Element. Die Flucht mag wenigen Begünstigten offen stehen und führt gewöhnlich zu Schlimmerem. Der Widerstand scheint die Gewaltigen zu beleben, gibt ihnen zum Zugriff die erwünschte Gelegenheit. Demgegenüber bleibt als letzte Hoffnung, daß sich der Vorgang in sich selbst verzehren möge wie ein Vulkan, der sich versprüht. Inzwischen kann es für den so Umstellten nur zwei Sorgen geben: das Soll erfüllen und nicht von der Norm abweichen. Das wirkt bis in die Zonen der Sicherheit hinüber, wo die Menschen von einer Untergangspanik erfaßt werden. An diesem Punkt erhebt sich, und zwar nicht nur theoretisch, sondern in jeder Existenz von heute, die Frage, ob nicht doch ein anderer Weg noch gangbar ist. Es gibt ja Pässe, Saumpfade, die man erst nach langen Anstiegen entdeckt. Es ist zu einer neuen Konzeption der Macht gekommen, zu starken, unmittelbaren Ballungen. Dem standzuhalten, bedarf es einer neuen Konzeption der Freiheit, die nichts zu schaffen haben kann mit den verblaßten Begriffen, die sich heute an dieses Wort knüpfen. Das setzt zunächst voraus, daß man nicht lediglich ungeschoren bleiben, sondern auch Haare lassen will. Und in der Tat wird man erkennen, daß in diesen Staaten mit ihrer übermächtig gewordenen Polizei nicht alle Bewegung ausgestorben ist. Der Panzer der neuen Leviathane hat seine Lücken, die ständig abgetastet werden, und das setzt sowohl Vorsicht wie Kühnheit von einer bisher unbekannten Art voraus. So liegt der Gedanke nahe, daß hier Eliten den Kampf um eine neue Freiheit anbahnen, der große Opfer fordert und nicht in einer Weise ausgedeutet werden darf, die seiner unwürdig ist. Man muß schon auf starke Zeiten und Räume blicken, um Vergleiche zu finden, etwa auf die der Hugenotten oder der Guerillas, wie Goya sie in seinen »Desastres« sah. Demgegenüber bleibt der Bastillesturm, von dem noch heute das Freiheitsbewußtsein des Individuums zehrt, ein Sonntagsspaziergang in die Vorstädte. Im Grunde lassen Tyrannis und Freiheit sich nicht vereinzelt betrachten, wenngleich sie, zeitlich gesehen, einander ablösen. Man kann freilich sagen, daß die Tyrannis die Freiheit aufhebt und vernichtet — andererseits aber kann Tyrannis nur möglich werden, wo sich die Freiheit domestizierte und in ihren leeren Begriff verflüchtigte. Der Mensch neigt dazu, auf die Apparatur auch dort zu bauen oder ihr noch dort zu weichen, wo er aus eigenen Quellen schöpfen muß. Das ist ein Mangel an Phantasie. Er muß die Punkte kennen, an denen er sich seine souveräne Entscheidung nicht abkaufen lassen darf. Solange die Dinge in Ordnung sind, wird Wasser in der Leitung und Strom im Anschluß sein. Wenn Leben und Eigentum bedroht sind, wird ein Alarmruf Feuerwehr und Polizei herbeizaubern. Die große Gefahr liegt darin, daß der Mensch auf diese Hilfen sich zu fest verläßt und hilflos wird, wo sie ausbleiben. Jeder Komfort muß bezahlt werden. Die Lage des Haustiers zieht die des Schlachttiers nach. Die Katastrophen prüfen, in welchem Maße Menschen und Völker noch original gegründet sind. Ob wenigstens noch ein Wurzelstrang unmittelbar das Erdreich aufschließt — daran hängen Gesundheit und Lebensaussicht jenseits der Zivilisation und ihrer Versicherung. Das zeigt sich in den Phasen stärkster Bedrohung, in denen die Apparate den Menschen nicht nur im Stiche lassen, sondern ihn in einer Weise umstellen, die ohne Aussicht scheint. Dann hat er zu entscheiden, ob er die Partie verloren geben oder sie aus innerster und eigener Kraft fortsetzen will. In diesem Fall entschließt er sich zum Waldgange.

12

Wir nannten den Arbeiter und den Unbekannten Soldaten als zwei der großen Gestalten unserer Zeit. Im Waldgänger erfassen wir eine dritte, die immer deutlicher erscheint. Im Arbeiter entfaltet sich das tätige Prinzip in dem Versuch, das Universum auf neue Weise zu durchdringen und zu beherrschen, Nähen und Fernen zu erreichen, die noch kein Auge sah, Gewalten zu gebieten, die noch niemand entfesselte. Der Unbekannte Soldat steht auf der Schattenseite der Aktionen, als Opfergänger, der in den großen Feuerwüsten die Lasten trägt und der als guter, einender Geist nicht allein innerhalb der Völker, sondern auch zwischen ihnen beschworen wird. Er ist der Sohn der Erde unmittelbar. Waldgänger aber nennen wir jenen, der, durch den großen Prozeß vereinzelt und heimatlos geworden, sich endlich der Vernichtung ausgeliefert sieht. Das könnte das Schicksal vieler, ja aller sein — es muß also noch eine Bestimmung hinzukommen. Diese liegt darin, daß der Waldgänger Widerstand zu leisten entschlossen ist und den, vielleicht aussichtslosen, Kampf zu führen gedenkt. Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt. Wenn wir ihn so betrachten, wird uns aufgehen, welche Rolle der Waldgang nicht nur in den Gedanken, sondern auch in der Wirklichkeit unserer Jahre spielt. Ein jeder befindet sich ja heute in Zwangslage, und die Versuche, den Zwang zu bannen, gleichen kühnen Experimenten, von denen noch ein weit größeres Schicksal abhängt als das jener, die sie zu wagen entschlossen sind. Ein solches Wagnis kann Erfolg nur dann erhoffen, wenn ihm von den drei großen Mächten der Kunst, der Philosophie und der Theologie Hilfe geboten und Bahn im Ausweglosen gebrochen wird. Wir werden darauf im einzelnen eingehen. Vorausgeschickt sei nur, daß in der Kunst tatsächlich das Thema des umstellten Einzelnen an Raum gewinnt. Naturgemäß wird das besonders in der Menschenschilderung hervortreten, wie sie der Bühne und dem Lichtspiel zukommt, vor allem aber dem Roman. Und wirklich sehen wir die Perspektive wechseln, insofern die Schilderung der fortschreitenden oder sich zersetzenden Gesellschaft abgelöst wird durch die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem technischen Kollektiv und seiner Welt. Indem der Autor in ihre Tiefe eindringt, wird er selbst zum Waldgänger, denn Autorschaft ist nur ein Name für Unabhängigkeit. Von diesen Schilderungen führt eine gerade Linie zu Edgar Allan Poe. Das Außerordentliche an diesem Geist liegt in der Sparsamkeit. Wir hören das Leitmotiv, noch ehe sich der Vorhang hebt, und wissen bei den ersten Takten, daß das Schauspiel bedrohlich werden wird. Die knappen mathematischen Figuren sind zugleich Schicksalsfiguren; darauf beruht ihr unerhörter Bann. Der Malstrom, das ist der Trichter, der unwiderstehliche Sog, mit dem die Leere, das Nichts anzieht. Die Wassergrube gibt uns das Bild des Kessels, der immer dichteren Umkreisung, der Raum wird enger und drängt auf die Ratten zu. Das Pendel ist das Sinnbild der toten, meßbaren Zeit. Es ist die scharfe Sichel des Kronos, die an ihm schwingt und den Gefesselten bedroht, doch die ihn zugleich befreit, wenn er sich ihrer zu bedienen weiß. Inzwischen füllte sich das knappe Gradnetz mit Meeren und Ländern aus. Historische Erfahrung trat hinzu. Die immer künstlicheren Städte, die automatischen Bezüge, die Kriege und Bürgerkriege, die Maschinenhöllen, die grauen Despotien, Gefängnisse und raffinierten Nachstellungen — das alles sind Dinge, die Namen bekommen haben und die den Menschen Tag und Nacht beschäftigen. Wir sehen ihn über Fortgang und Ausweg sinnen als kühnen Planer und Denker, wir sehen ihn in den Aktionen als Maschinenlenker, Krieger, Gefangenen, als Partisan inmitten seiner Städte, die bald brennen, bald festlich erleuchtet sind. Wir sehen ihn als Verächter der Werte, als kalten Rechner, doch auch in der Verzweiflung, wenn inmitten der Labyrinthe der Blick die Sterne sucht. Der Vorgang hat zwei Pole — einmal den des Ganzen, das, sich immer mächtiger gestaltend, fortschreitet durch jeden Widerstand. Hier ist vollendete Bewegung, imperiale Entfaltung, vollkommene Sicherheit. Am anderen Pole sehen wir den Einzelnen, leidend und schutzlos, in ebenso vollkommener Unsicherheit. Beides bedingt sich, denn die große Machtentfaltung lebt von der Furcht, und der Zwang wird dort besonders wirksam, wo die Empfindsamkeit gesteigert ist. Wenn sich die Kunst in zahllosen Versuchen mit dieser neuen Lage des Menschen befaßt als mit dem eigentlichen Thema, so geht das über die Schilderung hinaus. Es handelt sich vielmehr um Experimente mit einem höchsten Ziel, das darin liegt, Freiheit und Welt in neuer Harmonie zu einigen. Wo das im Kunstwerk sichtbar wird, muß sich die angestaute Furcht zerteilen wie Nebel im ersten Sonnenstrahl.

13

Die Furcht gehört zu den Symptomen unserer Zeit. Sie wirkt um so bestürzender, als sie sich an eine Epoche großer individueller Freiheit anschließt, in der auch die Not, wie etwa Dickens sie schildert, fast unbekannt geworden war. Wie kam es zu solchem Übergang? Wollte man einen Stichtag wählen, so wäre wohl keiner geeigneter als jener, an dem die »Titanic« unterging. Hier stoßen Licht und Schatten grell zusammen: die Hybris des Fortschritts mit der Panik, der höchste Komfort mit der Zerstörung, der Automatismus mit der Katastrophe, die als Verkehrsunfall erscheint. Tatsächlich hängen wachsender Automatismus und Furcht ganz eng zusammen, und zwar insofern, als der Mensch zugunsten technischer Erleichterungen sich in der Entscheidung beschränkt. Das führt zu mannigfaltiger Bequemlich keit. Notwendig muß aber auch der Verlust an Freiheit zunehmen. Der Einzelne steht nicht mehr in der Gesellschaft wie ein Baum im Walde, sondern er gleicht dem Passagier in einem sich schnell bewegenden Fahrzeug, das »Titanic« oder das auch Leviathan heißen kann. Solange das Wetter gut ist und die Aussicht angenehm, wird er den Zustand minderer Freiheit kaum gewahren, in den er geraten ist. Es tritt im Gegenteil ein Optimismus auf, ein Machtbewußtsein, das die Geschwindigkeit erzeugt. Das wird dann anders, wenn feuerspeiende Inseln und Eisberge auftauchen. Dann wechselt nicht nur die Technik vom Komfort auf andere Gebiete über, sondern es wird zugleich der Mangel an Freiheit sichtbar — sei es im Sieg elementarer Kräfte, sei es dadurch, daß Einzelne, die stark geblieben sind, absolute Kommandogewalt ausüben. Die Einzelheiten sind bekannt und vielfach beschrieben; sie gehören unserer eigensten Erfahrung an. Hier ließe sich der Einwand denken, daß es auch Zeiten der Furcht, der apokalyptischen Panik gegeben hat, ohne daß dieser automatische Charakter sie instrumentierte und begleitete. Wir wollen das dahingestellt sein lassen, denn das Automatische wird fürchterlich erst, wenn es sich als eine der Formen, als der Stil, des Verhängnisses offenbart, wie Hieronymus Bosch das schon so unübertrefflich geschildert hat. Möge es sich nun bei der modernen um eine ganz besondere Furcht handeln oder nur um den Zeitstil der Weltangst, die wiederkehrt — wir wollen uns bei dieser Frage nicht aufhalten, sondern wir wollen die Gegenfrage stellen, die uns am Herzen liegt: Ist es vielleicht möglich, die Furcht zu vermindern, während der Automatismus fortbesteht oder sich, wie vorauszusehen, weiterhin der Perfektion annähert? Wäre es also möglich, zugleich auf dem Schiff zu verbleiben und sich die eigene Entscheidung vorzubehalten — das heißt, die Wurzeln nicht nur zu wahren, sondern auch zu stärken, die noch dem Urgrund verhaftet sind? Das ist die eigentliche Frage unserer Existenz. Es ist auch die Frage, die heute hinter jeder Zeitangst sich verbirgt. Der Mensch fragt, wie er der Vernichtung entrinnen kann. Wenn man in diesen Jahren an jedem beliebigen Punkt Europas mit Bekannten oder Unbekannten im Gespräch zusammensitzt, so wird die Unterhaltung sich bald dem Allgemeinen zuwenden, und das ganze Elend wird auftauchen. Man wird erkennen, daß fast alle diese Männer und Frauen von einer Panik erfaßt sind, wie sie seit dem frühen Mittelalter bei uns unbekannt geworden war. Man wird beobachten, daß sie sich mit einer Art Besessenheit in ihre Furcht hineinstürzen, deren Symptome offen und schamlos hervortreiben. Man wohnt da einem Wettbewerb von Geistern bei, die darüber streiten, ob es besser sei, zu fliehen, sich zu verbergen oder Selbstmord zu verüben, und die bei voller Freiheit schon darauf sinnen, durch welche Mittel und Listen sie sich die Gunst des Niederen erwerben können, wenn es zur Herrschaft kommt. Und mit Entsetzen ahnt man, daß es keine Gemeinheit gibt, der sie nicht zustimmen werden, wenn es gefordert wird. Darunter sieht man kräftige, gesunde Männer, die wie die Wettkämpfer gewachsen sind. Man fragt sich, wozu sie Sport treiben. Nun sind aber dieselben Menschen nicht nur ängstlich, sondern fürchterlich zugleich. Die Stimmung wechselt von der Angst zu offenem Hasse, wenn sie jenen schwach werden sehen, den sie eben noch fürchteten. Und nicht nur in Europa trifft man solche Gremien. Die Panik wird sich noch verdichten, wo der Automatismus zunimmt und sich perfekten Formen nähert, wie in Amerika. Dort findet sie ihre beste Nahrung; sie wird durch Netze verbreitet, die mit dem Blitz wetteifern. Schon das Bedürfnis, mehrere Mal am Tage Nachrichten aufzunehmen, ist ein Zeichen der Angst; die Einbildung wächst und lähmt sich in steigenden Umdrehungen. All diese Antennen der Riesenstädte gleichen dem gesträubten Haar. Sie fordern zu dämonischen Berührungen heraus. Gewiß macht der Osten keine Ausnahme. Der Westen hat vor dem Osten, der Osten hat vor dem Westen Angst. An allen Punkten der Welt lebt man in der Erwartung entsetzli cher Angriffe. An vielen kommt die Furcht vor dem Bürgerkrieg hinzu. Der grobe politische Mechanismus ist nicht der einzige Anlaß dieser Furcht. Es gibt zahllose Ängste außerdem. Sie ziehen jene Ungewißheit nach sich, die stets auf Ärzte, Retter, Wundermänner hofft. Alles kann ja zum Gegenstand der Furcht werden. Das ist dann ein deutlicheres Vorzeichen des Unterganges als jede physische Gefahr.

14

Die Grundfrage in diesen Wirbeln lautet, ob man den Menschen von der Furcht befreien kann. Das ist weit wichtiger, als ihn zu bewaffnen oder mit Medikamenten zu versehen. Macht und Gesundheit sind beim Furchtlosen. Dagegen belagert die Furcht auch die bis an die Zähne Gerüsteten — ja gerade sie. Das gleiche läßt sich von jenem sagen, der im Überflüsse schwimmt. Mit Waffen, mit Schätzen bannt man die Bedrohung nicht. Das sind nur Hilfsmittel. Furcht und Gefährdung stehen in so enger Verknüpfung, daß sich kaum sagen läßt, welche der beiden Mächte die andere erzeugt. Die Furcht ist wichtiger, daher muß man bei ihr beginnen, wenn man den Knoten lösen will. Vor dem Gegenteil aber, das heißt: vor dem Versuch, von der Gefährdung aus zu beginnen, muß gewarnt werden. Indem man versucht, sich schlechthin gefährlicher zu machen als der Gefürchtete, führt man die Lösung nicht herbei. Das ist das klassische Verhältnis zwischen Roten und Weißen, zwischen Roten und Roten und morgen vielleicht zwischen Weißen und Farbigen. Der Schrecken gleicht einem Feuer, das die Welt verzehren will. Zugleich vervielfacht sich die Furcht. Als zur Herrschaft berufen legitimiert sich jener, der dem Schrecken ein Ende setzt. Das ist derselbe, der zuvor die Furcht bezwungen hat. Ferner ist wichtig, zu wissen, daß die Furcht sich nicht durchaus verbannen läßt. Das würde auch über den Automa tismus nicht hinaus-, im Gegenteil, es würde ihn in das Innere des Menschen einführen. Die Furcht wird immer der große Partner im Dialoge bleiben, wenn der Mensch mit sich zu Rate geht. Sie strebt dabei zum Monologe, und erst in dieser Rolle behält sie das letzte Wort. Wird sie dagegen in den Dialog zurückverwiesen, dann kann der Mensch mitsprechen. Damit fällt auch die Einbildung, umstellt zu sein. Es wird außer der automatischen immer noch eine andere Lösung sichtbar sein. Das heißt, es gibt nunmehr zwei Wege, oder, mit anderen Worten, die freie Entscheidung ist wiederhergestellt. Selbst wenn man den schlimmsten Fall des Untergangs annehmen will, bleibt ein Unterschied wie zwischen Licht und Finsternis. Hier steigt der Weg in hohe Reiche, zum Opfertode oder zum Schicksal dessen, der mit der Waffe fällt; dort sinkt er in die Niederungen der Sklavenlager und Schlachthäuser, in denen die Primitiven sich mit der Technik mörderisch vereinigen. Dort gibt es kein Schicksal, sondern nur Ziffern mehr. Ob er aber sein Schicksal habe oder als Ziffer gelte: das ist die Entscheidung, die heute zwar jedem aufgezwungen wird, doch die er allein zu fällen hat. Der Einzelne ist heute genau so souverän wie in jedem anderen Abschnitt der Geschichte, ja vielleicht stärker noch. Im Maße nämlich, in dem die kollektiven Mächte Raum gewinnen, wird der Einzelne aus den alten, gewachsenen Verbänden herausgesondert und steht für sich allein. Er wird nun der Gegenspieler des Leviathans, ja sein Bezwinger, sein Bändiger. Wir wollen noch einmal zum Bilde der Wahl zurückkehren. Der Wahlvorgang, wie wir ihn sahen, ist zum automatischen Konzert geworden, das der Veranstalter bestimmt. Der Einzelne kann und wird gezwungen werden, sich an ihm zu beteiligen. Er muß nur wissen, daß alle Positionen gleich nichtig sind, die er innerhalb dieses Feldes beziehen kann. Es ist kein Unterschied, ob das Wild sich an dieser oder jener Stelle zwischen den Lappen bewegt. Der Ort der Freiheit ist ein ganz anderer als bloße Oppo sition, ein anderer auch, als ihn die Flucht gewähren kann. Wir nannten ihn den Wald. Dort gibt es andere Mittel als ein Nein, das man in den dazu vorgesehenen Umkreis setzt. Wir sahen freilich, daß bei dem Stande, zu dem die Dinge vorgeschritten sind, vielleicht nur einer unter hundert zum Waldgang fähig ist. Es handelt sich aber nicht um Zahlenverhältnisse. Bei einem Theaterbrande genügt ein klarer Kopf, ein starkes Herz, um einer Panik von tausend Menschen Einhalt zu gebieten, die sich gegenseitig zu erdrücken drohen und der tierischen Angst nachgeben. Wenn hier vom Einzelnen gesprochen wird, dann ist der Mensch damit gemeint, und zwar ohne den Beigeschmack, wie ihn das Wort im Laufe der beiden letzten Jahrhunderte gewonnen hat. Es ist der freie Mensch gemeint, so wie ihn Gott geschaffen hat. Dieser Mensch ist keine Ausnahme, stellt keine Elite dar. Er verbirgt sich vielmehr in jedem, und Unterschiede ergeben sich nur aus dem Grade, bis zu welchem der Einzelne die ihm verliehene Freiheit zu verwirklichen vermag. Dazu muß man ihm helfen — als Denkender, als Wissender, als Freund, als Liebender. Man kann auch sagen, daß der Mensch im Walde schläft. Im Augenblick, in dem er erwachend seine Macht erkennt, ist die Ordnung wiederhergestellt. Der höhere Rhythmus der Geschichte kann überhaupt dahin gedeutet werden, daß der Mensch sich periodisch wiederentdeckt. Immer sind Mächte, die ihn maskieren wollen, bald totemistische, bald magische, bald technische. Dann wächst die Starre und mit ihr die Furcht. Die Künste versteinern, das Dogma wird absolut. Doch seit den frühesten Zeiten wiederholt sich das Schauspiel, daß der Mensch die Maske abnimmt, und dem folgt Heiterkeit, wie sie der Abglanz der Freiheit ist. Man hat sich unter dem Banne mächtiger optischer Täuschungen daran gewöhnt, den Menschen im Vergleich zu seinen Maschinen und Apparaturen als ein Sandkorn anzusehen. Die Apparaturen sind und bleiben jedoch Kulissen der niederen Imagination. Der Mensch hat sie erstellt und kann sie abbrechen oder in eine neue Sinngebung einbeziehen. Die Fesseln der Technik können gesprengt werden, und zwar gerade durch den Einzelnen.

15

Es bleibt noch auf die Möglichkeit eines Irrtums hinzuweisen — gemeint ist das Vertrauen auf die reine Imagination. Dabei sei eingeräumt, daß sie zum geistigen Siege führt. Indessen kann es auf die Gründung von Yogaschulen nicht ankommen. Sie schwebt nicht nur zahlreichen Sekten vor, sondern auch einer Art des christlichen Nihilismus, der sich die Sache billig macht. Man kann sich jedoch nicht darauf beschränken, im oberen Stockwerk das Wahre und das Gute zu erkennen, während im Keller den Mitmenschen die Haut abgezogen wird. Man kann das auch dann nicht, wenn man sich geistig in nicht nur gesicherter, sondern auch überlegener Position befindet, und zwar deshalb, weil das unerhörte Leiden von Millionen Versklavter zum Himmel schreit. Immer noch liegt der Dunst der Schinderhütten in der Luft. Um solche Dinge schwindelt man sich nicht herum. Es ist uns daher nicht gegeben, in der Imagination zu weilen, obwohl sie den Aktionen die Grundkraft gibt. Dem Machtkampf geht Bilderabgleichung und Bildersturz voraus. Das ist der Grund, aus dem wir auf die Dichter angewiesen sind. Sie leiten den Umsturz ein, auch den Titanensturz. Die Imagination und mit ihr der Gesang gehören zum Waldgange. Wir wollen zum zweiten der von uns verwandten Bilder zurückkehren. Was die historische Welt angeht, in der wir uns befinden, so gleicht sie einem schnell sich bewegenden Gefährt, das bald Komfort-, bald Schreckenszüge zeigt. Bald ist es »Titanic« und bald Leviathan. Weil das Bewegte die Augen ködert, bleibt den meisten der Schiffsgäste verborgen, daß sie zugleich in einem anderen Reiche weilen, in dem vollkommene Ruhe herrscht. Das zweite dieser Reiche ist so überlegen, als würde es das erste gleich einem Spielzeug in sich enthalten, als eine jener Manifestationen, die es in unge heurer Anzahl gibt. Das zweite Reich ist Hafen, ist Heimat, ist Friede und Sicherheit, die jeder in sich trägt. Wir nennen es den Wald. Seefahrt und Wald — es mag schwer scheinen, so Entferntes zum Bilde zu vereinigen. Dem Mythos ist der Gegensatz vertrauter — so ließ der von tyrrhenischen Schiffern entführte Dionysos Weinreben und Efeu die Ruder umstricken und zu den Masten emporwuchern. Aus ihrem Dickicht brach der Tiger hervor, der die Räuber zerriß. Mythos ist keine Vorgeschichte; er ist zeitlose Wirklichkeit, die sich in der Geschichte wiederholt. Daß unser Jahrhundert in den Mythen wieder Sinn findet, zählt zu den guten Vorzeichen. Auch heute ist der Mensch durch starke Mächte weit auf das Meer, weit in die Wüste und ihre Maskenwelt hinausgeführt. Die Fahrt wird ihr Bedrohliches verlieren, wenn er sich seiner Götterkraft besinnt.

16

Zwei Tatsachen müssen wir erkennen und anerkennen, wenn wir aus dem bloßen Zugzwang heraustreten wollen zur überlegten Partie. Wir müssen erstens wissen, wie wir am Beispiel der Wahl gesehen haben, daß nur ein Bruchteil der großen Menschenmassen fähig ist, den mächtigen Fiktionen der Zeit zu trotzen und der Bedrohung, die sie ausstrahlen. Dieser Bruchteil freilich kann stellvertretend sein. Zum zweiten sahen wir am Beispiel des Schiffes, daß die Mächte der Gegenwart zum Widerstand nicht ausreichen. Die beiden Feststellungen enthalten nichts Neuartiges. Sie liegen in der Ordnung der Dinge und werden sich stets von neuem aufzwingen, wo Katastrophen sich ankünden. Immer wird dann das Handeln auf Auslesen übergehen, die die Gefahr der Knechtschaft vorziehen. Und immer wird den Aktionen Besinnung vorausgehen. Sie äußert sich einmal als Zeitkritik, das heißt: in der Erkenntnis, daß die geltenden Werte nicht mehr genügen, und dann als Erinnerung. Diese Erinnerung kann sich auf die Väter richten und ihre dem Ursprung näheren Ordnungen. Sie wird dann auf konservative Wiederherstellungen abzielen. Bei großen Gefahren wird das Rettende tiefer gesucht werden, und zwar bei den Müttern, und in dieser Berührung wird Urkraft befreit. Ihr können die reinen Zeitmächte nicht standhalten. Zwei Eigenschaften werden also beim Waldgänger vorausgesetzt. Er läßt sich durch keine Übermacht das Gesetz vorschreiben, weder propagandistisch noch durch Gewalt. Und er gedenkt sich zu verteidigen, indem er nicht nur Mittel und Ideen der Zeit verwendet, sondern zugleich den Zugang offen hält zu Mächten, die den zeitlichen überlegen und niemals rein in Bewegung aufzulösen sind. Dann kann der Gang gewagt werden. Es stellt sich nun die Frage nach der Absicht einer solchen Anstrengung. Wie bereits angedeutet, kann sie nicht auf die Eroberung reiner Innenreiche beschränkt werden. Das gehört zu den Vorstellungen, die sich nach der Niederlage ausbreiten. Ebenso ungenügend würde die Beschränkung auf reale Ziele, wie etwa auf die Führung des nationalen Freiheitskampfes, sein. Wir werden vielmehr sehen, daß es sich um Anstrengungen handelt, die auch die nationale Freiheit als ein Hinzutretendes krönt. Wir sind ja nicht lediglich in einen nationalen Zusammenbruch verwickelt, sondern in eine Weltkatastrophe, bei der sich kaum sagen und noch weniger prophezeien läßt, wer eigentlich die Sieger und wer die Besiegten sind. Es ist vielmehr so, daß der einfache Mensch, der Mann auf der Straße, dem wir täglich und überall begegnen, die Lage besser erfaßt hat als alle Regierungen und alle Theoretiker. Das beruht darauf, daß in ihm immer noch die Spuren eines Wissens leben, das tiefer reicht als die Gemeinplätze der Zeit. Daher kommt es, daß auf Konferenzen und Kongressen Beschlüsse gefaßt werden, die viel dümmer und gefährlicher sind, als es der Schiedsspruch des Nächsten, Besten wäre, den man aus einer Straßenbahn herauszöge. Der Einzelne hat immer noch Organe, in denen mehr Weisheit lebt als in der gesamten Organisation. Das zeigt sich selbst in seiner Verwirrung, in seiner Furcht. Wenn er sich zermartert, um einen Ausweg, einen Fluchtweg zu ermitteln, so zeigt er damit ein Verhalten, das der Nähe und Größe der Bedrohung Rechnung trägt. Wenn er den Währungen mißtraut und auf die Sachen geht, verhält er sich wie jemand, der noch den Unterschied zwischen Gold und Drukkerschwärze kennt. Wenn er in reichen, friedlichen Ländern nachts vor Schrecken erwacht, dann ist das so natürlich wie der Schwindel vor dem Abgrunde. Es hat keinen Sinn, ihn überreden zu wollen, daß der Abgrund gar nicht vorhanden sei. Und wenn man sich berät, so ist es gut, daß es hart am Abgrunde geschieht. Wie verhält sich der Mensch angesichts und innerhalb der Katastrophe? Das ist das Thema, das sich immer dringender stellt. Alle Fragen vereinen sich zu dieser einen und wichtigsten. Auch innerhalb der Völker, die gegeneinander zu planen scheinen, sinnt man im Grunde über die gleiche Bedrohung nach. Auf alle Fälle ist es nützlich, die Katastrophe ins Auge zu fassen und auch die Art, auf die man in sie verwickelt werden kann. Das ist ein geistiges Exerzitium. Wenn wir es recht angreifen, wird die Furcht verringert werden, und darin liegt der erste, bedeutende Schritt zur Sicherheit. Die Wirkung ist nicht nur persönlich heilsam, sondern auch verhütend, denn in dem gleichen Maße, in dem sich in den Einzelnen die Furcht vermindert, nimmt die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe ab.

17

Das Schiff bedeutet das zeitliche, der Wald das überzeitliche Sein. In unserer nihilistischen Epoche wächst die Augentäuschung, die das Bewegte auf Kosten des Ruhenden zu mehren scheint. In Wahrheit ist alles, was sich heute an technischer Macht entfaltet, ein flüchtiger Schimmer aus den Schatzkammern des Seins. Gelingt es dem Menschen, auch nur für unmeßbare Augenblicke in sie einzutreten, so wird er Sicherheit gewinnen: das Zeitliche wird nicht nur das Drohende verlieren, sondern ihn sinnvoll anmuten. Wir wollen diese Zuwendung den Waldgang nennen und den Menschen, der sie vollzieht, den Waldgänger. Ähnlich wie das Wort Arbeiter bezeichnet auch dieses eine Skala, indem es nicht nur die verschiedensten Formen und Felder, sondern auch Stufen eines Verhaltens kennzeichnet. Es kann nicht schaden, daß der Ausdruck bereits als eines der alten Isländerwörter Vorgeschichte hat, wenngleich er hier weiter gefaßt sein soll. Der Waldgang folgte auf die Ächtung; durch ihn bekundete der Mann den Willen zur Behauptung aus eigener Kraft. Das galt als ehrenhaft und ist es heute noch, trotz allen Gemeinplätzen. Der Ächtung war meist der Totschlag vorausgegangen, während sie heute automatisch, gleich der Umdrehung der Roulette, den Menschen trifft. Niemand weiß, ob er nicht schon morgen zu einer Gruppe gezählt wird, die außerhalb des Gesetzes steht. Dann wechselt der zivilisatorische Anstrich des Lebens, indem die komfortablen Kulissen schwinden und sich in Vernichtungszeichen umwandeln. Der Luxusdampfer wird zum Schlachtschiff, oder die schwarzen Piratenund die roten Henkersflaggen werden auf ihm gehißt: Wer nun zu unserer Urväter Zeiten geächtet wurde, der war an eigene Gedanken, an hartes Leben und selbstherrliches Handeln gewöhnt. Er mochte sich in späteren Zeiten stark genug fühlen, auch noch den Bann in Kauf zu nehmen und nicht nur Kriegsmann, Arzt und Richter, sondern auch Priester aus Eigenem zu sein. So ist das heute nicht. Die Menschen sind im Kollektiven und Konstruktiven auf eine Weise eingebettet, die sie sehr schutzlos macht. Sie geben sich kaum darüber Rechenschaft, wie ganz besonders stark in unserer Zeit der Aufklärung die Vorurteile geworden sind. Dazu kommt das Leben aus Anschlüssen, Konserven und Leitungen; die Gleichschaltungen, Wiederholungen, Übertragungen. Auch mit der Gesundheit ist es meist nicht gut bestellt. Plötzlich kommt dann die Ächtung, oft wie aus heite rem Himmel: Du bist ein Roter, Weißer, Schwarzer, ein Russe, Jude, Deutscher, Koreaner, ein Jesuit, Freimaurer und in jedem Falle viel schlimmer als ein Hund. Da konnte man erleben, daß die Betroffenen in ihre eigene Verdammung mit einstimmten. Es dürfte daher nützlich sein, dem also Bedrohten die Lage zu schildern, in der er sich befindet und die er zumeist verkennt. Daraus läßt sich vielleicht die Art des Handelns ableiten. Wir sahen am Beispiel der Wahlen, wie fein verborgen die Fallen sind. Zunächst wären noch einige Mißverständnisse auszuschließen, die sich leicht an das Wort anheften und es in seiner Absicht schwächen könnten zugunsten beschränkter Zielsetzungen: Der Waldgang soll nicht verstanden werden als eine gegen die Maschinenwelt gerichtete Form des Anarchismus, obwohl die Versuchung dazu nahe liegt, besonders wenn das Bestreben zugleich auf eine Verknüpfung mit dem Mythos gerichtet ist. Mythisches wird ohne Zweifel kommen und ist bereits im Anzüge. Es ist ja immer vorhanden und steigt zur guten Stunde wie ein Schatz zur Oberfläche empor. Doch wird es gerade der höchsten, gesteigerten Bewegung entspringen als anderes Prinzip. Bewegung in diesem Sinne ist nur der Mechanismus, der Schrei der Geburt. Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr. Auch heißt es nicht, der Weinstock oder — sondern es heißt: der Weinstock und das Schiff. Es wächst die Zahl derjenigen, die das Schiff verlassen wollen und unter denen auch scharfe Köpfe und gute Geister sind. Im Grunde heißt das, auf hoher See aussteigen. Dann kommen der Hunger, der Kannibalismus und die Haifische, kurz, alle Schrecken, die uns vom Floße der »Medusa« berichtet sind. Es ist daher auf alle Fälle rätlich, an Bord und auf Deck zu bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß man mit in die Luft fliegen wird. Der Einwand richtet sich nicht gegen den Dichter, der die gewaltige Überlegenheit der musischen über die technische Welt sichtbar macht, sowohl im Werk als in der Existenz. Er hilft dem Menschen, zu sich zurückzufinden: der Dichter ist Waldgänger. Nicht minder gefährlich wäre die Beschränkung des Wortes auf den deutschen Freiheitskampf. Deutschland ist durch die Katastrophe in eine Lage geraten, die eine Heeresneuordnung bedingt. Eine solche Neuordnung hat seit der Niederlage von 1806 nicht stattgefunden — denn obwohl sich die Armeen sowohl im Umfang als auch technisch und taktisch auf das stärkste verändert haben, beruhen sie dennoch auf den Grundgedanken der Französischen Revolution, wie alle unsere politischen Einrichtungen. Eine echte Heeresreorganisation besteht jedoch nicht darin, daß man die Wehrmacht auf Luft oder Atomstrategie einrichtet. Es handelt sich vielmehr darum, daß eine neue Idee der Freiheit Macht und Gestalt gewinne, wie das in den Revolutionsheeren nach 1789 und in der preußischen Armee nach 1806 der Fall gewesen ist. In dieser Hinsicht sind allerdings auch heute Machtentfaltungen möglich, welche aus anderen Prinzipien als aus denen der Totalen Mobilmachung Nahrung ziehen. Diese Prinzipien sind aber nicht den Nationen zugeordnet, sondern sie werden an jeder Stelle, wo Freiheit wach wird, anzuwenden sein. Technisch gesehen, erreichten wir einen Stand, in dem nur noch zwei Mächte völlig autark sind, das heißt: befähigt zu einem politisch-strategischen Verhalten, das, sich auf Großkampfmittel stützend, planetarischen Zielen gewachsen ist. Waldgang dagegen wird an jedem Punkte der Erde möglich sein. Damit ist ferner gesagt, daß sich hinter dem Worte keine antiöstliche Absicht verbirgt. Die Furcht, die heute auf dem Planeten umgeht, ist weithin durch den Osten inspiriert. Sie äußert sich in gewaltigen Zurüstungen, sowohl auf materiellem wie auf geistigem Gebiet. Wie sehr das auch in die Augen springen möge, so handelt es sich doch nicht um ein Grundmotiv, sondern um eine Folge der Weltlage. Die Russen stecken in dem gleichen Engpaß wie alle anderen, ja sind vielleicht noch stärker in seinem Banne, wenn man die Furcht als Maßstab nehmen will. Die Furcht kann aber durch Rüstungen nicht vermindert werden, sondern nur dadurch, daß ein neuer Zugang zur Freiheit gefunden wird. In dieser Hinsicht werden sich die Russen und die Deutschen noch viel zu sagen haben; sie verfügen über die gleichen Erfahrungen. Der Waldgang ist auch für den Russen das Kernproblem. Als Bolschewik befindet er sich auf dem Schiffe, als Russe ist er im Wald. Durch dieses Verhältnis wird seine Gefährdung und seine Sicherheit bestimmt. Die Absicht richtet sich überhaupt nicht auf die politischtechnischen Vordergründe und ihre Gruppierungen. Sie ziehen flüchtig vorüber, während die Bedrohung bleibt, ja schneller und stärker wiederkehrt. Die Gegner werden sich so ähnlich, daß man sie unschwer als Verkleidungen ein und derselben Macht errät. Es handelt sich nicht darum, die Erscheinung hier oder dort zu zwingen, sondern darum, die Zeit zu bändigen. Das fordert Souveränität. Und diese wird man heute weniger in den großen Entschlüssen finden als im Menschen, der in seinem Inneren der Furcht abschwört. Die ungeheuren Vorkehrungen sind gegen ihn allein gerichtet, und dennoch sind sie im letzten für seinen Triumph bestimmt. Diese Erkenntnis macht ihn frei. Dann sinken Diktaturen in den Staub. Hier liegen die kaum angeschürften Reserven unserer Zeit, und nicht nur der unseren. Diese Freiheit ist das Thema der Geschichte überhaupt und grenzt sie ab: hier gegen die Dämonenreiche, dort gegen das bloß zoologische Geschehen. Das ist im Mythos und in den Religionen vorgebildet und kehrt stets wieder, und immer erscheinen die Riesen und Titanen in gleicher Übermacht. Der Freie fällt sie; er braucht nicht immer ein Fürst und Herakles zu sein. Der Stein aus einer Hirtenschleuder, die Fahne, die eine Jungfrau aufnahm, und eine Armbrust haben schon genügt.

18

Hier fügt sich eine andere Frage an. Inwiefern ist Freiheit wünschbar, ja überhaupt sinnvoll innerhalb unserer historischen Lage und ihrer Eigenart? Liegt denn nicht ein besonderes und leicht zu unterschätzendes Verdienst des Menschen dieser Zeit gerade darin, daß er in weitem Umfang auf Freiheit zu verzichten weiß? In vielem gleicht er einem Soldaten auf dem Marsche zu unbekannten Zielen oder dem Arbeiter an einem Palast, den andere bewohnen werden; und das ist nicht sein schlechtester Aspekt. Soll man ihn ablenken, solange die Bewegung im Gange ist? Wer dem Geschehen, das mit so viel Leiden verbunden ist, sinnvolle Züge abzugewinnen sucht, macht sich zum Stein des Anstoßes. Dennoch sind alle Prognosen verfehlt, die auf der reinen Untergangsstimmung beruhen. Wir durchschreiten vielmehr eine Reihe immer deutlicherer Bilder, immer klarerer Prägungen. Auch Katastrophen unterbrechen kaum die Bahn, kürzen sie eher in vielem ab. Es ist kein Zweifel, daß Ziele vorhanden sind. Millionen stehen in ihrem Banne, führen ein Leben, das ohne diese Aussicht unerträglich wäre und das durch bloßen Zwang nicht zu erklären ist. Die Opfer werden vielleicht spät gekrönt, doch nicht vergeblich gewesen sein. Wir berühren hier das Notwendige, das Schicksal, das die Gestalt des Arbeiters bestimmt. Geburten sind nie ohne Schmerz. Die Prozesse werden sich fortsetzen, und wie in jeder Schicksalslage werden alle Versuche, sie aufzuhalten und in die Ausgangslinie zurückzukehren, sie eher fördern und beschleunigen. Man tut daher auch gut, stets das Notwendige im Auge zu behalten, wenn man sich nicht in Illusionen verlieren will. Die Freiheit allerdings ist mit dem Notwendigen gegeben, und erst, wenn sie zu ihm in Relation tritt, stellt sich die neue Verfassung dar. Zeitlich gesehen, bringt jede Veränderung im Notwendigen auch eine Veränderung der Freiheit mit. Daraus erklärt sich, daß die Freiheitsbegriffe von 1789 hin fällig geworden sind und der Gewalt gegenüber nicht durchgreifen. Die Freiheit dagegen ist unsterblich, wenngleich sich immer in die Zeitgewänder einkleidend. Dazu kommt, daß sie stets von neuem erworben werden muß. Ererbte Freiheit muß behauptet werden in den Formen, wie sie die Begegnung mit dem historisch Notwendigen prägt. Es muß nun zugegeben werden, daß die Behauptung der Freiheit heute besonders schwierig ist. Der Widerstand erfordert große Opfer; daraus erklärt sich die Überzahl derjenigen, die den Zwang vorziehen. Dennoch kann echte Geschichte nur durch Freie gemacht werden. Geschichte ist die Prägung, die der Freie dem Schicksal gibt. In diesem Sinne freilich kann er stellvertretend wirken; sein Opfer zählt für die anderen mit. Wir wollen unterstellen, daß wir die Hemisphäre, auf der sich das Notwendige vollzieht, in ihren Umrissen erforscht hätten. Hier zeichnet sich das Technische, das Typische, das Kollektive ab, bald grandios, bald fürchterlich. Wir nähern uns nun dem anderen Pole, an dem der Einzelne nicht nur leidend, sondern zugleich erkennend und richtend wirkt. Da ändern sich die Aspekte; sie werden geistiger und freier, doch werden auch die Gefahren deutlicher. Man hätte indessen mit diesem Teil der Aufgabe nicht beginnen können, denn das Notwendige wird zuerst gesetzt. Es mag als Zwang, als Krankheit, als Chaos, ja selbst als Tod an uns herantreten — in jedem Falle will es als Aufgabe begriffen sein. Es kann also nicht darauf ankommen, den Grundriß der Arbeitswelt zu ändern; die große Zerstörung legt ihn eher frei. Es könnten aber andere Paläste darauf errichtet werden als jene Termitenhügel, wie sie die Utopie teils fordert, teils befürchtet; so einfach ist der Plan nicht angelegt. Auch handelt es sich nicht darum, der Zeit den Zoll zu weigern, dessen sie bedarf, denn Pflicht und Freiheit lassen sich vereinigen.

19

Ein weiterer Einwand sei erwogen: soll man sich auf die Katastrophe festlegen? Soll man, und sei es auch nur geistig, die äußersten Gewässer aufsuchen, die Katarakte, den Malstromwirbel, die großen Abgründe? Das ist ein Einwand, der nicht zu unterschätzen ist. Es hat viel für sich, die sicheren Routen abzustecken, wie die Vernunft sie vorschreibt, mit dem Willen, auf ihnen zu beharren. Dieses Dilemma wird ja auch praktisch, wie bei den Rüstungen. Die Rüstung ist auf den Kriegsfall angelegt, zunächst als Sicherung. Sie führt dann an eine Grenze, an der sie dem Kriege zutreibt und ihn anzuziehen scheint. Es gibt hier einen Grad der Investierung, der auf alle Fälle dem Bankrott entgegenführt. So wären Systeme von Blitzableitern denkbar, die endlich die Gewitter heranführen. Das gleiche gilt im Geistigen. Indem man die äußersten Bahnen übersinnt, vernachlässigt man die Fahrwege. Auch hier indessen schließt das eine das andere nicht aus. Vielmehr gebietet die Vernunft, die möglichen Fälle in ihrer Gesamtheit zu überlegen und auf jeden die Antwort bereitzuhalten wie eine Reihe von Schachzügen. In unserer Lage sind wir verpflichtet, mit der Katastrophe zu rechnen und mit ihr schlafen zu gehen, damit sie uns nicht zur Nacht überrascht. Nur dadurch werden wir zu einem Vorrat an Sicherheit gelangen, der das vernunftgemäße Handeln möglich macht. Bei voller Sicherheit spielt der Gedanke nur mit der Katastrophe; er bezieht sie als unwahrscheinliche Größe in seine Pläne ein und deckt sich durch geringe Versicherungen ab. In unseren Tagen ist das umgekehrt. Wir müssen beinahe das ganze Kapital an die Katastrophe wenden — um gerade dadurch den Mittelweg offen zu halten, der messerschmal geworden ist. Die Kenntnis des mittleren Weges, den die Vernunft gebietet, bleibt unentbehrlich; sie gleicht der Kompaßnadel, die jede Bewegung und selbst die Abweichung bestimmt. Nur so wird man zu Normen kommen, die alle anerkennen, ohne daß Gewalt sie zwingt. So werden auch die Grenzen des Rechtes eingehalten; das führt auf die Dauer zum Triumph. Daß es nun einen Rechtsweg gebe, den alle im Grunde anerkennen, darüber kann kein Zweifel sein. Ganz sichtbar bewegen wir uns aus den Nationalstaaten, ja aus den Großräumen heraus zu planetarischen Ordnungen. Diese sind durch Verträge zu erreichen, falls nur die Partner den Willen dazu haben, wie es vor allem eine Lockerung der Souveränitätsansprüche zu erweisen hätte — denn im Verzicht verbirgt sich die Fruchtbarkeit. Es gibt Ideen, und es gibt auch Tatsachen, auf denen ein großer Friede errichtet werden kann. Das setzt voraus, daß man die Grenzen achtet; Annektion von Provinzen, Bevölkerungsabschub, Errichtung von Korridoren und Trennung nach Breitengraden verewigen die Gewalt. Es ist daher ein Vorteil, daß es zum Frieden noch nicht gediehen ist und damit das Ungeheuerliche noch der Sanktion entbehrt. Der Friede von Versailles schloß bereits den Zweiten Weltkrieg ein. Auf offene Gewalt begründet, gab er das Evangelium, auf das jede Gewalttat sich bezog. Ein zweiter Friede nach diesem Muster würde noch kürzer dauern und die Zerstörung Europas einschließen. Soviel in Kürze, da uns hier andere als politische Ideen beschäftigen. Es handelt sich vielmehr um die Gefährdung und um die Furcht des Einzelnen. Der gleiche Zwiespalt beschäftigt ja auch ihn. An sich belebt ihn der Wunsch, sich seinem Beruf und seiner Familie zu widmen, seinen Neigungen nachzugehen. Dann macht die Zeit sich geltend — sei es, daß die Bedingungen allmählich sich verschlechtern, sei es, daß er sich plötzlich von extremer Seite aus angegangen sieht. Enteignung, Zwangsarbeit und Schlimmeres tauchen in seinem Umkreis auf. Bald wird ihm deutlich, daß Neutralität mit Selbstmord gleichbedeutend wäre — hier heißt es, mit den Wölfen heulen oder gegen sie ins Feld ziehen. Wie findet er in solcher Bedrängnis ein Drittes, das nicht gänzlich in der Bewegung untergeht? Wohl nur in seiner Eigenschaft als Einzelner, in seinem menschlichen Sein, das unerschüttert bleibt. Es ist in solchen Lagen als großes Verdienst zu preisen, wenn die Kenntnis des rechten Weges nicht gänzlich verloren geht. Wer Katastrophen entronnen ist, der weiß, daß er es im Grunde der Hilfe von einfachen Menschen verdankt, über die der Haß, der Schrecken, der Automatismus der Gemeinplätze nicht Macht gewann. Sie widerstanden der Propaganda und ihren Einflüsterungen, die rein dämonisch sind. Unendlicher Segen kann erwachsen, wenn diese Tugend in den Führern der Völker, wie in Augustus, sichtbar wird. Darauf begründen sich Imperien. Der Fürst herrscht nicht, indem er tötet, sondern indem er das Leben schenkt. Darin liegt eine der großen Hoffnungen: daß unter den zahllosen Millionen ein vollkommener Mensch auftrete. Soviel zur Theorie der Katastrophe. Es steht nicht frei, sie zu vermeiden, doch gibt es Freiheit in ihr. Sie zählt zu den Prüfungen.

20

Die Lehre vom Walde ist uralt wie die menschliche Geschichte, ja älter als sie. Sie findet sich bereits in den ehrwürdigen Urkunden, die wir zum Teil erst heute zu entziffern verstehen. Sie bildet das große Thema der Märchen, der Sagen, der heiligen Texte und Mysterien. Wenn wir das Märchen der Steinzeit, den Mythos der Bronzezeit und die Geschichte der Eisenzeit zuordnen, so werden wir überall auf diese Lehre stoßen, falls unsere Augen dafür geöffnet sind. Wir werden sie in unserer uranischen Epoche wiederfinden, die man als Strahlungszeit bezeichnen kann. Immer und überall ist hier das Wissen, daß in der wechselvollen Landschaft Ursitze der Kraft verborgen sind und unter der flüchtigen Erscheinung Quellen des Überflusses, kosmischer Macht. Das Wissen bildet nicht nur das symbolischsakramentale Fundament der Kirchen, es spinnt sich nicht nur in Geheimlehren und Sekten fort, sondern es stellt auch den Kern der Philosopheme, wie überaus verschieden immer deren Begriffswelt sei. Im Grunde gehen sie auf das gleiche Geheimnis aus, das jedem offen liegt, den es einmal im Leben weihte, sei es nun, daß es als Idee, als Urmonade, als Ding an sich, als Existenz der Heutigen begriffen wird. Wer einmal das Sein berührte, überschritt die Säume, an denen Worte, Begriffe, Schulen, Konfessionen noch wichtig sind. Doch lernte er, das zu ehren, was sie belebt. In diesem Sinne kommt es auch auf das Wort Wald nicht an. Freilich ist kein Zufall, daß alles, was uns mit zeitlicher Sorge bindet, sich so gewaltig zu lösen anfängt, wenn sich der Blick auf Blumen und Bäume wendet und von ihrem Bann ergriffen wird. Nach dieser Richtung sollte die Botanik sich erhöhen. Da ist der Garten Eden, da sind die Weinberge, die Lilien, das Weizenkorn der christlichen Gleichnisse. Da ist der Märchenwald mit den menschenfressenden Wölfen, Hexen und Riesen, aber auch dem guten Jäger darin, die Rosenhecke Dornröschens, in deren Schatten die Zeit stille steht. Da sind die germanischen und keltischen Wälder, wie der Hain Glasur, in dem die Helden den Tod bezwingen, und wiederum Gethsemane mit den Ölbäumen. Aber das gleiche wird auch an anderen Orten gesucht — in Höhlen, in Labyrinthen, in Wüsten, in denen der Versucher wohnt. Überall residiert ein gewaltiges Leben für den, der seine Symbole errät. Moses klopft mit dem Stab an die Felswand, aus der das Wasser des Lebens springt. Ein solcher Augenblick reicht dann für Tausende von Jahren aus. Das alles ist nur scheinbar auf ferne Räume und Vorzeiten verteilt. Es ist vielmehr in jedem Einzelnen verborgen und ihm in Schlüsseln überliefert, damit er sich selbst begreife, in seiner tiefsten und überindividuellen Macht. Darauf zielt jede Lehre, die dieses Namens würdig ist. Mag die Materie sich auch zu Wänden verdichtet haben, die jede Aussicht zu nehmen scheinen, so ist doch der Überfluß ganz nahe, da er im Menschen als Pfund, als überzeitliches Erbteil lebt. Es hängt von ihm ab, ob er den Stab, nur um sich auf dem Lebensweg darauf zu stützen, oder ob er ihn als Szepter ergreifen will. Die Zeit versieht uns mit neuen Gleichnissen. Wir haben Formen der Energie erschlossen, die den bisher bekannten gewaltig überlegen sind. Dennoch ist all das eben nur ein Gleichnis; die Formeln, die menschliche Wissenschaft im Zeitwandel findet, führen immer auf längst Bekanntes zu. Die neuen Lichter, die neuen Sonnen sind flüchtige Protuberanzen, die sich vom Geist ablösen. Sie prüfen den Menschen auf sein Absolutes, auf seine wunderbare Macht. Stets kehren die Schicksalsschläge wieder, durch die der Mensch nicht mehr als dieser oder jener, sondern durch die er als solcher in die Schranken gefordert wird. Das zieht sich auch als großes Thema durch die Musik: die wechselnden Figuren führen dem Punkte zu, an dem der Mensch in seinen von der Zeit befreiten Maßen sich gegenübertritt — an dem er sich selbst zum Schicksal wird. Das ist die oberste, die schreckliche Beschwörung, die nur dem Meister zusteht, der durch die Pforten des Gerichtes zur Erlösung führt. Der Mensch ist zu stark in die Konstruktionen eingetreten, er wird zu billig und verliert den Grund. Das bringt ihn den Katastrophen nahe, den großen Gefahren und dem Schmerz. Sie drängen ihn in das Ungebahnte, führen ihn der Vernichtung zu. Doch seltsam ist es, daß er gerade dort, geächtet, verurteilt, flüchtend, sich selbst begegnet in seiner unaufgeteilten und unzerstörbaren Substanz. Damit durchdringt er die Spiegelbilder und erkennt sich in seiner Macht.

21

Der Wald ist heimlich. Das Wort gehört zu jenen unserer Sprache, in denen sich zugleich ihr Gegensatz verbirgt. Das Heimliche ist das Trauliche, das wohlgeborgene Zuhause, der Hort der Sicherheit. Es ist nicht minder das VerborgenHeimliche und rückt in diesem Sinne an das Unheimliche heran. Wo wir auf solche Stämme stoßen, dürfen wir gewiß sein, daß in ihnen der große Gegensatz und die noch größere Gleichung Leben und Tod anklingen, mit deren Lösung sich die Mysterien beschäftigen. In diesem Lichte ist der Wald das große Todeshaus, der Sitz vernichtender Gefahr. Es ist die Aufgabe des Seelenführers, den von ihm Geführten an der Hand dorthin zu leiten, damit er die Furcht verliert. Er läßt ihn symbolisch sterben und auferstehen. Hart an der Vernichtung liegt der Triumph. Aus diesem Wissen ergibt sich die Erhöhung über die zeitliche Gewalt. Der Mensch erfährt, daß sie ihm im Grunde nichts anhaben kann, ja nur dazu bestimmt ist, ihn im höchsten Range zu bestätigen. Das Schreckensarsenal, bereit, ihn zu verschlingen, ist um den Menschen aufgestellt. Das ist kein neues Bild. Die »neuen« Welten sind immer nur Abzüge ein und derselben Welt. Sie war den Gnostikern bekannt, den Einsiedlern der Wüste, den Vätern und wahren Theologen seit Anbeginn. Sie kannten das Wort, das die Erscheinung fällen kann. Die Todesschlange wird zum Stab, zum Szepter dem Wissenden, der sie ergreift. Die Furcht nimmt immer die Maske, den Stil der Zeiten an. Das Dunkel der Weltraumhöhle, die Visionen der Eremiten, die Ausgeburten der Bosch und Cranach, die Hexenund Dämonenschwärme des Mittelalters sind Glieder der ewigen Kette der Angst, an die der Mensch wie Prometheus an den Kaukasus geschmiedet ist. Von welchen Götterhimmeln er sich auch befreien möge — die Furcht begleitet ihn mit großer List. Und immer erscheint sie ihm in höchster, lähmender Wirklichkeit. Wenn er in strenge Erkenntniswelten eintritt, wird er den Geist verlachen, der sich mit gotischen Schemen und Höllenbildern ängstigte. Er ahnt kaum, daß er in den gleichen Fesseln gefangen liegt. Ihn freilich prüfen die Phantome im Erkenntnisstil, als Fakten der Wissenschaft. Der alte Wald mag nun zum Forst geworden sein, zur ökonomischen Kultur. Doch immer noch ist in ihm das verirrte Kind. Nun ist die Welt der Schauplatz von Mikrobenheeren; die Apokalypse droht wie je zuvor, wenngleich durch Machenschaften der Physik. Der alte Wahn blüht in Psychosen, Neurosen fort. Und auch den Menschenfresser wird man in durchsichtiger Verkleidung wiederfinden — nicht nur als Ausbeuter und Treiber in den Knochenmühlen der Zeit. Er mag vielmehr als Serologe inmitten seiner Instrumente und Retorten darüber sinnen, wie man die menschliche Milz, das menschliche Brustbein zum Ausgangsstoff für wunderbare Medizinen nimmt. Da sind wir mitten im alten Dahomey, im alten Mexiko. Das alles ist nicht weniger fiktiv als das Gebäude jeder anderen Symbolwelt, deren Trümmer wir aus einem Schuttberg ausgraben. Es wird wie sie dahingehen und verfallen und fremden Augen unverständlich sein. Doch dafür steigen andere Fiktionen aus dem stets unerschöpften Sein, genau so überzeugend, genau so mannigfaltig und lückenlos. Bedeutend ist nun an unserem Zustand, daß wir nicht völlig im Dumpfen dahinleben. Wir steigen nicht nur zu Punkten großen Selbstbewußtseins auf, sondern auch zu strenger Selbstkritik. Das ist ein Zeichen hoher Kulturen; sie wölben Bögen über die Traumwelt auf. Wir kommen im Bewußtseinsstil zu Einsichten, wie sie dem indischen Bilde vom Schleier der Maja entsprechen oder der ewigen Weltzeitfolge, die Zarathustra lehrt. Die indische Weisheit rechnet selbst den Aufstieg und das Versinken von Götterreichen der Welt des Augentruges zu — dem Schaum der Zeit. Wenn Zimmer behauptet, daß uns diese Größe des Aspektes fehle, so kann man ihm darin nicht beistimmen. Nur fassen wir ihn im Bewußtseinsstil, durch den alles zermalmenden Vorgang der Erkenntniskritik. Hier schimmern die Grenzen von Zeit und Raum. Der gleiche Vorgang, vielleicht noch dichter und folgenschwerer, wiederholt sich heute in der Wendung von der Erkenntnis auf das Sein. Dazu kommt der Triumph der zyklischen Auffassung in der Geschichtsphilosophie. Freilich muß die Kenntnis der historia in nuce sie ergänzen: das Thema, das in unendlicher Verschiedenheit von Zeit und Raum sich abwandelt, ist ein und dasselbe, und in diesem Sinne gibt es nicht nur Geschichte der Kulturen, sondern Menschheitsgeschichte, welche eben Geschichte in der Substanz, im Nußkern, Geschichte des Menschen ist. Sie wiederholt sich in jedem Lebenslauf. Damit kehren wir zum Thema zurück. Menschliche Furcht zu allen Zeiten, in allen Räumen, in jedem Herzen ist ein und dieselbe, ist Furcht vor der Vernichtung, ist Todesfurcht. Das hören wir bereits von Gilgamesch, wir hören es im 90. Psalm, und dabei ist es geblieben bis in unsere, heutige Zeit. Die Überwindung der Todesfurcht ist also zugleich die Überwindung jedes anderen Schreckens; sie alle haben nur Bedeutung hinsichtlich dieser Grundfrage. Der Waldgang ist daher in erster Linie Todesgang. Er führt hart an den Tod heran — ja, wenn es sein muß, durch ihn hindurch. Der Wald als Lebenshort erschließt sich in seiner überwirklichen Fülle, wenn die Überschreitung der Linie gelungen ist. Hier ruht der Überfluß der Welt. Jede wirkliche Führung bezieht sich auf diese Wahrheit: sie weiß den Menschen an einen Punkt zu bringen, an dem er die Wirklichkeit erkennt. Das wird vor allem deutlich, wenn Lehre und Beispiel sich vereinen — wenn der Bezwinger der Furcht das Todesreich betritt, wie man es an Christus als höchstem Stifter sieht. Das Weizenkorn, indem es starb, hat nicht nur tausendfältig, es hat unendlich Frucht gebracht. Hier wurde der Überfluß der Welt berührt, auf den sich jede Zeugung als zugleich zeitliches und zeitbezwingendes Symbol bezieht. Dem folgten nicht nur die Märtyrer, die stärker waren als die Stoa, stärker als die Cäsaren, stärker als jene Hunderttausend, die sie in die Arena einschlossen. Dem folgten auch die Ungezählten, die in der Zuversicht gestorben sind. Das wirkt noch heute weit zwingender, als es der erste Blick erkennt. Auch wenn die Dome stürzen, bleibt ein Wissen, ein Erbteil in den Herzen und unterhöhlt wie Katakomben die Paläste der Zwingherrschaft. Aus diesem Grunde schon darf man gewiß sein, daß die reine und nach antiken Vorbildern geübte Gewalt nicht auf die Dauer triumphieren kann. Es wurde mit diesem Blute Substanz in die Geschichte eingeführt, und daher zählen wir immer noch mit Recht von diesem Datum ab als von der Zeitwende. Hier herrscht die volle Fruchtbarkeit der Theogonien, mythische Zeugungskraft. Das Opfer wird auf zahllosen Altären wiederholt. Hölderlin faßt im Gedichte Christus als die Überhöhung herakleischer und dionysischer Macht. Herakles ist der Urfürst, auf den selbst die Götter im Kampfe gegen die Titanen angewiesen sind. Er legt die Sümpfe trocken, baut Kanäle und macht die Einöden bewohnbar, indem er die Ungeheuer und Unholde erlegt. Er ist der erste der Heroen, auf deren Gräber sich die Polis gründet und deren Verehrung sie erhält. Jede Nation hat ihren Herakles, und heute noch sind Gräber die Mittelpunkte, an denen der Staat sakralen Glanz erhält. Dionysos ist der Festherr, der Führer der Festzüge. Wenn Hölderlin ihn als Gemeingeist anspricht, ist das so zu verstehen, daß auch die Toten zur Gemeinde zählen, ja gerade sie. Das ist der Schimmer, der das dionysische Fest umhüllt, die tiefste Quelle der Heiterkeit. Die Pforten des Totenreiches werden weit aufgestoßen, und goldener Überfluß quillt hervor. Das ist der Sinn der Rebe, in der Erdund Sonnenkräfte sich vereinen, der Masken, der großen Verwandlung und Wiederkehr. Unter den Menschen ist Sokrates zu nennen, dessen Vorbild nicht nur die Stoa, sondern kühne Geister zu allen Zeiten befruchtete. Wir mögen über Leben und Lehre dieses Mannes verschiedener Ansicht sein; sein Tod zählt zu den größten Ereignissen. Die Welt ist so beschaffen, daß immer wieder das Vorurteil, die Leidenschaften Blut fordern werden, und man muß wissen, daß sich das niemals ändern wird. Wohl wechseln die Argumente, doch ewig unterhält die Dummheit ihr Tribunal. Man wird hinausgeführt, weil man die Götter verachtete, dann weil man ein Dogma nicht anerkannte, dann wieder, weil man gegen eine Theorie verstieß. Es gibt kein großes Wort und keinen edlen Gedanken, in dessen Namen nicht schon Blut vergossen worden ist. Sokratisch ist das Wissen von der Ungültigkeit des Urteils, und zwar von der Ungültigkeit in einem erhabeneren Sinne, als menschliches Für und Wider ihn ermitteln kann. Das wahre Urteil ist von Anbeginn gesprochen: es ist auf die Erhöhung des Opfers angelegt. Wenn daher moderne Griechen eine Revision des Spruches anstreben, so wären damit nur die unnützen Randbemerkungen zur Weltgeschichte um eine weitere vermehrt, und das in einer Zeit, in der unschuldiges Blut in Strömen fließt. Dieser Prozeß ist ewig, und die Banausen, die in ihm als Richter saßen, trifft man auch heute an jeder Straßenecke, in jedem Parlament. Daß man das ändern könne: dieser Gedanke zeichnete von jeher die flachen Köpfe aus. Menschliche Größe muß immer wieder erkämpft werden. Sie siegt, indem sie den Angriff des Gemeinen in der eigenen Brust bezwingt. Hier ruht die wahre historische Substanz, in der Begegnung des Menschen mit sich selbst, das heißt: mit seiner göttlichen Macht. Das muß man wissen, wenn man Geschichte lehren will. Sokrates nannte diesen tiefsten Ort, an dem ihn eine Stimme, schon nicht mehr in Worten faßbar, beriet und lenkte, sein Daimonion. Man könnte ihn auch den Wald nennen. Was soll es nun dem Heutigen bedeuten, wenn er sich durch das Vorbild der Todesbezwinger, der Götter, Helden und Weisen leiten läßt? Es heißt, daß er sich am Widerstande gegen die Zeit beteiligt, und nicht nur gegen diese, sondern jede Zeit überhaupt, und deren Grundmacht ist die Furcht. Jegliche Furcht, wie abgeleitet sie auch erscheine, ist im Kerne Todesfurcht. Wenn es dem Menschen gelingt, hier Raum zu schaffen, so wird sich diese Freiheit auch auf jedem anderen Felde geltend machen, das die Furcht regiert. Dann wird er die Riesen fällen, deren Rüstung der Schrecken ist. Auch das hat sich in der Geschichte stets wiederholt. Es liegt in der Natur der Dinge, daß die Erziehung heute auf das genaue Gegenteil gerichtet ist. Niemals herrschten über den Geschichtsunterricht so seltsame Vorstellungen. Die Absicht in allen Systemen richtet sich auf Unterbindung des metaphysischen Zustroms, auf Zähmung und Dressur im Sinne des Kollektivs. Selbst dort, wo der Leviathan auf Mut sich angewiesen sieht, wie auf dem Schlachtfeld, wird er darauf sinnen, dem Kämpfer eine zweite und stärkere Bedrohung vorzuspiegeln, die ihn am Platze hält. In solchen Staaten verläßt man sich auf die Polizei. Die große Einsamkeit des Einzelnen zählt zu den Kennzeichen der Zeit. Er ist umringt, ist eingeschlossen von der Furcht, die sich gleich Mauern anschiebt gegen ihn. Sie nimmt reale Formen an — in den Gefängnissen, der Sklaverei, der Kesselschlacht. Das füllt die Gedanken, die Selbstgespräche, vielleicht auch die Tagebücher in Jahren, in denen er selbst den Nächsten nicht trauen kann. Hier stößt die Politik an andere Bereiche — sei es an die Natur-, sei es an die Dämonengeschichte mit ihren Schrecknissen. Doch wird auch die Nähe großer, rettender Mächte geahnt. Die Schrecken sind ja Weckrufe, sind Zeichen einer ganz anderen Gefahr, als der historische Konflikt sie vorspiegelt. Sie gleichen immer dringenderen Fragen, die an den Menschen gestellt werden. Niemand kann ihm die Antwort abnehmen.

22

An diesen Grenzen tritt der Mensch in seine theologische Prüfung, gleichviel ob er sich darüber im klaren ist oder nicht. Man sollte auch auf das Wort nicht zuviel Wert legen. Der Mensch wird nach seinen höchsten Werten befragt, nach seiner Ansicht zum Weltganzen und dem Verhältnis seiner Existenz zu ihm. Das braucht nicht in Worten zu geschehen, ja es wird sich dem Wort entziehen. Es kommt auch auf die Formulierung der Antwort nicht an, das heißt: nicht auf Bekenntnisse. Wir sehen also von den Kirchen ab. Dafür, daß sie noch unerschöpftes Gut enthalten, gibt es in unserer Zeit, und gerade in ihr, bedeutende Zeugnisse. Zu ihnen rechnet vor allem das Verhalten ihrer Gegner, in erster Linie das des Staates, der unumschränkte Macht erstrebt. Das bringt notwendig Kirchenverfolgung mit. In diesem Stande soll der Mensch als zoologisches Wesen behandelt werden, gleichviel ob ihn die herrschenden Theorien ökonomisch oder andersartig einordnen. Das führt in die Bereiche zunächst des puren Nutzens, sodann der Bestialität. Auf der anderen Seite steht der Charakter der Kirchen als Institution, als menschliche Einrichtung. In diesem Sinne bedroht sie stets Verhärtung und damit das Versiegen der spendenden Kraft. Darauf beruht das Traurige, Mechanische, Unsinnige an manchem Gottesdienst, die Qual der Sonntage, dann das Sektierertum. Das Institutionelle ist zugleich das Angreifbare; der durch den Zweifel geschwächte Bau stürzt über Nacht, falls er nicht einfach in ein Museum verwandelt wird. Man muß mit Zeiten und Räumen rechnen, in denen die Kirche nicht mehr vorhanden ist. Der Staat sieht sich dann darauf angewiesen, die so entstandene oder sich offenbarende Leere mit seinen Mitteln auszufüllen — ein Unterfangen, an dem er scheitern wird. Für jene, die sich nicht grob abspeisen lassen, ergibt sich die Lage des Waldganges. Zu ihm kann sich der priesterliche Mensch gezwungen sehen, der glaubt, daß ohne Sakrament kein höheres Leben möglich ist und der in der Stillung dieses Hungers sein Amt erblickt. Das führt zum Walde und zu einer Existenz, die immer wiederkehrt in der Verfolgung und vielfach beschrieben ist, wie in der Geschichte des heiligen Polykarp oder in den Memoiren des vortrefflichen d'Aubigné, der Stallmeister Heinrichs IV. war. Unter den Neueren wäre hier Graham Greene zu nennen mit seinem Roman »The Power and the Glory«, der in einer tropischen Landschaft spielt. Wald ist in diesem Sinne natürlich überall; er kann auch in einem Großstadtviertel sein. Darüber hinaus handelt es sich um das Bedürfnis jedes Einzelnen, soweit er sich nicht mit der zoologisch-politischen Einordnung abfindet. Damit berühren wir den Kernpunkt des modernen Leidens, die große Leere, die Nietzsche als das Wachsen der Wüste bezeichnet hat. Die Wüste wächst: das ist das Schauspiel der Zivilisation mit ihren entleerten Beziehungen. In dieser Landschaft wird die Frage nach der Wegzehrung besonders brennend, besonders eindringlich: »Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt.« Gut, wenn die Kirche Oasen schaffen kann. Besser, wenn sich der Mensch auch damit nicht beruhigt. Die Kirche kann Assistenz geben, nicht Existenz. Auch hier sind wir, institutionell gesehen, noch auf dem Schiff, noch in Bewegung; die Ruhe ist im Wald. Im Menschen fällt die Entscheidung; niemand kann sie ihm abnehmen. Die Wüste wächst: die fahlen und unfruchtbaren Ringe nehmen zu. Nun schwinden die sinnvollen Vorfelder: die Gärten, von deren Früchten man sich arglos nährt, die Räume, die mit erprobten Werkzeugen ausgerüstet sind. Dann werden die Gesetze fragwürdig, die Geräte zweischneidig. Weh dem, der Wüsten birgt: wer nicht, und sei es auch nur in einer Zelle, von jener Ursubstanz mit sich führt, die immer wieder Fruchtbarkeit verbürgt.

23

Zwei Prüfund Mahlsteinen wird keiner der Lebenden entrinnen: dem Zweifel und dem Schmerz. Sie sind die beiden großen Mittel der nihilistischen Reduktion. Man muß sie passiert haben. Darin liegt die Aufgabe, die Reifeprüfung für ein neues Zeitalter. Sie wird keinem erspart bleiben. Daher ist man in manchen Ländern der Erde unvergleichlich weiter vorgeschritten als in anderen, und vielleicht gerade in denen, die man für rückständig hält. Das gehört in das Kapitel der optischen Täuschungen. Wie lautet nun die furchtbare Frage, die das Nichts dem Menschen stellt? Es ist das alte Rätsel der Sphinx an Ödipus. Der Mensch wird nach sich selbst gefragt — kennt er den Namen des sonderbaren Wesens, das sich durch die Zeit bewegt? Er wird verschlungen oder gekrönt, je nach der Antwort, die er gibt. Das Nichts will wissen, ob ihm der Mensch gewachsen ist, ob Elemente in ihm leben, die keine Zeit zerstört. In diesem Sinne sind Nichts und Zeit identisch; und es ist richtig, daß mit der großen Macht des Nichts die Zeit sehr wertvoll wird, selbst in den kleinsten Bruchteilen. Zugleich vermehren sich die Apparaturen, das heißt: das Arsenal der Zeit. Darauf beruht der Irrtum, daß die Apparaturen, inson derheit die Maschinentechnik, die Welt vernichtigen. Das Gegenteil ist der Fall: die Apparaturen wachsen unermeßlich und rücken ganz nah heran, weil die uralte Frage an den Menschen wieder fällig geworden ist. Sie sind die Zeugen, deren die Zeit bedarf, um ihre Übermacht den Sinnen darzutun. Wenn der Mensch richtig antwortet, verlieren die Apparaturen ihren magischen Glanz und fügen sich seiner Hand. Das muß erkannt werden. Dies ist die Grundfrage: die Frage der Zeit an den Menschen nach seiner Macht. Sie richtet sich an die Substanz. Alles, was auftritt an feindlichen Reichen, Waffen, Nöten, zählt zur Regie, durch die das Drama vorgetragen wird. Es ist kein Zweifel, daß der Mensch auch diesmal die Zeit bezwingen, das Nichts in seine Höhle verweisen wird. Zu den Kennzeichen der Befragung gehört die Einsamkeit. Sie ist besonders merkwürdig in Zeiten, in denen der Kultus der Gemeinschaft blüht. Daß aber gerade das Kollektiv als das Unmenschliche auftritt, gehört zu den Erfahrungen, die wenigen erspart bleiben. Es ist ein ähnliches Paradoxon wie jenes: daß im gleichen Verhältnis zu den ungeheuren Raumeroberungen sich die Freiheit des Einzelnen mehr und mehr beschränkt. Mit der Feststellung dieser Einsamkeit könnte man das Kapitel schließen, denn was kann es nützen, Lagen zu berühren, zu denen weder Mittel noch geistige Führer vordringen? Daß dem so ist, darüber besteht ein schweigendes Einverständnis, und es gibt Dinge, die man ungern bespricht. Zu den positiven Merkmalen des heutigen Menschen gehört seine Scheu vor höheren Allgemeinplätzen, sein sachliches Bedürfnis nach geistiger Sauberkeit. Dazu tritt ein Bewußtsein, das auch den leisesten falschen Ton erkennt. In dieser Hinsicht haben die Menschen noch Schamgefühl. Und dennoch handelt es sich um ein Forum, auf dem Bedeutendes geschieht. Man wird vielleicht später einmal jenen Teil unserer Literatur als den stärksten empfinden, der am wenigsten literarischen Absichten entsprang: all diese Berichte, Briefe, Tagebücher, die in den großen Treibjagden, Kesseln und Schinderhütten unserer Welt entstanden sind. Man wird erkennen, daß der Mensch im »de profundis« eine Tiefe erreichte, die an die Grundfesten rührt und die gewaltige Macht des Zweifels bricht. Dem folgt der Verlust der Angst. Wie ein solcher Ansatz, selbst wo er scheitert, sich darstellt, mag man aus den im Luftschacht seines Gefängnisses gefundenen Aufzeichnungen Petter Moens ersehen, eines Norwegers, der in deutscher Gefangenschaft umkam und den man als einen geistigen Nachfolger von Kierkegaard bezeichnen kann. Fast immer wirkte ein günstiger Zufall mit, wenn Briefe wie die des Grafen Moltke erhalten geblieben sind. Sie geben wie durch Risse Einblicke in eine versunken geglaubte Welt. Es ist vorauszusehen, daß sich ihnen Dokumente aus dem bolschewistischen Rußland gesellen werden, die dem, was man dort beobachten zu können glaubt, eine Ergänzung hinzufügen werden, einen noch unbekannten Sinn.

24

Eine andere Frage ist jene: wie man den Menschen auf Wege, die ihn ins Dunkle und Unbekannte führen, vorbereiten soll. Das ist die Aufgabe, deren Lösung man vor allem von den Kirchen erwartet und die auch in einer großen Zahl bekannter und noch mehr unbekannter Fälle gelöst wurde. Es hat sich bestätigt, daß Kirchen und Sekten größere Kraft gewähren können als das, was man heute Weltanschauung nennt, das heißt meist: die zur Gesinnung erhobene Naturwissenschaft. Daher sieht man die Tyrannis selbst so harmlose Wesen wie die Ernsten Bibelforscher mit Ingrimm verfolgen — dieselbe Tyrannis, die den Atomforschern die Ehrenplätze offen hält. Es zeugt für guten Instinkt, daß sich die Jugend in neuer Weise mit den Kulten zu beschäftigen beginnt. Selbst wenn die Kirchen sich als unfähig erweisen sollten, dem Raum zu geben, ist die Bewegung wichtig, weil sie Vergleiche schafft. Hier zeigt sich, was möglich war und was erwartet werden darf. Was möglich war, erkennt man heute nur auf einem begrenzten Felde, nämlich auf dem der Kunsthistorie. Daß aber alle diese Bilder, Paläste, musealen Städte nichts bedeuten, verglichen mit der schöpferischen Urkraft — mit dem Gedanken hatten die Futuristen recht. Der große Strom, der diese Gebilde wie bunte Muscheln hinterließ, kann nicht versiegt sein — er fließt tief unterirdisch fort. Der Mensch wird ihn entdecken, wenn er in sich geht. Und damit schafft er einen der Punkte, an denen in der Wüste Oasen möglich sind. Ferner muß man mit weiten Gebieten rechnen, in denen Kirchen nicht mehr vorhanden oder selbst zu Organen der Tyrannis verkümmert sind. Wichtiger noch ist die Erwägung, daß heute in sehr vielen ein starkes Bedürfnis nach kultischen Formen bei gleichzeitiger Abneigung gegen die Kirchen besteht. Es wird ein Mangel in der Existenz gespürt, und darauf beruht die Strömung um die Gnostiker, Sektenbildner und Apostel, die mehr oder minder erfolgreich in die Rolle der Kirchen eintreten. Man könnte sagen, daß immer ein bestimmtes Maß an Gläubigkeit besteht, das durch die Kirchen legitim gestillt wurde. Nun, frei geworden, heftet sich die Kraft an allund jedes an. Daher die Leichtgläubigkeit des modernen Menschen, bei gleichzeitigem Unglauben. Er glaubt, was in der Zeitung, doch nicht, was in den Sternen geschrieben steht. Die hier entstandene Lücke bleibt selbst im völlig säkularisierten Dasein spürbar, und daher fehlt es nicht an Versuchen, sie mit den Mitteln zu schließen, die vorhanden sind. Ein Buch wie »Verkappte Religionen« von Bry gibt einen Einblick in diese Welt, in der die Wissenschaft mehr oder minder ihr Feld verläßt und kapellenbildende Kraft gewinnt. Oft sind es sogar die gleichen Personen, in denen die Wissenschaft zuund abnimmt, wie man es etwa an den Lebensläufen von Haeckel oder Driesch verfolgen kann. Da sich der Schwund vor allem als Leiden bemerkbar macht, ist es kein Wunder, daß insbesondere Ärzte sich ihm zuwenden, und zwar mit scharfsinnigen Systemen der Tiefenlotung und der auf sie gegründeten Heilweisen. Unter den Typen der Kranken, die sie aufsuchen, steht an einer der ersten Stellen jener, der den Vater erschlagen will. Vergeblich wird man nach jenem anderen suchen, der den Vater verloren hat und dessen Leiden in der Unkenntnis des Verlustes liegt. Mit Recht vergeblich, denn hier versagt die Medizin. In jedem guten Arzte muß zwar etwas vom Priester sein, auf den Gedanken jedoch, den Priester ersetzen zu wollen, kann der Arzt erst in Zeiten kommen, in denen die Abgrenzung von Heil und Gesundheit verloren gegangen ist. Daher mag man über all jene Nachahmungen geistlicher Mittel und Formen, wie der Gewissenserforschung, der Beichte, der Meditation, des Gebets, der Ekstasis und anderer, durch therapeutische Methoden denken, wie man will: sie werden über die Symptome nicht hinausgreifen, falls sie nicht sogar schädigen. Durch den Hinweis auf Überwelten, zu denen der Anschluß verloren ging, wird eher die Aushöhlung vermehrt. Die Schilderung des Leidens, die Diagnose ist wichtiger — die scharfe Umschreibung dessen, was verloren gegangen ist. Merkwürdig, daß man sie eher und glaubhafter bei Schriftstellern findet als bei Theologen, von Kierkegaard bis zu Bernanos. Wir sagten bereits, daß die Bilanz bislang nur auf dem Felde der Kunstgeschichte offen liegt. Sie muß indessen auch hinsichtlich der menschlichen Kraft des Einzelnen sichtbar zu machen sein. Diese Aufgabe darf jedoch nicht auf dem Gebiete der Ethik gesucht werden; sie liegt auf dem der Existenz. Ein Mensch, der, wenn auch nicht in der Wüste, so doch in einer verkümmerten Zone, wie etwa einer Industriestadt, sich fristet und dem auch nur ein Schimmer, ein Hauch der ungeheuren Macht des Seins vermittelt wird: ein solcher Mensch beginnt zu ahnen, daß ihm etwas fehlt. Das ist die Vorbedingung dafür, daß er auf die Suche geht. Daß nun der Theologe ihm den Star sticht, ist deshalb wichtig, weil nur so dem Suchenden sich die Aussicht bietet, daß er das Ziel erreicht. Alle anderen Fakultäten, von den prakti schen Instanzen ganz abgesehen, werden ihn auf Trugbilder ansetzen. Es scheint zum großen Kursus des Menschen zu gehören, daß er erst eine Anzahl solcher Bilder zu absolvieren hat — utopische Gänge, zu denen der Fortschritt die perspektivische Verklärung gibt. Er mag ihm Weltmacht, termitenhafte Musterstaaten, ewige Friedensreiche vorspiegeln — das alles wird sich als Phantom erweisen, wo wahrer Auftrag fehlt. In dieser Hinsicht hat der Deutsche unendliches Lehrgeld gezahlt, und dennoch wird es, falls er es wirklich als solches auffaßt, wohl angewendet sein. Der Theologe muß mit dem Menschen von heute rechnen — vor allem mit jenem, der nicht in Reservaten oder an Orten minderen Druckes lebt. Es handelt sich also um jenen, der Schmerz und Zweifel ausgekostet hat und dem der Nihilismus weit eher als die Kirche die Formung gab, wobei noch dahingestellt sei, wieviel an Nihilismus auch in den Kirchen verborgen ist. Dieser Mensch wird meist ethisch und geistig nicht sehr entwickelt sein, obwohl es ihm an überzeugenden Gemeinplätzen nicht fehlt. Er wird wach, intelligent, tätig, mißtrauisch sein, amusisch, ein geborener Erniedriger höherer Typen und Ideen, bedacht auf seinen Vorteil, erpicht auf Versicherung, leicht lenkbar durch die Schlagworte der Propaganda, deren oft abrupten Wechsel er kaum bemerkt, erfüllt von menschenfreundlichen Theorien, doch ebenso geneigt, zur furchtbaren, weder durch Recht noch Völkerrecht begrenzten Gewalt zu greifen, wo Nächste und Nachbarn nicht in sein System passen. Dabei fühlt er sich immer durch bösartige Mächte bis in die Tiefe seiner Träume verfolgt, ist wenig genußfähig und weiß nicht mehr, was Feste sind. Auf der anderen Seite ist anzuführen, daß er sich in friedlichen Zeiten des technischen Komforts erfreut, daß das Durchschnittsalter bedeutend gestiegen ist, daß der Grundsatz der theoretischen Gleichheit allgemein anerkannt wird und daß an manchen Stellen der Erde Modelle einer Lebensführung zu studieren sind, wie es sie in ihrer alle Schichten umfassenden Behaglichkeit, individuellen Freiheit und automatischen Perfektion kaum je gegeben hat. Es ist nicht unmöglich, daß dieser Stil sich nach dem titanischen Zeitalter der Technik ausbreitet. Trotzdem bleibt der Mensch im Schwund begriffen, und daher rührt das eigentümlich Graue und Hoffnungslose seiner Existenz, die sich in manchen Städten und selbst Ländern so verdüstert, daß jedes Lächeln erstorben ist und man in jenen Unterwelten zu weilen meint, die Kafka in seinen Romanen beschreibt. Diesen Menschen ahnen zu lassen, wessen er auch in seiner besten Verfassung beraubt ist und was sich an gewaltiger Kraft in ihm verbirgt — das ist die theologische Aufgabe. Theologe ist jener, der über die niedere Ökonomie hinaus die Wissenschaft des Überflusses kennt, das Rätsel der ewigen Quellen, die unerschöpflich und immer nahe sind. Als Theologe ist der Wissende verstanden — ein Wissender in diesem Sinne ist etwa die kleine Prostituierte Sonja, die in Raskolnikow den Schatz des Seins entdeckt und für ihn zu heben weiß. Der Leser fühlt, daß diese Hebung des Pfundes nicht nur für das Leben, sondern auch in der Transzendenz gelungen ist. Das ist das Große an dem Roman, wie überhaupt das Werk Dostojewskis einem der Wellenbrecher gleicht, an denen der Irrtum der Zeit zerstäubt. Das sind Anlagen, die nach jeder neuen Katastrophe deutlicher hervortreten und in denen die russische Feder Weltrang gewonnen hat.

25

In der Nähe des Nullmeridians, in der wir noch immer weilen, hat der Glaube keinen Kurs; hier werden Beweise verlangt. Man könnte freilich auch sagen, daß man hier an Beweise glaubt. Die Zahl der Geister scheint zuzunehmen, die wissen, daß, selbst technisch gesehen, das geistliche Leben über Formen verfügt, die wirkungsvoller sind als die militärische Disziplin, das sportliche Training oder der Rhythmus der Arbeitswelt. Ignatius wußte das, und von diesem Wissen leben auch heute Sektenbildner und Führer kleiner Kreise, deren Absichten schwer zu beurteilen sind, wie, um ein Beispiel zu nennen, Gurdjiew, ein in vieler Hinsicht merkwürdiger Kaukasier. Welches Rüstzeug soll man jenen an die Hand geben, die lebhaft aus der Einöde rationalistischer und materialistischer Systeme hinausstreben, aber noch dem Zwang ihrer Dialektik unterworfen sind? Ihr Leiden kündet ihnen einen höheren Zustand an. Es gibt Methoden, sie in dieser Richtung zu kräftigen, und es ist unerheblich, daß diese zunächst mechanisch geübt werden. Das gleicht den Wiederbelebungsübungen an Ertrunkenen, die auch zunächst exerziert werden. Dann treten Atmung und Herzschlag hinzu. Hier deutet sich die Möglichkeit eines neuen Ordens an. Wie die Gegenreformation in ihrem Wesen der Reformation entsprach und durch sie gekräftigt wurde, so ist eine geistige Bewegung denkbar, die sich den Nihilismus als Feld sucht und sich an ihn anlegt, als Spiegelbild im Sein. Wie der Missionar mit Eingeborenen in ihrer Sprache redet, empfiehlt es sich auch zu verfahren mit jenen, die im wissenschaftlichen Jargon erzogen sind. Hier freilich macht sich bemerkbar, daß die Kirchen mit den Wissenschaften nicht Schritt hielten. Andererseits treten manche der Einzelwissenschaften in Bezirke ein, in denen eine Unterhaltung über Kernfragen möglich wird. Ein Opus, etwa mit dem Titel »Kleiner Katechismus für Atheisten« wäre wünschenswert. Würde ein solches Unternehmen von einer starken geistlichen Macht als Außenfort vorgeschoben, dann würde es zugleich gegen zahlreiche gnostische Geister wirken, deren Bestreben in dieser Richtung geht. Viele Verschiedenheiten beruhen einfach auf der Terminologie. Ein starker Atheist wirkt immer erfreulicher als der indifferente Durchschnitt, und zwar deshalb, weil er sich über die Welt als Ganzes Gedanken macht. Außerdem wird man nicht selten eine Haltung an ihm finden, die dem Erhabenen Raum gibt; aus diesem Grunde sind die Atheisten des achtzehnten Jahrhunderts auch wirklich starke Geister und angenehmer als die des neunzehnten.

26

Der Wahrspruch des Waldgängers heißt: »Jetzt und Hier« — er ist der Mann der freien und unabhängigen Aktion. Wir sahen, daß wir zu diesem Typus nur einen Bruchteil der Massenbevölkerungen rechnen können, und trotzdem bildet sich hier die kleine, dem Automatismus gewachsene Elite, an der die reine Gewaltanwendung scheitern wird. Es ist die alte Freiheit im Zeitgewande: die substantielle, die elementare Freiheit, die in gesunden Völkern erwacht, wenn die Tyrannis von Parteien oder fremden Eroberern das Land bedrückt. Sie ist keine lediglich protestierende oder emigrierende Freiheit, sondern eine Freiheit, die den Kampf aufnehmen will. Das ist ein Unterschied, der auf die Glaubenssphäre wirkt. Der Waldgänger kann sich keine Indifferenz gestatten, die eine abgelaufene Epoche in ähnlicher Weise kennzeichnet wie die Neutralität der kleinen Staaten oder die Festungshaft bei politischem Delikt. Der Waldgang führt in schwerere Entscheidungen. Die Aufgabe des Waldgängers liegt darin, daß er die Maße der für eine künftige Epoche gültigen Freiheit dem Leviathan gegenüber abzustecken hat. Dem Gegner kommt er nicht mit bloßen Begriffen bei. Der Widerstand des Waldgängers ist absolut, er kennt keine Neutralität, keinen Pardon, keine Festungshaft. Er erwartet nicht, daß der Feind Argumente gelten läßt, geschweige denn ritterlich verfährt. Er weiß auch, daß, was ihn betrifft, die Todesstrafe nicht aufgehoben wird. Der Waldgänger kennt eine neue Einsamkeit, wie sie vor allem die satanisch angewachsene Bosheit mit sich bringt — ihre Verbindung mit der Wissenschaft und dem Maschinenwesen, die zwar kein neues Element, doch neue Erscheinungen in die Geschichte bringt. Das alles kann nicht mit Indifferenz übereinstimmen. In solcher Lage kann man auch nicht auf die Kirchen warten oder auf geistige Führer und Bücher, die vielleicht herantreten. Doch hat sie den Vorteil, aus dem Angelesenen, dem Angefühlten und Angeglaubten herauszuführen in feste Umris se. Die Wirkung zeigt sich schon im Unterschiede zwischen den beiden Weltkriegen, wenigstens was unsere deutsche Jugend betrifft. Nach 1918 sah man eine starke geistige Bewegung, die in allen Lagern Begabungen entfaltete. Jetzt fällt vor allem das Schweigen auf, besonders das Schweigen der Jugend, die doch viel Seltsames in ihren Kesseln und mörderischen Gefangenschaften sah. Und doch wiegt dieses Schweigen schwerer als Ideenentfaltung, ja selbst als Kunstwerke. Man hat dort nicht nur den Zusammenbruch des Nationalstaates, man hat auch andere Dinge gesehen. Gewiß ist die Berührung mit dem Nichts, und zwar mit dem ganz ungeschminkten Nichts unseres Jahrhunderts, in einer Reihe von klinischen Berichten geschildert worden, doch ist vorauszusagen, daß sie noch andere Früchte zeitigen wird.

27

Wir haben schon öfter das Bild des sich selbst begegnenden Menschen gebraucht. In der Tat ist es wichtig, daß jener, der sich Schweres zumutet, einen genauen Begriff von sich gewinnt. Und zwar soll hier der Mensch auf dem Schiff an dem im Walde sich das Maß nehmen — das heißt: der Mensch der Zivilisation, der Mensch der Bewegung und der historischen Erscheinung an seinem ruhenden und überzeitlichen Wesen, das sich in der Geschichte darstellt und abwandelt. Darin liegt Lust für jene starken Geister, zu denen sich der Waldgänger zählt. In diesem Vorgang besinnt sich das Spiegelbild auf das Urbild, von dem es ausstrahlt und in dem es unverletzlich ist — oder auch das Ererbte auf das, was allem Erbteil zu Grunde liegt. Diese Begegnung ist einsam, und darin liegt ihr Zauber; es wohnt ihr kein Notar, kein Geistlicher, kein Würdenträger bei. Der Mensch ist souverän in dieser Einsamkeit, vorausgesetzt, daß er seinen Rang erkennt. In diesem Sinne ist er der Sohn des Vaters, der Herr der Erde, das wunderbar erschaf fene Geschöpf. Bei solchen Begegnungen tritt auch das Soziale zurück. Der Mensch zieht die priesterlichen und richterlichen Kräfte wieder an sich wie in ältester Zeit. Er tritt aus den Abstraktionen, Funktionen und Arbeitsteilungen heraus. Er setzt sich zum Ganzen, zum Absoluten in Beziehung, und darin liegt ein mächtiges Glücksgefühl. Es versteht sich, daß bei dieser Begegnung auch kein Arzt zugegen ist. Hinsichtlich der Gesundheit ist das Urbild, das jeder in sich trägt, sein unverletzlicher, jenseits der Zeit und ihrer Fährnisse geschaffener Körper, der in die leibliche Erscheinung ausstrahlt und der auch in der Heilung wirksam wird. In jede Heilung spielen schöpferische Kräfte ein. Im Stande vollkommener Gesundheit, wie sie selten geworden ist, besitzt der Mensch auch das Bewußtsein dieser höheren Gestaltung, deren Aura ihn sichtbar umstrahlt. Bei Homer finden wir noch die Kenntnis solcher Frische, die seine Welt belebt. Wir finden freie Heiterkeit mit ihr verbunden, und in dem Maße, in dem die Helden sich den Göttern nähern, gewinnen sie an Unverletzbarkeit — ihr Leib wird geistiger. Auch heute geht die Heilung vom Numinosen aus, und es ist wichtig, daß der Mensch, zum mindesten ahnend, sich von ihm bestimmen läßt. Der Kranke, und nicht der Arzt, ist Souverän, ist Spender der Heilung, die er aus Residenzen entsendet, die unangreifbar sind. Verloren ist er erst, wenn er den Zugang zu diesen Quellen verliert. Der Mensch gleicht in der Agonie oft einem Irrenden und Suchenden. Er wird den Ausgang finden, sei es hier oder dort. Schon manchen sah man gesunden, den die Ärzte abgeschrieben hatten, doch keinen, der sich selbst aufgab. Die Ärzte zu meiden, sich auf die Wahrheit des Körpers zu verlassen, doch freilich ihrer Stimme auch zu lauschen, ist für den Gesunden das beste Rezept. Das gilt auch für den Waldgänger, der sich auf Lagen zu rüsten hat, in denen alle Krankheiten zum Luxus gerechnet werden, außer den tödlichen. Welche Meinung man immer von dieser Welt der Krankenkassen, Versicherungen, pharmazeutischen Fabri ken und Spezialisten hegen möge: stärker ist jener, der auf das alles verzichten kann. Verdächtig und im höchsten Maße zur Vorsicht mahnend ist der immer größere Einfluß, den der Staat auf den Gesundheitsbetrieb zu nehmen beginnt, meist unter sozialen Vorwänden. Dazu kommt, daß infolge weitgehender Entbindung des Arztes von der Schweigepflicht bei allen Konsultationen Mißtrauen zu empfehlen ist. Man weiß doch nie, in welche Statistik man eingetragen wird, und zwar nicht nur bei den Medizinalstellen. All diese Heilbetriebe mit angestellten und schlecht bezahlten Ärzten, deren Kuren durch die Bürokratie überwacht werden, sind verdächtig und können sich über Nacht beängstigend verwandeln, nicht nur im Kriegsfalle. Daß dann die musterhaft geführten Kartotheken wieder die Unterlagen liefern, auf Grund deren man interniert, kastriert oder liquidiert werden kann, ist zum mindesten nicht unmöglich. Der ungeheure Zulauf, den die Scharlatane und Wunderdoktoren finden, erklärt sich nicht nur durch die Leichtgläubigkeit der Massen, sondern auch durch ihr Mißtrauen gegen den medizinischen Betrieb und im besonderen gegen die Art, in der er sich automatisiert. Diese Zauberer, wie plump sie auch ihr Handwerk treiben, weichen doch in zwei wichtigen Dingen ab: einmal, indem sie den Kranken als Ganzen nehmen, und zweitens, indem sie die Heilung als Wunder darstellen. Gerade das entspricht dem immer noch gesunden Instinkt, und darauf beruhen die Heilungen. Selbstverständlich ist Ähnliches auch möglich innerhalb der Schulmedizin. Jeder, der heilt, wirkt ja an einem Wunder mit, sei es mit oder trotz seinen Apparaten und Methoden, und viel ist schon gewonnen, wenn er das erkennt. Der Mechanismus kann überall durchbrochen, unschädlich oder sogar nützlich gemacht werden, wo der Arzt mit seiner menschlichen Substanz erscheint. Diese unmittelbare Zuwendung wird freilich durch die Bürokratie erschwert. Doch ist es schließlich so, daß »auf dem Schiff« oder auch auf der Galeere, auf der wir leben, das Funktionale immer wieder von Menschen durchbrochen wird, sei es durch ihre Güte, sei es durch ihre Freiheit oder durch ihren Mut zur unmittelbaren Verantwortung. Der Arzt, der einem Kranken gegen die Vorschrift etwas zuwendet, verleiht vielleicht gerade dadurch dem Mittel Wunderkraft. Durch dieses Auftauchen aus den Funktionen leben wir. Der Techniker rechnet mit einzelnen Vorteilen. In der großen Buchführung sieht das oft anders aus. Liegt in der Welt der Versicherungen, der Impfungen, der peinlichen Hygiene, des hohen Durchschnittsalters ein wirklicher Gewinn? Es lohnt sich nicht, darüber zu streiten, weil sie sich weiter ausbilden wird und weil sich die Ideen, auf denen sie beruht, noch nicht erschöpft haben. Das Schiff wird seine Fahrt fortsetzen, auch über die Katastrophen hinweg. Die Katastrophen bringen freilich gewaltige Ausmerzungen. Wenn ein Schiff untergeht, versinkt auch die Apotheke mit. Es kommt da auf andere Dinge an, wie etwa darauf, daß man einige Stunden im Eiswasser übersteht. Die vielfach geimpfte, keimfreie, an Medikamente gewöhnte Besatzung von hohem Durchschnittsalter hat da geringere Aussicht als jene andere, die das alles nicht kennt. Eine minimale Sterblichkeit in ruhigen Zeiten gibt keinen Maßstab für die wahre Gesundheit; sie kann über Nacht in ihr Gegenteil umschlagen. Es ist sogar möglich, daß sie noch unbekannte Seuchen erzeugt. Das Gewebe der Völker wird anfällig. Hier eröffnet sich auch die Aussicht auf eine der großen Gefahren unserer Zeit, die Übervölkerung, wie etwa Bouthoul sie in seinem Buche »Hundert Millionen Tote« geschildert hat. Die Hygiene sieht sich vor der Aufgabe, die gleichen Massen einzudämmen, deren Entstehung sie ermöglichte. Doch damit überschreiten wir das Thema des Waldganges. Wer mit ihm rechnet, für den taugt die Luft der Treibhäuser nicht.

28

Beängstigend ist die Art, in der Begriffe und Dinge oft über Nacht ihr Gesicht wechseln und andere Folgen zeitigen als die erwarteten. Das ist ein Zeichen der Anarchie. Betrachten wir etwa die Freiheiten und Rechte des Einzelnen in ihrem Verhältnis zur Autorität. Sie werden durch die Verfassung bestimmt. Freilich wird man immer wieder und leider wohl auch noch für längere Zeit mit der Verletzung dieser Rechte rechnen müssen, sei es durch den Staat, sei es durch eine Partei, die sich des Staates bemächtigt, sei es durch einen fremden Eindringling oder durch kombinierte Zugriffe. Man kann wohl sagen, daß sich die Massen, wenigstens bei uns zulande, in einem Zustand befinden, in dem sie Verfassungsverletzungen kaum noch wahrnehmen. Wo dieses Bewußtsein einmal verloren gegangen ist, wird es künstlich nicht wieder hergestellt. Die Rechtsverletzung kann auch legalen Anstrich tragen, etwa dadurch, daß die herrschende Partei eine verfassungsändernde Mehrheit bewirkt. Die Mehrheit kann zugleich recht haben und Unrecht tun: der Widerspruch geht in einfache Köpfe nicht hinein. Bereits bei den Abstimmungen läßt sich oft schwer entscheiden, wo das Recht aufhört und die Gewalt beginnt. Die Übergriffe können sich allmählich verschärfen und gegen bestimmte Gruppen als reine Untat auftreten. Wer solche vom Massenbeifall unterstützten Akte beobachten konnte, der weiß, daß dagegen mit hergebrachten Mitteln wenig zu unternehmen ist. Ein ethischer Selbstmord läßt sich nicht jedem zumuten, vor allem nicht, wenn er ihm vom Ausland her empfohlen wird. In Deutschland ist oder wenigstens war ein offener Widerstand gegen die Obrigkeit besonders schwierig, weil sich noch aus den Zeiten der legitimen Monarchie dem Staat gegenüber eine Ehrfurcht erhalten hat, die neben ihren Schattenseiten auch Vorzüge besitzt. Es fiel dem Einzelnen daher schwer, zu begreifen, daß er nach dem Einzug der siegrei chen Mächte für seinen mangelnden Widerstand nicht nur generell, als Kollektivschuldiger, sondern auch individuell belangt wurde — etwa dafür, daß er als Beamter oder als Kapellmeister auch weiterhin seinen Beruf besorgt hatte. Wir dürfen diesen Vorwurf, obwohl er groteske Blüten trieb, nicht als Kuriosum auffassen. Es handelt sich vielmehr um einen neuen Zug unserer Welt, und es kann nur empfohlen werden, ihn immer im Auge zu behalten in Zeiten, wo an öffentlichem Unrecht nie Mangel herrscht. Hier kann man durch Okkupanten in den Geruch des Kollaborateurs geraten, dort durch Parteien in den des Mitläufers. Auf diese Weise entstehen Lagen, in denen der Einzelne zwischen Scylla und Charybdis gerät; es droht ihm Liquidierung sowohl wegen Beteiligung als auch wegen Nichtbeteiligung. Es wird also vom Einzelnen ein hoher Mut erwartet; man verlangt von ihm, daß er allein, auch gegen die Macht des Staates, dem Recht handhafte Hilfe leiht. Man wird bezweifeln, daß solche Menschen zu finden sind. Indes, sie werden auftauchen und sind dann Waldgänger. Auch unfreiwillig wird dieser Typus in das Geschichtsbild treten, denn es gibt Formen des Zwanges, die keine Wahl lassen. Freilich muß Eignung hinzukommen. Auch Wilhelm Tell geriet wider seinen Willen in den Konflikt. Dann aber bewies er sich als Waldgänger, als Einzelner, in dem das Volk sich seiner Urkraft dem Zwingherrn gegenüber bewußt wurde. Das ist ein seltsames Bild: ein Einzelner oder auch viele Einzelne, die sich dem Leviathan gegenüber zur Wehr setzen. Und doch erweisen sich gerade hier die Stellen, an denen der Koloß gefährdet ist. Man muß nämlich wissen, daß selbst eine winzige Zahl von Menschen, die wirklich entschlossen sind, nicht nur moralisch, sondern auch tatsächlich bedrohlich werden kann. In ruhigen Zeiten wird man das nur an den Verbrechern sehen. Immer wieder wird man erleben, daß zwei, drei Apachen ganze Großstadtviertel in Aufruhr versetzen und langwierige Belagerungen verursachen. Wenn sich nun das Verhältnis umkehrt, indem die Behörde kriminell wird und rechtliche Menschen sich zur Wehr setzen, können sie unvergleichlich größere Wirkungen auslösen. Man kennt die Bestürzung, in die Napoleon durch den Aufstand von Mallet, eines einzelnen, aber unbeugsamen Menschen, versetzt wurde. Wir wollen annehmen, daß in einer Stadt, in einem Staate noch eine gewisse, wenn auch geringe Anzahl von wirklich freien Männern lebt. In diesem Falle würde der Verfassungsbruch von einem starken Risiko begleitet sein. Insofern ließe sich die Theorie der Kollektivschuld stützen: die Möglichkeit der Rechtsverletzung steht im genauen Verhältnis zur Freiheit, auf die sie stößt. Ein Angriff gegen die Unverletzbarkeit, ja Heiligkeit der Wohnung zum Beispiel wäre im alten Island unmöglich gewesen in jenen Formen, wie er im Berlin von 1933 inmitten einer Millionenbevölkerung als reine Verwaltungsmaßnahme möglich war. Als rühmliche Ausnahme verdient ein junger Sozialdemokrat Erwähnung, der im Hausflur seiner Mietwohnung ein halbes Dutzend sogenannter Hilfspolizisten erschoß. Der war noch der substantiellen, der altgermanischen Freiheit teilhaftig, die seine Gegner theoretisch feierten. Das hatte er natürlich auch nicht aus seinem Parteiprogramm gelernt. Jedenfalls gehörte er nicht zu jenen, von denen Léon Bloy sagt, daß sie zum Rechtsanwalt laufen, während ihre Mutter vergewaltigt wird. Wenn wir nun ferner annehmen wollen, daß in jeder Berliner Straße auch nur mit einem solchen Falle zu rechnen gewesen wäre, dann hätten die Dinge anders ausgesehen. Lange Zeiten der Ruhe begünstigen gewisse optische Täuschungen. Zu ihnen gehört die Annahme, daß sich die Unverletzbarkeit der Wohnung auf die Verfassung gründe, durch sie gesichert sei. In Wirklichkeit gründet sie sich auf den Familienvater, der, von seinen Söhnen begleitet, mit der Axt in der Tür erscheint. Nur wird diese Wahrheit nicht immer sichtbar und soll auch keinen Einwand gegen Verfassungen abgeben. Es gilt das alte Wort: »Der Mann steht für den Eid, nicht aber der Eid für den Mann.« Hier liegt einer der Gründe, aus denen die neue Legislatur im Volke auf so geringe Anteilnahme stößt. Das mit der Wohnung liest sich nicht übel, nur leben wir in Zeiten, in denen ein Beamter dem anderen die Klinke in die Hand drückt. Man hat dem Deutschen den Vorwurf gemacht, der amtlichen Gewalttat nicht genügend Widerstand entgegengesetzt zu haben, vielleicht mit Recht. Er kannte die Spielregeln noch nicht und fühlte sich auch von anderen Zonen her bedroht, in denen weder jetzt noch jemals vorher von Grundrechten die Rede war. Die Mittellage kennt immer zwei Bedrohungen: Sie hat den Vorteil, aber auch den Nachteil des Sowohl-Als-auch. Noch werden jene, die inzwischen in aussichtsloser Lage, ja unbewaffnet, bei der Verteidigung ihrer Frauen und Kinder fielen, kaum gesehen. Auch ihr einsamer Untergang wird bekannt werden. Er ist ein Gewicht in der Waagschale. Wir haben darauf zu sinnen, daß sich das Schauspiel des Zwanges, der keine Antwort findet, nicht wiederholt.

29

Beim Überfall durch fremde Heere stellt sich der Waldgang als kriegerisches Mittel dar. Das gilt vor allem für Staaten, die schwach oder gar nicht gerüstet sind. Wie gegenüber den Kirchen, so fragt der Waldgänger auch hinsichtlich der Rüstung nicht, ob und wie weit sie vorgeschritten, ja ob sie überhaupt vorhanden ist oder nicht. Das sind Vorgänge auf dem Schiff. Der Waldgang ist zu jeder Stunde und an jedem Orte zu verwirklichen, auch gegen ungeheure Übermacht. In solchem Falle wird er sogar das einzige Mittel des Widerstandes sein. Der Waldgänger ist kein Soldat. Er kennt nicht die soldatischen Formen und ihre Disziplin. Sein Leben ist zugleich freier und härter als das soldatische. Die Waldgänger rekrutieren sich aus jenen, die auch in aussichtsloser Lage für die Freiheit zu kämpfen entschlossen sind. Im idealen Falle wird ihre persönliche Freiheit mit der ihres Landes übereinstimmen. Hierauf beruht ein großer Vorteil der freien Völker, der mit der Dauer eines Krieges immer schwerer in die Waagschale fällt. Auf Waldgang angewiesen sind auch jene, für die eine andere Form der Existenz unmöglich ist. Dem Einmarsch folgen Maßnahmen, die große Teile der Bevölkerung bedrohen: Verhaftungen, Durchkämmungen, Eintragung in Listen, Pressung zu Zwangsarbeit und fremdem Heeresdienst. Das treibt in den geheimen oder auch offenen Widerstand. Eine besondere Gefahr liegt darin, daß kriminelle Elemente eindringen. Der Waldgänger ficht zwar nicht nach Kriegsrecht, aber auch nicht kriminell. Ebensowenig ist seine Disziplin soldatisch, und diese Tatsache setzt eine starke, unmittelbare Führung voraus. Was seinen Ort betrifft, so ist Wald überall. Wald ist in den Einöden wie in den Städten, wo der Waldgänger verborgen oder unter der Maske von Berufen lebt. Wald ist in der Wüste und im maquis. Wald ist im Vaterlande wie auf jedem anderen Boden, auf dem der Widerstand sich führen läßt. Wald ist vor allem im Hinterland des Feindes selbst. Der Waldgänger steht nicht im Banne der optischen Täuschung, die den Angreifer als Nationalfeind sieht. Er kennt seine Zwangslager, die Schlupfwinkel der Unterdrückten, die Minderheiten, die ihrer Stunde entgegenharren. Er führt den kleinen Krieg entlang der Schienenstränge und Nachschubstraßen, bedroht die Brücken, Kabel und Depots. Seinetwegen muß man die Truppen zur Sicherung verzetteln, die Posten vervielfachen. Der Waldgänger besorgt die Ausspähung, die Sabotage, die Verbreitung von Nachrichten in der Bevölkerung. Er schlägt sich ins Unwegsame, ins Anonyme, um wieder zu erscheinen, wenn der Feind Zeichen von Schwäche zeigt. Er verbreitet eine ständige Unruhe, erregt nächtliche Paniken. Er kann selbst Heere lähmen, wie man es an der Napoleonischen Armee in Spanien gesehen hat. Der Waldgänger verfügt nicht über die großen Kampfmittel. Aber er weiß, wie Waffen, die Millionen kosten, durch kühnen Ansatz zu vernichten sind. Er kennt ihre taktischen Schwächen, ihre Blößen, ihre Entzündbarkeit. Er verfügt auch freier über die Wahl des Ortes als die Truppe und wird sich dort ansetzen, wo durch geringe Kräfte großer Abbruch geleistet werden kann — an den Engpässen, an Adern, die durch schwieriges Gelände führen, an Plätzen, die weit entfernt von den Basen sind. Ein jeder Vormarsch erreicht äußerste Punkte, an denen Menschen und Mittel kostbar werden, weil sie über riesige Strecken heranzutragen sind. Auf einen Kämpfer kommen dann hundert andere im rückwärtigen Dienst. Und dieser eine stößt auf den Waldgänger. Wir kommen hier wieder auf unsere Verhältniszahl. Was die Weltlage angeht, so ist sie dem Waldgang günstig: sie schafft Balancen, die zur freien Tat herausfordern. Im Weltbürgerkrieg muß jeder Angreifer damit rechnen, daß sein Hinterland schwierig wird. Und jedes neue Gebiet, das ihm anheimfällt, vergrößert das Hinterland. Er muß zugleich die Mittel verschärfen; das führt zur Lawine der Repressalien. Sein Gegner legt auf diese Unterhöhlung und ihre Förderung den höchsten Wert. Das heißt, daß der Waldgänger, wenn nicht mit direkter Unterstützung, so doch auf Bewaffnung, Versorgung und Nachschub durch eine Weltmacht rechnen kann. Aber er ist nicht Parteigänger. Im Waldgang verbirgt sich ein neues Prinzip der Verteidigung. Er kann geübt werden, gleichviel ob Heere bestehen oder nicht. Man wird in allen, und gerade in den kleinen, Ländern erkennen, daß seine Vorbereitung unentbehrlich ist. Die großen Waffen können nur durch die Überstaaten geschaffen und geführt werden. Den Waldgang kann auch die kleinste Minderheit, ja selbst der Einzelne verwirklichen. Hier liegt die Antwort, die die Freiheit zu geben hat. Und sie behält das letzte Wort. Der Waldgang steht in engerem Verhältnis zur Freiheit als jede Rüstung; in ihm lebt der ursprüngliche Wille zum Widerstand. Daher werden auch nur Freiwillige zu ihm geeignet sein. Sie werden sich auf alle Fälle verteidigen, gleichviel ob der Staat sie vorbereitet, ausrüstet und aufruft oder nicht. Sie erbringen damit den Nachweis ihrer Freiheit, und zwar existentiell. Der Staat, in dem nicht ein entsprechendes Bewußtsein lebt, wird zum Trabanten, zum Satelliten herabsinken. Die Freiheit ist heute das große Thema; sie ist die Macht, durch welche die Furcht bezwungen wird. Sie ist das Hauptfach des freien Menschen, und nicht nur sie, sondern auch die Art und Weise, in der sie wirksam vertreten und sichtbar gemacht werden kann im Widerstand. Wir wollen in die Einzelheiten nicht eintreten. Die Furcht wird schon dadurch vermindert, daß er seine Rolle im Falle der Katastrophe kennt. Die Katastrophe muß exerziert werden, wie man beim Antritt einer Seefahrt den Schiffbruch exerziert. Wo sich ein Volk zum Waldgang rüstet, muß es zur furchtbaren Macht werden. Man hört den Einwand, daß der Deutsche für diese Art des Widerstandes nicht geschaffen sei. Nun, es gibt manches, was man ihm nicht zutraute. Was die Ausrüstung mit Waffen und Nachrichtenmitteln, vor allem mit Sendern, die Anlage von Spielen und Übungen, die Vorbereitung von Stützpunkten und von Systemen, die auf diese neue Art des Widerstandes berechnet sind — kurzum, was jene Seite betrifft, die an die Praxis anstößt, so wird man immer Kräfte finden, die sich mit ihr beschäftigen und die sie ausformen. Wichtiger ist die Verwirklichung des alten Grundsatzes, daß der freie Mann bewaffnet sei, und zwar nicht mit Waffen, die in Zeughäusern und Kasernen aufbewahrt werden, sondern die er im Hause, in seiner Wohnung führt. Das wird auch auf die Grundrechte zurückwirken. Unter den Aussichten, die heute drohen, ist wohl die trübste jene, daß deutsche Heere gegeneinander antreten. Jeder Fortschritt der Aufrüstung hüben und drüben steigert die Gefahr. Der Waldgang ist das einzige Mittel, das ohne Rücksicht auf künstliche Grenzen und über sie hinweg gemeinsamen Zielen gewidmet werden kann. Hier können auch die Kennworte gefunden, ausgetauscht und verbreitet werden, die verhindern, daß man aufeinander schießt. Ausbildung hü ben und drüben, auch ideologisch, kann nicht schaden, wird sogar nützen, wenn man weiß, wer in der Schicksalsstunde, wie bei Leipzig, zum andern übergeht. Eine Macht, die den Schwerpunkt auf den Waldgang legt, weist nach, daß keine Absicht zum Angriffskrieg besteht. Trotzdem könnte sie die Defensivkraft sehr stark, ja sogar abschreckend machen bei geringeren Unkosten. Das würde eine Politik auf lange Sicht ermöglichen. Die Früchte fallen von selbst für jenen, der sein Recht kennt und warten kann. Gestreift sei noch die Möglichkeit, daß der Waldgang als Weg, auf dem Notwendigkeit und Freiheit sich erkennen, auf die Heere zurückwirkt, indem Urformen des Widerstandes, aus denen die soldatischen hervorgegangen sind, wieder in die Geschichte eintreten. Wo unter ungeheurer Bedrohung das nackte »Sein oder Nichtsein« aufbricht, erhebt sich die Freiheit aus dem Rechtsraum in eine andere, heiligere Schicht, in welcher Väter, Söhne und Brüder sich einigen. Dem kann das Schema der Heere nicht standhalten. Die Aussicht, daß die leere Routine sich der Dinge bemächtigt, ist gefährlicher als Waffenlosigkeit. Doch ist das keine Frage, die den Waldgang als solchen angeht; in ihm bestimmt der Einzelne die Art und Weise, in der er die Freiheit wahrt. Wo er sich zum Dienst entschließt, wird sich die Disziplin in Freiheit umwandeln, wird eine ihrer Formen, eins ihrer Mittel sein. Der Freie gibt den Waffen ihren Sinn.

30

Wie alle ständischen Formen in spezielle Arbeitscharaktere, das heißt: in technische Funktionen umgeschmolzen werden, so auch die soldatischen. Dem Soldaten ist von den Aufgaben des Herakles im wesentlichen die erste verblieben: er hat von Zeit zu Zeit den Augiasstall der Politik zu reinigen. Bei diesem Geschäft wird es immer schwieriger, saubere Hände zu behalten und den Krieg auf eine Weise zu führen, die ihn einerseits vom Handwerk der Polizei und anderer seits von dem des Schlachters oder selbst des Abdeckers hinreichend trennt. Den neuen Auftraggebern ist daran auch weniger gelegen als an der Ausbreitung des Schreckens um jeden Preis. Dazu kommt, daß die Erfindungen den Krieg ins Uferlose treiben und die neuen Waffen jede Unterscheidung zwischen Kämpfern und Nichtkämpfern aufheben. Damit fällt die Voraussetzung, aus der das Standesbewußtsein des Soldaten lebt, geht der Verfall der ritterlichen Formen Hand in Hand. Noch Bismarck lehnte den Vorschlag ab, Napoleon III. vor ein Gericht zu ziehen. Er hielt sich als Gegner nicht für zuständig. Inzwischen ist es üblich geworden, den Besiegten rechtsförmlich zu verurteilen. Die Streitigkeiten, die sich an solche Sprüche knüpfen, sind überflüssig und entbehren der Grundlage. Parteien können nicht urteilen. Sie setzen den Gewaltakt fort. Sie entziehen auch den Schuldigen seinem Gericht. Wir leben in Zeiten, in denen Krieg und Frieden schwer zu unterscheiden sind. Die Grenzen zwischen Dienst und Verbrechen sind durch Schattierungen verwischt. Das täuscht selbst scharfe Augen, denn in jeden Einzelfall fließt ja die Zeitverwirrung, die Allgemeinschuld ein. Erschwerend wirkt ferner, daß Fürsten fehlen und daß die Mächtigen alle über die Stufen der Parteiung aufgestiegen sind. Das mindert vom Ursprung an die Begabung für Akte, die sich auf das Ganze richten, also für Friedensschlüsse, Urteile, Feste, Spendungen und Mehrungen. Die Kräfte wollen vielmehr vom Ganzen leben; sie sind unfähig, es zu erhalten und zu mehren durch inneren Überfluß: durch Sein. So kommt es zum Verschleiß des Kapitals durch siegreiche Fraktionen, für Tageseinsichten und -absichten, wie das bereits der alte Marwitz befürchtete. Das einzig Tröstliche an diesem Schauspiel liegt darin, daß es sich um ein Gefälle handelt, das in bestimmter Richtung und zu bestimmten Zielen wirkt. Abschnitte wie diesen bezeichnete man früher als Interregnum, während sie sich heute als Werkstättenlandschaft darbieten. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß letzte Gültigkeiten fehlen; und es ist bereits viel erreicht, wenn man erkennt, daß das notwendig ist und auf jeden Fall besser, als wenn man abgebrauchte Elemente als gültig einzuführen oder zu halten sucht. Ähnlich wie unser Auge die Verwendung gotischer Formen in der Maschinenwelt ablehnt, verhält es sich auch im Moralischen. Wir haben das in der Betrachtung der Arbeitswelt im einzelnen ausgeführt. Man muß schon die Gesetze der Landschaft kennen, in der man lebt. Andererseits bleibt das wertende Bewußtsein unbestechlich, und hierauf beruht der Schmerz, beruht die Wahrnehmung des Verlustes, die unvermeidlich ist. Der Anblick eines Bauplatzes kann nicht das ruhende Behagen geben, das ein Meisterwerk gewährt, und ebenso wenig können die Dinge vollkommen sein, die man dort erblickt. Im Maße, in dem das bewußt wird, ist Ehrlichkeit vorhanden, und in ihr deutet sich der Respekt vor höheren Ordnungen an. Diese Ehrlichkeit schafft ein notwendiges Vakuum, wie es etwa in der Malerei sichtbar wird und das seine theologischen Entsprechungen besitzt. Das Bewußtsein des Verlustes kommt auch darin zum Ausdruck, daß jede ernstzunehmende Lagebeurteilung sich entweder auf ein Vergangenes oder auf ein Zukünftiges bezieht. Sie führt entweder zur Kulturkritik oder zur Utopie, von den zyklischen Lehren abgesehen. Der Schwund der rechtlichen und moralischen Bindungen zählt auch zu den großen Themen der Literatur. Insbesondere der amerikanische Roman spielt in Bereichen, in denen nicht die geringste Verbindlichkeit mehr herrscht. Er ist auf den nackten Fels geraten, den anderswo noch der Humus sich zersetzender Schichten bedeckt. Im Waldgang hat man sich mit Krisen abzufinden, in denen weder Gesetz noch Sitte standhalten. In solchen Krisen wird man ähnliche Beobachtungen machen können wie bei den Wahlen, die wir am Eingang schilderten. Die Massen werden der Propaganda folgen, die sie in ein technisches Verhältnis zu Recht und Moral versetzt. Nicht so der Waldgänger. Es ist ein harter Entschluß, den er zu fassen hat: auf alle Fälle sich die Prüfung dessen vorzubehalten, für das man von ihm Zustimmung oder Mitwirkung verlangt. Die Opfer werden bedeutend sein. Jedoch verbindet sich mit ihnen auch ein unmittelbarer Gewinn an Souveränität. Die Dinge liegen freilich so, daß dieser Gewinn nur von den wenigsten als solcher empfunden wird. Herrschaft wird aber nur von jenen kommen können, denen die Kenntnis der menschlichen Urmaße erhalten blieb und die durch keine Übermacht zum Verzicht auf menschliches Handeln zu bringen sind. Wie sie das leisten, bleibt eine Frage des Widerstandes, der durchaus nicht immer offen geführt zu werden braucht. Das zu verlangen, gehört zwar zu den Lieblingstheorien der Unbeteiligten, bedeutet aber praktisch wohl das gleiche, als wenn man die Liste der letzten Menschen den Tyrannen auslieferte. Wenn alle Institutionen zweifelhaft oder sogar anrüchig werden und man selbst in den Kirchen nicht etwa für die Verfolgten, sondern für die Verfolger öffentlich beten hört, dann geht die sittliche Verantwortung auf den Einzelnen über oder, besser gesagt, auf den noch ungebrochenen Einzelnen. Der Waldgänger ist der konkrete Einzelne, er handelt im konkreten Fall. Er braucht nicht Theorien, nicht von Parteijuristen ausgeheckte Gesetze, um zu wissen, was rechtens ist. Er steigt zu den noch nicht in die Kanäle der Institutionen verteilten Quellen der Sittlichkeit hinab. Hier werden die Dinge einfach, falls noch Unverfälschtes in ihm lebt. Wir sahen die große Erfahrung des Waldes in der Begegnung mit dem eigenen Ich, dem unverletzbaren Kerne, dem Wesen, aus dem sich die zeitliche und individuelle Erscheinung speist. Diese Begegnung, die sowohl auf die Gesundung wie auf die Verbannung der Furcht so großen Einfluß übt, ist auch moralisch von höchstem Rang. Sie führt auf jene Schicht, die allem Sozialen zugrunde liegt und urgemeinsam ist. Sie führt auf den Menschen zu, der unter dem Individuellen den Grundstock bildet und von dem die Individuationen ausstrahlen. In dieser Zone ist nicht nur Gemeinsamkeit; hier ist Identität. Das ist es, was das Symbol der Umarmung andeutet. Das Ich erkennt sich im Anderen — es folgt der ural ten Weisheit des »Das bist du«. Der andere kann der Geliebte, er kann auch der Bruder, der Leidende, der Schutzlose sein. Indem das Ich ihm Hilfe spendet, fördert es sich zugleich im Unvergänglichen. Darin bestätigt sich die Grundordnung der Welt. Das sind Erfahrungen. Zahllose leben heute, welche die Zentren des nihilistischen Vorganges, die Tiefpunkte des Malstromes passiert haben. Sie wissen, daß dort die Mechanik sich immer drohender enthüllt; der Mensch befindet sich im Inneren einer großen Maschine, die zu seiner Vernichtung ersonnen ist. Sie mußten auch erfahren, daß jeder Rationalismus zum Mechanismus und jeder Mechanismus zur Folter führt, als seiner logischen Konsequenz. Das hat man im 19. Jahrhundert noch nicht gesehen. Ein Wunder muß geschehen, wenn man solchen Wirbeln entkommen soll. Das Wunder hat sich unzählige Mal vollzogen, und zwar dadurch, daß inmitten der unbelebten Ziffern der Mensch erschien und Hilfe spendete. Das galt bis in die Gefängnisse, ja gerade dort. In jeder Lage und jedem gegenüber kann so der Einzelne zum Nächsten werden — darin verrät sich sein unmittelbarer, sein fürstlicher Zug. Der Ursprung des Adels liegt darin, daß er Schutz gewährte — Schutz gegenüber der Bedrohung durch Untiere und Unholde. Das ist das Kennzeichen der Vornehmen, und es leuchtet noch auf im Wächter, der einem Gefangenen heimlich ein Stück Brot zusteckt. Das kann nicht verloren gehen, und davon lebt die Welt. Es sind die Opfer, auf denen sie beruht.

31

Es gibt also Lagen, die unmittelbar zur moralischen Entscheidung auffordern, und das vor allem dort, wo der Umtrieb seine tiefsten Wirbel erreicht Das war nicht immer der Fall und wird nicht immer der Fall bleiben. Im allgemeinen bilden die Institutionen und die mit ihnen verknüpften Vorschriften gangbaren Boden; es liegt in der Luft, was Recht und Sitte ist. Natürlich gibt es Verstöße, aber es gibt auch Gerichte und Polizei. Das ändert sich, wenn die Moral durch eine Untergattung der Technik, nämlich durch Propaganda, ersetzt wird und die Institutionen sich in Waffen des Bürgerkrieges umwandeln. Dann fällt die Entscheidung dem Einzelnen zu, und zwar als Entweder-Oder, indem ein drittes Verhalten, nämlich das neutrale, ausgeschlossen wird. Nunmehr liegt in der Nichtbeteiligung, aber auch in der Verurteilung aus dem Nichtbeteiligtsein heraus, eine besondere Art der Infamie. Auch der Machthaber in seinen wechselnden Inkarnationen tritt mit einem Entweder-Oder an den Einzelnen heran. Das ist der zeitliche Vorhang, der sich vor stets demselben und immer wiederkehrenden Schauspiel hebt. Die Zeichen auf dem Vorhang sind nicht das Wichtigste. Das EntwederOder des Einzelnen sieht anders aus. Er wird an einen Punkt geführt, an dem er zwischen der ihm unmittelbar verliehenen Qualität des Menschen und der des Verbrechers zu wählen hat. Wie sich der Einzelne in dieser Fragestellung behauptet, davon hängt unsere Zukunft ab. Das wird vielleicht gerade dort entschieden, wo das Dunkel am tiefsten scheint. Was das Verbrechen angeht, so bildet es neben der autonomen sittlichen Entscheidung die zweite Möglichkeit, die Souveränität zu wahren inmitten des Schwundes, der nihilistischen Unterwühlung des Seins. Das haben die französischen Existentialisten richtig erkannt. Das Verbrechen hat mit dem Nihilismus nichts zu schaffen, ja es bildet sogar eine Zuflucht vor dessen das Selbstbewußtsein zerstörenden Aushöhlung, einen Ausweg aus jener Einöde. Schon Chamfort sagte: »L'homme, dans l'état actuel de la société, me paraît plus corrompu par sa raison que par ses passions.« Wahrscheinlich erklärt sich auf diese Weise der Kultus des Verbrechens als eines der Zeichen unserer Zeit. Maß und Verbreitung dieses Kultes werden leicht unterschätzt. Man kann einen Begriff davon gewinnen, wenn man in dieser Ab sicht die Literatur betrachtet, und zwar nicht nur ihre niederen Arten einschließlich des Lichtspiels und der Illustrierten Zeitschriften, sondern auch die Weltliteratur. Man darf behaupten, daß sie sich zu drei Vierteln mit Verbrechern, mit ihren Handlungen und ihrem Milieu beschäftigt und daß gerade darin ihr Anreiz liegt. Das zeigt den Umfang, in dem das Gesetz fragwürdig geworden ist. Der Mensch hat das Gefühl, unter Fremdherrschaft zu stehen, und in diesem Verhältnis erscheint der Verbrecher ihm verwandt. Als ein Räuber und vielfacher Mörder, der Bandit Giuliano, in Sizilien zur Strecke gebracht wurde, breitete sich weithin Trauer aus. Das Experiment, das Leben auf freier Wildbahn zu führen und fortzusetzen, war mißglückt. Davon wurde jeder innerhalb der grauen Massen mitbetroffen und im Gefühl des Eingeschlossenseins bestärkt. Das führt zur Heroisierung des Untäters. Es schafft auch das moralische Zwielicht in allen résistance-Bewegungen, und nicht nur dort. Nun leben wir in Zeiten, in denen täglich unerhörte Arten des Zwanges, der Sklaverei, der Ausrottung auftreten können — sei es, daß sie sich gegen bestimmte Schichten richten oder über weite Landstriche ausdehnen. Dagegen ist der Widerstand legal, als die Behauptung der menschlichen Grundrechte, die von Verfassungen im besten Falle garantiert werden, doch die der Einzelne zu vollstrecken hat. Hierfür gibt es wirksame Formen, und der Bedrohte muß auf sie vorbereitet, er muß in ihnen geschult werden; ja es verbirgt sich hier das Hauptfach einer neuen Erziehung überhaupt. Es ist schon ungemein wichtig, den Bedrohten an den Gedanken zu gewöhnen, daß Widerstand überhaupt möglich ist — ist das begriffen, dann wird mit einer winzigen Minderheit die Erlegung des gewaltigen, doch plumpen Kolosses möglich sein. Auch das ist ein Bild, das immer in der Geschichte wiederkehrt und in dem sie ihre mythischen Grundfesten gewinnt. Darauf erheben sich dann Gebäude für lange Zeit. Es ist nun das natürliche Bestreben der Machthaber, den legalen Widerstand und selbst die Nichtannahme ihrer Ansprüche als verbrecherisch darzustellen, und diese Absicht bildet besondere Zweige der Gewaltanwendung und ihrer Propaganda aus. Dazu gehört auch, daß sie in ihrer Rangordnung den gemeinen Verbrecher höher stellen als jenen, der ihren Absichten widerspricht. Demgegenüber ist es wichtig, daß der Waldgänger sich in seiner Sittlichkeit, in seiner Kampfführung, in seiner Gesellschaft nicht nur deutlich vom Verbrecher unterscheidet, sondern daß dieser Unterschied auch in seinem Inneren lebendig ist. Er kann das Rechte nur in sich finden, in einer Lage, in der Rechtsund Staatsrechtslehrer ihm nicht das nötige Rüstzeug an die Hand geben. Bei Dichtern und Philosophen erfahren wir schon eher, was zu verteidigen ist. Wir sahen an anderer Stelle, warum weder das Individuum noch die Masse sich in der Elementarwelt behaupten können, in die wir seit 1914 eingetreten sind. Das heißt nicht, daß der Mensch als Einzelner und Freier verschwinden wird. Er muß vielmehr tief unter seine individuelle Oberfläche hinabloten und wird dann Mittel finden, die seit den Religionskriegen versunken sind. Es ist kein Zweifel daran, daß er aus diesen Titanenreichen im Schmucke einer neuen Freiheit scheiden wird. Sie kann nur durch Opfer erworben werden, denn Freiheit ist kostbar und fordert, daß man vielleicht gerade das Individuelle, vielleicht sogar die Haut der Zeit zum Raube läßt. Der Mensch muß wissen, ob ihm die Freiheit schwerer wiegt — ob er sein So-Sein höher als sein Da-Sein schätzt. Das eigentliche Problem liegt eher darin, daß eine große Mehrzahl die Freiheit nicht will, ja daß sie Furcht vor ihr hat. Frei muß man sein, um es zu werden, denn Freiheit ist Existenz — ist vor allem die bewußte Übereinstimmung mit der Existenz und die als Schicksal empfundene Lust, sie zu verwirklichen. Dann ist der Mensch frei, und die von Zwang und Zwangsmitteln erfüllte Welt muß nunmehr dazu dienen, die Freiheit in ihrem vollen Glanze sichtbar zu machen, so wie die großen Massen des Urgesteins durch ihren Druck Kristalle hervortreiben. Die neue Freiheit ist alte, ist absolute Freiheit im Zeitge wande; denn immer wieder und trotz allen Listen des Zeitgeistes zu ihrem Triumph zu führen: das ist der Sinn der geschichtlichen Welt.

32

Bekanntlich ist das Grundgefühl unserer Epoche dem Eigentum feindlich und zum Zugriff auch dort geneigt, wo nicht nur der Betroffene, sondern auch das Ganze geschädigt wird. Man sieht, wie Äcker, die durch dreißig Geschlechter Besitzer und Pächter nährten, zerstückelt werden auf eine Weise, die alle darben läßt. Man sieht den Kahlschlag von Wäldern, die durch Jahrtausende Holz brachten. Man sieht die Hühner, die goldene Eier legten, über Nacht geschlachtet werden, um öffentliche Suppen aus ihrem Fleisch zu kochen, die niemand sättigen. Man tut gut, wenn man sich mit diesem Schauspiel abfindet, obwohl es starke Rückschläge erwarten läßt, da es neue, zugleich intelligente und entwurzelte Schichten in die Gesellschaft einführen wird. In dieser Hinsicht lassen sich, besonders für England, merkwürdige Dinge voraussagen. Der Angriff ist einmal ethisch, insofern die alte Formel »Eigentum ist Diebstahl« nunmehr zum anerkannten Gemeinplatz geworden ist. Der Eigentümer ist derjenige, dem gegenüber jeder ein gutes Gewissen hat, und seit langem fühlt er sich selber nicht mehr wohl in seiner Haut. Dazu kommen die Katastrophen, die Kriege, die durch die Technik gesteigerten Umsätze. Das alles verweist nicht nur darauf, vom Kapital zu leben, es zwingt auch dazu. Man baut nicht umsonst Geschosse, von denen ein einziges soviel kostet wie früher ein Fürstentum. Unmerklich hat die Erscheinung des Enterbten, des Proletariers, andere Züge angenommen; die Welt ist von neuen Leidensfiguren erfüllt. Das sind die Vertriebenen, die Geächteten, die Geschändeten, die ihrer Heimat und Scholle Beraubten, die brutal in den untersten Abgrund Gestoßenen. Hier sind die Katakomben von heute; sie werden nicht da durch geöffnet, daß man die Enterbten hin und wieder abstimmen läßt, auf welche Weise ihr Elend durch die Bürokratie verwaltet werden soll. Deutschland ist heute reich an Enterbten und Entrechteten; es ist an ihnen das reichste Land der Welt. Das ist ein Reichtum, der gut oder schlecht verwendet werden kann. Jeder Bewegung, die sich auf die Enterbten stützt, wohnt große Stoßkraft inne; zugleich ist zu befürchten, daß sie nur zu einer anderen Verteilung des Unrechts führt. Das würde die Schraube ohne Ende sein. Dem Bann der reinen Gewalt wird nur entrinnen, wer ethisch im Bau der Welt ein neues Stockwerk gewinnt. Es bereiten sich nicht nur neue Anklagen, sondern auch eine neue Lesart des alten »Eigentum ist Diebstahl« vor. Solche Theorien sind schneidender von seiten des Ausgeplünderten als von denen des Plünderers, der mit ihrer Hilfe den Raub sich sichern will. Längst übersättigt, frißt er immer neuen Raum in sich hinein. Es gibt indessen auch andere Lehren, die aus der Zeit gezogen werden können, und man darf sagen, daß die Ereignisse nicht spurlos vorbeigegangen sind. Das gilt vor allem für Deutschland; hier war der Ansturm der Bilder besonders stark. Er brachte tiefe Veränderungen mit. Solche Veränderungen werden erst spät in Theorien sichtbar; sie wirken zunächst auf den Charakter ein. Das gilt auch für die Beurteilung des Eigentums; sie löst sich von den Theorien ab. Die ökonomischen Theorien sind in den zweiten Rang getreten, während zugleich sichtbar wurde, was Eigentum ist. Der Deutsche mußte darüber nachdenken. Nach seiner Niederlage wurde die Absicht, ihn auf ewig zu entrechten, ihn zu versklaven, ihn durch Aufteilung zu vernichten, an ihm erprobt. Diese Prüfung war schwerer als die des Krieges, und man darf sagen, daß er sie bestanden hat, bestanden schweigend, ohne Waffen, ohne Freunde, ohne ein Forum auf dieser Welt. In diesen Tagen, Monaten und Jahren wurde eine der größten Erfahrungen ihm zuteil. Er wurde zurückgeworfen auf sein Eigentum, auf seine der Vernichtung entzogene Schicht. Hier liegt ein Mysterium, und solche Tage sind verbindender als eine gewonnene Entscheidungsschlacht. Der Reichtum des Landes liegt in seinen Männern und Frauen, die äußerste Erfahrungen gemacht haben, wie sie im Laufe vieler Geschlechter nur einmal an den Menschen herantreten. Das gibt Bescheidenheit, aber es gibt auch Sicherheit. Die ökonomischen Theorien gelten »auf dem Schiffe«, während das ruhende und unveränderliche Eigentum im Walde liegt, als Fruchtgrund, der stets neue Ernten bringt. In diesem Sinne ist das Eigentum existentiell, am Träger haftend und unablösbar verknüpft mit seinem Sein. Wie die »unsichtbare Harmonie bedeutender ist als die sichtbare«, so ist auch dieses unsichtbare Eigentum das wirkliche. Besitz und Güter werden fragwürdig, wenn sie nicht in dieser Schicht verwurzelt sind. Das wurde deutlich gemacht. Die ökonomischen Bewegungen scheinen gegen das Eigentum gerichtet; sie stellen in Wahrheit die Eigentümer fest. Auch das ist eine Frage, die immer von neuem aufgeworfen und immer wieder beantwortet wird. Wer einmal den Brand einer Hauptstadt, den Einmarsch östlicher Heere erlebt hat, der wird nie ein waches Mißtrauen verlieren gegenüber allem, was man besitzen kann. Das kommt ihm zugute, denn er wird zu jenen zählen, die ohne allzu großes Bedauern ihrem Hofe, ihrem Hause, ihrer Bibliothek den Rücken kehren, falls es nötig wird. Ja er wird merken, daß damit zugleich ein Akt der Freiheit verbunden ist. Nur wer sich umblickt, erleidet das Schicksal von Lots Weib. Wie es immer Naturen geben wird, die den Besitz überschätzen, so fehlt es auch nie an solchen, welche in der Enteignung ein Allheilmittel sehen. Es bedeutet aber keine Vermehrung des Reichtums, daß man ihn anders verteilt — schon eher eine Vermehrung des Konsums, wie man das an jedem Bauernwald beobachten kann. Der Löwenanteil fällt ohne Zweifel an die Bürokratie, vor allem bei jenen Teilungen, bei denen nur die Lasten bestehen bleiben: vom gemeinsamen Fisch bleiben die Gräten zurück. Wichtig ist dabei, daß der Enteignete sich über die Idee des individuellen Raubes erhebe, der an ihm begangen wird. Sonst wird in ihm ein Trauma bleiben, ein inneres Fortbestehen des Verlustes, das dann im Bürgerkriege sichtbar wird. Das Gut ist freilich ausgegeben, und deshalb steht zu befürchten, daß der Enterbte sich auf anderen Gebieten zu entschädigen sucht, als deren nächstes sich der Terror anbietet. Man tut vielmehr gut, sich zu sagen, daß man notwendig und auf alle Fälle in Mitleidenschaft gezogen wird, wenngleich unter verschiedenen und wechselnden Begründungen. Die Lage, vom andern Pol aus gesehen, ist zugleich die des Endlaufes, bei dem der Wettkämpfer die letzten Kräfte ausgibt, im Angesicht des Ziels. Ganz ähnlich handelt es sich bei der Heranziehung des Kapitals auch nicht um reine Ausgabe, sondern um Investierung im Hinblick auf neue und notwendig gewordene Ordnungen, vor allem auf das Weltregiment. Man kann sogar sagen: die Ausgaben sind und waren derart, daß sie entweder auf den Ruin oder auf eine äußerste Möglichkeit hinweisen. Das sind Einsichten, die man beim einfachen Mann nicht voraussetzen kann. Und doch sind sie in ihm lebendig, und zwar in einer Art, sich mit dem Schicksal abzufinden, der Zeit den Zoll zu zahlen, die immer wieder ergreift und in Erstaunen setzt. Wo die Enteignung das Eigentum als Idee treffen soll, wird die Sklaverei die notwendige Folge sein. Das letzte sichtbare Eigentum bleibt der Körper und seine Arbeitskraft. Doch sind die Befürchtungen übertrieben, mit denen der Geist derartigen Möglichkeiten entgegensieht. Es genügen ja auch die Schrecken der Gegenwart vollauf. Dennoch sind grauenhafte Utopien wie die von Orwell nützlich, obwohl der Autor von den wahren und unveränderlichen Machtverhältnissen auf dieser Erde keine Vorstellung besitzt und sich dem Schrecken ausliefert. Solche Romane gleichen geistigen Experimenten, durch die vielleicht so mancher Umweg und Irrlauf der praktischen Erfahrung vermieden wird. Indem wir hier den Vorgang nicht »auf dem Schiffe«, son dern vom Waldgang her betrachten, unterwerfen wir ihn dem Forum des souveränen Einzelnen. Von seiner Entscheidung hängt ab, was er als Eigentum betrachten und wie er es behaupten will. In einer Zeit wie dieser wird er gut tun, wenn er geringe Angriffsflächen zeigt. Er wird also bei seiner Bestandsaufnahme zu unterscheiden haben zwischen Dingen, die kein Opfer lohnen, und solchen, für die es zu kämpfen gilt. Sie sind die unveräußerlichen, das echte Eigentum. Sie sind es auch, die man, wie Bias das Seine, mit sich trägt oder die, wie Heraklit sagt, zur eigenen Art gehören, die des Menschen Dämon ist. Zu ihnen zählt auch das Vaterland, das man im Herzen trägt und das von hier, vom Unausgedehnten her, ergänzt wird, wenn es im Ausgedehnten, in seinen Grenzen, Verletzungen erlitt. Die eigene Art zu wahren ist schwierig — und um so schwieriger, je mehr man mit Gütern belastet ist. Hier droht das Schicksal jener Spanier unter Cortez, die in der »traurigen Nacht« die Last des Goldes, von dem sie sich nicht trennen wollten, zu Boden zog. Dafür ist auch der Reichtum, der zur eigenen Art gehört, nicht nur unvergleichlich wertvoller, er ist die Quelle jedes sichtbaren Reichtums überhaupt. Wer das erkannt hat, wird auch begreifen, daß Zeiten, die auf die Gleichheit aller Menschen hinarbeiten, ganz andere Früchte als die erhofften zeitigen. Sie nehmen nur die Zäune, die Gitter, die sekundäre Verteilung fort und schaffen gerade dadurch Raum. Die Menschen sind Brüder, aber sie sind nicht gleich. In diesen Massen verbergen sich immer Einzelne, die von Natur aus, das heißt in ihrem Sein, reich, vornehm, gütig, glücklich oder mächtig sind. Auf sie strömt Fülle zu im gleichen Maße, in dem die Wüste wächst. Das führt zu neuen Mächten und zu neuem Reichtum, zu neuen Teilungen. Dem Unbefangenen mag zugleich sichtbar werden, daß sich im Besitz auch eine ruhende, wohltätige Macht verbirgt, und zwar nicht nur für den Besitzenden. Die Eigenart des Menschen ist ja nicht nur schaffend, sie ist auch zerstörend, ist sein Daimonion. Wenn die zahlreichen kleinen Grenzen fallen, die sie beschränken, richtet sie sich wie der entfesselte Gulliver im Lande der Zwerge empor. Der also konsumierte Besitz verwandelt sich in unmittelbare, in funktionale Gewalt. Man sieht dann die neuen Titanen, die Übermächtigen. Auch dieses Schauspiel hat seine Grenzen, hat seine Zeit. Es bildet keine Dynastie. Das mag erklären, warum die Herrschaft sich wieder fester gründet nach Zeiten, in denen die Gleichheit in aller Munde war. Sowohl Furcht wie auch Hoffnung führen den Menschen darauf zu. Er ist mit einem unausrottbaren monarchischen Instinkt behaftet, auch dort, wo er die Könige nur noch aus dem Panoptikum kennt. Es bleibt erstaunlich, wie aufmerksam und willig er immer wieder dort ist, wo ein neuer Führungsanspruch erhoben wird, gleichviel woher oder von wem. Wird irgendwo die Macht ergriffen, so knüpfen sich immer, selbst bei den Gegnern, große Hoffnungen daran. Man kann auch nicht sagen, daß der Regierte untreu wird. Aber er hat ein feines Gefühl dafür, ob der Mächtige sich selbst treu bleibt und ob er die Rolle durchhält, die er sich zuteilte. Trotzdem verlieren die Völker nie die Hoffnung auf einen neuen Dietrich, einen neuen Augustus — auf einen Fürsten, dessen Auftrag sich durch eine Konstellation am Himmel ankündet. Sie ahnen, daß der Mythos als Goldhort dicht unter der Geschichte ruht, dicht unter dem vermessenen Grund der Zeit.

33

Ob denn das Sein im Menschen überhaupt vernichtet werden kann? An dieser Frage scheiden sich nicht nur Konfessionen, sondern auch Religionen — sie läßt sich nur aus dem Glauben beantworten. Man mag dieses Sein als das Heil, die Seele, die ewige und kosmische Heimat des Menschen erkennen — immer wird einleuchten, daß der Angriff darauf dem finstersten Abgrund entstammen muß. Auch heute, wo die herrschenden Begriffe nur die Oberfläche des Vorgangs fassen, wird geahnt, daß Anschläge im Gange sind, die auf anderes als auf bloße Enteignungen oder Liquidierungen abzielen. Auf einer solchen Ahnung beruht der Vorwurf des »Seelenmords«. Ein solches Wort kann nur durch einen bereits geschwächten Geist geprägt werden. Es wird jeden unangenehm berühren, der eine Vorstellung von der Unsterblichkeit und den auf sie sich gründenden Ordnungen besitzt. Wo es Unsterblichkeit gibt, ja wo nur der Glaube an sie vorhanden ist, da sind auch Punkte anzunehmen, an denen der Mensch durch keine Macht und Übermacht der Erde erreicht oder beeinträchtigt, geschweige denn vernichtet werden kann. Der Wald ist Heiligtum. Die Panik, die man heute weithin beobachtet, ist bereits der Ausdruck eines angezehrten Geistes, eines passiven Nihilismus, der den aktiven herausfordert. Der freilich ist am leichtesten einzuschüchtern, der glaubt, daß, wenn man seine flüchtige Erscheinung auslöscht, alles zu Ende sei. Das wissen die neuen Sklavenhalter, und darauf gründet sich die Bedeutung der materialistischen Lehren für sie. Sie dienen im Aufstand zur Erschütterung der Ordnung und sollen nach errungener Herrschaft den Schrecken verewigen. Es soll keine Bastionen mehr geben, auf denen der Mensch sich unangreifbar und damit furchtlos fühlt. Demgegenüber ist es wichtig, zu wissen, daß jeder Mensch unsterblich und daß ein ewiges Leben in ihm ist, unerforschtes und doch bewohntes Land, das er selbst leugnen mag, doch das keine zeitliche Macht ihm rauben kann. Der Zugang bei vielen, ja bei den meisten mag einem Brunnen gleichen, in welchen seit Jahrhunderten Trümmer und Schutt geworfen sind. Räumt man sie fort, so findet man am Grunde nicht nur die Quelle, sondern auch die alten Bilder vor. Der Reichtum des Menschen ist unendlich größer, als er ahnt. Es ist ein Reichtum, den niemand rauben kann und der im Lauf der Zeiten auch immer wieder sichtbar anflutet, vor allem, wenn der Schmerz die Tiefen aufgegraben hat. Das ist es, was der Mensch wissen will. Hier liegt das Zentrum seiner zeitlichen Unruhe. Das ist die Ursache seines Durstes, der in der Wüste wächst — und diese Wüste ist die Zeit. Je mehr die Zeit sich ausdehnt, je bewußter und zwingender, aber auch je leerer sie in ihren kleinsten Teilen wird, desto brennender wird der Durst nach den ihr überlegenen Ordnungen. Mit Recht erwartet der also Dürstende vom Theologen, daß er sein Leiden stille, und zwar nach dem urtheologischen Vorbild des Stabes, der aus dem Felsen Wasser schlägt. Wenn nun der Geist in diesen höchsten Fragen sich den Philosophen zuwendet und sich mit immer billigeren Weltausdeutungen zufrieden gibt, so ist das nicht ein Zeichen dafür, daß die Grundfesten sich änderten, sondern dafür, daß die Mittler nicht mehr hinter den Vorhang zu treten berufen sind. In solchem Zustand ist Wissenschaft besser, denn zu dem Schutt, der die Zugänge und Einstiege sperrt, gehören auch die großen alten Worte, die zunächst zur Konvention geworden sind, sodann zum Ärgernis und endlich einfach langweilig. Die Worte bewegen sich mit dem Schiffe; der Ort des Wortes ist der Wald. Das Wort ruht unter den Worten wie Goldgrund unter einem frühen Bild. Wenn nun das Wort nicht mehr die Worte belebt, dann breitet sich unter ihrem Schwalle ein furchtbares Schweigen aus — zuerst in den Tempeln, die sich in prunkvolle Grabmäler verwandeln, sodann in den Vorhöfen. Zu den großen Ereignissen zählt die Wendung der Philosophie von der Erkenntnis auf die Sprache; sie bringt den Geist in enge Berührung mit einem Urphänomen. Das ist wichtiger als alle physikalischen Entdeckungen. Der Denker betritt ein Feld, auf dem endlich wieder ein Bündnis nicht nur mit dem Theologen, sondern auch mit dem Dichter möglich ist.

34

Daß der Zugang zu den Quellen durch Stellvertreter, durch Mittler erschlossen werden kann: darin liegt eine der großen Hoffnungen. Wenn an einem Punkte eine echte Seinsberührung gelingt, so hat das immer gewaltige Wirkungen. Geschichte, ja überhaupt die Möglichkeit, Zeit zu datieren, beruht auf solchen Vorgängen. Sie stellen Belehnungen mit schöpferischer Urkraft dar, die zeitlich sichtbar wird. Das wird auch in der Sprache offenbar. Die Sprache gehört zum Eigentum, zur Eigenart, zum Erbteil, zum Vaterland des Menschen, das ihm anheimfällt, ohne daß er dessen Fülle und Reichtum kennt. Die Sprache gleicht nicht nur einem Garten, an dessen Blüten und Früchten der Erbe bis in sein höchstes Alter sich erquickt; sie ist auch eine der großen Formen für alle Güter überhaupt. Wie Licht die Welt und ihre Bildung sichtbar macht, so macht die Sprache sie im Innersten begreifbar und ist nicht fortzudenken als Schlüssel zu ihren Schätzen und Geheimnissen. Gesetz und Herrschaft in den sichtbaren und selbst den unsichtbaren Reichen fangen mit der Benennung an. Das Wort ist Stoff des Geistes und dient als solcher zu den kühnsten Brückenschlägen; es ist zugleich das höchste Machtmittel. Allen Landnahmen im Konkreten und Gedachten, allen Bauten und Heerstraßen, allen Zusammenstößen und Verträgen gehen Offenbarungen, Planungen und Beschwörungen im Wort und in der Sprache und geht das Gedicht voran. Ja man kann sagen, daß es zwei Arten der Geschichte gibt, die eine in der Welt der Dinge, die andere in der der Sprache; und diese zweite umschließt nicht nur den höheren Einblick, sondern auch die wirkendere Kraft. Selbst das Gemeine muß sich immer wieder an dieser Kraft beleben, auch wenn es in die Gewalttat stürzt. Aber die Leiden vergehen und verklären sich im Gedicht. Es ist ein alter Irrtum, daß aus dem Zustand der Sprache darauf geschlossen werden könne, ob ein Dichter zu erwarten sei oder nicht. Die Sprache kann sich in vollem Verfall befinden, und ein Dichter kann aus ihr hervortreten wie ein Löwe, der aus der Wüste kommt. Ebenso kann nach hoher Blüte die Frucht ausbleiben. Die Sprache lebt nicht aus eigenen Gesetzen, denn sonst beherrschten Grammatiker die Welt. Im Urgrund ist das Wort nicht Form, nicht Schlüssel mehr. Es wird identisch mit dem Sein. Es wird zur Schöpfungsmacht. Und dort liegt seine ungeheure, nie ausmünzbare Kraft. Hier finden nur Annäherungen statt. Die Sprache webt um die Stille, wie die Oase sich um eine Quelle legt. Und das Gedicht bestätigt, daß der Eintritt in die zeitlosen Gärten gelungen ist. Davon lebt dann die Zeit Selbst in Epochen, in denen die Sprache zum Mittel von Technikern und Bürokraten herabgesunken ist und wo sie, um Frische vorzutäuschen, beim Rotwelsch Anleihen versucht, bleibt sie in ihrer ruhenden Macht ganz ungeschwächt. Das Graue, Verstaubte haftet nur ihrer Oberfläche an. Wer tiefer gräbt, erreicht in jeder Wüste die brunnenführende Schicht. Und mit den Wassern steigt neue Fruchtbarkeit herauf.


Achtung!Die Meinung des Seiteninhabers stimmt nicht immer mit der Meinung des Autors überein!