Der Vierte Weltkrieg


Pawel Tulajew



„Endlich haben wir wirklich einen totalen Weltkrieg!“
Comandante Marcos

Pawel Tulajew

Das Verständnis des Charakters jenes Kampfes, der sich heute weltweit abspielt, ist von fundamentaler Bedeutung. Handelt es sich tatsächlich um einen „Kampf gegen den Terrorismus“, oder vielmehr um eine Fortsetzung des Kalten Krieges? Wo liegt die Grenze zwischen dem Dritten und dem Vierten Weltkrieg, wenn letzterer erst einmal  richtig begonnen hat?

Die Bezeichnung des neuen Krieges sowie seine korrekte Charakterisierung sind ebenso wichtig, weil allein schon die Erkenntnis, daß der Vierte Weltkrieg bereits begonnen hat, in Theorie und Praxis zu revolutionären Schlußfolgerungen führt.

Der Zerfall der UdSSR, die Auflösung des Warschauer Paktes sowie des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), die Neuaufteilung der Einflußsphären in Europa durch die Zerstückelung Rußlands, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei, die militärische und politische Aggression der Nato sowie die Offensiven auf dem Feld der Informations- und Finanzpolitik, die zur Übernahme von Märkten, zum Verfall einheimischer Wirtschaften sowie zu drastischem Bevölkerungsrückgang geführt haben – all dies zeugt davon, daß der liberale, kapitalistische Westen im Kalten Krieg den Sieg über die sozialistische Gemeinschaft mitsamt ihrem Militärbündnis davongetragen hat. Daß die Regierungsoberhäupter sowie die Chefs der demoralisierten Armeen der Besiegten keine offizielle Kapitulationsurkunde unterschrieben haben, bestätigt nur die für uns demütigende Lage.

Gewiß, da gibt es das mächtige Rotchina, das im Ostteil Eurasiens eine vom Westen unabhängige Politik betreibt; es gibt auch Nationalkommunisten, die sich einbilden, Krieger in einem neuen Stalingrad zu sein; ferner gibt es allerlei Spielarten von Antiglobalisten, die in New York und London mit Parolen und Steinen in den Strassen demonstrieren; schließlich gibt es Hacker und Internet-Partisanen, welche  die Website des Pentagon stören. Aber diese Erscheinungen sind auf einer anderen Ebene anzusiedeln. Sie lassen sich nicht mit der globalen Konfrontation zweier gesellschaftlicher und politischer Systeme vergleichen, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann.

Trotz der offensichtlichen globalen Expansion der Nato mit den USA an der Spitze hat noch nicht jedermann begriffen, daß der Vierte Weltkrieg bereits heute eine Tatsache ist. Die ehemaligen Verbündeten der UdSSR sind inzwischen auf westliche Hilfe angewiesen; Rußland hat sich in die Falle des Tschetschenienkrieges locken lassen. Die russischen Generäle haben erst vor kurzem angefangen zu verstehen, daß dieser lokale Konflikt nach einem geheimen Drehbuch verlief. Seriöse Veröffentlichungen von Militärfachleuten sowie patriotischen Intellektuellen, Erklärungen oppositioneller Parteien und Blöcke, die spontane Herauskristallisierung eines weltweiten weißen Widerstandsbewegung – all dies fand bei den meisten Politikern und Beobachtern keine Beachtung.

Der Übergang vom Kalten Krieg in eine neue, heiße Phase begann nach der unerhörten Provokation vom 11. September 2001, die in Wirklichkeit die Funktion eines aufputschenden Massenspektakels erfüllte. Die Eingeweihten verstehen, daß der sogenannte „Terroranschlag“, der zur Zerstörung der Zwillingstürme des Welthandelszentrums in New York führte, nichts weiter als eine sorgfältig geplante Diversion war. Nur die Geheimdienste der USA und Israels, die auf dem Gebiet der internationalen Provokationen bereits auf eine lange und gedeihliche Zusammenarbeit zurückblicken können, waren imstande, eine dermaßen komplexe und zerstörerische Operation zu organisieren. Bin Laden, die Taliban und andere islamische Extremisten waren nichts weiter als ein Rauchvorhang zur Tarnung der wirklichen Geschehnisse. Der Zweck der Provokation bestand ganz offenkundig darin, der NATO freie Hand für eine totale Aggressionspolitik auf weltweiter Ebene zu verschaffen, welche die fortgesetzte Existenz dieser Organisation rechtfertigt, ihre Rivalen schwächt, große finanzielle Investitionen in eine Modernisierung des Waffenarsenals fördert und die stagnierende westliche Wirtschaft mitsamt ihrer aufgebauschten (virtuellen) Leitwährung – dem Dollar – stützt.

Der hauptsächliche Unterschied zwischen dem Vierten Weltkrieg und dem Kalten Krieg besteht darin, daß ersterer nicht von Staaten und Nationen, sondern von internationalen oder transnationalen Strukturen geführt wird und daß immer modernere Technologien dabei eine Schlüsselrolle spielen. So dringt beispielsweise die Firma Microsoft, die den amerikanischen Firmen immer neue Märkte erobert, nicht mit Panzern und Flugzeugen über unsere Grenzen vor, sondern über kybernetische Informationskanäle sowie – mit Dollar und Euro – über die Finanzkanäle des internationalen Bankensystems.

Die Besonderheiten dieser modernen Formen der Aggression werden begreiflicher, wenn man die Welt nicht mehr als unteilbares Ganzes betrachtet, sondern als vieldimensionale Gesamtheit verschiedener Räume: Biosphäre (Natur und Rasse), Geographie (die Weite), Geschichte (die Tiefe des Gedächtnisses), Religion (die höhere Ebene sowie das Wertesystem), Wissenschaft und Technik, Kommunikation, kybernetischer Raum (die virtuelle Welt) sowie Finanzsphäre bilden in ihrer Gesamtheit eine komplexe, widersprüchliche und in steter Entwicklung begriffene Wirklichkeit, die wir kurz als „die Welt“ bezeichnen.

Berücksichtigt man, daß es mehrere historische Subjekte gibt, die in einem bestimmten Raum Anspruch auf eine führende Rolle erheben, so begreift man, daß sich die Aggression mit modernsten Waffen gleichzeitig in verschiedenen Sphären abspielt. Offene und geheime Konfrontation, der Kampf zwischen Geheimdiensten, das gegenseitige Ausspionieren und Zerstören mit den verschiedenartigsten Mitteln bilden zusammen den „Vierten Weltkrieg“.

Letzten Endes wird jener siegen, der das Geschehen in all seinen Formen und Einzelheiten besser überblickt, über ein breiter gefächertes Arsenal an Waffen verfügt und weiß, mit welchen Mitteln der Sieg am wirksamsten zu erringen ist. Kenntnisse, die auf eine einzige Sphäre beschränkt sind (z.B. die religiöse oder die geographische), oder der Besitz nur eines einzigen Waffentyps (und sei es die Atombombe) gewährleisten im modernen Krieg noch lange keinen Sieg.

Außerdem versteht es der Westen schon seit langem, die alten Waffen seiner Gegner gegen diese selbst zu verwenden. Künstlich entfachte religiöse Zwistigkeiten innerhalb einer ethnischen Gemeinschaft bewirken die Spaltung von Nationen; das von außen aufgezwungene Vielparteiensystem führt zu einer unwirksamen Verwendung der Menschenressourcen, zum Kampf zwischen verschiedenen Sippen, zum Zerfall von Staaten in wirtschaftliche Einflußsphären; nationale Konflikte in Staaten mit heterogener Bevölkerungsstruktur lösen Bürger- und Religionskriege aus. Indem die hinter den Kulissen wirkenden Drahtzieher des Weltgeschehens an „heißen Punkten“ des Planeten ganz zielstrebig bestimmte Kräfte unterstützen, gestalten sie die innenpolitische Entwicklung der betreffenden Staaten in ihrem eigenen Interesse. Ein besonders anschauliches Beispiel aus jüngster Vergangenheit war die Unterstützung der muslimischen Albaner in Südjugoslawien seitens der Nato.

Um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von seinen geheimen Operationen abzulenken und seine wahren Ziele zu verbergen, tut der Gegner alles, um seine aggressive Tätigkeit zu bemänteln. Dabei bedient er sich regelmäßig der Taktik, einen Popanz aufzubauen (bei dem es sich um eine Einzelperson, eine Terrororganisation oder einen ganzen Staat handeln kann). Die Rolle eines solchen Popanzes spielte in der Vergangenheit unfreiwillig Hitler. Nachdem der deutsche „Nazismus“ mit seinem „schrecklichen Holocaust“ sowie der sowjetische Kommunismus mit seinem Gulag als Gegner weggefallen waren, brauchte es einen neuen Weltfeind, den man in Gestalt des „islamischen Terrorismus“ fand.

Wer aber sind die Drahtzieher hinter den Kulissen? Wer inzensiert solche Ablenkungsmanöver wie den „Kampf gegen den Terrorismus“? Gibt es überhaupt eine einzelne Macht, die fähig ist, die ganze Welt zu kontrollieren?

Meines Erachtens gibt es keine solche Macht. Es gibt lediglich eine Gesamtheit der herrschenden Eliten, die Anspruch auf die Weltherrschaft erheben und ihre Kräfte vereinen. Ihre politischen Organe sind internationale Organisationen wie die Trilaterale Kommission, die Bilderberger, der NATO-Rat, aber auch gewisse Kirchen, Orden, Familien oder Finanzclans.

Der in Rußland häufig verwendete Begriff „Zhydomassony“ („Juden-Freimaurer“) spiegelt ein stark vereinfachtes Bild jenes komplexen und widersprüchlichen Kräftemessens wider, das hinter den Kulissen vor sich geht. Juden und Freimaurer sind nicht dasselbe. Außerdem nehmen auch andere Kräfte an diesem Spiel teil, beispielsweise die Japaner, die sich gewiß nicht in dieses einfache Schema pressen lassen. Und wie steht es mit unseren slawischen Brüdern, mit den  Ukrainern, Polen, Tschechen usw.?

So wird hüben und drüben mit Verallgemeinerungen hausiert – mit den „Juden-Freimaurern“ einerseits, den „Terroristen“ andererseits -, obwohl sich das komplexe Geschehen des Vierten Weltkriegs nicht auf solche Schablonen reduzieren läßt.

Naturwissenschaft und Technik sind gemeinhin nicht Gegenstand ideologischer oder religiöser Streitigkeiten. Freilich gab und gibt es auch hier Ausnahmen: Die Genetik wurde als „bürgerliche Propaganda“ verteufelt, die Kybernetik als „jüdische Erfindung“ gebrandmarkt, der Sputnik als „Waffe des Kommunismus“ angeprangert und das Internet als „Netz des Antichristen“ gegeißelt. All dies hält freilich einer ernsthaften Kritik nicht stand. Exakte Wissenschaft und Technik sind nichts weiter als Werkzeuge in der Hand des freien Menschen und können in den Dienst jeder beliebigen Ideologie gestellt werden. Man braucht vor der Technik keine Angst zu haben, sondern soll sie sich zunutze machen. Tun wir dies nicht, so müssen wir den neuen Krieg mit alten Waffen führen, die uns keine Aussicht auf den Sieg verheißen. Fechten wir mit Kosakensäbeln und Hellebarden, so werden wir uns zwar möglicherweise schon bald im Paradies wiederfinden, nicht aber auf der Siegerseite im irdischen Kampf.

Spielten sich die Kriege der verflossenen Jahrhunderte auf dem Erdboden ab, teilweise auf dem Meer und im 20. Jahrhundert auch in der Luft, so wird die Sphäre, in der die Kriege der Zukunft geschlagen werden, in erster Linie jene des Geistes sein. Die Gesamtheit der modernen Technik – Fernsehen, Rundfunk, Transportmittel, Waffen – all dies hängt vom Willen des Menschen, von seiner Vernunft, in erheblichem Ausmaß auch von seiner Genetik und seiner Gesundheit ab. Dies war der Grund dafür, daß westliche Geheimdienste unter dem Deckmantel der „Perestroika“ soviel Mühe darauf verwendet haben, unsere besten Fachkräfte abzuwerben. Zwar gelang es ihnen nicht, diese alle in ihren Sold zu nehmen, aber viele, allzu viele, haben sich in der Tat verkauft. Der Schaden, der unserem Land dadurch erwuchs, wird noch auf lange Zeit auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und der Industrie nachwirken.

Aus all diesen Gründen muß im Zentrum unserer Überlegungen zum Thema des Vierten Weltkriegs die Persönlichkeit stehen, ein qualitativ neuer Mensch: Der Held, der Schöpfer, der Befreier. Wir müssen der Entartung, der Manipulation, der Korruption, der Trunksucht und der Unsittlichkeit eine Weiße Garde der Krieger des 21. Jahrhunderts gegenüberstellen. Diese müssen nicht nur genetisch gesund, stark und gebildet sein. Ihre Aufgabe ist es, eine geschlossene Herrenkaste zu bilden, deren Angehörige in die Geheimnisse des Sakralwissens eingeweiht und der Sache ihrer Väter treu ergeben sind. Sie müssen fähig sein, Rußland zu lenken. Sie müssen es verstehen, Fallen, ideologische Sackgassen und politische Provokationen zu vermeiden, um den Herausforderungen der Gegenwart angemessen begegnen zu können.

Dieser schweren und vielschichtigen Aufgabe sind gegenwärtig lediglich die Armee sowie die Geheimdienste gewachsen. Die sogenannte „Mittelklasse“, die „neuen Russen“ (bei denen es sich großenteils um Migranten aus dem Süden handelt), ist wenig mehr als eine Anhäufung von Spießbürgern in den Großstädten, deren Wachstum Hand in Hand mit der Entartung der Nation und einer Verminderung der althergebrachten russischen Bevölkerung geht. Die erforderliche, qualitativ hochstehende Bevölkerung wird nur im modernen Krieg geboren. Die supermoderne Technik gehört in die Hände der Entdecker und Eroberer! Streben nach Führertum und Herrschaft in neuen Lebensräumen, Kampf bis zum Sieg – dies sind Losungen, die unsere Jugend, unsere neuen Generationen, hinzureißen vermögen, deren Aufgabe es ist, die Würde des russischen Menschen wiederherzustellen und ihm seine Macht, seinen Ruhm wiederzugeben.


Über den Autor

Pawel Tulajew ist Wissenschaftler, Schriftsteller und Herausgeber der internationalen russischsprachigen Zeitschrift ATHENAEUM. Ferner ist er Professor der Staatlichen Linguistischen Universität Moskau sowie Vizepräsident der Moskauer Abteilung des “Europäischen Synergon”. Tulajew ist 1959 in Krasnodar geboren und lebt seit 1970 in Moskau. Er schloß eine Ausbildung als Dolmetscher aus dem Spanischen, Französischen und Englischen ab (1981) und besitzt einen Doktorgrad in Geschichte (1985). Von 1982 bis 1992 betrieb er universitäre Studien auf postgraduiertem Niveau und arbeitete als Forscher am Lateinamerika-Institut der UdSSR. Anschließend arbeitete er in Spanien (1992) und den USA (1993/1994).

Tulajew ist Verfasser von mehr als 50 Publikationen zu verschiedenen Themen, die in Rußland, Europa, Lateinamerika sowie in den Vereinigten Staaten erschienen sind. In Moskau erschienen aus seiner Feder unter anderem folgende Werke:

 “Krest nad Krimom” (Das Kreuz über der Krim, 1992), “Sem Luchey” (Sieben Strahlen, 1993), “K Ponimaniyu Russkogo” (Zum Verständnis des Russen, 1994), “Franco: Vozhd Ispanii” (Franco: Der Führer Spaniens, 1998), “Veneti: predki slovjan” (Die Veneter: Ahnen der Slawen, 2000). Ferner waltete er als Herausgeber folgender Sammelbände: “Narod i Intelligentsia” (Volk und Intelligenzia, 1990), “Vokrug Loseva” (Um Losev, 1990), “Rossia i Evropa: opit sobornogo analisa” (Russia and Europe: Die Erfahrung der Analyse von Sobor, 1992), “Russkaya Perspectiva” (Die russische Perspektive, 1996), “Varvary” (Barbaren, 1999). Schließlich gab er folgende Bücher heraus: “Filosofija postistorii” (Philosophie der Post-Historie) von Witali Kowaljow, “V Ternie i pri Doroge” (Predigten) von Dmitri Dudko (1993), “Kak Orden Organizuet Voiny i Revolutsii” (Wie der Orden Kriege und Revolutionen organisiert) von Anthony Sutton (1995), “Zhrets Severa” (Der Priester des Nordens) von Sergej Jaschin (2000) sowie “Venety: nashy davnije predki” (Die Veneter: Unsere alten Vorfahren) von Jozko Savli (2003).

In anderen Sprachen als Russisch erschienen folgende Schriften Tulajews:  “Rusia y España se descubren una a otra”, Sevilla, 1992; Sobor and Sobornost, in: «Russian Studies in Philosophy», N.Y., 1993/Band. 31, №4.; “Deutsche und Russen – Partner mit Zukunft?”, in: «Nation & Europa», 1998, №11/12; “Les guerres de nouvelles generations”, in: «Nouvelles de Synergies Européennes», Brussel, 1999, №39; Entretien avec “Pavel Toulaev”,  ebenda, № 40; “Atak i zwycięstwo każdego dnia”, in: “ODALA”, Stettin 1999, Nr. V; “Veneti: predniki slovanov”.– Tretji venetski zbornik – Editiones Veneti, Ljubljana 2000.

Adresse: 109462, ab. №11, Moscow, Russia
e-mail: ateney@yandex.ru


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