Nieder mit dem Separatismus!


Wadim Schtepa


Kommunisten-Marsch in Moskau


Wadim Schtepa

Die Anhänger der Kreml-„Vertikale“ beschuldigen die anderen Russen oft des Separatismus, als ob wir davon träumten, uns vom „Rest des Landes“ abzusondern und ein isolationistisches Regime zu errichten. In Wirklichkeit ist dies lediglich ein Ammenmärchen von „Dieben, die lauthals 'Haltet den Dieb!'“ schreien.

Auf der im Januar durchgeführten Nowgoroder Volksversammlung sowie der unlängst abgehaltenen Petersburger Konferenz fanden sich Vertreter der verschiedensten Regionen ein. Bedeutete dies etwa, daß sie sich „voneinander absonderten?“

Die tatsächlichen Separatisten sind ganz anderswo zu suchen. Sie haben sich schon längst von „diesem Land“ abgesondert, und zwar hinter den Mauern des Kreml und des Rubljowski-Palastes. Das von ihnen errichtete hyperzentralistische Regime hat Rußland de facto ausgeplündert, indem es 85% der Finanzen sowie die Lenkung sämtlicher Rohstoffressourcen in Moskau konzentrierte. Und im Gegensatz zu anderen russischen Städten kontrollieren die Polizisten in „meiner teuren Hauptstadt“ mit Vorliebe, ob diese oder jene Person ordnungsgemäß „registriert“ ist. Wenn das kein Separatismus ist, was ist es denn?

Überhaupt unterscheidet sich die Moskauer Mentalität von der allgemein russischen. Dieser Unterschied tritt zum Glück nicht bei allen Moskauern zutage, wird aber um so ausgeprägter, je näher jemand den Machtstrukturen steht (mit denen „Moskau“ in Rußland üblicherweise assoziiert wird). In einem meiner früheren Artikel bezeichnete ich dieses Phänomen als „Separatismus des Zentrums“, das sich hochmütig von den Problemen und Bedürfnissen „der Provinz“ abschirmt, von ihr jedoch trotzdem unbedingten Gehorsam verlangt. Übrigens wäre die bei Moskauer Autoren gebräuchliche lateinische Bezeichnung „Provinz“ für das ganze jenseits der Moskauer Stadtgrenzen liegende Rußland in anderen modernen Staaten undenkbar. Es lohnt sich der Hinweis darauf, daß dieses Wort im alten Rom für die besetzten Länder verwendet wurde...

Das “Dritte Rom” ist seinem Wesen nach ein historischer Abklatsch des „ersten“. Dasselbe hyperzentralisierte System, bei dem die Herren in der „Hauptstadt“ und die Untertanen in der „Provinz“ wohnen. Es ist kein Zufall, daß die Formel vom „Dritten Rom“ zu einer Epoche aufkam, als die ehemaligen Vasallen der Horde – die Moskauer Fürsten – sich zu „Zaren“ ernannten und sich mit bei der Horde entlehnten Methoden sämtliche freien russischen Fürstentümer untertan machten. Das Römische Reich okkupierte seinerzeit fast ganz Europa. Doch in der Folge wurde sein Zerfall unvermeidlich – die traditionelle europäische Vielfalt duldete keinen gewaltsamen Unitarismus. Dasselbe Ende erwartet auch das „Dritte Rom“.

Doch könnte es sein, daß wir in einer neuen geschichtlichen Phase eine ältere und uns nähere Erfahrung entdecken? Das Russenland vor der Moskauer Herrschaft war – genau wie das antike Hellas – ein Bündnis souveräner Stadtstaaten. Nicht zufällig hat sogar ein imperial gesinnter Historiker wie Karamsin die Nowgoroder mit dem „Athener Volk“ verglichen. Das legendäre warägische Gardarik war ebenfalls ein loses Bündnis freier Fürstentümer und Stadtstaaten, die nach dem Prinzip der bürgerlichen, auf Beschlüssen der Volksversammlungen fußenden Selbstverwaltung regiert wurden. Natürlich gab es auch dort „Fehden“, doch die Geschichte des alten Russenlandes läßt sich ebenso wenig auf diese reduzieren wie jene des antiken Hellas, so sehr sich die „Einiger der russischen Länder“ auch bemühten, eben dies zu tun. Das Russenland besaß eine facettenreiche, kulturell hochstehende Zivilisation - hiervon zeugt allein schon die Vielzahl der Nowgoroder Schriften auf Birkenrinde in verschiedenen Sprachen -, die direkte Fortsetzung der europäischen...

Wenn wir heute sagen, wir müßten die Lehren dieser Erfahrung beherzigen und nach zeitgenössischen Versionen ihrer Verwirklichung suchen (die Gesellschaft Nowgoroder Volksversammlung), hallen uns seitens der Moskauer Fanatiker des Imperium sogleich lärmige Anklagen wegen „Separatismus“ entgegen. Solche Vorwürfe sind freilich absolut lächerlich, denn in bezug worauf konnte Nowgorod „separatistisch“ sein, wenn dort bereits im 9. Jahrhundert eine Republik begründet wurde, zu einer Zeit also, als von einem Moskau noch gar nicht die Rede war? Viel eher könnte man noch behaupten, Moskau selbst sei als Ergebnis einer separatistischen Abspaltung vom Kiewer Russenland entstanden...

Die Kreml-Machthaber handeln heutzutage auch weiterhin nach dem altbewährten römisch-imperialen Prinzip „Teile und herrsche!“. Im letzten Sommer äußerte ich mich hierzu im E-Journal NASLOBU in einem kurzen Artikel über die Transporttarife, welche die Bewohner der verschiedenen Regionen de facto voneinander isolieren. Was, bitteschön, ist dies denn, wenn nicht ein künstlich herbeigeführter Zerfall des Landes im wahrsten Sinne des Wortes?

Die Kreml-Sippe hat “dieses Land” alles in allem überhaupt nicht nötig – sie interessiert einzig und allein die Rohstoffkolonien. Diese Leute haben in den letzten Jahren immerhin gelernt, das Wort „russisch“ auszusprechen, zeichnen sich aber dennoch durch ein tiefsitzendes Mißtrauen gegenüber dem russischen Volke aus. Sobald irgendwo die Frage der regionalen Selbstverwaltung aufs Tapet gebracht wird, erschallt hinter den Kremlzinnen durch die Röhren der Fernsehstation Ostankino ein apokalyptisches Geheul über den „Zerfall Rußlands“; angeblich wollen die russischen Regionen „abfallen“, wenn ihnen dieses „vertikale“ System nicht in den Kram paßt, in dem sich der Gouverneur einer jeden Region nicht gegenüber dem Volk verantworten muß, das ihn gewählt hat, sondern gegenüber dem Kreml, der ihn ernannt hat. Die russischen Ländereien sind so oder so faktisch bereits voneinander „getrennt“, und es gilt die gegenseitigen wirtschaftlichen, politischen, informativen und kulturellen Kontakte zwischen ihnen wiederherzustellen, die durch eine hyperzentralistische Politik zerstört worden sind.

Die Fanatiker des Imperiums versuchen das Land ins Bockshorn zu jagen, indem sie die Gefahr des Verlustes dieser oder jener Regionen an die Wand malen – von der Königsberger Gegend bis hin zu den Südkurilen. Doch dies ist die typische Perspektive jener, die hinter dem Glockenturm des Kreml residieren. „Das Land beginnt bekanntlich beim Kreml“, lehrt uns von Kindsbeinen an der nie erlahmende Verfasser sowjetischer und postsowjetischer Hymnen... Doch wäre es nicht allmählich an der Zeit, die Bewohner jener Regionen selbst zu fragen, ob sie es als besonderen „Verlust“ für sich selbst empfänden, wenn Moskau nicht länger in ihrem Namen spräche?

Eine neue Integralität, die bereits in einer Vielzahl europäischer überregionaler Projekte zum Tragen kommt (Interreg, die europäischen Regionen etc.) unterscheidet sich grundlegend von sämtlichen Formen des „imperialen Patriotismus“. Sie fußt auf direkten, netzförmigen, „horizontalen“ Beziehungen zwischen den Regionen und bedarf deshalb per definitionem keiner bürokratisch-oligarchischen „Vertikale“. Wenn die russischen Regionen gewisse koordinierende Strukturen benötigen, werden sie diese aus ihrer Mitte heraus entwickeln, auf dem Wege der allgemeinen Selbstverwaltung, und nicht auf das Diktat der Moskauer (oder Brüsseler) Bosse hin.

„Der Kern der Nowgoroder Idee ist die russische Selbstverwaltung. Durch den klar ausgedrückten Willen zur Selbstverwaltung unterscheidet sich der ‚Nowgoroder Russe’ vom ’Moskauer Russen’, der sein Leben gehorsam der über ihm hängenden imperialen Vertikale zu unterordnen wünscht“, bemerkte der Philosoph Sergej Kornew in den Schlußfolgerungen unserer „Volksversammlung“ sehr zutreffend. Mit ätzender Ironie nahm er diejenigen aufs Korn, welche das Ziel des Nowgoroder Projekts als eine Art von „Separation“ auffassen: „Wäre ich Putin, so würde ich den Leuten gerade hierfür Geld zahlen: ‚Versammelt alle, die sich an einem isolierten feuchtfröhlichen Abend ein Stelldichein geben; sollen sie dort doch in ihrem eigenen Saft schmoren und den Rest der Herde nicht vom rechten Weg abbringen.’ Noch mehr würde ich denen zahlen, die den ‚Zerfall’, die ‚Zerstückelung’ als grundlegendes Postulat der Nowgoroder Idee ausmachen und mich (Putin) hierdurch zum großen Verteidiger der gesamtrussischen Einheit hochjubeln.“ Wenn eine Abtrennung tatsächlich unvermeidlich ist, dann sollen die Menschen selbst darüber entscheiden, sobald ihr aktiver Wille zur Selbstverwaltung zu einer realen Kraft wird. Solange ein solcher Wille jedoch fehlt, ist die ‚Propaganda für die Absonderung’ selbstlose Reklame für den Garanten im Kreml. Warum sollte man mit eigenen Händen fremde Arbeit verrichten, und dazu noch kostenlos? Sollen die Leute im Kreml selbst ihre Gehirnwindungen strapazieren und nachzuweisen versuchen, daß die russische Selbstverwaltung unvermeidlicherweise zu Zerfall und Ruin führt.“

Bezeichnenderweise hat eines der aufsehenerregendsten Ereignisse des vergangenen Jahres, das bereits zu einer Art Symbol geworden ist, Kondopoga, bei den Machthabern besondere Nervosität ausgelöst – nicht etwa, weil dort eine alte Kaschemme in Flammen aufging und ein paar leere Krämerbuden umgeworfen wurden, sondern wegen des spontanen Volksauflaufs. Das Volk hat gezeigt, daß es keine „Genehmigung“ seitens der Kabinett-Ratten nötig hat, um sich frei zu versammeln und städtische Probleme zu lösen. In dieser karelischen Stadt (deren Territorium seinerzeit übrigens zur Nowgoroder Republik gehörte) ist die Tradition der Volksversammlung und Selbstbestimmung neu erwacht.

Verschiedene Regionen sind füreinander überhaupt darum interessant, weil sie verschieden sind. „Mir sind die Bäume teurer als der Wald“, schrieb Brodski und traf damit den Nagel auf den Kopf. Jede Gegend, jede Stadt muß ihre einzigartige kulturelle Identität wiederherstellen, welche durch die imperiale Unifizierung unterdrückt worden ist. Dies heißt nicht, daß sich die Gegenden und Städte in ihren „föderalen Kreisen“ verschanzen müßten – sie werden im ganzen Raum des Kontinentes Rußland, ja in der ganzen Welt zum gegenseitigen Nutzen Kontakte anknüpfen. Nur solche freien, direkten Erfahrungsaustausche vermögen der russischen Kultur neue Impulse zu verleihen, die, wie sich Pelewin sarkastisch ausdrückt, gegenwärtig „blüht wie der Schimmel auf einem Erdölrohr“...

Beispielsweise wird die Rekonstruierung der sibirischen Sprache anhand der nordrussischen und kosakischen Redewendungen von einem Netz von Aktivisten in verschiedenen Regionen und Ländern betrieben – von Sibirien selbst bis hin nach Petersburg, Lettland, Weißrußland und die Ukraine. Dieses Projekt ist für die Epoche der Postmoderne durchaus angemessen; es wirkt sich keinesfalls „spalterisch“ aus, sondern bringt im Gegenteil Linguisten und Kulturologen von überall einander näher. (Dasselbe gilt für die Entwicklung einer internationalen slawischen Sprache, Slowio). Doch von den Moskauer Kollegen hört man nichts anderes als ein unaufhörliches Knurren an die Adresse der „Separatisten“ sowie Drohungen, ihre Website bei Wikipedia zu schließen. Wer will sich hier von wem „absondern?“ Jene, welche interessante schöpferische Experimente durchführen, oder jene, welche vom Drang übermannt werden, all das zu verbieten, was sich von ihnen unterscheidet?

In den heutigen Russen stehen gegensätzliche Archäotypen einander diametral entgegen: „Hellenische“ und „römische“, „nowgorodische“ und „moskowitische“, „europäische“ und „eurasische“, „republikanische“ und „imperiale“... Während die jeweils ersteren sich für die Selbstbestimmung des Volkes sowie für historische Kreativität entscheiden, huldigen letztere der Überzeugung, daß die Geschichte bereits am Ende ist („ein viertes Rom wird es nicht geben...“) und streben deswegen danach, die Russen im konservativen Korsett des Kremls gefangen zu halten. In Wirklichkeit ist dies nichts anderes als waschechter geistiger Separatismus in bezug auf die große schöpferische Energie des russischen Volkes mit seinem alten Freiheitsdrang und Willen zur Zukunft. Vielleicht täten wir gut daran, die Fanatiker des Imperiums nicht daran zu hindern, sich von uns loszulösen?

5. Mai 2007


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