Die indoeuropäische Tradition als Wurzel unserer Identität


Jean Haudry


Dr. Pierre Krebs | Mut zur Identität

Mut zur Identität
Alternativen zum Prinzip des Gleichheit / hrsg. Von Pierre Krebs.
ISBN 3-922314-79-1
© Pierre Krebs, 1988

Wir leben einen politischen Bruch: der alte Streit zwischen ,rechts’ und ,links’, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf dem Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den negativ zu bewertenden Bereichen dieser Zivilisation, in den Bereichen ihrer machtstrukturellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ,Werte’.

Dieses Buch will etwas dagegen tun. Die einzelnen Abhandlungen zeigen auf, daß sich eine neue Trennungslinie entwickelt, zwischen den Anhängern des Kosmopolitismus und den Verfechtern der ethnokulturellen Identität. In unserer Zeit der Entfremdung von kultureller Schöpferkraft und Tradition eines Volkes ist es unerläßlich geworden, die Wurzeln der Identität, der geistigen Selbsterhaltung und Selbstentfaltung des Einzelnen sowie der verschiedenen Lebens- und Kulturgemeinschaften zu beschreiben, ferner eine Argumentationsbasis für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Geist der Entmündigung, Auflösung und Zerstörung herzustellen.

Die neuen Streitgespräche über die Problematik der Einwanderung und der mehrrassischen, mehr- und mischkulturellen Gesellschaft, über den Verlust von kulturellem Erbe und der Tradition eines Volkes sowie über die technische Entwicklung werfen bezeichnenderweise stets als eine entscheidende Frage die nach der Identität auf. Auch die Bedrohungen auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stehen im Mittelpunkt der Identitätsdiskussion. Im Kampf gegen die universale Mischkultur muß man die nationalen europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Es gilt, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Mut zur Identität verficht das Modell einer heterogenen Welt homogener Völker, und nicht umgekehrt!


1. Vom Indoeuropäischen zu den Indoeuropäern

Die Indoeuropäer sind keine beobachtbare Realität. Sie gehören nämlich weder zur Geschichte noch - sogar - zur Vorgeschichte. Die Geschichte setzt mit den ersten Texten ein. Von den Indoeuropäern besitzen wir überhaupt keine Texte, und werden niemals welche besitzen, denn wir wissen, daß sie das Schreiben nicht praktizierten. Und es ist apriori unmöglich, ihnen irgendeinen archäologischen Standort zuzuschreiben. Sind die Indoeuropäer etwa mythische Wesen, da sie nun weder zur Geschichte noch zur Vorgeschichte gehören? Nein, sie sind schlechthin die Sprecher des Indoeuropäischen, und als solche unterstehen sie in erster Linie der Sprachwissenschaft. Und wiederum ist das Indoeuropäische keine beobachtbare Realität, da es in dieser Sprache keinen Text gibt, sondern eine geistige Konstruktion oder, besser gesagt, Re-Konstruktion. Bevor wir also irgend etwas über die Indoeuropäer aussagen, müssen zwei Hypothesen auf ihre Stichhaltigkeit geprüft worden sein: die Existenz einer indoeuropäischen Gemeinsprache; die Existenz eines Volkes, und nicht einer zusammengewürfelten oder vorübergehenden Gruppe von Sprechenden. Keine dieser beiden Hypothesen ist unbedingt einleuchtend; andere Hypothesen wurden nämlich erwogen. Es ist also geboten, auf die Grundlagen der Begriffe ‚indoeuropäische Sprache’ und ‚indoeuropäisches Volk’ zurückzukommen. Diese Verfahrensweise wird in den einzelnen Disziplinen sehr häufig angewendet. Gerade indem sie Hypothesen formuliert und bestätigt, macht die Wissenschaft Fortschritte. Heutzutage wird die Kluft zwischen wissenschaftlicher Annahme und unmittelbarer Intuition immer größer; Hypothese bedeutet nicht Ungewißheit.


1.1 Die Hypothese einer indoeuropäischen Gemeinsprache

Diese Hypothese hat folgende wissenschaftliche Grundlagen:

a. Das Vorhandensein regelmäßiger, genauer Übereinstimmungen zwischen den einzelnen Sprachen Europas und Asiens, die aus diesem Grund als verwandt betrachtet und als ‚indoeuropäische Sprachen’ bezeichnet werden.

b. Die Willkürlichkeit des Sprachzeichens: jede regelmäßige und genaue Übereinstimmung zwischen Formen, die zu zwei verschiedenen Sprachen gehören, erfordert eine Erklärung. Von Irland und Island bis Indien weisen die meisten Sprachen Europas und mehrere Sprachen Asiens (die einen lebend, die anderen ausgestorben, manche bereits im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechung belegt) miteinander nicht etwa bloße oberflächliche Ähnlichkeiten auf, sondern regelmäßige und strenge Übereinstimmungen in sämtlichen Bereichen ihres Systems: Flexion (Deklination oder Konjugation), Derivation (Bildung neuer Wörter aus einem Ursprungswort), nominale und verbale Zusammensetzung, pronominales System, Syntax, Wortschatz. Und diese Übereinstimmungen sind regelmäßig und können genau formuliert werden: Jedes Phonem oder jede Phonemreihe der einen dieser Sprachen entspricht einem Phonem bzw. einer Phonemreihe der anderen Sprache der Gruppe. Da das Sprachzeichen vom Wesen her weitgehend willkürlich ist und der Zufall (angesichts der Zahl und der äußersten Genauigkeit dieser Übereinstimmungen) ausgeschlossen ist, sind lediglich zwei Hypothesen möglich: die der Entlehnung und die des gemeinsamen Erbes. Die lexikale Entlehnung findet häufig statt, vor allem wenn es um die Bezeichnung von Realitäten geht, die selbst entlehnt sind; wir kennen zahlreiche ,wandernde Wörter’, wie zum Beispiel die Bezeichnung ,Kaffee’ und ‚Tee’, die sich mit der Benutzung des von ihnen bezeichneten Erzeugnisses weit verbreiteten. Wie können wir uns aber vorstellen, daß nicht-verwandte Sprachen - von dem einen Ende Europas bis zum anderen Asiens - aus ein und derselben Sprache ihren Grundwortschatz entlehnten, zum Beispiel die Numeralien, die Verwandtschaftswörter, die Bezeichnungen der Gebrauchsgegenstände, der gewöhnlichsten Tiere und Pflanzen? Und vor allem daß sie auch ihr morphosyntaktisches System bis in den unbedeutendsten Einzelheiten, etwa die Flexionsunregelmäßigkeiten, übernahmen? Die einzige vernünftige Hypothese ist also die der genetischen Verwandtschaft, deren graphische Übertragung der Stammbaum ist:

Jean Haudry | Stammbaum

Ob es sich um die ältesten Stufen (vom Indoeuropäischen bis zu den indoeuropäischen Altsprachen) handelt oder um die neueren (vom Lateinischen bis zu den romanischen Sprachen, von der germanischen Gemeinsprache bis zu den nachgewiesenen germanischen Sprachen) bringt der Stammbaum natürlich nur einen Teil der Entwicklung zum Ausdruck, die Divergenzen. Es gibt aber auch andere Entwicklungsprozesse, die Konvergenzen (die in dem Verzicht auf dialektische Besonderheiten bestehen) und die sogenannten ‚Änderungswellen’ (phonologische, morphosyntaktische oder lexikale Neuerungen, die sich von einem Mittelpunkt aus über ein und dieselbe Zone fortpflanzen). Aber diese Vorgänge verwirren etwas die Übersichtstafel, ohne allerdings die genealogische Verwandtschaft in Frage zu stellen, wie man es leicht an Entwicklungen im geschichtlichen Zeitraum beobachten kann: Im Bereich der romanischen Sprachen trugen sich übrigens überall solche Vorfälle zu, ohne daß man deshalb ihre Verwandtschaftsverhältnisse untereinander und mit dem Lateinischen in Frage stellen muß.

Mit V. Pisani1 das Indoeuropäische als ein „Netz von Isoglossen" zu definieren ändert nichts daran: Jede Sprache ist ein „Netz von Isoglossen", das heißt die Resultante eines Komplexes gemeinsamer Entwicklungen, die die dialektalen Abweichungen nicht ausschließen. Was das Indoeuropäische anbetrifft, scheint der Anteil an dialektalen Dubletten nicht übermäßig hoch. Müssen zwei oder mehrere miteinander konkurrierende Formen rekonstruiert werden, dann besteht Grund zu der Annahme, daß sie aus unterschiedlichen Zeiten stammen: das gilt beispielsweise für die Flexion der thematischen Präsentia, wo vier verschiedene Formen für ,er trägt’ rekonstruiert wurden: *bhér-e-ti (die am meisten belegte und wahrscheinlich die jüngste); *bhér-ti (lateinisch fert); *bhér-ey (griechisch phérei); *bhér-y-o (litauisch beria ,er breitet aus'); letztere drei Formen sind älter.

Es ist möglich, und sogar wahrscheinlich, daß das Indoeuropäische ursprünglich eine der Mundarten einer älteren Gemeinsprache war. Um in dieser Richtung sinnvolle Arbeit zu leisten, müssen wir weitere sprachwissenschaftliche Daten verarbeiten. Bis heute hat man noch keine Sprachgruppe identifiziert, mit der das Indoeuropäische besonders verwandt wäre, obwohl die Forschung anscheinend vielmehr auf einen sehr breiten Vergleich angelegt ist, der sämtliche Sprachen des eurasiatischen Erdteils sowie einige Sprachen Afrikas umfaßt.2 Aber dieser Hypothese stellt die interne Verwandtschaft der indoeuropäischen Familie keineswegs in Frage.


1.2 Die Hypothese eines gemeinsamen indoeuropäischen Volkes

Die Existenz einer Sprache schließt logischerweise die von Sprechenden in sich; aber die Gesamtheit der Sprechenden bildet nicht unbedingt ein Volk. Was man beispielsweise als ,Frankophonie’ (Französischsprachigkeit) bezeichnet, umfaßt viele Menschen, die französisch sprechen, die aber sonst nichts miteinander gemein haben und jedenfalls kein Volk bilden. Auf Grund solcher Beispiele hat man behauptet, daß die indoeuropäische Gemeinschaft von Anfang an ,rein sprachlich’ gewesen sein könne und daß die Indoeuropäer zu keiner Zeit ein Volk gebildet hätten. Bis auf die Sprachvereine gibt es in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, die von Anfang an ,rein sprachlich’ ist. Die Sprachen sind Kommunikationsmittel und kein Selbstzweck: Menschen haben sich noch nie zusammengetan, nur um eine Sprache zu sprechen. Es geht einzig darum, in Erfahrung zu bringen, ob die indoeuropäische Gemeinschaft ein vorübergehendes, bunt zusammengesetztes Aggregat, gleich dem früheren französischen Kolonialreich, war, oder ein beständiges, homogenes Volk.

Die Vorgeschichte des indoeuropäischen Sprachsystems liefert uns ein erstes Element der Antwort: die chtonologischen Schichten, die für verschiedene nominale Flexionen, insbesondere die heteroklitischen, wiederherstellbar sind, zeugen von einer langwierigen Entwicklung des Systems; das Indoeuropäische hat eine lange Vorgeschichte. Andererseits kennen wir tatsächlich Sprachen, deren zusammengesetztes Wesen die ethnische Verschiedenheit der sie sprechenden Gemeinschaft widerspiegelt: es sind die Lingua franca und die kreolischen Sprachen. Der eine Teil des morphologischen Systems stammt von einer der Ursprachen, der andere von einer anderen Sprache. Das gilt ebenfalls für ihren Wortschatz. An eine vergleichbare Situation dachte Trubezkoi in seine berühmten Gedanken über das Indogermanenproblem.3 E. Polome4, der diese Sprachformen vor Ort untersuchte, wies dagegen nach, daß nichts Derartiges im Indoeuropäischen feststellbar ist. Die heute nachgewiesene Existenz einer ‚indoeuropäischen Tradition’ (siehe unten, 2.2; sie besteht zum einen in einer poetischen Formelsammlung, zum anderen in einem Korpus begrifflicher Schemen, welche Ideale und Werte der Gemeinschaft übertragen) setzt den Diskussionen über die Existenz eines indoeuropäischen Volkes ein Ende. Zu erfragen ist noch, wie sich die indoeuropäischen Sprachen auf dem gesamteuropäischen Raum und im größeren Teil Asiens verbreiteten, bevor sie die Neue Welt erreichten. Bestimmt nicht durch ,Streuung’. Die Streuung der Techniken und der Moden stellt kein brauchbares Modell für die Verbreitung der Sprachen dar. Sprachen werden nicht ,gestreut’, außer im Falle einer im vorgeschichtlichen Zeitalter allerdings schwer vorstellbaren kulturellen Beherrschung. Auch hier liefern feststellbare historische Parallelen die Lösung: Das Indoeuropäische verbreitete sich wie einst das Lateinische, wie später das Französische durch die Eroberung.


2. Was wissen wir über die Indoeuropäer, und wie wissen wir es?


Wir verfugen über zwei Informationsquellen. Eine mittelbare Quelle: die linguistische Paläontologie; eine unmittelbare: die ‚indoeuropäische Tradition’.


2.1 Die linguistische Paläontologie

Sie besteht darin, von der Existenz des erschlossenen Wortes auf die Kenntnis der entsprechenden Realität zu schließen. Sie wurde lange Zeit als unsere einzige Informationsquelle betrachtet. In Wirklichkeit ist sie die am wenigsten zuverlässige. Sie erfordert eine ständige Kontrolle und hat meistens nur einen unverbindlichen Wert. Zum Beispiel: Wir rekonstruieren (ohne Schwierigkeit von der Form her) ein Neutrum *áye/os- aufgrund des altindischen áyas-, des awestischen ayah-, des lateinischen es und des gotischen aiz. Welche Bedeutung soll es aber behalten? Die lateinische und die germanische Form bezeichnen die Bronze, die iranische das Metall im allgemeinen und das Eisen im besonderen, und der ursprüngliche Sinn der indischen Form ist umstritten. Da es - aus anderen Gründen - ausgeschlossen ist, die indoeuropäische Gemeinschaft in die Eisenzeit, ja sogar in die Bronzezeit zu verlegen, setzt sich die Auffassung durch, daß die Form *áye/os- das Kupfer bezeichnet. Daraus ersehen wir, daß die linguistischen Daten noch lange keine entscheidende Angabe zu liefern vermögen, sondern eine ständige Überprüfung durch die archäologischen Daten erfordern. Wird die Bedeutung einmal festgelegt, so stellt sich eine andere Frage: Die Form *áye/os- war bestimmt wie die anderen Neutra in *-e/os- eine Ableitung. Es gibt nämlich eine Wurzel *ay-, die ,glänzen’ bzw. ,heizen’, ,brennen’ bedeutet. In der Bedeutung ,glänzen’ handelt es sich um das gediegene gehämmerte Metall; geht man aber von der zweiten Bedeutung aus, so handelt es sich um das warm bearbeitete Metall. Dieses Beispiel veranschaulicht die Bedeutung der linguistischen Paläontologie, aber auch ihre Ungewißheiten.


2.2.1 Die überlieferte Formelsammlung

Mehrere Hunderte von Formeln, für deren ausgezeichnete Zusammensetzung Rüdiger Schmitt5 sorgte, werden von Wortketten artikuliert, die sich in zwei oder mehreren indoeuropäischen Dichtungen (meistens im Veda und bei Homer, aber auch im Awesta, in der alten germanischen Dichtung usw.) decken. Diese Formeln sind meistens nominale Syntagmen, die sich aus einem Substantiv und einem Epitheton zusammensetzen, *kléwos ndhghwitom ,unverwelklicher Ruhm’, oder aus einem Substantiv mit Genitivergänzung, *kléwos nérom ,Ruhm der Herren’. Dazu gehören auch Komposita: das gilt für die Eigennamen, die ebenfalls eine Art traditionelle Formeln bilden.


2.2.2 Die begrifflichen Schemen

Man rekonstruiert auch eine Gruppe begrifflicher Schemen, wie das Schema Denken-Handeln-Sprechen.6 Manche dieser Schemen können in erzählender Form auftreten, wie G. Dumézils dreifunktionales Schema oder ,die Überquerung des Wassers der winterlichen Dunkelheit’, das ich vor kurzem untersuchte7: in einzelnen vornehmlich germanischen Sagen überquert ein Held (an einer seichten Stelle, schwimmend usw.) nachts und im Winter eine Wasserfläche (Fluß, Meer usw.). Hier werden keine Syntagmen formal übereinandergelegt; man stellt Wortverbindungen, Strukturen unabhängig von ihrem Ausdruck gleich. Diese Tradition, die man als ‚literarisch’ bezeichnen kann (wobei es sich um eine mündliche Literatur handelt), liefert uns unmittelbar oder eine interpretatorische Bemühung voraussetzend die Ideale, die Werte, die Hauptbestrebungen und -sorgen der lndoeuropäer.


2.3 Der physische Typus der lndoeuropäer

Die Tradition unterrichtet uns auch über den physischen Haupttypus bei den Indoeuropäern. Überall in der indoeuropäischen Welt entspricht der physische Idealtypus dem nordischen Typus. Die dem physischen Typus beigemessene Bedeutung wird von der Symbolik unterstrichen, die ihm zuteil wird. In Griechenland zum Beispiel ist der zur solaren Unsterblichkeit des Elysiums (Insel der Seligen) bestimmte Held zwangsläufig blond. Umgekehrt sind die niedrigen Elemente der Bevölkerung, die feindseligen Nachbarn schwarz wie die Erde und die Nacht. Eine solche Symbolik wäre schwer vorstellbar, wenn die obere Schicht der Bevölkerung - für die die Dichter arbeiten und von der sie ihren Lohn bekommen - nicht eine helle Hautfarbe und blonde Haare gehabt hätten. Wir können ohne Bedenken daraus folgern, daß dieser Typus in der oberen Bevölkerungsschicht am meisten vertreten war, um so mehr als die Ikonographie diese Folgerung ganz und gar bestätigt. Vergleichen wir beispielsweise drei Vertreter physischer Typen aus dem klassischen Griechenland (Perikles, Sokrates und Chrysippos) miteinander, so fällt es uns nicht schwer zu entscheiden, welcher von den drei dem nordischen am nächsten kommt. Wir wissen, daß Perikles von einem der beiden bedeutendsten Adelshäuser Athens stammte, Sokrates von bescheidener Herkunft war und Chrysippos, wie mehrere andere Stoiker, aus Kleinasien kam.8


2.4 Die letzte gemeinsame Heimat der lndoeuropäer

Wenden wir nach strenger Überprüfung die Anregungen der linguistischen Paläontologie an, so ist es möglich, mehr oder minder nachweisbare Hypothesen über die Struktur und die Tätigkeit der Gemeinschaft aufzustellen, über die Familienstruktur und die Wohnregeln, über die Einteilungen der Ethnie, die gesellschaftliche Hierarchie, die Rolle des Königs, seine Pflichten und die der anderen Vorsteher; über die Religion, die Kriegführung, die Erzeugung, den Lebensmodus und -rahmen. Und am Schluß der Untersuchung kann man die prähistorische Archäologie zu Rate ziehen, um die letzte gemeinsame Heimat der lndoeuropäer räumlich und zeitlich zu bestimmen, den Kernbereich nämlich, in dem alle von der linguistischen Paläontologie belegten Realitäten vorhanden sein müssen. Die Frage bleibt aber offen. In Betracht gezogen wurden seit hundert Jahren die Donauländer (mitteleuropäische Ackerbauern im fünften Jahrtausend);9 das Volk der Ockergrabstätten (Ukraine, viertes bzw. drittes Jahrtausend), eine von O. Schrader10 verfochtene, heute von M. Gimbutas11 wieder aufgegriffene These; das Volk der Trichterbecher-Kultur, eine alte, von L. Kilian12 wieder verfochtene These, der diese Zivilisation als Verlängerung des lokalen Epipaläolithikums betrachtet. In einer noch zu erscheinenden Schrift schließlich vertreten Ivanov und Gamkrelidze die These von einer transkaukasischen Herkunft.13 Diesbezüglich gibt uns die Tradition keinen Hinweis.


2.5 Die Urheimat der lndoeuropäer

Einen entscheidenden Beitrag liefert die Tradition dagegen in bezug auf die älteste, erfaßbare gemeinsame Heimat, möglicherweise den Entstehungsort der Ethnie. Ihr Zeugnis wurde aber leichtfertig verschmäht. Man hat schon lange beobachtet,14 daß Indien, der Iran und die keltische Welt die Erinnerung an eine arktische Herkunft ihrer Ethnie, an eine Heimat im Land der ganzjährigen langen Nacht behalten. „Ursprünglich waren die Tuatha de Danann auf den Inseln der nördlichen Welt und lernten die Wissenschaft und die Magie, den Druidismus, die Weisheit und die Kunst.“15 Eindeutiger als dieser irische Text über die arktische Herkunft der keltischen Tradition kann man nicht sein. Dem Awesta zufolge war die Heimat der Arier einst „das erste aller vorzüglichen Länder“, heute aber währt der Winter dort zehn Monate, der Sommer zwei, und diese beiden Sommermonate sind kalt. Nach einem solchen Klima in der Nähe des Irans würde man vergeblich suchen. Und die brahmanische Homologie zwischen Jahr und Tag (das Jahr der Menschen ist ein Tag der Götter und setzt sich aus einem täglichen und einem nächtlichen Teil zusammen) wird nur begreiflich, wenn das Jahr tatsächlich aus einem langen Tag und aus einer langen Nacht, wie in den zirkumpolaren Regionen, bestand. Die formale Übereinstimmung des germanischen *dagaz (Tag) mit der litauischen Bezeichnung der warmen Jahreszeit, dagas, bekommt in einer solchen Homologie ebenfalls ihren Sinn.

Zu dieser ,alten Akte’ kommen noch griechische Daten hinzu. Die Äthiopier, die Homer an den beiden - östlichen und westlichen - Enden der Welt, am Ozean beheimatet, sind keine afrikanischen Neger, sondern „Menschen mit lichthellen Gesichtern“, die an jene Weißen des Weißen Erdteils in der indischen Tradition erinnern. Gerade bei ihnen tafelt Zeus zu Beginn und am Schluß der Ilias zwölf Tage lang mit allen Göttern. Man denkt natürlich an die zwölf Tage, die im christlichen Abendland Weihnachten von der Epiphanie trennen, sowie an die zwölf Tage, an denen die vedischen Rbhus (sie entsprechen den germanischen Alfar, die bei der Wintersonnenwende gefeiert werden) bei Agohya (,der nicht verborgen bleiben darf’ = die Sonne) schlafen. Denn der Name Zeus heißt ursprünglich ,Himmelslicht’, ,Tageshimmel’16 (siehe unten 3.3), und seine Abwesenheit kann nur eine jährliche zwölftägige Nacht, gleich dem Schlaf der Rbhus, bedeuten. Ferner liegt die alte indoeuropäische Bezeichnung der ,schönen Jahreszeit’ *ye/or-, von der der    Name der Hören, *yora-, Frühlingsgottheiten17 abgeleitet ist, dem Namen von Zeus' Gattin Hera (* yer-a-) zugrunde. Die heilige Vermählung (hieros gamos) von Zeus und Hera symbolisiert demnach das zyklische Wiedertreffen des ,Himmelslichts’ oder ,Tageshimmels’ mit dem Jahr, die jährliche Rückkehr des Lichtes am Ende der langen Winternacht. Außerdem ist Hera ursprünglich die Schutzherrin der Heroen, wie ihr Name es offenbart: Die Heroen sind diejenigen, die der brahmanischen Formel gemäß „das Jahr erreichen“, d. h. „die solare Unsterblichkeit erreichen, indem sie durch die Nacht des Winters, das heißt den zweiten Tod, schreiten“. Deshalb ist der Norden der Aufenthalt der Seligen: dort soll nach Ansicht der Kelten, laut Plutarch18, „Kronos Aufenthaltsort“ gelegen haben. Der Weiße Kontinent der indischen Tradition erstreckt sich bis zum „nördlichen Teil des Milchozeans“. Und im Veda ist der Norden, der durch die Konstellation des Großen Bären definiert ist, der Sitz des Brahmans19. Die Kreisbewegung des Firmaments um diesen Himmelspol symbolisiert möglicherweise die svastika, die später als Symbol des Mondjahres, dann des Sonnenjahres sowie der Wohltaten des Jahres (daher ihr Name) uminterpretiert wurde. Der Norden ist laut Plutarch „der aufrechte, obere Teil der Welt“ und laut Servius20 „der höchste, Jupiters Wohnsitz am nächsten liegende Teil“.21 Im Großen Norden müssen wir nach unseren tiefsten Wurzeln suchen; von dort stammen unsere ältesten und heiligsten Traditionen.


3. Unsere drei Farben 3.1 Kultur und Zivilisation


Auf diesen Seiten wird man keine Ausführungen über die materielle Zivilisation der Indoeuropäer und kaum Angaben zu ihren Institutionen finden. Vom Standpunkt ihrer - folglich unserer - Identität liegt das Wesentliche nämlich nicht hierin. Ihre materielle Zivilisation war die eines Volkes aus dem Chalkolithikum oder Kuprolithikum (siehe oben über die Bezeichnung des ,Kupfers’) und ihre Institutionen die einzelnen, auf der Stammlinie aufgebauten Gesellschaften von gestern oder heute: Nichts Spezifisches, nichts Ursprüngliches in alledem. Wir werden dagegen feststellen, daß die Originalität der Indoeuropäer in ihrer Kultur, ihrer Tradition, ihrer Weltanschauung gründet. Diesbezüglich paßt das deutsche Wort ,Weltanschauung’ vortrefflich, denn die Fundamente ihrer Kultur sind kosmisch.


3.2 Weiß, rot und schwarz

Ob es sich um die Welt, die Gesellschaft oder den Einzelnen handelt, liegt der indoeuropäischen Anschauung unveränderlich eine Farbendreiheit zugrunde: das Weiß, das Rot und das Schwarz. Bei dem Einzelnen spricht man von ,drei Eigenschaften’, von drei ,geistigen Prinzipien’; die Inder sagen ,drei Fäden’ (guna), aber mit jedem dieser drei Fäden ist eine Farbe verbunden: der sattva (,Güte’) ist ein leuchtendes, weißes Prinzip; der rajas (‚Eifer’, ‚Leidenschaft’) ist ein rotes Prinzip (die ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffs werden wir in der Kosmologie wiedertreffen; der tamas (,geistige Trägheit’) ist ein schwarzes Prinzip, die ,Finsternis’. Das bekräftigt die Hypothese, wonach ,Farbe’ die erste Bedeutung von guna- sei.22 In bezug auf die Gesellschaft spricht man von drei ,Funktionen’ in der Folge G. Dumezils, der damals unvorsichtigerweise drei entsprechende „Gesellschaftsklassen“ postulierte, als wenn die Weltanschauung zwangsläufig das Abbild der gesellschaftlichen Realität wäre. Das indische Wort varna-23 und das awestische pistra-24, die die drei arischen Kasten bezeichnen, erbringen den Nachweis, daß diese Kasten in Wirklichkeit grundsätzlich ,Farben’ sind. Die priesterliche Kaste hat nämlich die Farbe Weiß (und den sattva als Ideal), der Kriegsadel Rot als Farbe (und den rajas als Ideal) und die niedere Kaste schließlich hat die Farbe Schwarz, und ihr Ideal beschränkt sich auf den tamas.


3.3 Die drei Himmel

Ob es sich um die Gesellschaft oder um das Individuum handelt, diese Farben haben selbstverständlich keinen anderen Daseinsgrund als ihren symbolischen Wert. Sie gründen nicht auf der Haut- oder Haarfarbe, wie man es eine Zeit lang wähnte. Es sind die Farben des Himmels, oder vielmehr die Farben der drei Himmel.

Der ältesten indoeuropäischen Kosmologie (die als solche in keiner der Kosmologien des historischen Zeitalters fortlebte, die aber auf Grund ihrer Vergleichung wiederherstellbar ist) zufolge drehen sich drei Himmel um die Erde: ein weißer Tageshimmel *dyew-, ein roter Morgen- und Abendhimmel, genannt *regwos- (daher der altindische rájas-) und ein schwarzer Nachthimmel, wahrscheinlich genannt *ne/okwt-(der die Bezeichnung ,Nacht’ hervorrief). Dieser Nachthimmel hat also die gleiche Farbe wie die Erde, um die sich die drei Himmel drehen. Möglicherweise aufgrund dieser Konstellation neigen die Triaden bei den Indoeuropäern ständig dazu, sich ein viertes Element beizulegen, häufig durch Teilung eines ihrer Bestandteile.25 Aus dieser ‚dynamischen’ Kosmologie stammen zwei Haupttypen ‚statischer’ Kosmologien:

Da ist einmal die indische Auffassung der ,drei Welten’, mit dem Himmel (* dyáv aus *dyew- ,Tageshimmel’), dem Mittelraum (antáriksa-) und der Erde. Nun wird aber der Mittelraum auch rájas- (aus *regwos-) genannt, wie das Prinzip des Kriegeradels, und dieser Name bedeutet ursprünglich ,Röte’. Offenbar fungiert dieser Mittelraum als ,roter Himmel’ der Morgenröte und der Abenddämmerung.

Die andere Auffassung ist die griechische und germanische mit einer zentral gelegenen Erde, die sich von dem Himmel und der Hölle gleich entfernt befindet. Hier übernimmt die Erde die mittlere Stellung, und im Germanischen wird sie ,Mittelraum’ genannt, im Gotischen midjungards usw. Da Himmel und Hölle offensichtlich jeweils für den Tagesund den Nachthimmel stehen, übernimmt die Erde die Stellung des mittleren Himmels in der ‚dynamischen’ Kosmologie. Wir sehen, wie diese beiden Kosmologien auf die frühere Kosmologie der sich drehenden Himmel zurückgehen, die zwar, wie bereits erwähnt, in keiner Kosmologie des historischen Zeitalters fortlebte, dennoch in der griechischen Kosmogonie abgebildet ist, wonach Zeus (Tageshimmel) den besternten Uranos (Nachthimmel) nach der Zwischenherrschaft des Kronos (Trennung) ablöst.26


3.4 Die Homologie zwischen den Zeiteinteilungen

Der Zyklus der drei Himmel beschränkt sich nicht auf den ,vierundzwanzigstündigen’ Tag, denn es bestehen Homologien zwischen den bedeutendsten Zeiteinheiten. Die Zwölf Tage sind ein Beispiel: ursprünglich etwa den Unterschied zwischen Mondjahr und Sonnenjahr darstellend, wurden sie außerdem mit den zwölf Monaten in homologische Beziehung gebracht. Gleichermaßen gilt auch der Zyklus der drei Himmel für das Jahr und das Werden der Welt.


3.4.1  Das Jahr

Das Jahr, wiederholen die Brahmanas, ist ein Tag der Götter; es setzt sich aus einem täglichen und einem nächtlichen Teil zusammen. Der tägliche Teil erstreckt sich von der Winter- bis zur Sommer-Sonnenwende, der nächtliche Teil von der Sommer- bis zur Winter-Sonnenwende. Diese Homologie ist, wie oben ersichtlich, eines der Hauptargumente zugunsten der arktischen Herkunft der indoeuropäischen Tradition; denn nur in den zirkumpolaren Regionen setzt sich das Jahr tatsächlich aus einem langen Tag und aus einer langen Nacht zusammen, die durch eine Reihe von ,Morgenröten’ getrennt sind: die ,Auroras des Jahres’, deren Namen im Osterfest fortlebte (Ostern aus *ausiron= die Auroras, die Morgenröten’).


3.4.2  Der kosmische Zyklus

Das gilt ebenfalls für den kosmischen Zyklus: Hesiods Lehre der Welt-zeitalter deckt sich mit den Gesetzen des Manu (Manava Dharmashasträ), wenn man sie von diesem Standpunkt aus betrachtet. Die Herrschaft des besternten Uranus (Nachthimmel) entspricht ,Brahmas Schlaf’ bei Manu: es ist die schwarze Periode des kosmischen Zyklus. Die Herrschaft des Kronos (Trennung) entspricht der ,Dämmerung vor dem Zeitalter krta’: es ist das Goldene Zeitalter, die erste rote Periode des Zyklus. Die einsetzende Herrschaft des Zeus, das Zeitalter des Silbers, entspricht dem brahmanischen krta-yuga; in beiden Fällen handelt es sich um ein weißes Zeitalter.

Darauf folgt erneut ein rotes Zeitalter, das Hesiod in ein Zeitalter des Kupfers27 und in eines der Heroen teilt, deren König Kronos ist. Dieses rote Zeitalter entspricht dem treta, der das Zeitalter des Kriegeradels, der Kaste ksatriya, darstellt. Die Eisenzeit mündet in eine neue schwarze Periode, die kosmische Nacht. Hesiod unterscheidet zwei Phasen innerhalb der Eisenzeit: eine ,Mischperiode’, die dem indischen dvapara, das heißt dem mit der Kaste vaisya (,Dorfbewohner’) übereinstimmenden Weltzeitalter entspricht, und eine zweite, durch und durch schlechte, die dem kali (der Kaste sudra gleichzusetzen) entspricht. Die Geschichte der Welt wird also durch die ewige Wiederkehr der drei Himmel, die ebenfalls im Jahr und im vierundzwanzigstündigen Tag aufeinanderfolgen, rhythmisiert.

Das der kosmischen Nacht vorausgehende rote Zeitalter und das ihr nachfolgende, einen neuen Zyklus eröffnende werden häufig als kriegerische Zeitalter aufgefaßt, die ein großer universaler Kampf kennzeichnet: die germanische ,Götterdämmerung’28 und die epische Übertragung desselben eschatologischen Mythos in den indischen Mahabharata. Und das beste Beispiel für den zykluseröffnenden Kampf liefert das indische Vrtrahatya: Ermordung der Schlange Vrtra (deren Name Widerstand bedeutet und mit dem neuhochdeutschen Wehr identisch ist). Die Aurora des kosmischen Zyklus wird ebenfalls als kriegerisch aufgefaßt: daher die kriegerischen Göttinnen, wie die griechische Athene oder die keltische Brigit.29


3.5 Die Götter der drei kosmischen Farben

Demnach haben sich die indoeuropäischen Götter ursprünglich anscheinend auf die drei kosmischen Farben verteilt. Es ist zwar schwierig, das indoeuropäische Pantheon zu rekonstruieren, da die Götternamen so häufig wechseln. Es steht aber nahezu fest, daß es zwei Hauptklassen umfaßte: die *deywó- oder eigentlichen Götter, die den Tageshimmel bewohnten, und die Bewohner des Nachthimmels, nämlich die Dämonen sowie die Geister der Toten. In drei Abschnitten des indoeuropäischen Bereichs ist diese Einteilung sehr deutlich, und jede der beiden Kategorien hat einen der beiden ,souveränen Götter’ an ihrer Spitze:

Götter des Tageshimmels Götter des Nachthimmels
Germanen *Tiwaz und die *tiwoz *Wodenaz und die Wilde Jagd
Balten *Deivas und die *deivai *Velinas und die yeles (Geister der Toten)
Indoiraner *Mitra und die *daivas *Varuna und die *asuras

Diese Tabelle erfordert einige Erklärungen!

a) Der Name des germanischen Gottes *Tiwaz (aus *ywós), der mit der generischen Bezeichnung der ,Götter’ identisch ist, benennt also ursprünglich ,den vom Tageshimmel’; er bildet demnach ein kontrastierendes Paar mit *Wodenaz, wobei dieser über den Nachthimmel und alles herrschte, was mit ihm symbolisch zusammenhing, darunter die Magie und die Wut (die ihm zu dem Namen verhalf) und das Reich der Toten.

b) Das baltische souveräne Paar stimmt ursprünglich mit dem vorigen nahezu überein. Aber hier hat der souveräne Gott des Tageshimmels, der dem christlichen gleichgesetzt wird, sozusagen die Oberhand gewonnen, während der souveräne Gott des Nachthimmels als der Teufel identifiziert wird.

c) In den Brahmanas sind die Asuras Dämonen, wohingegen im Veda die Hauptgötter, etwa Varuna, Asuras sind. Ursprünglich handelt es sich nämlich um Götter aus dem Nachthimmel, ,Gebieter über die Geister der Toten’ ( su-). „Mitra ist der Tag, Varuna die Nacht“, sagen die Brahmanas, und dieser Gegensatz ist in Betracht zu ziehen, obwohl von ihrem Namen her Mitra der ,Vertrag’, Varuna, der Eid' ist: ein weiteres Beispiel für die Homologie zwischen kosmischer und sozialer Ebene.

Die Klasse der Götter aus dem Tageshimmel unterteilt sich wiederum in zwei Unterklassen, die Götter aus dem weißen und die aus dem roten Himmel. Letzterer Klasse gehören die kriegerischen Götter und die Auroras an, die in einer überlieferten Formel als ,Töchter des Tageshimmels’ bezeichnet werden.

Die sichtbaren Gottheiten entfallen auf drei Klassen; zum Beispiel gehört der Gott Mond dem Nachthimmel, die Göttin Sonne dem Tageshimmel an. Das Feuer geht von dem einen zum anderen über. Eine berühmte Hymne des gveda ( Rigwedá) erinnert, wie es vom Lager Varunas und der Asuras zu dem der Devas überging.30 Die ältesten mythologischen Strukturen sind also kosmischer Natur, und bedeutende Spuren sind in der griechischen Mythologie zurückgeblieben: dort hat Zeus (Tageshimmel) Hera (schöne Jahreszeit) als Gemahlin und Athene (die kriegerische Aurora) als Tochter. Im Phôkikon (dem Versammlungsort der Phokidier) hat die Triade Zeus-Hera-Athene demnach eine kosmische Bedeutung, und man darf die entsprechende römische Triade, die sogenannte ,Kapitolinische Triade' Jupiter-Juno-Minerva, sowie die etruskische Tinia-Uni-Menrva genauso deuten. Eine weitere Tochter des Zeus, Aphrodite, wurde der indoeuropäischen Aurora31 gleichgesetzt. Wohl bemerkt handelt es sich nicht wie bei Eos um die Tagesaurora; sie ist gleich der germanischen *Austro eine ,Aurora des Jahres’, und als solche wurde sie zur Göttin der Frühlingsliebschaften, dann der Liebe. Unter dem Namen Urania (die von Uranus, dem Nachthimmel vor Zeus, erzeugt wird, obwohl sie sonst als Tochter des Zeus gilt) ist sie die Aurora des kosmischen Zyklus. Und ihre menschliche Doppelgängerin Helena steht im Mittelpunkt der Trojanischen Sage; höchst wahrscheinlich gründet diese Sage ursprünglich auf dem Mythos einer entführten, gefangen gehaltenen Aurora und ihrer Befreiung. Die historischen Geschehnisse hätten bei dieser Hypothese lediglich die Materialität des Berichts ausgemacht, seine Form und seine ursprüngliche Bedeutung wären ganz anderer Natur gewesen, und zwar kosmischer.


3.6 Von den drei Himmeln zu den drei gesellschaftlichen ,Farben’

Es wäre falsch zu glauben, daß die drei sozialen Funktionen das Abbild einer präexistierenden sozialen Realität seien: die gesellschaftlichen Realitäten wandeln sich, selbst in den Gesellschaften, die sich als unveränderlich begreifen, und sie können vor allem je nach dem eingenommenen Standpunkt unterschiedlich analysiert werden. Nicht alle indoeuropäischen Gesellschaften aus dem historischen Zeitraum unterteilen sich in drei Klassen, und diese, wenn es der Fall ist, entsprechen nicht einander. Außerdem sind die ,Klassen’ stets zweitrangige, ,moderne’ Realitäten, die ältere Kasten verlängern. Die Gegenüberstellung des germanischen mit dem keltischen und indoiranischen Modell offenbart zugleich ihren Parallelismus in geistiger Hinsicht und ihre Unterschiede auf der Ebene der gesellschaftlichen Realität:

Rangordnung

germanisches Modell

kelt. u. indoiran. Modell

1

*erila- Adlige

Priester

2

*ke/arla- Freie

Adlige

3

*thrahila- Diener

Erzeuger

 

*thragila-

 

Wenn wir uns aber auf das Merkgedicht von Rig (Edda) beziehen, das den Gründungsmythos der früheren germanischen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, ist jede dieser drei Kasten durch eine ‚Farbe’ gekennzeichnet: die Adelskaste durch das Weiß, die Kaste der Freien durch das Rot, die der Diener durch das Schwarz. Es sind genau die drei Farben, welche die Kasten der indoiranischen Welt symbolisieren oder vielmehr definieren (da das Wort, das wir mit ,Kaste’ übersetzen, ,Farbe’ bedeutet).

Daraus ersehen wir, daß diese Farben keinen unmittelbaren Bezug zur tatsächlichen Aktivität der Menschen in der Gesellschaft haben. Und in Griechenland, wo die soziale Organisation anders ist, beruht der älteste Gründungsmythos, der von Deukalion und Pyrrha, auf dem gleichen Schema der drei Farben: Deukalion ,der Weiße’ und seine Gemahlin Pyrrha ,die Rote’ stellen nach der Sintflut die Menschheit wieder her, indem sie Steine hinter sich auf die (schwarze) Erde werfen. Dann erzeugen sie auf natürliche Weise Hellen, das frühere Eponym der Hellenen. Demnach rühren die Hellenen ausschließlich von den beiden oberen Prinzipien, dem Weiß und dem Rot, her - im Gegensatz zu den Prähellenen, Söhnen der Erde, die genauso wie die Diener der germanischen Gesellschaft und die Züchter der indoiranischen vom schwarzen Prinzip herrühren. Einzig das schwarze, vitale, vegetative Prinzip ist ihr Los. Die nächst höhere Kaste - Freie bei den Germanen, Adlige bei den Kelten und Indoiranern - besitzt außerdem das rote Prinzip des Eifers und der Leidenschaft, und die erste Kaste hat obendrein das weiße Prinzip.

Man kann für die Anteriorität (das frühere Bestehen) des einen oder des anderen Gesellschaftsmodells argumentieren. Ich halte persönlich das germanische Modell für älter. Die Entwicklung einer priesterlichen Kaste läßt sich durch die Notwendigkeit erklären, die Tradition und die Ethnie in einer Umgebung aufrecht zu erhalten, die zu ihrem Fortbestand ungünstig ist, das heißt in einer fremdstämmigen Umgebung. Diese Neuerung führt zu einer widersinnigen Situation: Der König wird weiterhin im Kriegeradel ausgesucht, aber diese Kaste ist nicht mehr die erste. Wie dem auch sei, das Wesentliche ist, daß beide Modelle in der grundlegenden Hierarchie übereinstimmen, die nicht die Hierarchie der Funktionen ist, sondern die der Farben. Das Fundament dieser Systeme ist demnach kosmisch und spirituell. Es handelt sich um Kasten-, und nicht um Klassengesellschaften, die auf der Funktion oder auf dem Vermögen aufgebaut sind.


3.7 Von den drei Himmeln zu den drei ,Farben’ des Einzelnen

Wir können nunmehr jene seltsame Homologie erklären, die den Einzelnen mit der Welt in Beziehung setzt. In diesen grundlegend individualistischen Gesellschaften definiert sich das Individuum nämlich nur in bezug auf die Gruppe; wir haben aber gerade festgestellt, daß die Gruppe selbst als Abbild der Welt aufgefaßt wird. Folglich wohnt jedem Individuum ein schwarzes vegetatives Prinzip inne, das die Inder tamas ,Finsternis’ nannten, die Entsprechung des Nachthimmels und der Erde. Die der unteren Kaste angehörenden Individuen haben nur dieses. Die Angehörigen der zweiten Kaste besitzen außerdem das rote Prinzip des Eifers und der Leidenschaft, den indischen rajás; sie entsprechen dem roten Himmel. Und die Angehörigen der ersten Kaste haben obendrein das weiße Prinzip der Spiritualität, den indischen sattva.

Diese Kastengesellschaften sind nicht deshalb erstarrte Gesellschaften. In den einzelnen Zeitaltern sind gewisse Formen der sozialen Mobilität nachgewiesen. Die legitime Geburt verleiht nicht automatisch das entsprechende Prinzip. Man kann von seiner Kaste herabkommen oder umgekehrt zu einer höheren Kaste gelangen.32 Freilich fördern diese Gesellschaften nicht einen raschen sozialen Aufstieg; die 'Emporkömmlinge' werden dort nicht gern gesehen. Nur die Nachkommenschaft erntet die Früchte des sozialen Aufstiegs ihres Vorfahren, der hochkam. Für die traditionelle Mentalität ist die Stammlinie das Wesentliche, und das Individuum nur ein Glied der Kette. Durch seine Nachkommenschaft erlangt es sein Fortleben - durch die Erinnerung, die es hinterläßt, durch den Kult, der zu seinem Gedenken in seiner Familie gehalten wird: das ist das Prinzip des Familienkults. Wer mit seinen Glanztaten, insbesondere als ,Gründer’, als ,Bahnbrecher', den ,ewigen Ruhm' erlangt, gründet seine ,Unsterblichkeit' nicht auf die Erinnerung seiner Familiengruppe, sondern auf eine viel größere Zahl von Menschen. So gelangt er zur solaren Unsterblichkeit des Elysiums oder der Walhall, anstatt, wie die übrigen Toten, in der Finsternis des Erebos bei den Griechen, der Hei bei den Germanen unterzugehen. Die griechische Bezeichnung dieser Menschen, die sich über den Menschenverstand erheben, beruht auf einer kosmischen Homologie: sie werden Heroen genannt, das heißt die Eroberer der schönen Jahreszeit; diejenigen, die die Winternacht (den zweiten Tod) durchqueren und zur solaren Unsterblichkeit gelangen. Die Brahmanas haben einen ähnlichen Ausdruck: ,das Jahr erobern’ bedeutet dort ,die Unsterblichkeit erobern’.33 Was seine Endzwecke und seinen sozialen Status anbelangt, hängt der Einzelne mit der Welt zusammen.


4. Die Gemeinschaft


4.1 Die Welt, die Gesellschaft, der Einzelne

Aufgrund der bisherigen Betrachtung ermessen wir die Nichtigkeit jeglichen ,humanistischen’, ‚individualistischen’ Klärungsversuchs dieser Gesellschaft: indem ein solcher Versuch die Verhältnisse von Individuum und Gesellschaft, von Gesellschaft und Welt umkehrt, verfehlt er das Wesentliche. Die Anschauungen der Indoeuropäer lassen sich keineswegs begreifen, wenn man vom Individuum ausgeht, um die Gesellschaft zu erklären, und von der sozialen Realität, um die Weltanschauung verständlich zu machen. Die Weltanschauung muß vielmehr Ausgangspunkt sein. Sie ist es nämlich, die der ternären (dreigegliederten) Auffassung der Gesellschaft und des Einzelnen Sinn verleiht. Und die Hierarchie der kosmischen Farben gründet zugleich die soziale Hierarchie und die Wertskala.

Es sei, ohne die rekonstruierten Einrichtungen ausführlich darlegen zu müssen, an das Wesentliche erinnert: an die doppelt strukturierte Gemeinschaft, horizontal in Kasten, vertikal in Stammlinien. Diese doppelte Strukturierung kodifiziert die Mannigfaltigkeit der Gemeinschaft, die jedoch geeint und solidarisch ist. Garant und Verkörperung dieser Einheit ist der König, der wie alle übrigen Oberhäupter seine Gruppe gegenüber dem Außen und den Göttern ,vertreten’ soll. Außerdem verkörpert er die ,Gradheit’ (*reg-, ,König’, ‚Regierender’).


4.2 Die Kasten

Die Strukturierung in Kasten spiegelt die Welt wider; deshalb gilt sie als unveränderlich, ewig. Des Menschen erste Pflicht ist, die Verbindlichkeiten seiner Kaste zu erfüllen, sich nach dem Vorbild, das die Tradition ihn lehrt, zu richten im Hinblick auf den Stand, der ihm von der Geburt her zukommt. Es gibt keine allgemeingültigen Verbindlichkeiten; jeder Stand hat seine eigenen Pflichten. Diese Auffassung hatte noch lange Zeit Bestand, und mitten im christlichen Mittelalter klingt sie in einem berühmten englischen Text des 11. Jahrhunderts, dem berühmten Dialog der Berufe, nach, der mit den Worten schließt: „Ob du“, sagt der Weise, „Weltgeistlicher, Mönch, freier Bauer oder Krieger bist, erfülle die Pflichten dieses Standes; und sei, was du bist, denn es ist Schmach und Schande für einen, nicht das sein zu wollen, was er ist und was er sein soll.“ Wie die Intention des Autors und seine Anspielungen auf das Zeitgeschehen auch sein mögen34: der Grundsatz, den er ausspricht, spiegelt eine uralte Tradition wider. Diesem Grundsatz gemäß ist der Mensch verpflichtet, dem Ideal seines Standes völlig zu entsprechen, das heißt also sich selbst im Rahmen dieses Standes zu übertreffen. Es ist kein Ideal der Lässigkeit, der Resignation, der Stagnation. Bei diesen traditionellen Gesellschaften, wo Stabilität die Grundregel ist, verwirklicht und übertrifft sich das Individuum natürlich in dem Stand, in dem er geboren ist, für den er geformt wurde; dieses Prinzip verbietet einem nicht, den Stand zu wechseln. Ausgeschlossen ist dagegen die Vermischung, das Austauschen der Rollen und der Pflichten. Wenn beispielsweise ein Bauer Soldat wird, wird er vollends Soldat sein und Bauer zu sein aufhören in einer Gesellschaft, wo beide Stände voneinander getrennt sind; woanders, etwa bei den Germanen, konnte man ,Bauernsoldat’ sein. Die Kasten können sich nicht vermischen, auch nicht im selben Individuum. Das liegt daran, daß sie Realitäten widerspiegeln, die nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft selbst übersteigen, die Farben der drei Himmel nämlich, die bis zur allumfassenden Vermischung der kosmischen Nacht gesondert bleiben. Daher die indische Formel, wonach die ,Vermischung der Kasten zur Hölle führt', sowie die je nach Völkern und Epochen mehr oder weniger zwingende Tendenz zur Kastenendogamie.


4.3 Die Stammlinie

Die Gemeinschaft ist ebenfalls in vertikalen Einheiten, den Stammlinien, strukturiert. Jeder Einzelne ist das Glied einer Kette, die die vergangenen Generationen mit den künftigen verbindet. Daraus ergeben sich zwei weitere Pflichten: das Andenken seiner Ahnen in Ehren halten, für seine Nachkommenschaft sorgen.


4.3.1 Seine Vorfahren ehren

Seine Vorfahren zu ehren, heißt natürlich ihnen den Familienkult erweisen, den das Familienoberhaupt als Priester verrichtet. Das heißt aber auch ihr Erbe bewahren und wenn möglich vermehren: das materielle Erbe des Erbgutes (des germanischen *athat) für die Bodenbesitzer; das geistige Erbe ihres Ruhms oder zumindest ihres guten Ansehens, das sie ihren Nachkommen unversehrt übertragen werden. Ohne Nachkommen, die den Familienkult fortbestehen lassen, sterben die Ahnen ein zweites Mal. Schon deshalb muß jeder für seine Nachkommenschaft sorgen; und selbstverständlich für eine legitime, wertvolle Nachkommenschaft. Denn die Stammlinie ist eine geistige und biologische Entität. Daher die einzelnen, im historischen Zeitraum belegten Vorkehrungen gegen die Ehelosigkeit und für den Schutz der noch ungeborenen Kinder. In der gesamten indoeuropäischen Welt wird die Abtreibung als ein Verbrechen, und zwar als eines der schlimmsten, betrachtet. Dagegen werden die illegitimen oder mißgebildeten Kinder zur Schau gestellt.


4.3.2 Die ,vertikale’ Strukturierung der Gesellschaft

Der rekonstruierte indoeuropäische Wortschatz und verschiedene Traditionen, insbesondere die awestische Tradition, ermöglichen, daß wir eine ziemlich genaue Vorstellung von der vertikalen Struktur der Gesellschaft haben. An der Basis befindet sich die Grundzelle einer jeden Gesellschaft, die ,Familie' (*de/om-, *domo-): sie umfaßt alle unter einem Dach lebenden Verwandten, gewöhnlich den Großvater, seine Söhne, seine Schwiegertöchter, seine unverheirateten Töchter, seine Enkelkinder. Die indoeuropäische Familie scheint schon lange Zeit patrilinear und der Wohnsitz patrilokal gewesen zu sein, obwohl einzelne Daten (allerdings noch in Rekonstruktion, wir müssen das stets berücksichtigen) von einer älteren Vorherrschaft der mütterlichen Linie zeugen.


4.3.3 Stammlinie und Dorf

In den Familien unterer Kasten reicht die Erinnerung an die Stammlinie nicht weit zurück: höchstens drei oder vier Generationen jenseits lies Familienvaters. Lediglich in den Familien der oberen Kaste ist die Stammlinie eine Realität. Sie wird mit einem Derivat der Wurzel *lien(H1)- ,erzeugen’, ,gebären’/,geboren werden’ bezeichnet: altindisch jána- (aus *gónH1-o-), awestisch zantu- (aus *genH1-tu-), lateinisch gens (aus *gn-ti-), griechisch genos (aus *genH1-elos). Die Stammlinie ist eine spezifisch ,patrizische’ Realität. Die ,plebejischen’ Familien haben keine andere Gruppierung als das ,Dorf’, *woyk-/*wik-, *woyk-o-, das im Gegensatz zur Stammlinie eine rein ‚plebejische’ Einrichtung ist. Deshalb heißt in Indien die untere arische Kaste vis- (.Dorf'), und seine Mitglieder váisya-35.


4.3.4 Über die Stammlinie hinaus

Ober die Stammlinie oder, für die untere Kaste, über das Dorf hinaus trifft man eine stabile Institution nur in einem Teil des indoeuropäischen Bereichs, bei den Völkern der *te/owta- (so heißt diese Institution, die wir mit ,Volk’ übersetzen können): Balten (litauisch tautá), Germanen (gotisch thiuda), Kelten (altirisch tuath), Italiker (oskisch tota); das lateinische Adjektivpronomen totus (‚ungeteilt’, ,in vollem Umfang’) kann als eines deren Überbleibsel betrachtet werden, und der Name der Deutschen, deutsch (aus *theuiska) ist davon abgeleitet. Im sonstigen Bereich finden wir keine feste Einrichtung auf dieser Stufe: die Begriffe, die im historischen Zeitraum eine entsprechende Realität bezeichnen, beziehen sich ursprünglich ebenfalls auf die ,Fremde’: so das iranische dahyu- (,Provinz’, ,Satrapie des persischen Reichs’), das sich mit dem altindischen dásyu- (,Fremde, Ausland’) deckt; und sehr wahrscheinlich bezeichnet das altindische ari- zugleich den ‚Fremdling’ (gegenüber der Stammlinie) und die ‚arische Gemeinschaft’. Es wäre nun zu erfragen, ob dies ein archaisches Stadium der Gemeinschaft widerspiegelt, oder ob die arischen Stämme bei ihren weiten Wanderungen ihre ursprüngliche Einheit nicht eingebüßt hatten.


4.4 Die Vorsteher

Jede Einheit der Ethnie hat einen Vorsteher, der entweder mit einem abgeleiteten Possessivadjektiv vom Typ lat. dominus (‚Familienoberhaupt’, abgeleitet von domus ‚Familie') bezeichnet wird, oder mit einem Kompositum in *pot(i)- (,Besitzer’, ,Vorsteher’, ‚Vertreter’), etwa das griechische despótes (‚Familienoberhaupt’). Auf diese Weise wurden ebenfalls der ‚Dorfvorsteher', altindisch vispáti-, litauisch viespats (‚Herr’), und der ‚Sippenvorsteher’, altindisch jás-pa-ti- genannt; eine entsprechende Bezeichnung gibt es allerdings weder für die römische gens noch für den griechischen genos.

Was das ‚Volk’, *te/owta-, anbetrifft, heißt sein Vorsteher manchmal ‚Volksvorsteher’, ‚Oberhaupt des Volkes’, gotisch thiudans (aus *tew-ta-no-), oder öfter *reg-  (‚Verkörperung der Gradheit’).


4.5 Der ‚Gesellschaftskörper’ und der König

4.5.1 Der ,Gesellschaftskörper’

Eine alte und weitverbreitete Metapher setzt die Gemeinschaft mit einem Lebewesen gleich, das zugleich differenziert, hierarchisiert und solidarisch ist. In der germanischen Gesellschaft ist dieses Modell am besten erhalten. Die drei Kasten gehören ganz zur Volksgemeinschaft.

Das gilt ebenfalls für den alten Iran; aber nicht für Indien, wo die šudra, nicht-arische Eingeborene, ursprünglich ein anderes Volk bilden. Cäsars Bericht zufolge kommt die gallische ,Plebs’ bei der Politik der Nation nicht in Betracht, und in Rom war das ganze Geschick des Tribuns Menenius Agrippa erforderlich, um die auf den Aventinischen Hügel ausgewanderte Plebs davon zu überzeugen, daß sie Bestandteil des ‚Gesellschaftskörpers’ sei, und zwar dank der berühmten Fabel von den Gliedern, die dem Magen den Dienst verweigerten. Und in Griechenland - im Gegensatz zu jenem athenischen Mythos der ,Autochthonie’, wonach die gesamte Bevölkerung der Erde entsprießt - hält der bereits erwähnte Mythos von Deukalion und Pyrrha die Erinnerung an eine doppelte Herkunft der griechischen Bevölkerung wach: die eigentliche ,hellenische' Ethnie, die von Hellenen, ihrem eponymen Vorfahr und Sohn von Deukalion und Pyrrha, abstammt; sowie die Prähellenen, Söhne der Erde, die die von Deukalion und Pyrrha hinter sich geworfenen Steine befruchteten.

Der ,Gesellschaftskörper’ ist somit ein uraltes Ideal, das die Eroberungen arg strapaziert haben. Dort, wo die Indoeuropäer unter sich blieben, stellte sich das Problem nicht. In einem fremdstämmigen Land aber gerieten die indoeuropäischen Eroberer in ein Dilemma: sie mußten entweder einen Teil ihrer Identität preisgeben, indem sie sich mit den lokalen Bevölkerungen vermischen, oder zu deren Erhaltung zwei Völker bilden und dabei die organische Einheit des ‚Gesellschaftskörpers’ gefährden.


4.5.2 Der König

Ob real oder ideal wird diese organische Einheit des Gesellschaftskörpers vom König verkörpert. Im Merkgedicht von Rig (Edda), das den Gründungsmythos der früheren germanischen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, erzeugt der Gott Rig (,König’36) nacheinander ebenso die ersten Diener wie auch die ersten Freien und die ersten Adligen (Jarls). Ein solcher König kann als ‚Vater seines Volkes’ gelten. Deshalb trägt der König, der bis auf wenige Ausnahmen aus dem Kriegeradel stammt, ebenfalls die Farben der beiden anderen Kasten und beteiligt sich an ihren Tätigkeiten. Zum Beispiel tritt der gute König für das allgemeine Wohl, die gute Ernte, die Gesundheit ein; er vermag sogar zu heilen. Der König ist nämlich der Mittler zwischen seinem Volk und den Göttern. Wie jedes andere Oberhaupt ist der König der ‚Vertreter’ (*pót(i)-) und der Priester seines Volkes. Um diesen Verpflichtungen wirksam nachzukommen, muß sich jeder Vorsteher, insbesondere der König, nach den Verhaltensregeln richten, die ihn die Tradition lehrt.


4.6. Die Rolle der Tradition

4.6.1 Die beiden Formen der Tradition

Die indoeuropäische Tradition bildete sich unter den beiden oben (2.2) erwähnten Formen hauptsächlich, um die Oberhäupter über ihre Pflichten zu belehren, deren Erfüllung den guten Fortgang der gesamten Gemeinschaft bedingt. Überall wird diese Tradition von der oberen Kaste bewahrt: die Brahmanen in Indien, die Athravan im Iran, die Druiden bei den Kelten (drei priesterliche Kasten) und bei den Germanen die *Erila-, der Kriegeradel (siehe oben unter Ziffer 3.6). Sie sind diejenigen, die die Runen kennen, das heißt deren Doppelsinn deuten können und deren magische Anwendung beherrschen. In der Tat erwähnen die Verfasser der runischen Inschriften häufig ihre Eigenschaft als *Erüa-.

Wir haben zu Beginn dieser Untersuchung darauf hingewiesen, daß sich die Tradition unter zwei Formen (die der ,Formeln’ und die der begrifflichen Schemen') darbietet. Formelhafte Übereinstimmungen lassen sich hauptsächlich zwischen der indoiranischen (Veda, Awesta), der griechischen (Homer, Hesiod, Pindar und die anderen Lyriker, manchmal die Tragiker) und der älteren germanischen Dichtung (nordische Edda, Beowulf usw.)37 feststellen. Diese Formeln können sich decken, was die Wiederherstellung der indoeuropäischen Formel’ (deren unmittelbare Verlängerung sie darstellen) ermöglicht. Zum Beispiel die Formel des ,ewigen Ruhms’:

Götter des Tageshimmels Götter des Nachthimmels
altindisch šrávo áksitam
griechisch kléwos aphthitom
indoeuropäisch *kléwos ndhghwitom

Die begrifflichen Schemen treten bei ihren einzelnen belegten Äußerungen nicht unbedingt in gleicher Form zutage. Sie können sogar formal nichts gemein haben. Das gilt zum Beispiel für den Namen der drei arischen Kasten Indiens und Irans — Anwendung auf die Gesellschaft jenes begrifflichen Schemas der drei Farben (siehe oben 3.6): Keine dieser drei Kasten trägt einen verwandten Namen in Indien und im Iran.

Indien Iran
bráhman- ,Mann der Formel’ athravan- ‚Priester des Feuers’
kasatriya- ,Regierungsmann’ rathaesta ‚Streitwagenkämpfer’
rajanyá Königlicher’    
váisya- Dorfbewohner’ vastryo.fsuyant- Züchter’

Die nicht zu leugnende Übereinstimmung ist rein strukturell. Solche begrifflichen Schemen müssen wir also berücksichtigen, auch wenn jegliche formale Übereinstimmung ausbleibt. Diese begrifflichen Schemen können einzelnen Berichtsformen zugrunde liegen, die sie veranschaulichen: etwa die unzähligen Episoden, die die Hierarchie der Prinzipien verdeutlichen, z. B. das berühmte ,Urteil des Paris’. Wir täten Unrecht, wenn wir diese beiden Formen der Tradition einander gegenüberstellten, vor allem aber wenn wir eine auf Kosten der anderen bevorzugten - um so mehr, als eine Kontinuität zwischen beiden besteht. Das Schema Denken-Sprechen-Handeln beispielsweise wird zum Teil mit gleichen, zum Teil mit abweichenden Formen artikuliert:

 

altindisch

altiranisch

altenglisch

denken

man-

man-

thencean

sprechen

vac-

vak-

word ,Wort’

handeln

dha-,kr-

varz-

weorc ,Werk’

Wir stellen fest, daß das Indische mit dem Iranischen, was die beiden ersten Begriffe anbelangt, übereinstimmt, aber mit dem Englischen für den dritten. Bezüglich des Inhalts vgl. unten, Abschnitt 5.9.4. Ferner kommen manche begriffliche Schemen bald in völlig oder teilweise einander deckenden Formeln zustande, bald in Berichten oder in Ritualen (später innerhalb der Folklore in Spielen), wobei nur deren gemeinsame Struktur und die Bedeutung, wenn überhaupt erfaßbar, auf eine Obereinstimmung schließen lassen und die Rekonstruktion eines ererbten Schemas ermöglichen. Das gilt für die oben erwähnte ,Überquerung des Wassers der winterlichen Dunkelheit’.


4.6.2 Der Inhalt der Tradition

Ein Großteil der ererbten Formeln bezieht sich auf die Tradition selbst, auf die Dichtkunst, auf die Dichter, die diese Formeln und Schemen überliefern und deren Ausdruck dank der göttlichen Inspiration Mündig erneuern. Dieser Teil der überlieferten Formelsammlung bestätigt die Existenz einer ‚indoeuropäischen Literatur’ sowie die gesellschaftliche Funktion dieser Literatur. Es ist nämlich keine Kunst um der Kunst willen: das Wort bedeutet dort Tat und Wirkung; das poetische Wort ist ein „gefiederter Pfeil“38, der die Zielscheibe erreicht und seine Wirkung erzeugt: den Ruhm für den Gelobten, die Schande für den Getadelten. Zahlreiche Formeln betreffen den ,Ruhm’ und schließen den Namen *klew-e/os- (,was vernommen wird’39 ) in sich.

Wir können ohne weiteres daraus folgern, daß der Ruhm einen hohen Platz im Gemeinschaftsleben einnimmt. Das Streben nach Ruhm bewegt einen dazu, gut zu handeln; die Angst vor der Schande hält ihn davon ab, schlecht zu handeln oder sich dem Handeln zu entziehen. Wer gut handelt, wird von Dichtern hochgepriesen. Er hält seine Vorfahren in Ehren und hinterläßt ein ruhmreiches Andenken, zumindest seinen Nachkommen, manchmal aber auch den anderen. In diesem Fall gelangt er zur solaren Unsterblichkeit, wird ein Held (siehe oben 3.7). Wer schlecht handelt, wer die ungeschriebenen Gesetze der Tradition verletzt, wird von den Satirikern getadelt, und seine Schmach fällt auf die Seinen, die Vorfahren und die Nachkommen inbegriffen, zurück.

Diese traditionelle Lehre betrifft nur die Vorsteher, diejenigen nämlich, die Entscheidungen zu treffen haben, manchmal also Gewissensfragen gegenüberstehen. Die übrigen brauchen nur zu gehorchen, um ,auf dem richtigen Weg’ zu sein. Deshalb erwähnt die überlieferte Formelsammlung so häufig die *neres (die ,Herren’) im Gegensatz zu den *wiros (,Alltagsmenschen’, ,Gemeinen’): der ,Ruhm’ (*klewos-) der Herren, ihr ,Tatendrang’ (*menos-) usw. Die Form des letzteren Begriffs ist aufschlußreich: es handelt sich um das sächliche Derivat in *-e/os- einer Wurzel *men-, das die geläufige Übersetzung ‚denken’ (wenn auch in manchen Anwendungsfällen zutreffend) unzureichend wiedergibt. Das liegt daran, daß bei den Indoeuropäern der ,Gedanke’ ebenso wie das Wort von der Handlung nicht zu dissoziieren sind. Dies bekräftigt das oben erwähnte begriffliche Schema Denken-Sprechen-Handeln (4.6.1). Die Existenz dieses Schemas ist für den Veda und das Awesta belegt40. Wir haben festgestellt, daß es in der alten germanischen Dichtung ebenfalls belegt ist; das gilt auch für die griechische Dichtung. Dieses Schema besagt, daß der Gedanke und das Wort zwei höhere Formen der Handlung darstellen müssen. Träumereien und leere Worte sind eines Oberhaupts unwürdig. Ein Vorsteher muß unbedingt seinen Worten gemäß handeln; er muß natürlich seinen Verpflichtungen nachkommen, ob es sich um Vereinbarungen, Verträge, Eidespflichten handelt oder sogar um ,Großtuereien’ nach einem Trinkgelage, wie der gylp der angelsächsischen Herren41. Dieses ,Gemäß-Handeln’ wird durch die Wurzel *ar- ausgedrückt, die innerhalb der überlieferten Formelsammlung einen wichtigen Platz einnimmt und zur Bezeichnung höchst bedeutender Begriffe dient, wie die indoeuropäische Benennung der ,Wahrheit’, *(a)rta- und die des ‚Idealtypus’ *r(a)tu-: die Wahrheit, höchster Wert in der indoeuropäischen Welt; der ‚Idealtypus’, nach dem jeder seinem Stande gemäß und mit allen Kräften trachten muß.

Demnach muß jeder Vorsteher, insbesondere aber der König, treu an der Tradition festhalten, ob er Fachkundige um sich hat, die ihn daran erinnern, oder ob er selbst deren Verwahrer ist - wie jener alte König Hrothgar im Beowulf, der „von der fernen Vergangenheit nichts vergessen hat“ (Vers 1701), von der er gelegentlich „in gehöriger Form“ zu berichten weiß, indem er sich selbst auf seiner Lyra begleitet (Vers 2105).


5. Die Zukunft der indoeuropäischen Tradition


5.1 Tradition und Modernität

Es mag widersprüchlich erscheinen, Tradition und Modernität miteinander zu verbinden. Die Tradition ist die Vergangenheit, und die Kluft zwischen der modernen Welt und der Welt der Tradition wird jeden lag größer. Die indoeuropäischen Völker, die als erste in die Modernität traten, waren auch die ersten, die sich von ihrer Tradition lossagten. Wenn die traditionellen Kulturen, wie überall in der Welt feststellbar, da/u bestimmt sind, innerhalb des sogenannten Entwicklungsprozesses (und manchmal ohne diesen Prozeß) vor der Modernität zu weichen, kann man überhaupt dann eine ,Zukunft der indoeuropäischen Tradition’ in Betracht ziehen? Ist die Tradition nicht, wie alle anderen, dazu bestimmt, zu verschwinden?


5.2 Die Frage nach der ‚indoeuropäischen Spezifität’

Lange Zeit versuchte man aufzudecken, was bei den indoeuropäischen Völkern typisch und echt indoeuropäisch ist. Aber die Spezifität, wie umgekehrt die Universalität, ist eine extreme Lage, die sich nur selten beobachten läßt und die zu zerstören eine einzige Ausnahme reicht. Ob es sich um Sprache, materielle Zivilisation oder Kultur handelt, kann kein Element als streng universal oder streng spezifisch gelten. Und dennoch gibt es keine zwei Sprachen, zwei Kulturen oder auch nur zwei Formen materieller Zivilisation, die identisch sind. Die Spezifität kommt also bei der unterschiedlichen Verbindung von Elementen zustande, die selber nicht-spezifisch sind. So definiert ist die Spezifität ein vielschichtiger Begriff, aber sie ist eine Realität; wir haben demnach allen Grund, eine indoeuropäische Spezifität' anzunehmen und in Erfahrung zu bringen, was die indoeuropäischen Völker davon behalten haben.


5.3 Die echte indoeuropäische Spezifität

Um jegliche Auseinandersetzung abzukürzen und vor allem um zum Wesentlichen vorzustoßen, möchten wir uns an diesem Ort auf einen einzigen - den eindeutigsten, den am wenigsten strittigen - Aspekt der indoeuropäischen Spezifität beschränken: Es sind indoeuropäische Völker, die die Welt eroberten und die sie zu dem machten, was sie heute ist.

Zieht man die Gesamtheit der Industrie- und der entwickelten Länder in der gegenwärtigen Welt in Betracht, so stellt sich nämlich heraus, daß bis auf eine einzige Ausnahme (siehe unten, Abschnitt 5.4) alle dem indoeuropäischen Sprachbereich angehören. Hierin gründet die tatsächliche indoeuropäische Spezifität.


5.4 Die indoeuropäische Welt und Japan

Japan bildet die einzige Ausnahme. Nun aber stellten mehrere japanische Forscher43 vor einigen Jahren fest, daß die japanische Tradition bezeichnende Übereinstimmungen mit der indoeuropäischen aufweist, und so übernahmen und bestätigten sie jene auf historische und archäologische Daten gestützte Hypothese, wonach der Iran - über Korea - das mediävale Japan beeinflußt habe. Diese bezeichnenden Übereinstimmungen beschränken sich nicht auf die dreifunktionale Struktur des japanischen Pantheons, die A. Yoshida hervorhob. Andere Parallelen wurden gezogen. Manche zeugen von einem späteren, vorwiegend griechischen und indischen Einfluß; der Mythos der Göttin Sonne, die sich in die Höhle des himmlischen Bergs zu Weltbeginn zurückzieht und die Aurora mit einer ausgedachten List herauslockt,44 kann dagegen nur einem höchst archaischen Zustand der indoeuropäischen Tradition entsprechen, der oben unter Ziffer 3.5 erwähnt wurde: die japanische Tradition faßt den Beginn des kosmischen Zyklus wie den Jahresbeginn im zirkumpolaren Bereich mit einer versteckten Sonne, die in den Himmel zu locken die ihr vorausgehende Morgenröte versucht.

Mit der heute offensichtlich stark gestützten Annahme eines indoeuropäischen Einflusses auf das mediävale Japan deckt sich die indoeuropäische kulturelle Sphäre völlig mit der ,Entwicklung’. Das bedarf einer Erklärung.


5.5 Wie die Indoeuropäer die Welt eroberten

Welche Beziehung kann tatsächlich zwischen der indoeuropäischen Tradition und der Entwicklung bestehen? Jede Ethnie hat ihre Tradition, und man kann nicht behaupten, daß die indoeuropäischen Völker diejenigen sind, die ihre am besten bewahrten. Dennoch besteht zwangsläufig ein Zusammenhang, denn das außerordentliche Schicksal dieser Menschengruppe kann nicht das Produkt des Zufalls sein.


5.5.1 Die Sprache?

Da der Begriff ‚indoeuropäisch’ ursprünglich sprachlicher Natur ist, ging man der Frage nach, ob das indoeuropäische Sprachsystem oder eine seiner Strukturen diesbezüglich nicht eine entscheidende Rolle gespielt habe. Diese Hypothese kann kurzerhand abgewiesen werden. Jede Sprache als originale und spezifische Organisation der menschlichen Erfahrung zwingt diese Organisation ihren Sprechenden, vor allem wenn es sich um die Muttersprache handelt, zwar auf. Aber die Sprache spiegelt die Weltanschauung der früheren Generationen wider; sie hat auf diesem Gebiet keine eigene Dynamik. Sie ist lediglich cm Teil des urväterlichen Erbes, und nicht der bedeutendste, wie das japanische Beispiel es unter Beweis stellt.


3.5.2 Die materielle Überlegenheit?

Obwohl das sichtbarste (und das vorteilhafteste) Zeichen der Entwicklung heute in der materiellen Zivilisation zutage tritt, läßt ebenfalls nichts vermuten, daß die Indoeuropäer ursprünglich irgendeinen Vorsprung in diesem Bereich gehabt hätten. In der Folge C. Renfrews45 gaben die Prähistoriker zwar auf, den Ursprung der materiellen Zivilisation Europas systematisch im Nahen Osten zu suchen. Sein Werk „zerstört“ nach den Worten D. Philiberts46 „die These des Ex Oriente lux.

Ob man sie nach der Ukraine, Nordeuropa oder in das Donaugebiet (siehe oben Abschnitt 2.4) verlegt, stellt die letzte gemeinsame Heimat der Indoeuropäer nichts anderes als die Zivilisation des europäischen Kuprolithikums dar. Außerdem scheinen die Indoeuropäer auf dem Gebiet der Kunst und der Technik nicht besonders geglänzt zu haben: Überall wo die Archäologie eine indoeuropäische Penetration im nahöstlichen oder mediterranen Raum nachweist, geschieht es immer aufgrund des Gegensatzes zwischen den feinen Formen der Kunst sowie der einheimischen Techniken und den ungeschliffenen auf Seiten der Eindringlinge47. Das ist kein Wunder: Kunstraffinements sind den Bestrebungen der Eroberer fremd.

„Weicher werden aus Erz einst andere atmend Gebilde treiben, - ich glaubte es - , formen lebendige Züge aus Marmor, führen gewandter das Wort vor Gericht und zeichnen des Himmels Bahnen genau mit dem Stab und künden steigende Sterne: du aber, Römer, gedenke durch Befehl die Völker zu lenken - das ist Kunst für dich - dem Frieden zu prägen Gesittung, Unterworf’ne zu schonen und niederzukämpfen Empörer!“ Diese Rede, die Vergil Anchises zuschreibt (Äneis, 6, 847f.) spiegelt genau die Vorstellungen des alten Roms, das Augustus wieder zu Ehren bringen wollte; und diese Vorstellungen sind die ihrer indoeuropäischen Vorfahren. Warum diese Geringschätzung der Kunst und der Techniken? Einfach, weil sie zu diesem Zeitpunkt lediglich die Requisiten des Komforts, des Luxus und der Üppigkeit waren; sie waren noch nicht die Instrumente der Macht (siehe Abschnitt 5.9.4).


5.5.3 Das Pferd?

Dagegen trug der Einsatz des Pferdes weitgehend zur militärischen Macht bei, und man äußerte mit einiger Wahrscheinlichkeit die Vorstellung, daß die Erfolge der indoeuropäischen Völker davon herrührten. Es gibt aber viele Reitervölker; manche kannten tatsächlich ein historisches, dennoch kaum bleibendes Schicksal; andere blieben außerhalb der Geschichte. Die Indoeuropäer, mögen sie das Pferd benutzt haben, waren zu keinem Zeitpunkt ein ,Reitervolk’: Wir wissen zum Beispiel, daß die homerischen Helden immer zu Fuß kämpfen und ihren Wagen nur zur Fortbewegung, niemals beim Kampf benutzen. Selbst wenn sie die Überlegenheit auf dem Gelände verleihen, reichen Pferd und Wagen ohnehin nicht aus, um eine Herrschaft von dauerndem Bestand zu stützen.


5.5.4 Die Institutionen?

Wir können daher der Frage nachgehen, ob die politischen Institutionen der Indoeuropäer nicht der Schlüssel zu ihrem dauernden Erfolg seien. Aber diese Institutionen — wenn sie sich wiederherstellen lassen - weisen keine wesenhafte Eigentümlichkeit auf. Die einzelnen Organisationstypen, die man ihnen zuschreiben kann (siehe oben, Abschnitt 4), sind in den traditionellen Kulturen nachweisbar, beispielsweise in afrikanischen Ethnien48, deren Rolle in der Geschichte und deren Beitrag zur gegenwärtigen Weltzivilisation ohne Bedeutung waren.


5.5.5 Die drei Funktionen?

Die ‚Ideologie der drei Funktionen’, die ja wahrscheinlich das einzige, der indoeuropäischen Kultur zugesprochene spezifische Element ist, wurde ebenfalls, allerdings mit mehr Glaubhaftigkeit herangezogen. Diese Erklärung würde auch für Japan gelten. Claude Levi-Strauss wies indes nach49, daß das dreifunktionale Modell ebenfalls in West-Polynesien, wahrscheinlich durch Entlehnung, vertreten ist. Dort wirkte es sich nicht wie in Japan aus. Und gerade innerhalb der indoeuropäischen Welt hatten die Gesellschaften, die das dreifunktionale System institutionalisierten, nicht zugleich den größten Erfolg im Bereich der Entwicklung und der Macht, ob es sich nun um die Kelten, die Inder oder die Iraner handelt. Mag dieses Modell im 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in der Gunst der mediävalen Christenheit gestiegen sein, dies geschah vorwiegend, weil es die Basis zu einer inegalitären Gesellschaft lieferte, in der ein geistiger, wenn nicht politischer Vorrang dem christlichen Klerus zuerkannt wurde. Demnach dürfen wir nicht in diesem dreifunktionalen Modell den Grund für das große Weltschicksal der indoeuropäischen Völker suchen.


5.6 Der Eroberungsgeist: Lebenselan und Wille zur Macht

Eine mittelalterliche Sage, die J. Grisward50 untersuchte, scheint mir «Ins Andenken dessen zu bewahren, was seit dem grauen Altertum der Motor der indoeuropäischen Expansion war:

„An einem schönen Ostersonntag hält Graf Aymeri de Narbonne -
Weißbart wie blühende Flur - Hof im reichen Narbonne. Bei sich
hat er Hermanjart seine Frau und seine sieben Söhne, die nun das
Alter erreicht haben, den Ritterschlag zu empfangen. Nachdem er
seinen Blick lange Zeit über das Narbonensische Land hat
schweifen lassen, wendet er sich an seine Söhne mit den Worten:
,Kinder’, sprach er, ,ich habe euch manchen Tag ernährt;
Jeder von euch ist auch eines Kaisers wert.
Dafür danke ich Gott, unserem Vater, der alles schuf,
Daß der geringste von euch wohl eines Königs wert ist.
Eines dennoch kommt mir ärgerlich vor:
Daß ich nämlich zusehen muß, wie ihr meines Erbes harrt.
Von dem Land, das meinem Vorfahr gehörte,
Wollte ich keinen halben Fuß, nicht einmal eine Handbreite behalten;
Ich begab mich vielmehr in den Dienst eines tapferen Herrn,
Charles de France, der mächtige Kaiser,
Der mir Narbonne und dieses Lehen gab.
Ich verteidigte es gegen das Heidenvolk.
Wenn ich nun diese Grafschaft in sieben teilte,
Wäre der größte Teil wohl sehr klein.
Ich werde nichts dergleichen tun! Holt euch ein anderes Lehen!
Zieht nach Frankreich - zeigt euch erobernd -
Bei Charles Magne, dem mächtigen Kaiser
,So wie ich es tat, als ich ein kühner Krieger war! Denn bei meiner Treu, die ich meinem Retter schulde,
Werdet ihr keinen halben Fuß von meinem Land bekommen.
Guibert wird dieses erhalten, denn er ist der jüngste,
Und ich habe es ihm vermacht’."

Seinen sechs anderen Söhnen teilt Aymeri dann die Ämter und Lehen zu, zu denen er sie bestimmt. Grisward weist nach, daß diese Lehen auf die drei Funktionen entfallen. Wesentlich in unserem Zusammenhang ist aber, daß diese Lehen zu erobern sind.

Hierin liegt ein Teil der Antwort: Die Indoeuropäer haben die Welt erobert, weil sie gleich Aymeri de Narbonne handelten. Sie hatten viele Kinder, und sie flößten ihren Kindern den Wunsch ein, auch Oberhäupter, Anführer zu sein. Auf heimatlichem Boden ist aber nur Platz für einen einzigen Vorsteher. Nur einer der Söhne kann demnach seinem Vater im Amt folgen (gleichviel ob es sich um den jüngsten oder um den ältesten handelt); die anderen haben die Wahl zwischen einer untergeordneten Position und dem Abenteuer. Wir haben allen Grund zu der Annahme, daß sich viele Indoeuropäer für das Abenteuer entschieden (ob aus eigenem Antrieb oder, wie Aymeris Söhne, auf Drängen der älteren). Der zweite Fall wurde mit dem römischen Verfahren des ver sacrum institutionalisiert: eine ganze Generation wurde, sobald sie das Mannesalter erreichte, ausgewiesen und mußte ihr Glück in der Ferne suchen.

Hätte Aymari nur einen Sohn gehabt oder wären die anderen sechs lieber Bauernknechte geworden, so hätte es kein Problem, und folglich keine Lösung, gegeben.


5.7 Der Eroberungsgeist und die Tradition

Aus seiner uralten Tradition schöpfte also der indoeuropäische Adel von Generation zu Generation jenen Eroberungseifer, der ihn an die beiden entgegengesetzten Enden Europas und Asiens sowie später, von Europa aus, auf die anderen Kontinente führte. Es ist möglich, den Zusammenhang zu klären. Der Wille, in der Nachkommenschaft fortzuleben, und der Wille zur Macht sind zweifellos natürliche Neigungen, die ziemlich allgemein sind. Bei den Indoeuropäern aber wurden sie durch die Lehre der beiden Wege jenseits des Grabes erheblich verstärkt: der unterirdische Weg der meisten Menschen; der himmlische und solare Weg der Helden. Wir sahen oben in den Abschnitten 2.5 und 3.7, wie der Held die strahlende Unvergänglichkeit erobert, während sich die anderen in der ununterscheidbaren Menge der Toten und in einem finsteren Aufenthaltsort verlieren. Zu Helden werden aber nur die Bahnbrecher, die Gründer, die Pioniere; diejenigen, die eine mittelmäßige und stille Existenz führen, werden nach ihrem Tod den linderen Weg einschlagen. Wir kennen die Wahl, die Achilles zwischen einem langen, düsteren Leben und einem glorreichen, aber kurzen t reiten mußte; dennoch ging es in seinem Fall nicht um die Teilung der Erbmasse. Hätte er aber ruhig auf das Erbe seines Vaters Peleus gewartet, so wäre ihm der ,ewige Ruhm’ entgangen. Deshalb suchte er das Abenteuer vor Troja auf die Gefahr hin, sein Leben frühzeitig zu verlieren.

liestimmt aus ähnlichen Gründen gingen so viele junge Krieger auf Abenteuer aus, weil sie einen glorreichen Tod einem düsteren Leben vorzogen. Das gilt für jene Inder, die in das Mitanni-Reich einwanderten, um dort zu herrschen51. Manchmal, wie im Mitanni-Reich, ließen sie sich von der einheimischen Bevölkerung schon nach einigen Generationen absorbieren; sonst gelang es ihnen, ihre Sprache und ihre Kultur durchzusetzen. So wurden riesige Gebiete Europas und Asiens einer ‚Indoeuropäisierung’ unterzogen.


5.8 Die Dekadenz

Wir stellen aber fast überall fest, daß die ,Heldenzeit’ nicht lange währt. Die Eroberer lassen sich nieder, ihre Mentalität ändert sich. In Griechenland läßt sich diese Entwicklung am leichtesten beobachten: innerhalb weniger Jahrhunderte tauschen die Mikenäer ihre Adlerhorste gegen die Paläste ihrer Vorgänger, deren Lebensweise sie übernehmen. Gleichermaßen geht man innerhalb weniger Jahrhunderte von der heroischen Gesellschaft des ‚griechischen Mittelalters’ zur dekadenten Demokratie über, die unter dem Druck der Makedonier zusammenstürzt. Und für letztere beschleunigt sich der Prozeß der Dekadenz erheblich. Die Moralisten der Antike beobachteten und beschrieben diese Erscheinungen vortrefflich: der Erfolg führt zur Aufgabe der Werte und Idole, die zum Erfolg geführt hatten. Der Sinn für die Stammfolge und das Gemeinschaftsbewußtsein geht verloren; der Egoismus erstarkt. Man hört zugleich auf, zu zeugen und seine Vorfahren zu ehren. So ging Sparta unter: die Stadt der Helden wurde philisterhaft, und um die mageren Erbschaften nicht teilen zu müssen, schränkten die spartanischen Familien die Zahl der Geburten bis zum physischen Tod ihrer Stadt ein. Auf der Ebene der politischen Einrichtungen wurde der Zyklus der Dekadenz von Piaton beschrieben, der eingehend darlegte, wie man von der Aristokratie zur Plutokratie, dann zur Demokratie übergeht, um schließlich in die Tyrannei einzumünden.

Solche Zyklen folgten im Altertum, und wahrscheinlich schon früher aufeinander: das würde den wahrhaft prophetischen Charakter mancher Texte erklären, die das letzte Zeitalter des kosmischen Zyklus beschreiben, wie z. B. der Schlußteil von Mag Tureds Schlacht oder Der Dialog der beiden Weisen52: „Jeder wird mit Hochmut und Arroganz den äußeren Schein nicht mehr wahren, man wird keinen Rang und kein Alter mehr würdigen, weder Ehrbarkeit, noch Kunstfertigkeit, noch Bildung.

Jeder König wird verarmen.

Jeder Fachkundige wird geknickt,

Jeder Adlige verachtet,

jeder Unadlige erhöht werden ...“

Ein wirklich prophetischer Text: „Jede Kunst wird Gaukelei sein ... Jeder wird dem anderen Grenzen setzen.“ Manche Details lassen sich nicht erfinden. Haben wir tatsächlich das letzte Weltzeitalter erreicht?


5.9 Die Hoffnung auf eine Regenerierung

5.9.1  Befinden wir uns wirklich im letzten Zeitalter?

Die Geschichte lehrt uns, daß das Werden der Menschengesellschaften gewöhnlich zyklisch verläuft: sie erfahren ihre steigende Phase, ihren Höhepunkt und ihre sinkende Phase. Ihr Zyklus ist aber selten einfach. Auf eine Periode des Verfalls kann ein Wiederanstieg folgen, so wie umgekehrt ein verheißungsvoller Anstieg frühzeitig beendet werden kann. Die traditionelle Lehre der Zeitalter darf nicht oberflächlich aufgefaßt werden. Zahlreiche Völker, indoeuropäische und andere, erlebten in der Vergangenheit Zeiten des Verfalls und der Subversion, die sie erfolgreich durchzogen.


5.9.2 Einheimische Modernität und entlehnte Modernität

Es steht fest, daß die Berührung mit unserer ,Modernität’ (ob es sich um die ‚Entwicklung’ handelt oder nicht) den traditionellen Kulturen immer zum Verhängnis wird; daher die Vorstellung von einem grundlegenden Antagonismus zwischen Tradition und Modernität. Eine Unterscheidung drängt sich aber meines Erachtens auf, nämlich zwischen einer ,entlehnten’, der ethnischen Tradition völlig fremden Modernität und einer Modernität, die ich als ,einheimisch’ bezeichnen würde: Bei zahlreichen indoeuropäische Völkern ging die Modernität aus einer inneren Entwicklung hervor; sie hat sozusagen traditionelle Wurzeln, sogar in ihren schlimmsten Erscheinungsformen. Die Demokratie zum Beispiel: Bevor sie als Antriebsriemen für die okkulte Macht kosmopolitischer Oligarchien fungierte, stellte die Demokratie die Regierung lies Volkes durch das Volk dar. Die athenische Demokratie ist in ihrer Anfangszeit eine Art Aristokratie, die allmählich auf die gesamte Volksgemeinschaft ausgedehnt wurde; das gilt ebenfalls für das germanische thing, aus dem mittelbar oder unmittelbar die modernen Demokratien der westlichen Länder hervorgingen. Es ist nicht undenkbar, daß sie sich regenerieren, indem sie mit den nötigen Anpassungen zu ihren historischen Quellen zurückkehren. Über die Zukunft der ‚Demokratien’ der ,Dritten Welt’ sind wir weniger optimistisch.


5.9.3 Vom heroischen Ideal zur Entwicklung

Um zur Entwicklung zu gelangen, bedurfte es nicht nur des Willens zur Macht und des heroischen Ideals; viele andere kriegerische Völker wurden von einem ähnlichen Ideal angetrieben, ohne jemals zur Entwicklung zu kommen und sogar ohne es in ihre Kultur integrieren zu können. Umgekehrt führte die Überlegenheit im naturwissenschaftlich-technischen Bereich niemals zur Entwicklung, ohne von dem Willen zur Macht und dem heroischen Ideal unterstützt zu werden. Die Besonderheit der indoeuropäischen Völker war es, den Weg zu finden, auf dem der kriegerische Aristokrat zum ‚Industriekapitän’ wird. So war der industrielle Aufschwung im Europa des 19. Jahrhunderts das Werk von Menschen, die ein Eroberungsgeist beseelte, was ihnen diese Bezeichnung einbrachte; und etwas später, in Japan, waren es Samurai, die den Grund zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung legten. Dieser Übergang ist historisch gesehen das Hauptereignis; ihn vollzogen aber nur die indoeuropäischen Völker und - nach ihnen - die Japaner.

Es ist nicht zu leugnen, daß bei der Entwicklung zur Industriegesellschaft sowie der späteren Entwicklung dieser Gesellschaft sich das frühere Ideal zersetzte. Mag der ‚Industriekapitän’ nach wie vor dem Eroberer nahe stehen; wenn er vor dem Manager bzw. dem Bankier zurücktritt, ändert die Geschäftsführung ihren Kurs; der verwaltende, der berechnende Geist verdrängt den Eroberungsgeist. Es waren aber vor allem zwei Geschichtskatastrophen, die die Kontinuität der Entwicklung stark gefährdeten: die Französische Revolution und die russische Oktoberrevolution. Die nationalen Eliten dezimierend, versuchten sie den Bruch zu schaffen, mit der Vergangenheit ,reinen Tisch zu machen’. Diese Prüfung blieb den anderen europäischen Ländern und Japan erspart, die dennoch ihre Nachwirkungen zu ertragen und gegen ihre Ansteckung zu kämpfen hatten.


5.9.4 Entwicklung, Wirksamkeit und Tradition

Trotz der unvermeidlichen Dekadenz, die durch die Plage zweier Revolutionen verstärkt wurde, vollzog sich der Übergang zur industrialisierten und entwickelten Gesellschaft, ohne daß es zum Bruch mit der Vergangenheit kam. Entgegen der progressistischen Propaganda, die die Entwicklung mit der Verwerfung der Tradition in Beziehung zu setzen sucht, müssen wir in der Tradition selbst den Schlüssel zum Erfolg derjenigen Völker suchen, die aus eigenem Antrieb zur Entwicklung gelangten. Ihre Wirkungskraft ist weder neu noch zufällig; sie ist nicht spontan entstanden. Sie ist vielmehr in ihrer weit zurückliegenden Vergangenheit eingezeichnet. Wir stießen oben im Abschnitt 4.6.1 auf ein begriffliches Schema, das eine hohe Bedeutung bei den Indoeuropäern einnimmt: das Schema Denken-Sprechen-Handeln. Es genügt nicht, durch die Gegenüberstellung seiner historischen Belege auf seine Existenz zu schließen; wir müssen auch dessen Bedeutung entziffern. Es ist ausgeschlossen, daß dieses Schema keinen anderen Zweck gehabt hat, als den Menschen in Erinnerung zu bringen, daß sie denken, sprechen und handeln: Formeln und Schemen drücken manchmal Paradoxa aus, aber niemals Binsenwahrheiten. Aufgrund mehrerer konvergierender Beobachtungen kann die Bedeutung meines Erachtens folgendermaßen wiederhergestellt werden: Der Gedanke und das Wort sind mit der Handlung gleichartig; genauer gesagt handelt es sich um zwei höhere Formen der Handlung. Deshalb bezeichnet z. B. die Wurzel *men- zugleich den ,Gedanken’ und den ‚Tatendrang’, den *menos-; das erklärt ebenfalls jenen merkwürdigen Sprachmechanismus, dem zufolge in einer verbalen Konstruktion das Verb ,sagen’ oder das Verb ,denken’ an die Stelle des Verbs ,tun’ treten, um zu bezeichnen, daß das gewöhnlich durch die materielle Handlung erzielte Ergebnis hier durch das Wort oder den Gedanken erfolgt, so wurde das Verb mit der Bezeichnung ‚untersagen’, ,mit dem Wort ausschließen’ (lat. mter-dicere, frz. interdire) auf Grund eines Verbs gebildet, das ,(physisch) ausschließen’ bedeutet (lat. inter-ficere, das die Nebenbedeutung von ‚töten’ ,umbringen’ erhielt). Dieser eine Fall bekräftigt, daß das Wort eine Tat sein kann; wir stellen fest, daß sich die Indoeuropäer dieses Umstands bewußt wurden und seine Bedeutung erkannten: daher die Bildung und die Überlieferung eines begrifflichen Schemas. Eine Moral leitet sich daraus ab: Sie besteht darin, seine Handlungen mit seinen Gedanken und seinen Worten in Einklang zu bringen; ich bezeichnete sie als „Religion der Wahrheit“; daraus ergibt sich zugleich die Ansicht, daß der Gedanke und das Wort wertlos sind, wenn sie nicht handlungsbezogen sind. Es ist begreiflich, daß solche Auffassungen, selbst wenn sie implizit bleiben, die Wirkungskraft fördern. Vergil dichtet nicht anders, als er die Römer mit anderen Völkern verglich (siehe oben Abschnitt 5.5.2): Gleichviel, meinte er, daß diese mit mehr Gelehrsamkeit gedacht, mit mehr Beredtheit gesprochen haben, da ihr Wissen und ihre Reden nicht in Taten, das heißt in Macht umgesetzt wurden. Heute würde Vergil bestimmt nicht solche Worte vorbringen, denn die Wissenschaft und die Technik wurden zu den unerläßlichen Instrumenten der Macht. Neue Bereiche eröffnen sich der Eroberung; die neuen Eroberungen werden neue Helden ans Tageslicht bringen. Aus der Masse der Kultur-, Wissenschafts- und Technikbeamten werden neue Helden mit dem Geist des Prometheus hervortreten. Die Zukunft der indoeuropäischen Tradition ist nicht mehr nur ein - heute erfülltes - historisches Schicksal, sondern ein kosmisches.

Um dieses Schicksal anzunehmen, müssen wir also wir selbst sein; wir müssen die würdigen Erben der antiken Tradition sein, der wir verdanken, zu dem geworden zu sein, was wir sind. Wir müssen klar erkennen, was wir ihr verdanken; wir müssen unsere Identität zurückerobern.


Anmerkungen

1 Revue de synthése. Synthese historique, 1939.
2 M. Détrois wird demnächst (in der Reihe des Institut d'Etudes Indo-Europeennes de V Université de Lyon 3) den gegenwärtigen Forschungsstand darlegen.
3 Acte linguistica, 1, 1939, S. 81-89 (Die Urheimat der Indogermanen, hg. von A. Scherer, Darmstadt, 1968, S. 214-223).
4 Creolization Theory and Linguistic Prehistory, Festschrift for Oswald Szemerényi ed. by Bela Brogyanyi, Amsterdam 1979, S. 679-690 (Language, Society and Paleoculture, Essays by Edgar C. Polomé. Selected and Introduced by Anwar S. DU, Stanford California 1982, S. 237-248).
5 Dichtung und Dichtersprache in indogermanischer Zeit, Wiesbaden 1967.
6 Vgl. unten 4.6.1 sowie Anmerkung 40.
7 ,Traverser l'eau de la ténebre hivernale’, Etudes Indo-Européennes, 13. Juni 1985, S. 33-62.
8 Vgl. R. Peterson, ,The Greek Face’, in The Journal of Indo-European Studies, 2, 4, Winter 1974, S. 385-406; der Beitrag enthält u. a. aufschlußreiche Abbildungen dieser drei Persönlichkeiten.
9 P. Bosch-Gimpera, Les Indo-Européens, frz. Übersetzung von R. Lantier, Paris 1961. Die Ergebnisse übersetzte I. Hausherr für A. Scherers Sammelband (oben Anmerkung 3).
10 Sprachvergleichung und Urgeschichte, Jena 1907; Neudruck Hildesheim. New York 1980.
11 Vgl. u. a. die zusammenfassende Darstellung in The Journal of Indo-European Studies, 2, 3, Herbst 1974, unter dem Titel ,An Archaeologist's View of PIE in 1975’, und seine Besprechung von Bosch-Gimperas Studie (oben Anmerkung 10), die D. Rothenhöfer für A. Scherers Sammelband (oben Anmerkung 3) übersetzte.
12 Zum Ursprung der Indogermanen, Bonn 1983.
13 Eine zusammenfassende Darstellung ihrer früheren Schriften veröffentlichte B. Oguibenine, in Etudes Indo-Europeennes, 4, Januar 1983, S. 63-74.
14 B. G. Tilak, The Arctic Home in the Vedas, 1903; frz. Übersetzung von J. und C. Remy unter dem Titel Origine polaire de la tradition vedique, Mailand 1979.
15 Beginn von La Bataille de Mag Tured, übers, v. F. Le Roux und C. J. Gu-yonvarc'h, Les Druides (Vgl. Anmerkung 15), S. 315; deutsche Übersetzung von R. Thurneysen, in Zeitschrift für keltische Philologie, 12, 1918, S. 400-406. Der Dialogue des deux Sages (,Der Dialog der beiden Weisen’) wurde allerdings nicht übersetzt.
16 Das Indoeuropäische enthält einen Begriff, der in unseren modernen Sprachen keine Entsprechung hat: *dyew- der ,Tageshimmel’, der später entweder die Bezeichnung des Himmels oder die des Tages hervorrief.
17 Vgl. meinen Aufsatz ,Les Heures', in Etudes Indo-Européennes, 16, 1985.
18 De facto in orbe Lunae, 26, angeführt von F. Le Roux und J. C. Guyon-varc'h, Les Druides, aaO., S. 301.
19 Rgveda, 10.82.2, übersetzt von K. F. Geldner, 1951.
20 Servitius in seinem Kommentar von Vergils Äneis, 2, 693.
21 Beide Textstellen sind von F. Guillaumont angeführt und übersetzt worden, in R. Bloch, D'Hérakles á Poséidon, Mythologie et Préhistoire, Paris 1985, S. 174.
22 Die Etymologie ist umstritten, vgl. M. Mayrhofer, Kurzgefaßtes etymologisches Wörterbuch des Altindischen, I, Heidelberg 1956, S. 338. Wenn wir die (trotz formaler Schwierigkeiten) mögliche Beziehung zu awestisch gaona- ,(Haar-)Farbe, Art und Weise’ festhalten, stammt die Bedeutung ,Farbe’ unmittelbar von der der ‚Haarfarbe’ ab. Es kann sich aber auch um Homonymen handeln, wie M. Mayrhofer es in Anregung brachte, Nachträge, III, S. 695.
23 ,Farbe’, Mayrhofer (vgl. Anmerkung 22), III, S. 154.
24 Zum Verb paes- (,färbig machen’; ‚zieren’) eig. ,Färbung, Farbe’; vgl. ai. Várna-, C. Bartholomae, Altiranisches Wörterbuch, 908.
25 Zu dieser Feststellung kamen kürzlich A. M. Esnoul, Studia Iranica, Mélanges offerts á Raoul Curiel, 1, 1982, S. 83-88; und D. Dubuisson, L'homme, 93, Januar-März 1985, 25 (1), S. 105-121.
26 Vgl. meinen Aufsatz ,Les trois cieux’, Etudes Indo-Européennes, 1. Januar 1982, S. 23-48.
27 Es wird gewöhnlich ‚Bronzezeit’ genannt, aber das Wort khalkós bezeichnet auch das ‚Kupfer’.
28 Das isländische Wort ragnarok bedeutet eigentlich ,Götterschicksal’; die Bedeutung ,Götterdämmerung’ geht zurück auf eine Deformation auf Grund von rokkr ‚Dämmerung’, ‚Dunkel’ ( aus *regwos-).
29 Vgl. meinen Aufsatz ,Les Aurores’, 1986 erschienen in Etudes Indo-Européennes.
30 Rgveda, aaO., 10.124.
31 D. Boedecker, Aphrodite's Entry Into Greec Epic, Leiden 1974.
32 R. Pearson, ,Some Aspects of Sicial Mobility in Early Historie Indo-European Societies’, in The Journal of Indo-Europeans Studies, 1, 2, Sommer 1973, S. 155-161.
33 Vgl. meinen Aufsatz ,Hera et les heros’, Etudes Indo-Européennes, 12, Mai 1985, S. 1-51.
34 Dieser Aelfric zugeschriebene Text setzt sich für das Modell der differenzierten Gesellschaft ein, das sich im 11. Jahrhundert nach heftigen Kontroversen (G. Duby, Les trois ordres ou iimaginaire du féodalisme, Paris 1978) behauptete.
35 Der entsprechende iranische Ausdruck benennt allerdings die ‚königliche Familie’.
36 Der Name ist keltischen Ursprungs, aber der Gott sowie die Gesellschaftsordnung, die dieser Mythos gründet, sind echt germanisch. Über die Bezeichnung der drei ,Stände’ dieser Gesellschaft vgl. meinen Aufsatz in Etudes Indo-Européennes, 15, Herbst 1985.
37 Beowulf (V. 285f.): „Ein kluger Krieger muß zwischen den Worten (worda) und den Werken (worca) unterscheiden, ein wohl denkender (wel thencedh) Krieger.“ Die Triade ist in mehreren germanischen Früh-Texten in z. T. abweichender Form belegt: z. B. wird ,denken’ häufig mit dem Perfekto-Präsens man (aus *mónal ausgedrückt.
38 M. Durante, ,Epea pieroenta’, Atti della Academia Nazionale dei Lincei, Anno CCCLV, 1958, S. 2-44 (vgl. unter Idg. Dichtung, Anm. 3, S. 242-260).
39 Die Neutra in *-e/os- entsprechen medio-passiven Verben, zum Beispiel *genH1-e/os- ,was geboren wird’, vom medio-passiven *genH1- ,geboren werden’, und nicht vom aktiven mit der Bedeutung ,zeugen’, ,gebären’.
40 ,Gedanke, Wort und Werk im Veda und im Awesta’, Antiquitates Indo-germanicae. Gedenkschrift für Hermann Güntert, Innsbruck 1974, S. 201-221.
41 Dieser Brauch wird gefördert; man betrachtet ihn als Quelle kriegerischer Großtaten, denn der Großtuer ist verpflichtet, wenn er seine Ehre nicht verlieren will, sein Handeln mit seinen Worten in Einklang zu bringen.
42 Vgl. meinen Aufsatz ,Les composés homériques en arti-’, in Lalies, 2, 1983, S. 7-12.
43 Insbesondere A. Yoshida und T. Obayashi.
44 Die Hypothese von der Invasion eines Reitervolkes auf dem Weg über Korea (im 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung) stellte der Archäologe und Historiker N. Egami bereits 1948 auf.
45 Before Civilisation2, 1979.
46 Etudes Indo-Européennes, 13, Juni 1985, S. 63, in seiner Besprechung der französischen Übersetzung dieser Schrift.
47 Zum Beispiel auf der iranischen Hochebene, wo das Aufkommen einer schwarzen, unverzierten Keramik am Ende des 4. Jahrtausends auf das Eintreffen der Indoarier hinweisen soll. Und im Zusammenhang mit der Schnurkeramik bemerkt A. Sakellariou: „Die mindere Qualität schließt nämlich bis auf die migratorischen Bewegungen ihrer Schöpfer jeden anderen Verbreitungsträger aus“, Lei Proto-Grecs, Athen, 1980, S. 106.
48 Vgl. den Aufsatz von F. Lafargue, Etudes Indo-Europáennes, 15, Herbst 1985.
49 Discours de recéption de M. Georges Dumézil á l'Académie Frangaise et réponse de M. Claude Lévi-Strauss, Paris 1979, S. 60.
50 Archéologie de l'épopée médiévale, Paris 1981.
51 Über diese Frage vgl. M. Mayrhofer, Die Indo-Arier im alten Vorderasien, Wiesbaden 1966; Die Arier im Vorderen Orient, ein Mythos?, Wien 1974.
52 F. Le Roux, C. J. Guyonvarc'h, Les Druides2, aaO., S. 33Of.

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