Adolf Hitler Vollender des Reichs


Deutsche Geschichte und Deutsche Gegenwart

Walter Frank


Walter Frank | Adolf Hitler Vollender des Reichs

Aus dem Schutt vor der neuen Reichskanzlei am 10.9.45 geholt.

Anm. der VS-Redaktion: Die Schreibweise folgt genau dem Original!


Friedrich der Große | Otto von Bismarck | Paul von Hindenburg | Adolf Hitler


Es gibt ein Schlagwort – Deutsche selbst haben es erfunden in den Zeiten unserer politischen Ohnmacht, und Fremde, Gegner haben es aufgenommen in den Zeiten, als wir aus der Ohnmacht wieder aufzusteigen begannen zur Macht –, ein Schlagwort, das sich in die Seele unseres Volkes einzubohren drohte wie ein vergifteter Pfeil. Es ist das Wort, wir Deutsche seien ein unpolitisches Volk. Nichts ist unsinniger als dieses Wort. Schon in den Zeiten der Völkerwanderung hat der germanische Raum, aus dem später Deutschland erwuchs, den Stoff zu großen politischen Gestaltungen, zu den Reichen eines Theoderich und eines Geiserich, aus sich herausgeschleudert. Er hat von den Mündungen der Elbe an den Strand des keltischen Britannien jene Gründer Angel-Lands entsandt, die die Sage als Hengist und Horsa, Wiktgiesels Söhne, Urenkel des Wotan bezeichnet. Aus seinem Schoß entstieg der große Karl. Und dann, als die eigentliche Geschichte eines deutschen Volkes beginnt, da hat dieses Volk die gewaltige Reihe deutscher Könige und Kaiser geboren, die Ottonen, die Salier und die Staufer. Es hat die Geschlechter Heinrichs des Welfen und der Babenberger hervorgebracht, der Ordensritter und der Hansen, den großen Friedrich ebenso wie Maria Theresia, endlich im 19. Jahrhundert einen Stein und Bismarck und im 20. Jahrhundert einen Adolf Hitler. Ein Volk, das im Laufe zweier Jahrtausende eine solche Fülle Staats- und reichsgründender Kraft offenbart, ist nicht unpolitisch. Dieses Volk trägt in sich gewaltigste politische Begabung und höchste politische Berufung. Was uns Deutschen fehlt, ist nicht die natürliche Begabung zur Politik. Was uns fehlt, ist die ungebrochene Tradition, die ununterbrochene Kontinuität der politischen und der nationalen Entwicklung. Anders als die geschichtliche Entwicklung der meisten anderen Nationen Europas verläuft die Entwicklung der Deutschen nicht in einer wesentlich geraden Linie, sondern in jähen Gegensätzen. Gewaltigen Hochzeiten folgen jähe Abstürze. Zwischen dem ersten großen Reich der Deutschen, dem mittelalterlichen Kaiserreich, und dem zweiten deutschen Reich, dem Reich Bismarcks, liegt als ungeheure Kluft eine Zeit vieler Jahrhunderte, in denen es kein Reich, kein deutsches politisches Gesamtbewußtsein gibt. Auch zwischen dem zweiten und dem dritten Reich, zwischen Bismarck und Hitler, liegt ein neuer, wenn auch zeitlich kurzer Absturz.

Wer gewisse Mängel und Gefahren unseres nationalen Charakters zu erkennen sucht und nach ihren Wurzeln forscht, der wird sich mitunter versucht fühlen, diese Wurzeln bereits in unserer frühesten germanischen Vergangenheit zu entdecken. Er wird sich daran erinnern, wie der Mann, der als Ritter am Hofe des römischen Kaisers Augustus die Gesetze großer Staatlichkeit kennengelernt hatte und der dann versuchte, die germanischen Stämme im Kampf gegen die Weltherrschaft Roms zu einen, wie dieser Cherusker, den wir nur unter dem römischen Namen des Arminius kennen, zuletzt gefallen ist durch den Dolch aus den Reihen der Germanen. Oder er wird sich an jene ergreifende Szene erinnern, die wir ebenfalls römischen Historikern verdanken: Im Jahre 357 habe der Cäsar Julianus bei Straßburg gegen die germanischen Alemannen gefochten. In großen Heerhaufen, getrieben vom Furor Teutonicus, seien sie gegen die Römer gestürmt, geführt von Knodomar, ihrem König, und von sieben Stammeshäuptlingen, die ihnen voranritten. Mehrmals prallte der Angriff ab, aber immer wieder brandete er heran, und schon begannen die Römer zu wanken. Da, in einer Pause der Schlacht, vernahm man aus dem Lager der Germanen wildes Schreien. „Herunter von den Pferden!“ hörte man sie brüllen. In der Enttäuschung über den noch nicht errungenen Sieg zwangen die Rasenden ihre Führer, von den Pferden zu steigen und zu Fuß, in Reih und Glied neben ihnen gegen die Legionen anzurennen. So, führerlos, ein wilder Haufe, kamen sie noch einmal heran. So, führerlos, ein wilder Haufe, wurden sie vernichtet. „Sie fressen sich selber auf“, lächelte der Cäsar. Solche Erinnerungen können ihren guten Sinn haben. Ohne Zweifel, wir haben die Hand, die den Arminius erstach, wiedergesehen, und wir haben jenen irren Schrei, der die Fürsten der Alemannen stürzte, wiedergehört in manchen dunklen Stunden auch unserer späteren deutschen Geschichte.

Trotzdem müssen solche Erinnerungen auch mit einem gewissen Vorbehalt aufgenommen werden. Es wäre geschichtlich falsch und politisch verhängnisvoll, aus ihnen eine verzweiflungsvolle nationale Erbsündenlehre herauszukristallisieren, wonach gerade und nur die Deutschen gewissermaßen zur Selbstzerfleischung von Uranfang an bis in alle Ewigkeit vorausbestimmt seien. In Wirklichkeit ist es eine ganz natürliche Erscheinung, daß in den Zeiträumen vor einer großen nationalen Staatsbildung eine brodelnde Vielfalt sich befehdet, daß der undisziplinierte Partikularismus barbarisch-junger Kräfte noch wild aufbegehrt gegen den heilsamen Zügel der eigenen Führer zur Staatlichkeit und daß diese jugendlich werdende Kraft noch oft der überlegenen staatlichen Disziplin des Gegners erliegt. Die Geschichte aller großen Staaten und Reiche erhebt sich aus dem Ringen mit verschiedenartigen Formen des Partikularismus. Die Mongolen vor Temudschin waren genau so zerrissen wie die Germanen vor Karl dem Großen und wie die Deutschen vor Otto dem Großen. Die englischen oder französischen Bürgerkriege sind wahrhaftig nicht weniger wild und blutig gewesen als die deutschen. Der Unterschied ist zunächst ein Unterschied der geschichtlichen Entwicklung: Lange vor allen anderen Nationen Europas, lange vor England oder Frankreich hat sich Deutschland zu großer staatlicher Einheit erhoben. Aber es ist aus dieser Einheit wieder hinabgestürzt in den Partikularismus gerade in der Zeit, in der andere europäische Mächte, wie England oder Frankreich, eine wesentlich geradlinige Entwicklung zur nationalen Einheit einschlugen.

Kein Zweifel, die Aufgabe einer staatlichen Einigung der Deutschen stand von Anfang an unter einer besonderen Gefahr der geographischen Lage. Der Charakter des englischen Volkes hat zuletzt seine nationale Einheitlichkeit und sein borniert-brutales nationales Selbstbewußtsein mit dadurch empfangen, daß dieses Volk ein Inselvolk war, das Meer war für die Engländer zuerst Grenze, die sie national zusammenpreßte, dann erst wurde es für sie Brücke zur Herrschaft in der weiten Welt. Das Land der Deutschen aber war ein Land der Mitte. Nach Osten wie nach Westen lag es mit offenen Flanken da, ohne den Schutz starker natürlicher Grenzen, einem Zweifrontendruck ausgesetzt seit den frühesten Tagen seiner Geschichte. Seine großen Ströme, Rhein und Donau, wiesen nach verschiedenen Richtungen. War es ein Wunder, wenn das Volk dieser Mitte die Fremde in sich rief, wie es wiederum von dieser Fremde gerufen wurde? War es ein Wunder, daß dieses Volk der Mitte in den tausend Strömen des Lebens, das es in sich aufnahm oder aus sich herausgab, gewiß seelisch viel reicher und weiter wurde als etwa jene Insulaner, daß es sich aber auch so viel schwerer tat als jene, zu nationaler Geschlossenheit und zu nationalem Selbstbewußtsein zu gelangen? Von Anfang an waren die Deutschen das Volk Europas, dem das Geschick das „gefährlich leben“ als Fluch und als Segen in die Wiege gelegt hatte. Von Anfang an sind sie aber auch das Volk Europas gewesen, dem das Geschick die größten Möglichkeiten geboten hat. Aus derselben europäischen Mittellage heraus, die die stete Gefahr unserer nationalen Entwicklung war, erwuchs auch die gewaltige Aufgabe unserer Geschichte. Deutschland war schon rein geographisch „Europas Herz“. Es wurde „Europas Herz“ erst recht durch die überquellende Mächtigkeit seines Volkstums, seiner politischen Führergabe und seiner kulturellen Gestaltungskraft. Als erste große nationale Staatgründung des nachrömischen Abendlandes erhebt sich das Reich der Deutschen.

Es vollzieht sich die Reichsgründung gewiß in einem steten Ringen zwischen den großen, allgemeinen Zielsetzungen des deutschen König- und Kaisertums und den partikularen Kräften im deutschen Volk. Aber es erweist sich in diesen jahrhundertelangen Kämpfen zugleich auch das, was Heinrich von Treitschke die „völkerbildende Kraft“ der Kriege nennt. Noch um 800 hat kein deutscher Stamm dem ersten Großreich der Germanen, dem Reich des Franken Karl, wilderen Widerstand entgegengesetzt als der Stamm der Sachsen. Ein Jahrhundert später erhebt sich aus diesem Stamm das Königtum der Deutschen. Allein mit den Kräften seines sächsischen Stammherzogtums noch hat Heinrich I. 933 an der Unstrut die Reiterscharen der Magyaren aufgehalten, und indem er mit seinem Gau zugleich den ganzen deutschen Raum verteidigte, hat er erst das innere Anrecht auf das deutsche Königtum erworben.. Zwanzig Jahre später, 955, hat sein Sohn, Otto I., der Große, an der Spitze nicht nur seiner sächsischen, sondern ebenso fränkischer, schwäbischer, bajuvarischer, lothringischer und böhmischer Truppen auf dem Lechfeld den magyarischen Schrecken gebrochen. Als der siegreiche König über das Schlachtfeld ritt, da grüßte ihn der Jubelschrei seiner Krieger mit dem Namen des „Kaisers“. Es geschah dies sieben Jahre, bevor Otto sich in Rom vom Papst jene Krone aufs Haupt setzen ließ, die vor ihm Karl der Große getragen hatte. Und es geschah gewiß in der Empfindung dessen, daß der deutsche König, der hier die östlich-asiatische Gefahr bannte, nicht nur ein nationales, sondern zugleich ein universales Werk vollbracht, daß er sich als Schutzherr des ganzen Abendlandes erwiesen habe. „Das Volk im Herzen Europas“, so hat es einmal Kleo Pleyer ausgedrückt, „trug die heimliche Krone des Reiches, bevor der Papst sie dem deutschen König aufs Haupt setzte.“ Trotzdem bleibt es bestehen, daß die Rom- und Italienpolitik in unserer mittelalterlichen Kaisergeschichte einen beherrschenden Platz einnimmt. Man hat viel darüber gestritten. Man hat diese ganzen Züge nach dem Süden als eine tragische Verirrung des deutschen Königtums angesprochen, hat gemeint, das Kaisertum jener Zeit hätte eben nördlich der Alpen bleiben und sich vor allem nach dem Osten wenden sollen. Aber wer dies meint, verkennt doch die innersten Gesetze dieses Zeitalters. Für die Deutschen jener Zeiten war Rom der Inbegriff all jener mächtigen Traditionen, die sie nicht einfach negieren konnten, sondern mit denen sie sich schöpferisch auseinandersetzen mußten. Hier im Süden lag die ältere Kultur und die ältere Staatlichkeit, hier lagen die Reichtümer eines Weltverkehrs, der in jener Zeit erst die eine große Route durch das Mittelmeer kannte, erst später dann eine zweite durch die Ostsee. Hier im Süden lag als Erbe des römischen Imperiums jenes geistliche Zentrum, das für die damalige Welt eine ungeheure Macht war und durch viele Jahrhunderte blieb. Wollte der deutsche König Mittelpunkt Europas sein, so mußte er Mittelpunkt dessen sein, was damals unter der „Christenheit“ verstanden wurde. Die Herrschaft über die Christenheit sollte das Bündnis mit dem Hohenpriester in Rom begründen, der im Namen des heiligen Petrus amtierte. Um die Herrschaft über die „Christenheit“ ist dann Jahrhunderte gerungen worden zwischen dem Kaiser und dem Papst. In diesem gewaltigen Kampf, der den großen Jahrhunderten der deutschen Kaiserpolitik vor allem seine dramatische Wucht gibt, hat bald der deutsche Kaiser (wie Otto l. oder Heinrich III.) Päpste ab- und eingesetzt, bald hat der Papst (wie Gregor VII.) den deutschen Kaiser (Heinrich IV) gebannt und durch ein Bündnis mit dem deutschen Partikularismus lahmgelegt. Friedrich I. Barbarossa bezeichnet den letzten Höhepunkt, aber auch schon den Wendepunkt der Kaisermacht. Noch einmal scheint das feindliche Papsttum zu wanken unter dem Druck eines deutschen Gegenpapsttums. Noch einmal scheint sich die weltliche und die geistliche Gewalt des Abendlandes vereinigen zu wollen in deutscher Hand. Aber schon regen sich auch überall, dem Papst zu Hilfe eilend, die nationalen Widerstände gegen die „superbia Germanorum“, gegen die Gefahr einer deutschen Herrschaft Europas. Frankreich erhebt sich im Westen und bietet dem Papst eine Zuflucht. Noch hält Friedrich I. das Gleichgewicht der Macht. Als erster Fürst der Christenheit zieht er ins Heilige Land, endet im kleinasiatischen Flusse Saleph. Heinrich VI., sein Sohn, einer sizilianischen Prinzessin Gemahl, wird in Palermo zum König beider Sizilien gekrönt. Zypern und Armenien huldigen ihm ebenso wie England. Aber da, als Heinrich VI. im Jahre 1197 jäh, 32jährig, stirbt und als seinen Erben ein unmündiges Kind zurückläßt – da bricht das Unheil herein. Den Himmel scheinen die Deutschen gestürmt zu haben, da wirft Jupiters Blitz sie zurück in den Staub. Im Jahre 1198 wählen die deutschen Fürsten zwei Könige: Philipp von Schwaben, den Staufer, und Otto von Braunschweig, den Welfen. In einem wilden, fast zwanzigjährigen Bürgerkrieg verzehrt sich Deutschland. Es ist nicht nur ein Bruderkrieg der Deutschen. Fremde Mächte kämpfen ihn mit, schürend und lenkend. Das Papsttum unter Innocenz III., aufsteigend zur Höhe seines universalen geistlichen Herrschaftsanspruches, erhebt und stürzt deutsche Könige. Frankreich und England, die aufsteigenden Westmächte, verlängern ihren Kampf um die Hegemonie auf deutschen Boden, schaffen sich deutsche Parteien. Otto, dem Welfen, einem Neffen des englischen Königs, hilft englisches Geld zur Wahl. Frankreich setzt auf den Staufer. Als dieser durch Mord fällt, als der Welfe Otto zu mächtig zu werden droht, da schafft der Papst im Bunde mit Frankreich einen neuen Kandidaten: Barbarossas Enkel und Heinrichs VI. und seiner sizilianischen Gemahlin Sohn, den jungen Friedrich II., der in Palermo lebt, hebt er im Jahre 1212 auf den Thron. Es ist der erste deutsche Kaiser, der vom Ausland gemacht wird, der erste auch, der in seinem Denken durchaus Ausländer ist. In der glutvollen Pracht von Palermo residiert der genialische, aber wurzel- und bodenlose Mann, umgeben von sarazenischen Garden, disputierend mit maurischen Gelehrten, lächelnd über arabische Tänzerinnen. Deutschland, das Stammland seiner Ahnen, den Wurzelboden seiner königlichen und kaiserlichen Macht, verachtet er, kennt es kaum, gibt es den partikularen Gewalten preis. Friedrich II. hat jene Emanzipation des deutschen Landesfürstentums eingeleitet, mit der nun der große Verfall des Reiches beginnt.

Wer den Ausgang des mittelalterlichen Kaisertums vor sich sieht, der wird sich dem Eindruck gewiß nicht verschließen, daß hier an einem Punkte der Entwicklung die Grenze überschritten worden war, die zwischen einer übervölkischen Reichsaufgabe der Deutschen und der kosmopolitischen Auflösung lag. Friedrich II. bezeichnet diese innere Auflösung mit voller Deutlichkeit. Schon vorher, in Gestalten wie Otto III., dem Sohn der byzantinischen Theophano, kündigt die Gefahr sich an. Aber an der zeitgeschichtlichen Unvermeidlichkeit dieser römischen Politik der Kaiser ändert dies wohl nichts. Und niemand wird zu beweisen vermögen, daß der Sturz des Kaisertums auch dann eingetreten wäre, wenn Heinrich VI. nicht jäh und jung mitten im Werk dahingerafft worden wäre. Vom Standpunkt der allgemeinen Entwicklung des deutschen Nationalcharakters aus ist eines sicher: Auf diesen Römerzügen vor allem ist das entstanden, was die Welt als „superbia Germanorum“ fürchtete, haßte, aber auch achtete. Hier, auf den Italienzügen, wuchs aus den Sachsen, den Schwaben, den Franken, den Bayern, den Thüringern und den Friesen zum erstenmal etwas, was der Vorbote eines deutschen Nationalbewußtseins war. Daß sie „die Leute des Kaisers“, das „Kaiservolk“ seien – das hat den Deutschen ihr erstes politisches Selbstbewußtsein gegeben. Noch über König Ottos I. Zug nach Rom hören wir, daß diese Schar, „eisenfest zur Schlacht“, wie der Mönch von St. Andrea sagt, aus mancherlei Stämmen bestand, die sich kaum in den Sprachen verstanden. Aber von Friedrich Barbarossa berichtet Richard von London, er habe die deutsche Sprache so verehrt, daß er den Gesandten anderer Völker, auch wenn er ihrer Sprache mächtig war, stets nur durch Dolmetscher antworten ließ. Otto von Freising berichtet, wie um 1155 deutsche Krieger den römischen Gesandten zurufen: „Nicht arabisches Geld, deutsches Eisen gibt Euch Euer Herr für die Krone, so kaufen Franken das Reich!“ Der Stolz des Reiches, das man Regnum Teutonicum nannte, klingt aus den Worten, mit denen derselbe Historiker der Staufer die Herrschaft der Kaiser preist: „Infolge der Tugend des allersiegreichsten Fürsten sei“, so schreibt Otto, „das Ansehen des Römischen Reiches so sehr gewachsen, daß unter seiner Herrschaft das lebende Geschlecht in untertänigem Schweigen Frieden hielt und daß der Barbar und sogar der Grieche, obwohl er außerhalb der Reichsgrenzen wohnt, erbebt, durch das Gewicht seines Ansehens erdrückt.“ Und noch als Konradins blondes Haupt auf dem Marktplatz von Neapel unter dem Henkerbeil fällt, da meldet eine Chronik, es sei „der Neid gegen den deutschen Namen“ gewesen, der den römischen Papst und den französischen König zum Blutgericht verband. Es gehört durchaus auch zu den realen Gewinnen dieser kaiserlichen Politik, daß die Erinnerung an sie, gerade an ihre staufische Zeit, noch Jahrhunderte später mächtig genug war, um Sehnsucht und Hoffnung eines reichslosen Geschlechtes zu beflügeln. Als im 19. Jahrhundert die Deutschen sich zum zweitenmal aus Ohnmacht und Zersplitterung erhoben, zur Gründung eines Reiches, da ist die Sage vom Kaiser Rotbart im Kyffhäuser unter ihnen lebendig geworden. Antworte niemand, dies sei reine Romantik gewesen. Sagen können mächtiger sein als alle Klugheit der Rechner. Die Raben aus dem Kyffhäuser haben einem Volk, das durch Jahrhunderte staatlos gewesen war, erzählt, daß es einst ein großes Reich geschaffen habe. Und mit aus der Botschaft dieser Raben hat dieses Volk seinen Glauben gespeist, daß es zum zweitenmal das vermögen werde, was ihm ein erstes Mal gelang.

So bleibt der Südpolitik der deutschen Kaiser ihr geschichtlicher Rang und Wert. Aber freilich, eines ist unbestreitbar und deutlich: daß all die Ströme deutschen Blutes, die hier im Süden flossen, der deutschen Nation einen unmittelbar greifbaren, einen völkischen und territorialen Gewinn nicht gebracht haben. Diese greifbaren Gewinne hat das deutsche Mittelalter nur an jener anderen Front erzielt, die neben der glanzvollen Italienpolitik der Kaiser im Schatten zu liegen schien: an der Ostfront.

Die Rückeroberung des Ostens ist der größte Gewinn unserer Geschichte überhaupt. Sie ist zugleich die entscheidende Tatsache unserer ganzen neueren Geschichte geworden. Von der Weichsel bis zum Baikalsee erstreckt sich jene unendliche Ebene, über die immer wieder aus Innerasien „der Barbar“ – um mit Otto von Freising zu reden – hervorbricht gegen die abendländische Ordnung. Einst, zu den Zeiten der Völkerwanderung, waren die Gebiete zwischen Ostsee und Schwarzem Meer von germanischen Stämmen besetzt gewesen. Nördlich des Schwarzen Meeres lag das Reich der Goten, deren König Ermanerich sich tötete, als sein Heer dem Anprall der Hunnen erlag. Erst die große West- und Südwanderung der Germanen hatte diese Räume frei gemacht für das Nachdrängen östlicher, an sich arischer Stämme, der Slawen. „Numero pollent“, sie quellen über an Zahl, sagt schon Jordanes über die Slawen. Von früh an auch scheinen diese zahllosen Völkerschaften bestimmt, zumeist Herren aus fremdem Blut zu gehorchen. Um 850, so erzählt Rußlands ältestes Geschichtswerk, die Chronik von Kiew, hätten die Slawen an Rurik, den Fürsten der normannischen Waräger in Schweden, Boten gesandt: die Nordmänner möchten kommen und sie beherrschen, denn sie allein seien nicht fähig, sich Ordnung zu geben. So kamen die Wikinger und gründeten ihre Fürstentümer in Nowgorod und in Kiew, später auch in Susdal, aus dem Moskau wuchs, und in anderen Orten. Nach den Wikingern, nach den Ruotsi, den Blonden, wählte das beherrschte Volk sich seinen Namen: Russen. Der Germane also war das eine bewegende Element der slawischen Entwicklung. Der Asiat, der Steppenreiter aus dem Inneren Asiens, war das andere. Seitdem Attila, König der Hunnen, in den Ebenen zwischen Dnjepr und Theiß und weit darüber hinaus eine kurze, aber furchtbare Herrschaft errichtet hatte, brachen über die Wolga, über diesen „Fluß Itil“ der Tataren, dessen Name geheimnisvoll an Attila-Etzel zu erinnern scheint, immer neue Reitervölker in die Tiefebene Osteuropas. Hinter den Hunnen kamen die Awaren, hinter den Awaren die Magyaren, hinter den Magyaren die Mongolen. Schon das späte Römerreich hatte diesem Anprall zu widerstehen. Mit germanischen Truppen hatte Aetius, der „letzte Römer“, auf den Katalaunischen Gefilden bei Chalons den Ansturm Attilas aufgehalten. Karl der Große hat dann des Aetius Aufgabe übernommen, als er an seinen östlichen Marken gegen die Awaren focht. Kaum war der Eigenwille Herzog Tassilos von Bayern gebrochen, als auch schon Franken und Bayern die Awaren aus Bayern vertrieben. Karl selbst ist donauabwärts gezogen: eine Flotte aus Bayern und Franken befuhr den Strom, im Heer marschierten neben den Franken und Bayern auch Friesen, Sachsen und Thüringer. „Das erste gemeinsame Unternehmen der deutschen Stämme“, wie Ranke es nennt, war ein Kreuzzug gegen die Steppenvölker des Ostens. Und auf die Könige und Kaiser der Deutschen ging Karls Aufgabe über, als sich die erste Einheit der Deutschen auf dem Lechfeld, im Entscheidungskampf gegen die hunnischen Magyaren, bildete. Noch ist diese Ostpolitik der Kaiser in den ersten Jahrhunderten wesentlich eine Sicherung der östlichen Marken und der Versuch, die Herzogs- und Königreiche des Ostens, Böhmen, Polen, Ungarn, in ein Verhältnis der Vasallität zu zwingen. Erst viel später, im 12. Jahrhundert, erhebt sich aus diesen Ostmarken der Wille zu einer aktiven deutschen Gestaltung weiter östlicher Räume. Und nicht das Kaisertum selbst ist es, das diese Politik verwirklicht, sondern – zunächst freilich noch auf dem Höhepunkt der Kaisermacht und durchaus mit der Billigung und Förderung der Kaiser, später aber allein und aus eigener Kraft – das Landesfürstentum der östlichen Marken. Albrecht der Bär, Markgraf von Brandenburg, und Graf Adolf von Holstein stehen am Anfang dieser Entwicklung. Heinrich der Löwe, der gewaltige Welfe, Barbarossas Rivale, verkörpert ihren ersten Höhepunkt. „Er legt den Slawen das Gebiß zwischen die Kiefer und lenkt sie, wie er will. Er gebietet Frieden, und sie gehorchen; er befiehlt Krieg, und sie sprechen: ‚Wir sind hier.’“ So rühmt der Chronist Helmold, Pfarrer zu Bosau am Plöner See, den großen Herzog. Jetzt (1143) entsteht als erster deutscher Hafen an der Ostsee Lübeck. Riga wird (1201) gegründet. 1230 erscheint der Deutsche Orden in Masowien. Die Idee der „Christenheit“ ist es auch hier, die diese Entwicklung treibt. Kreuzzüge sind die Kriege gegen die Slawen. Aber hinter der Christianisierungspolitik erheben sich die staatlichen und nationalen Interessen der Deutschen. Der Deutsche Orden ist der einzige rein nationale Orden jener Zeit gewesen. Unaufhaltsam fällt das ganze südliche Ufer der Ostsee unter deutschen Einfluß. Mit der Macht der Deutschen kommen die Elemente der Gesittung. Wildnisse finden sie vor, blühende Lande haben sie geschaffen. Und während hier im Norden ein gewaltiger deutscher Keil sich hinausschiebt durch die baltischen Lande bis zum Finnischen Meerbusen, greift, die Donau entlang, das slawische Böhmen auch von Süden her umfassend, ein zweiter deutscher Arm nach Südosten hinab bis in die Lande der Walachen, bis nach Siebenbürgen.

Noch einmal schien es, als solle hier im Osten die Welt Asiens in einem furchtbaren Anprall das Übergewicht gewinnen über die germanisch-deutsche Welt. Im Abendsonnenglanz des deutschen Kaisertums, in der Zeit, wo Friedrich II. in Palermo regiert, erhebt sich aus den Steppen am Onon, südöstlich des Baikalsees, ein neuer Attila. Als Temudschin, des Jissugei Sohn, geboren wurde, da, so erzählt die Sage, hielt er einen Klumpen Blut in der Hand. Das Schönste am Leben, so sagte später der Dschingiskhan einem Vertrauten, sei es, seine Feinde vor sich her zu jagen, ihre Güter zu rauben, ihre Pferde zu besteigen, ihre Angehörigen weinen zu sehen, ihre Weiber zu umarmen. Aus den Wüsten kam die Herrschaft Temudschins, des großen Khans, zu Wüsten verwandelte er die Lande, die er – „der wilde Jäger des Menschengeschlechtes“, wie ihn Ranke nennt – sich unterwarf. Im Jahre 1223 brach er aus Asien über die Wolga in Rußland ein. In den Steppen östlich des Dnjepr, am Flusse Kalka, stellten sich die Fürsten der Russen, Ruriks Enkel, ihm entgegen. Sie wurden geschlagen. Zwischen Brettern, auf denen die Sieger ihren trunkenen Triumph feierten, wurden die Gefangenen jammervoll erstickt.

Noch einmal freilich wandten sich die Mongolen nach Asien zurück. Im Jahre 1227 starb Dschingiskhan. Aber Batu, einer seiner Söhne, nahm den Zug nach dem Westen wieder auf. Östlich von jenem Wolgaknie, an dem heute Stalingrad liegt, lag damals Sarai, die Residenz des Batu-Khan. Von hier aus warfen sich im Jahre 1237 die mongolischen Reiter zum zweitenmal über Rußland. Nowgorod, Moskau, Kiew fielen in ihre Hände. Dann schlugen sie die Polen. Zu Ostern 1240 ging Krakau in Flammen auf. An den Grenzen des Reiches erschienen die asiatischen Reiter. Keine Reichsmacht mehr trat ihnen entgegen. Nur Herzog Heinrich der Fromme mit einem Heerbann schlesischer Ritter, deutscher und slawischer Großer, warf sich der Flut entgegen. Auf der Wahlstatt bei Liegnitz wurden sie am 9. April 1241 vernichtet. Durch Mähren, bis in die Nähe Wiens, schweiften Batus Reiter. Friedrich der Streitbare trat ihnen entgegen, auch er mit deutschem wie mit slawischem Heerbann. Die Reiter wichen aus nach Dalmatien und Kroatien, drangen bis zur Adria. Dann kehrten sie über Serbien und Bulgarien heim. Es heißt, daß Batu-Khan durch die Nachricht vom Tode seines Bruders Ogotai nach Karakorum, in die innerasiatische Residenz der Mongolen, zurückgerufen worden sei. Die Mongolen sind nicht wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Und erst jetzt, zum Teil neu gestachelt durch die barbarische Drohung aus dem fernen Osten, hat der Deutsche Orden seine Macht in den baltischen Landen voll entfaltet. Erst jetzt erwuchsen in Königsberg und in Dünaburg, in Danzig und in Marienburg die großen Festungen des deutschen Ordnungswillens im Osten. Im Jahre 1337 hat der Kaiser Ludwig der Bayer dem Orden die Länder Litauen und Schamaiten, Kurland und Rußland, soweit es von den Heiden eingenommen sei, übertragen. Als eine Großmacht des Nordens, von der Elbe bis zum Peipussee und zur Narowa erhob sich der Staat der Deutschherren. Er erst gab den Staatengebilden der Polen und der Ungarn die Kraft zum Widerstand gegen den Druck aus dem Osten.

Dieser Osten aber blieb in den Händen der Mongolen. Bis zur Düna und bis zum Dnjestr haben von da an – unumschränkt eineinhalb, bis zu einem gewissen Grade zweieinhalb Jahrhunderte lang – die Khane der „Goldenen Horde“ von Kiptschak zu Sarai an der Wolga regiert. Jahrhundertelang ist der russische Raum, der bisher wenigstens durch eine dünne Oberschicht germanisch-normannischer Herkunft mit dem Abendlande verbunden gewesen war, von Europa abgetrennt und an Innerasien gekettet gewesen.

Und selbst als dann das Reich der „Goldenen Horde“ zerfiel und die Großfürsten von Moskau seit 1500 selbständig zu werden begannen – ja auch dann, als seit 1700 Peter der Große aus dem einheimischen Hause der Romanows, gestützt vor allem auf die germanisch-deutschen Kräfte der von ihm eroberten baltischen Lande, mit wilder Gewalt sein Reich dem europäischen Westen anzugleichen suchte –, selbst da ist das Erbe der Temudschinsöhne und der Goldenen Horde von Kiptschak mächtig geblieben in Blut und Seele Rußlands. Irgendwo in der Seele der slawischen Masse dieses Raumes lauert von jetzt an der „wilde Jäger“ aus Mongolien; irgendwo am Rande einer inneren Steppe wartet Attila-Dschingis-khan auf seine neue Stunde. Die Stunde wird wiederkommen, als sich über der Leiche des Letzten der germanisierten Romanows der Bolschewismus erhebt in Gestalt des Tataren Lenin, des Juden Trotzki, des Georgiers Stalin.

Erst wer das Werk der deutschen Osteroberung auf diesem Hintergrunde der Asiatisierung Rußlands sieht und wer dazu die Tatsache gesellt, daß die beiden deutschen Großmächte, die die neuere Entwicklung unserer Geschichte wesentlich bestimmt haben, das habsburgische Österreich und das hohenzollersche Preußen, erst auf dem Boden der deutschen Osteroberung erwachsen sind, erst der ermißt die unabsehbare Bedeutung, die dieser Ausbreitung der Deutschen nach Osten zukommt. Kein Zufall ist es, sondern tiefe Schicksalsahnung, daß das größte Heldenlied unserer Nation, das Lied von der Nibelungen Not, aufsteigt aus den wilden Zeiten des Kampfes der Deutschen mit der Welt der Hunnen und Awaren und Mongolen, daß des Tronjers Schwert und Volkers Leier aufklingen aus König Etzels blutig-brennendem Saal. „Die germanische Welt“, so hat es Christoph Steding ausgesprochen, „lebt in der Behauptung ihrer arteigenen Selbständigkeit gegenüber dem Osten. Alle großen, wirklich geschichtlichen Ereignisse der germanischen Geschichte sind Siege über den Osten gewesen.“ Aus dem kolonialen Boden des deutschen Nordostens hat sich auch jene Kräh des deutschen Nationalgeistes gespeist, die das deutsche Volk zum erstenmal über See führte. Lübeck, das seine Blüte dem Löwen Heinrich verdankt, wurde der Vorort der Hansa, jener „Kaufleute des Römischen Reiches“, deren Machtkreis sich spannte vom „Peterhof“ im russischen Nowgorod bis zum „Stahlhof“ in London, vom „Haus der Osterlinge“ im flandrischen Brügge bis hinauf zum norwegischen Bergen, und in deren Ratskammern als Pfänder die Kronen von Norwegen, von Dänemark und von England ruhten.

Lange vor den Engländern, noch Jahrhunderte nachdem die Landung der Normannen Wilhelms des Eroberers das schwerfälligere Blut der Angelsachsen mit französisiertem Wikingerblut vermischt hatte, sind die Deutschen, wenigstens in ihrem niederdeutschen Zweig, eine seefahrende und seebeherrschende Nation gewesen. Nach ihnen, nach den „Osterlingen“, heißt noch heute das englische Geldmaß, das Pfund Sterling. Noch 1471 haben sie auf ihren Schiffen einen König von England, Eduard IV, in sein Land zurückgeführt.

Deutscher Orden und deutsche Hansa – beide sind machtvolle Gestaltungen eines politischen, eines staatenbauenden Willens der Deutschen gewesen. Aber sie waren es in einer schon reichslosen Zeit, ohne den stützenden Rückhalt einer gesamtdeutschen Kaisermacht. Erst auf dem Hintergrund dieser Tatsache wird die Größe ihrer Leistung voll deutlich. Es ist ihr Werk, wenn noch auf den Konzilien von Konstanz (1414/1418) und von Basel (1431/1438) die Polen und die Ungarn, die Dänen, die Schweden in aller Selbstverständlichkeit unter die Deutschen gerechnet werden. Unwillkürlich erhebt sich die Frage, was wohl geschehen wäre, wenn hinter einer so gewaltigen Volkskraft noch die volle Wucht einer geschlossenen Reichsmacht wirksam gewesen wäre? Man braucht gar nicht so weit zu gehen wie der geistvolle Justus Moser, der im Jahre 1768 in seinen „Patriotischen Phantasien“ das große Zeitalter der Hansen beschwor und den Glauben bekannte, daß ohne den Partikularismus der deutschen Landesfürsten „der große Geist der Nation“ sich „gewiß beider Indien Meister gemacht und den deutschen Kaiser zum Universalmonarchen erhoben haben würde“, so daß dann heute „nicht Lord Clive, sondern ein Ratsherr von Hamburg am Ganges Befehle erteilen“ würde. Aber man kann sehr wohl glauben, daß dann jener deutsche Ostgürtel, den der Orden schuf, noch dichter und runder geworden wäre und Bestand gehabt hätte und daß ebenso jene Lande des Nordens, die die Hansa erschloß, in dieser oder jener Form einem deutschen Reich der Mitte verbunden geblieben wären.

Es ist nicht geschehen, und es konnte nicht geschehen. In dem Augenblick, wo den auf der schmalen Grundlage ihrer Burgen oder Städte ruhenden deutschen Machtbildungen auf der Gegenseite geschlossene nationale Staaten entgegentraten, waren Hansa und Orden verloren.

Als sich die skandinavischen Staaten, ebenso wie England und Rußland, zusammenschlossen, sank der Stern der Hansen. Als Jagiello von Litauen sein Land mit Polen vereinte, da fiel bei Tannenberg (1410) die Fahne der Ordensritter besiegt in den Staub. Und so wie hier im Osten und im Norden ein ohnmächtiges Reich die wertvollsten seiner Randgebiete verlor, so geschah es auch im Westen. In jenen Zeiten haben sich die Deutschen an den Quellen und an den Mündungen des Rheins aus dem Verband des Reiches gelöst und sind Schweizer und Holländer geworden. Es ist dies alles geschehen, ohne daß das deutsche Volk diese furchtbaren Verluste auch nur empfunden hätte. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts war die deutsche Reichsgeschichte übergegangen in die Geschichte deutscher Landesfürstentümer. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts war das zerbrochen, was sich in den Jahrhunderten vorher an einem deutschen Gesamtbewußtsein gebildet hatte.

Gewiß, an einer Stelle hob sich aus, diesem deutschen Landesfürstentum wieder eine Großmacht empor. Es ist das Österreich der Habsburger. Durch eine erfolgreiche Hausmachtpolitik wird es zur stärksten Macht des deutschen Raumes, wächst über diesen Raum hinaus, erwirbt – nicht mehr in glanzvollen Zügen nach Rom, sondern im Handelsgeschäft um die Stimmen deutscher Kurfürsten – die Kaiserwürde.

Durch viele Jahrhunderte hat dieses Österreich der Habsburger auch eine deutsche Mission großen Stils erfüllt. Es hat die deutsche Wacht im Südosten gehalten. Dort, wo seit dem 16. Jahrhundert eine neue asiatisch-mongolische Welle, diesmal durch Kleinasien heranbrechend, das Abendland bedrohte, die Invasion der Türken, hat Österreich in Abwehr und Angriff die abendländische Gesittung und die germanisch-deutsche Ordnung vertreten. Und es hat in diesen Kämpfen Traditionen einer übervölkischen deutschen Herrschaft ausgebildet, wie sie der später aufsteigenden reindeutschen Großmacht, dem Preußen der Hohenzollern, nicht erwachsen konnten, Traditionen, für die uns Altreichsdeutschen die Reichsaufgabe unserer Zeit erst wieder den Blick geschärft hat. Aber kein Zweifel auch, daß diese erste deutsche Großmachtbildung seit dem Sturz der Staufer bald in einer Weise über die deutschen Grundlagen ihrer Macht hinaus und in fremde, ausländische Interessen hineinwuchs, die sie auf die Dauer für eine wesenhaft deutsche Reichsgestaltung untauglich machen mußte.

Das wird deutlich in dem weltgeschichtlichen Augenblick des 16. Jahrhunderts, wo sich aus der Tiefe der deutschen Nation die Reformation erhebt.

Die Reformation ist eine Bewegung mit universalem Anspruch gewesen, und ihre Wirkungen haben das ganze Abendland umgestaltet. Aber die Reformation, war zugleich einer der tiefsten Ausbrüche der germanisch-deutschen Seele, und sie hat als solche die einzige große gesamtdeutsche Volksbewegung hervorgebracht, die unsere Geschichte vor unserer eigenen Zeit gekannt hat. Ein römischer Nuntius, Alexander, hat 1521 aus Worms geschrieben, neun Zehntel der Deutschen hänge dem Luther an, und das letzte Zehntel wünsche wenigstens die Vernichtung des römischen Hofes. Was schien näherzuliegen, als daß diese gewaltige Volksbewegung dem politisch gespaltenen Volk wenigstens eine neue geistige Einheit gäbe

Das Gegenteil geschah. Das Ringen der deutschen Reformation mit der spanisch-jesuitischen Gegenreformation hat in allen Nationen Europas mit der konfessionellen Einheit geendet – hier mit der protestantischen, dort mit der katholischen. Einzig im Ursprungsland der Reformation, in Deutschland selbst, hat es mit einer konfessionellen Spaltung geendet. Da, wo einst der Limes der Römer Germanien zertrennte, lief am Ende der großen Religionskämpfe eine neue Grenzlinie, die die protestantischen von den katholischen Deutschen schied.

Diese konfessionelle Spaltung war wesentlich eine Folge der bereits bestehenden politischen Spaltung. In allen anderen Ländern gab es starke nationale Zentralgewalten, die zuletzt – so oder so – die konfessionelle Einheitlichkeit ihrer Nationen bestimmten. In Deutschland gab es keine nationale Zentralgewalt. Da stand damals auf der einen Seite das vielköpfige Landesfürstentum, in dessen Schutz sich die Bewegung Luthers entwickelte. Und es stand auf der anderen Seite das Kaisertum Karls V. von Habsburg. Kein deutsches Kaisertum wie einst das der Ottonen, der Salier und der Staufer, sondern ein Universalreich, dessen Mittelpunkt Spanien und für das Deutschland nur ein Nebenland war; die Monarchie eines Fremden, der die Deutschen nicht verstand und verachtete. Die Einheit, die dieser Kaiser den Fürsten aufzwingen wollte, wäre also nur die Unterwerfung unter ein fremdes Weltreich gewesen. Als „viehische spanische Servitut“ haben die deutschen Fürsten sie bekämpft. Aber indem sie Szylla vermieden, stürzten sie in die Charybdis. Im Jahre 1552 haben zu Chambord die deutschen protestantischen Fürsten unter Moritz von Sachsen die Hilfe des Franzosenkönigs gegen den Kaiser Karl erkauft, indem sie Frankreich die Festungen Metz, Toul und Verdun in die Hände spielten. Es ist der Anfang jener jammervollen Entwicklung, die die französische Großmacht als den Protektor des deutschen Partikularismus sieht und die sich nun über den Westfälischen Frieden von 1648 fortsetzt bis zum Rheinbund von 1806. Der „spanische Servitut“ zu entgehen, beugen sie sich der „französischen Servitut“. Aber sie nennen es „teutsche Libertät“.

Eine Entwicklung von vielen Jahrhunderten erreicht ihren Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg. Deutschland, das seit der Abwehr der Magyarenstürme bis in die Tage der Hussiten kein fremdes Kriegsvolk mehr auf seinem Boden gesehen hatte, wird jetzt das Schlachtfeld der Spanier, der Franzosen, der Schweden und anderer Völker. Deutschland, das in den Zeiten der Hansa die nordischen Meere beherrschte, sieht nun alle seine großen Ströme als „fremder Nationen Gefangene“, es wird zum Binnenland und zum Binnenvolk. Deutschland, einst des Abendlandes gestaltende Mitte, wird jetzt leidende Mitte, auf der alle Einflüsse des Erdteiles sich kreuzen. Und unter den Ruinen, die die Heere des Dreißigjährigen Krieges zurücklassen, liegt sogar die Erinnerung begraben an die Zeiten deutscher Reichsherrlichkeit. Der Deutsche, der heute nach seinen Ahnen forscht, dringt in den meisten Fällen nicht weiter vor als bis an das Ende jenes großen Krieges. Dem deutschen Volk als Gesamtheit ging es nicht anders. Aus dem Lande seiner Ahnen, aus den großen Jahrhunderten des Mittelalters, drang zu ihm nur manchmal noch eine geheimnisvolle Sage, wie die vom Kyffhäuser. Gerade in den Jahrhunderten nun, in denen die Deutschen ihre Aktionskraft nach außen völlig verlieren, öffnet die Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Indien den europäischen Nationen den Weg in bisher unbekannte Weiten überseeischer Expansion. Im Namen des spanischen Imperiums, dessen Kaiser auch Kaiser der Deutschen ist, entdeckt Kolumbus die Neue Welt, stürmt Cortez das blutig-goldene Tenochtitlan, mordet Pizarro den letzten Inka. Um ein Großreich der Portugiesen im Indischen Ozean kämpft Alfonso Albuquerque; die Franzosen erobern Kanada, dringen in Indien vor. Das kleine Holland, ein Absprengsel des Deutschen Reiches, steigt zwischen 1600 und 1700 zur ersten Seemacht Europas auf. Sie alle überholend kommt dann England empor, das England der Elisabeth, das England Oliver Cromwells, meerbeherrschend, weltbeherrschend.

In Europa selbst aber erhebt sich aus dem Sturz der schwedischen Großmacht bei Poltawa in Deutschlands Ostflanke eine riesenräumige Macht: das Russische Reich.

All diesen Nationen eröffnet das Geschick die Weiten der Welt. All diesen Nationen gibt das Geschick große Gegenstände der politischen, wirtschaftlichen und geistigen Gestaltung. Die Deutschen aber – und mit ihnen einzig die Italiener – weist es in die Zersplitterung und in die Enge.

In diesen Jahrhunderten, die mit der Mitte des 12. Jahrhunderts anheben und im Jahre 1648 gipfeln, hat der deutsche Nationalcharakter jene gefährlichen Verstümmelungen erlitten, die bis in die neuesten Zeiten unsere Sorge und unserer Feinde Hoffnung geblieben sind. Wenn die Grundlagen der Charaktere – der individuellen wie der nationalen – angeboren, durch Blut und Rasse vorbestimmt und damit unveränderlich sind, so unterliegen doch die Charaktere auch der Bildung durch Umwelt und Geschichte. Es ist nicht gleichgültig für den Charakter einer Nation, ob sie jahrhundertelang unter großen Kaisern nach Rom oder unter den Ordensrittern nach Ostland reitet – oder ob sie mit Fritz Reuters „Dörchläuchting“ bei jeder Spazierfahrt furchten muß, die Grenzen ihres Zwergvaterlandes zu verletzen. Nur aus dem furchtbaren Wandel der geschichtlichen Erlebnisse ist es zu erklären, wenn in demselben Volk, das in den Jahrhunderten der Kaiserzeit von der Eider bis Palermo und von Paris bis Nowgorod die Tugenden eines großen Herrenvolkes hatte leuchten lassen, jetzt die Süchte kleiner Leute, kleiner Städte und kleiner Staaten zu nisten beginnen: die philisterhafte Engstirnigkeit und Kleinherzigkeit, die Servilität des „gehorsamen Dieners“, der fressende Neid gegen alles, was im eigenen Blut emporstrebt aus dieser Enge, und die lakaienhafte Bewunderung für das, was „weit her“, was fremd und ausländisch ist. Noch in dieser Zeit der politischen Erniedrigung unseres Volkes hat sich freilich zugleich seine ungeheure biologische Kraft offenbart. Während nach dem Dreißigjährigen Krieg die Siegernationen, die doch kein Krieg verwüstet hatte, einem Geburtenschwund verfielen, der für manche von ihnen, zuerst für Dänemark und Schweden, später für Frankreich, der Anfang vom Ende ihrer Großmachtstellung wurde, hat dieses deutsche Volk, das nach älteren Ansichten durch Krieg und Seuchen 60 bis 70, nach neueren doch jedenfalls 40 Prozent seiner ländlichen Bevölkerung verloren hatte, in einem einzigen Jahrhundert den furchtbaren Aderlaß ausgeglichen und dann seine Nachbarn an Geburtenkraft weit überholt. Mehr noch: durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert hindurch bis hinein ins 19. Jahrhundert besaß dieses staatlose Volk die Kraft, weite Räume Europas mit seinem Blut zu führen und zu gestalten. Deutsche Kriegsleute fochten mit Glanz in allen Heeren Europas. Deutsches Blut fuhr wenigstens in den Hamburgern wieder über See. Deutsche Auswanderer strömten in die angelsächsischen Kolonien. Deutscher Adel beherrschte die Geschichte Dänemarks wie die des petrinischen Rußlands. Deutsches Blut saß fast auf allen Königsthronen Europas.

Aber diese gewaltige völkische Kraft entbehrte des politischen Selbstbewußtseins. Was half es dem Reich der Deutschen, daß deutsches  Blut noch um 1800 in Generalen wie Kleber, Kellermann, Ney  und Rapp die Schlachten Napoleon Bonapartes mitschlug oder daß deutsches Blut den Tschechen und anderen Völkerschaften des Südostens einen großen Teil ihrer Führer stellte, daß es drüben im Ostraum das Reich der Zaren band, bis es unter dem Genickschuß der Bolschewiken verspritzte? Was half es dem Reich der Deutschen, daß hanseatisches Volk die Meere um Afrika und in der Südsee befuhr, wenn doch diese „Kings of Hamborg“ Verächter des deutschen Binnenlandes, Bewunderer des seebeherrschenden Englands waren, wenn diese Hanseaten englisch fluchten und englisch spuckten, so wie man in ihrem Hinterland, im englischen Hannover, die Kinder statt Marie und Heinrich Mary und Henry nannte? Was half es dem Reich der Deutschen, daß deutsches Blut entscheidenden Anteil hatte an der Gründung Nordamerikas? Es hat in der Frühgeschichte Nordamerikas einen Augenblick gegeben, wo abgestimmt wurde, ob hier die deutsche oder englische Sprache herrschen solle. Eine Stimme hat den Ausschlag gegeben für das Englische. Es war die Stimme eines Deutschen.

In diesem Zeitalter, das unser Volk in die Enge der Kleinstaaterei oder in die kosmopolitische Auflösung der Diaspora zwang, schuf sich dieses merkwürdigste der Völker seine moderne Bildung. Von Wieland dem Schmied erzählt die alte germanische Sage, man habe ihm die Sehnen der Füße zerschnitten, da habe seine Sehnsucht die Flügel erfunden. Als den Deutschen das politische Imperium für immer genommen schien, da schuf ihre Sehnsucht sich ein Weltreich des Geistes.

In einer Fülle genialer Menschen blühte dieses Volk auf und eroberte sich die Führung der Welt in der Dichtung wie in der Musik. Der Name Weimar bezeichnet ebenso die philiströse Enge eines deutschen Kleinstaates und einer deutschen Kleinstadt wie die himmelstürmende Weite deutscher Geistesmacht. Es ist diese Geburt unserer modernen Bildung auch eine wichtige Vorstufe unserer späteren politischen Einigung geworden. Hier, im Geistigen, haben die Deutschen zuerst die nationale Einheit gefunden, die sie in der Politik verloren hatten. Hier, im Geistigen, gewannen sie zuerst das wieder, was ihnen Jahrhunderte politischer Machtlosigkeit zu bewahren nicht mehr erlaubt hatten: die „superbia Germanorum“, den Stolz, Deutsche zu sein. Aber es liegt in dieser Geburt der modernen deutschen Bildung auch die Ursache einer neuen großen Spannung, die unser Volk im Gegensatz zu anderen belastete. Bei den anderen großen Nationen Europas, bei den Franzosen, bei den Engländern, bei den Spaniern, bei den Russen, fällt der Höhepunkt der nationalen Bildung mit dem Höhepunkt der nationalen Macht zusammen. Bei den Deutschen – und außer ihnen wiederum allein bei den Italienern – fallen die Zeiten höchster nationaler Kultur zusammen mit den Zeiten tiefster politischer Ohnmacht. Während darum für jene anderen Nationen Geist und Macht eine gewachsene Einheit darstellen, während etwa, nach einem Wort Friedrich Meineckes, durch Shakespeares Dramen derselbe Sturm weht, der die Schiffe der spanischen Armada zerstreute, entbehrt die reiche und tiefe Bildung der Deutschen des ursprünglichen Erlebnisses der Politik. Ein staatsferner Zug liegt über ihr. Das Los des schillerschen Poeten, der bei der Verteilung der Welt zu spät kam, scheint ihr fast ein Vorzug; hat sie doch vor dem Angesicht Gottes verweilt. Und das ironische Wort, das zu Bonapartes Zeit die Französin Madame de Stael schrieb, wird lächelnd akzeptiert: Das Reich der Meere gehöre den Briten, das Reich zu Land den Franzosen, den Deutschen aber bliebe das Reich der Luft, das Reich der Träume.

Man weiß, wie der größte Fürst im Reiche unseres Geistes, wie Goethe dem Sturm der Befreiungskriege fremd gegenüberstand und wie auf der anderen Seite der größte Fürst im Reiche unserer Politik, der große Friedrich, zwar Voltaire und die französische Kultur bewunderte, aber die Heraufkunft der modernen deutschen Bildung, ohne sie zu kennen, als das lächerliche Bemühen plumper Barbaren geringachtete. Wohl haben gerade die Schlachten dieses Königs nach Goethes Urteil auch die deutsche Literatur mächtig bewegt, und mit dem Zeitalter der Befreiungskriege hat dann eine Annäherung nationaler Kultur und nationaler Macht begonnen. Aber sie erreicht doch nicht die naive Selbstverständlichkeit anderer Nationen. Sie bleibt Problem. Noch in Bismarcks Reich haben Macht und Kultur der Deutschen wesentlich nebeneinanderher gelebt. Es hat in den Zeiten der Kleinstaaterei Stimmen gegeben, die den Deutschen das Schicksal der Juden prophezeiten. Der Vergleich zwischen dem parasitischen Händlervolk der Juden und einem großen nordischen Volk ist an sich abwegig. Eher möchte man die Deutschen jener Zeiten mit ihren Fehlern und ihren Vorzügen mit den Hellenen vergleichen. Aber in einem Punkte hat in der Tat die Gefahr bestanden, daß die Deutschen mit den Juden ebenso wie mit den späteren Griechen vergleichbar würden: Wäre die Entwicklung, die sich vom Sturz der Staufer über den Westfälischen Frieden bis in die Tage des napoleonischen Imperiums fortsetzte, nicht unterbrochen worden, die Deutschen wären in der Tat als ein staatenloses Volk in die „Diaspora“ unter allen Völkern verstreut worden. Vielleicht hätte dann noch irgendein deutscher Polybios die Geschichte moderner Römer, der Franzosen oder Engländer, geschrieben. Vielleicht würde noch irgendein Bonaparte beim Anblick eines deutschen Goethe gesagt haben: „Voilà un homme!“ Aber man hätte nicht mehr sagen können: Sieh da, ein Volk! Und bald wäre mit dem Sterben des Volkes auch die Kraft der Einzelmenschen erloschen.

Daß wir Deutsche nicht die Diaspora der Juden und Griechen erlitten, das danken wir den Preußen. Wir danken es in Preußen einem einzigen weltgeschichtlichen Genius: Friedrich dem Großen. Es bedarf heute keiner Erörterung mehr, daß die Politik des preußischen Staates der Hohenzollern von Hause aus ebensowenig bewußt deutsch gewesen ist wie die des Österreichs der Habsburger. Es bedarf keiner Erörterung mehr, daß die von Friedrich eingeleitete und von Bismarck vollendete preußisch-kleindeutsche Reichsbildung nicht den letzten Beruf der Deutschen erfüllt hat. Daß die Gründung des Großdeutschen Reiches durch Adolf Hitler das Werk eines deutschen Ostmärkers war, empfinden wir als einen weltgeschichtlichen Ausgleich, der dem Deutschtum des Südostens für die preußischen Siege von 1763 und 1866 gewährt wurde. Aber gleichzeitig empfinden wir es nicht als einen Zufall, sondern als einen tiefen geschichtlichen Sinn, daß der Ostmärker Adolf Hitler seine entscheidende Prägung empfing in den Reihen der von preußischer Tradition geformten reichsdeutschen Armee und daß dieser Österreicher sein Reich begründet hat am Sarge Friedrichs des Großen in der Garnisonkirche zu Potsdam. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß die Schlesischen Kriege wie das Jahr 1866 geschichtliche Notwendigkeit waren, ohne die die moderne deutsche Reichsbildung nicht möglich geworden wäre. Als die einzig reindeutsche Großmacht ist Preußen naturnotwendig der Kern einer neuen deutschen Reichsbildung geworden. Als der Weltgeist wieder reichsgründend unter die Deutschen fuhr, da bestieg er ein preußisches Roß und nahm die Gestalt des großen Friedrich an.

Ein englischer Historiker, der Friedrich nicht liebte und nicht immer verstand, Macaulay, schreibt über den Sieg, den der König 1757 bei Roßbach über die Franzosen errang: „Die dadurch hervorgebrachte moralische Wirkung war eine ungeheure. Wenn der kriegerische Charakter der Deutschen auch mit vollem Recht in der Welt in hohem Ansehen stand, so konnten sie doch nicht eines großen Tages sich rühmen, den sie als Nation hätten feiern dürfen. Sie hatten kein Agincourt und kein Bannockburn. Die meisten ihrer Siege hatten sie übereinander davongetragen, und ihre glänzendsten Waffentaten gegen das Ausland hatten sie unter dem Befehl Eugens vollbracht, der selbst ein Ausländer war. Die Nachricht von der Schlacht bei Roßbach erregte die Gemüter der ganzen ungeheuren Bevölkerungsmenge von den Alpen bis zum Baltischen Meer und von den kurländischen Grenzen bis zu denen von Lothringen. Westfalen und Niedersachsen waren überschwemmt gewesen von einem großen Heer fremder Eindringlinge, die eine unverständliche Sprache redeten und deren mutwillige und zügellose Sitten die stärksten Gefühle von Widerwillen und Haß erregt hatten. Jenes große Heer war nun in die Flucht geschlagen von einer kleinen Schar deutscher Krieger unter der Führung eines Fürsten, der väterlicher- und mütterlicherseits aus deutschem Blute stammte und dessen blondes Haar und dessen klare blaue Augen ihn als Germanen verkündeten. Seit der Auflösung von Karls des Großen Reich hatte die germanische Rasse noch nie einen solchen Sieg über die Franzosen gewonnen. Die Kunde davon rief einen Sturm der Freude und des Stolzes hervor in der ganzen großen Völkerfamilie, welche in den verschiedenen Mundarten der alten Sprache des Arminius redete . . . Damals erst wurde es offenbar, daß die Deutschen wirklich eine Nation waren. Damals zeigten sich die ersten Spuren jenes patriotischen Geistes, welcher 1813 die große Befreiung Mitteleuropas vollbrachte.“

Wieder, wie in den Zeiten des Lechfeldes und der Römerzüge, erweist sich der Krieg als der große Bildner der Nation. In den großen Schlachten des Siebenjährigen Krieges entsteht der preußische Staatsgeist und zugleich der erste Anfang eines deutschen Nationalstolzes. In den Stürmen der Napoleonischen Kriege schließt sich das wiedererwachende deutsche Nationalbewußtsein an diesen preußischen Staatsgeist an. In seinen größten Stunden wächst dieser preußische Staat hinaus über seine partikulare Begrenzung, er erweist die Kraft, die stärksten Geister aus allen Teilen der Nation zu bannen: Soldaten, wie den aus schwäbisch-österreichischem Blute kommenden Gneisenau, Staatsmänner, wie den Rheinländer von Stein, Philosophen, wie den Schwaben Hegel, Historiker, wie den Sachsen Treitschke. Preußentum wird ein Römertum der Deutschen. Auf den Fittichen des preußischen Adlers hebt sich die Seele der Deutschen zum erstenmal wieder seit Jahrhunderten zur Höhe eines eigenen staatlichen Willens. Bei den Klängen der friderizianischen Märsche empfindet dieses seit Jahrhunderten niedergeworfene Volk zum erstenmal wieder, daß es einst das größte Kriegervolk des Abendlandes war und daß es, fände es nur wieder die Einheit des Reiches, von neuem als Soldatenvolk durch das Tor der Weltgeschichte einzumarschieren vermöge. Für die Feinde des Reiches, für die, denen der deutsche Raum zur ewigen Anarchie vorbestimmt schien, haben die Siege preußisch-deutscher Waffen von Gneisenau über Moltke zu Ludendorff den „cauchemar prussien“ geschaffen, den preußischen Alpdruck. Den deutschen Nationalcharakter aber haben sie befreit vom Alpdruck eines in jammervollen Jahrhunderten erzeugten nationalpolitischen Minderwertigkeitsgefühls.

Freilich, die neuerwachte soldatische Kraft ist unter Friedrich wie unter Bismarck nur reichsgründend geworden, weil sie Werkzeug wurde des politischen Genius. Auch in jenen Herbsttagen des Jahres 1862, als König Wilhelm I. im Kampf um die Armeereform seinem Parlament zu erliegen drohte und schon abdanken wollte zugunsten eines liberal-anglophilen Thronfolgers – da war das Soldatentum Preußens am Ende. Und Albrecht von Roon hat sich als Preußens größter Soldat erwiesen gerade darum, weil er, seinen widerstrebenden König zur Berufung Bismarcks drängend, eingestand, daß das Soldatentum verloren sei ohne den rettenden Eingriff des Staatsmannes. „Am Portepee“ der soldatischen Tradition hat Bismarck das preußische Königstum emporgeführt auf die Höhe seiner Macht. Aber er hat es auch herausgeführt aus der partikularen Enge auf die Höhe einer deutschen Mission. Und wir kennen heute Äußerungen Bismarcks aus den ersten Jahren seines Ministerpräsidiums, in denen sein Blick, fernschauend wie im Traum, ein zukünftiges Deutschland erkennt, in dem es kein Preußen und kein Hohenzollern mehr geben werde und das doch noch als Deutschland weiterleben werde.

Den Raum, der seit Jahrhunderten Europas leidende Mitte geworden war, hat Bismarck wieder zum gestaltenden Zentrum Europas gemacht. Freilich, das kleindeutsche Reich hat nicht den Machtkreis umspannt, den das mittelalterliche Reich erfüllte; im Osten wie im Westen stand es unter dem steten „cauchemar des coalitions“, dem Druck feindlicher Großmächte. Aber Bismarck ist doch der anerkannt leitende Staatsmann nicht nur Deutschlands, sondern Europas gewesen. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens hat er das stolze Wort sprechen können: „Jetzt fahre ich Europa vierelang vom Bock.“ Unter Bismarck haben die Deutschen auch wieder begonnen, ein überseeisches Kolonialvolk zu werden. Zwar ist die koloniale Politik für Bismarck stets nur ein Nebenfeld seiner europäischen Politik geblieben. Der große Traum, den der einzige große Kolonialpolitiker unserer neuen Geschichte, Carl Peters, träumte, der Traum, im Osten Afrikas, von Zanzibar bis zu den Quellen des Nils, vom Sambesi bis zum Kap Guardafui, ein großes deutsches Kolonialreich zu schaffen, ist steckengeblieben, weil sein Träger ein einsamer Mann im eigenen Volk blieb.

Aber ein erster Durchbruch war auch hier wieder vollzogen; jener Zustand begann aufzuhören, der den jungen Carl Peters in London verbittert hatte, jenes Bild, das sich ihm auf seinen Reisen bot: daß überall in der Welt die Engländer an der Table d’hote saßen, die Deutschen aber als Kellner dahinterstanden. Durch Bismarck traten die Deutschen wieder unter die großen Führervölker der Welt. Und sicherlich gibt es keinen gewaltigeren Beweis für die politische Berufung des Deutschen als die Urkraft, mit der diese Nation nach Jahrhunderten der politischen Anarchie in einem einzigen Anprall den Vorsprung einholte, den alle anderen Völker Europas gewonnen hatten.

Und doch, an dem kühnen Springer hingen die Bleigewichte einer jahrhundertealten staatenlosen Tradition! Zwei geschichtliche Erbmassen scheinen jetzt um den Deutschen zu ringen: die eine, die aus der friderizianischen Tradition stammt und an die alte kaiserliche Tradition anzuknüpfen sucht – und die andere, auf der der Erbfluch jener kleinstaatlichen Zeiten vom Sturz der Staufer bis zum Rheinbund zu liegen scheint. Der Kampf mit diesem Erbfluch der Deutschen hat das Leben des gewaltigen Kanzlers verbittert. In schlaflosen Nächten hat er die Deutschen vor sich gesehen, wie sie wieder um den Bundesratstisch in der Eschenheimer Gasse in Frankfurt am Main sitzen und streiten. Vom blinden deutschen „Hödur“ hat er in einer seiner großen Reichstagsreden gesprochen, dem Hödur, der immer wieder in der deutschen Geschichte im Dienste der fremden „Loki“ den „deutschen Völkerfrühling“ ermorde.

„Hödur“ hat verschiedenerlei Gestalt getragen. „Hödur“ ist aufgestanden im Parlamentarismus der Parteien, in diesem deutschen Parlamentarismus, der von den idealistisch-edlen Professoren der Paulskirche an bis zu den kleinen Demagogen der Spätzeit immer den Zug des Kleinstaatlichen, des Philisterhaften behielt. „Hödur“ stand aber auch auf im Rücken des großen Kanzlers in mancher fürstlichen Gestalt. „Die Prinzessin Augusta“, so schreibt Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ über seine königliche Feindin, „hat aus ihrer weimarischen Jugendzeit bis an ihr Lebensende den Eindruck bewahrt, daß französische und noch mehr englische Autoritäten und Personen den einheimischen überlegen seien. Sie war darin echt deutschen Blutes, daß sich an ihr unsere nationale Art bewährte, welche in der Redensart ihren schärfsten Ausdruck findet: ,Das ist nicht weit her’, ,taugt also nichts’.“ Und über die Heirat des preußischen Thronerben mit der englischen Prinzessin Viktoria findet man in Bismarcks Briefwechsel mit dem General von Gerlach schon 1857 die prophetischen Sätze: „Bei uns wird britischer Einfluß in der stupiden Bewunderung des deutschen Michels für Lords und Guineen, in der Anglomanie von Kammern, Zeitungen, Sportsmen, Landwirten und Gerichtspräsidenten den fruchtbaren Boden finden. Jeder Berliner fühlt sich jetzt schon gehoben, wenn ein richtiger englischer Jokey von Hart oder Lichtwald ihn anredet und ihm Gelegenheit gibt, the Queens English zu radebrechen; wie wird das erst werden, wenn die erste Frau im Lande eine Engländerin ist?“

Man weiß, daß diese „Engländerin“ sowie das ganze englische Königshaus reindeutschen Blutes gewesen ist. Sie hat ihr Leben lang alles darangesetzt, Preußen-Deutschland im Gegensatz zu dem „bösen Mann“, zu Bismarck, zu anglisieren. Und sie hat Friedrich, den Kronprinzen, ihren Gemahl, zum Werkzeug dieser Politik gemacht. Es ist derselbe Friedrich, der blondbärtig und ritterlich durch die Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges reitet, Urbild des deutschen „Kriegers, bieder, fromm und stark“ – derselbe, der, Urbild des anglophilen deutschen Bildungsphilisters, dem großen Staatsmann der Deutschen widerstrebt, der etwa im Hauptquartier zu Versailles seinem Tagebuch die schmachvoll lächerliche Bemerkung anvertraute: Odo Rüssel, der (natürlich) „kluge, gescheite“ englische Diplomat, finde (erstaunlicherweise) den Kanzler von Bismarck „nicht ohne Funken von Geist und Talent“. „Unseren Fritz“ haben die deutschen Musketiere diesen ihren General begeistert genannt. „Unseren Fritz“ müssen wir aber auch den anglophilen Philister Friedrich schmerzvoll nennen. Denn in beidem, in seinem ritterlichen Soldatentum wie in der Schwäche seines politischen Bewußtseins, hat er ein Stück unseres Volksgeistes widergespiegelt.

Als die Kaiserin Viktoria im Jahre 1901 starb, da hinterließ sie ihrem Sohn, dem Kaiser Wilhelm II., als ihren letzten Willen die Zumutung, sie in eine englische Flagge gehüllt in England zu begraben. Der Wunsch ist nicht erfüllt worden. Aber den Frieden mit dem Geist von Potsdam hat darum ihre Seele doch nicht gefunden. Sie ist wiedergekommen in dem unruhigen Blut des kaiserlichen Sohnes: in seiner Haßliebe gegenüber England, in der schrillen Dissonanz, die seine Natur schwanken ließ zwischen der autokratischen Geste und der fortschreitenden Kapitulation vor dem liberalen Jahrhundert, in dem Gegensatz auch zwischen einem lärmend krampfhaft betonten borussischen schneidigen Nationalbewußtsein und einer tiefen nationalen Unsicherheit der Seele.

Nichts wäre ungerechter, als Kaiser Wilhelm II. allein verantwortlich zu machen dafür, daß das nach ihm genannte Zeitalter zum Sturz des Bismarckschen Reiches führte. Wilhelm ll. war nur der sichtbare erste Repräsentant einer viel allgemeineren nationalen Entwicklung. „Setzen wir Deutschland in den Sattel, reiten wird es von selber“, hatte Bismarck einmal gemeint. Aber es zeigte sich, daß die Nation ohne Führung ihres Genius noch nicht stark genug war, auf der Höhe zu verweilen, auf die er sie geführt hatte. In furchtbarem Ringen hatte Bismarck die Gespenster der reichslosen Vergangenheit gebannt, solange er herrschte. Als er ging, brachen sie wieder hervor. In einem Menschenalter sprengten sie von innen her sein Reich. Ein Menschenalter, nachdem der Genius gegangen war, der die Deutschen wieder aufs Pferd gesetzt hatte, stürzten sie vom hohen Roß in den Staub der Ohnmacht.

Nicht das ist erstaunlich, daß das Deutschland Wilhelms II., als es 1914 in den Krieg mit der Koalition seiner Gegner taumelte, im vierten Jahr erlag. Erstaunlich und ein Beweis der unheimlichen Kraft dieses Volkes ist es vielmehr, daß die Deutschen unter solcher Führung und in einem solchen Zustand politischer Zerrissenheit vier Jahre lang dem Erdball widerstanden und daß sie die Fahnen ihrer Heere mit unsterblichem Ruhm bedeckten, ehe sie sich senkten. Es lag in dieser ungeheuren Kraft der deutschen Nation von 1914 bis 1918 zugleich die geheime Verheißung dessen, daß diese neue Niederlage nicht auf so lange Zeit gelten solle wie einst die der Staufer.

Als fast um dieselbe Stunde des November 1918, wo auf der Treppe des deutschen Reichstages ein nichtiger Demagoge, Philipp Scheidemann, in die johlenden Massen den wahnwitzigen Schrei schleuderte: „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt“, drüben im Walde von Compiegne ein feist lächelnder Parlamentarier aus dem Wagen stieg, um das Diktat des Feindes anzunehmen, da soll Marschall Foch beim Anblick des Abgeordneten Erzberger spöttisch gemurmelt haben: „So also sieht Deutschland aus.“ Es ist gleichgültig, ob Foch das wirklich gesagt hat oder ob ein anderer die Äußerung erfand. Erstaunt jedenfalls konnte das Ausland sein. Vier Jahre lang hatte es ein ganz anderes Gesicht der Deutschen gesehen, das gefürchtete und gehaßte, das geachtete und bewunderte Gesicht unter dem Stahlhelm, das Gesicht, dessen Züge gemeißelt waren von den Hammerschlägen der Schlachten vom Lechfeld und vom Peipussee über Roßbach bis Tannenberg. Jetzt plötzlich schien das Antlitz unter dem Stahlhelm verschwunden. Und hinter den Falten des behaglich wohlgenährten, verschmitzt lächelnden Kleinbürgergesichtes grüßte die Fremden das altbekannte, das altverachtete, das altbeliebte Gesicht jenes anderen Deutschlands: das Gesicht der „teutschen Libertät“, der französischen, englischen, jeder fremden „Servitut“.

Siebenhundert Jahre hatte nach dem Sturz der Staufer die Servitut der Deutschen gedauert. Siebenhundert Jahre, und in Wahrheit ewig, sollte, so haben die Feinde des Reiches es in Versailles geglaubt, nunmehr die neue Servitut der Deutschen währen. Da geschah das, was die Welt als ein neues „deutsches Wunder“ empfand.

Wer heute die vierzehn Jahre überblickt, die zwischen dem Diktat von Versailles und der Reichsgründung Adolf Hitlers liegen, der weiß, wenn er diese Zeit mitgelitten und mitgekämpft hat, nur zu wohl, wie qualvoll lange sie damals erschienen ist. Aber er erkennt zugleich, wie unerhört kurz unter dem Blickpunkt der Geschichte dieser Zeitpunkt gewesen ist. Im selben Augenblick, in dem in der deutschen Seele die alte Erbmasse der politischen Anarchie zu triumphieren scheint, erhebt sich bereits die gewaltigste Reaktion des reichebauenden Geistes der Deutschen. Im selben Augenblick, in dem der November 1918 den Prozeß gegen das Deutsche Reich mit der Verurteilung zum Tode zu beenden scheint, legt aus dem deutschen Volk heraus eine Stimme Berufung ein gegen dieses Urteil. „Wenn die Gefallenen auferstehen würden und gefragt würden, ob sie den bestehenden Zustand anerkennen, sie würden schreien: Niemals!“

Das Wort ist von Adolf Hitler im Münchener Hochverratsprozeß von 1914 gesprochen. Es ist gesprochen worden vom Führer einer Minderheit, der damals ins Gefängnis gesandt wurde. Und doch ist es gesprochen worden im Namen der besten Kraft der ganzen Nation. Die beste Kraft der deutschen Nation hat das Todesurteil im November 1918 und vom Juli 1919 nicht anerkannt. Der Prozeß ging weiter. Vierzehn Jahre lang ist der Krieg von 1914/1918 weitergeführt worden, im waffenlosen Kampf der Seelen. Und seit 1939 wird er fortgefochten mit den Waffen des militärischen Krieges von der letzten Instanz der Weltgeschichte. Die Geschichte der dritten Reichsgründung der Deutschen ist die Geschichte Adolf Hitlers. Aber wenn Adolf Hitlers Geschichte die Geschichte eines großen Einzelnen ist, so ist es doch in einem noch tieferen Sinne als je die eines deutschen Führers vorher ein Kapitel der Geschichte des deutschen Volkes. Das Fürstengeschlecht der Hohenzollern, das in einem Friedrich strahlend aufgeleuchtet, das noch in einem Wilhelm I. dem Genius Bismarcks sein Werk ermöglicht hatte, hatte sich erschöpft in jenem letzten Kaiser, der 1890 Bismarck stürzte und 1918 nach Holland floh. Es war die Zeit der Könige nicht mehr. Der Adel und das gebildete Bürgertum, aus dem Bismarck entsprungen war und die vor allem Bismarcks Reich getragen hatten, hatten im Angesicht des neuen Zeitalters der Massen und der sozialen Revolution nicht mehr vermocht, die Führung zu halten; der Nationalismus des kaiserlichen Deutschlands hatte nur noch auf der schmalen Grundlage der sogenannten gebildeten Schichten geruht, und die Revolution hatte diese dünne Decke durchbrochen.

Aber siehe da! In diesem Augenblick entsendet der ewige Mutterschoß dieser Nation aus den Massen seiner „kleinen Leute“ den Erretter. Zum drittenmal in den drei Jahrhunderten unserer modernen Entwicklung empfängt die deutsche Nation von der Gottheit das Gnadengeschenk des weltgeschichtlichen Genies. Aber Friedrich war auf dem Königsthron geboren. Bismarck gehörte als Junker von Anfang an zur führenden Schicht der Gesellschaft und des Staates. Adolf Hitler beginnt seinen Weg als kleiner Bauarbeiter und Maler, als kleiner Gefreiter in der deutschen Armee und steigt aus eigener revolutionärer Kraft empor zur Gründung und Lenkung eines großen Reiches.

Es ist dies nicht etwa nur biographisch bedeutsam, es hängt vielmehr damit eine allgemeine Entwicklung von größter Tragweite zusammen. Die früheren Reiche der Deutschen sind von oben her gegründet worden, von Kaisern und Königen, von einem großen Diplomaten mit den Mitteln der äußeren Politik. Jetzt, zum erstenmal in der deutschen Geschichte, entsteht ein großes Reich von unten her, aus einer großen Volksbewegung. Wir sagten, daß die Reformation Luthers vor unserer eigenen Zeit die einzige gesamtdeutsche Volksbewegung gewesen sei. Aber wir sehen auch, wie diese rein religiöse Bewegung ihre gesamtdeutsche Wucht wieder verlor. Der Nationalsozialismus ist die erste große politische Volksbewegung des gesamten Deutschtums geworden. Diese Bewegung war mächtig genug, um in einem Kampf von 14 Jahren das alte Vielparteiensystem des deutschen Parlamentarismus von unten her zu zersprengen. Sie war mächtig genug, um dann, sich nach außen wendend, die Grenzen des alten kleindeutschen Reiches niederzubrechen und ein Großdeutsches Reich zu schaffen, es zu schaffen ohne Krieg, allein durch die elementare Wucht ihrer jugendstarken Kraft. Auf des Preußen Bismarck Kanzlerstuhl saß nun ein Deutscher aus Österreich. Am Grabe des Preußen Friedrich reichte der einstige Gefreite dem greisen Feldmarschall des ersten Weltkrieges die Hand zum Bunde von Revolution und Tradition. In der Kaiserburg in Wien, auf der Königsburg in Prag erschien, unter dem Jubel der Deutschen in aller Welt, der Führer der neuen großen deutschen Revolution, der Revolution zum Reich. Und diese Revolution war zugleich eine sozialistische und eine antijüdische Revolution, sie trug in sich die Elemente zu einer inneren, sozialen Erneuerung der erkrankten Welt.

Urplötzlich sahen sich die Grundlagen jenes alten Europas, das in Versailles triumphiert zu haben glaubte, bedroht vom krieglosen Sieg der deutschen Revolution. Noch regierten in den Weststaaten dieselben Männer, die den ersten Weltkrieg gegen Deutschland gewonnen zu haben sich rühmten. In der Selbstsicherheit ihres Sieger und Besitzerdünkels hatten sie sich überrumpeln lassen durch die Heraufkunft des neuen Deutschlands. Über Nacht begann das zu wanken, was sie unter dem Gleichgewicht Europas verstanden: der Zustand, in dem der Westen eine machtlose Mitte Europas beherrschte und in dem zugleich das kapitalistische System seiner Sklavenplantagen sicher war. Und da die alten Männer in London und Washington im krieglosen Ringkampf der elementaren Volkskräfte ihr Spiel verloren sahen, stürzten sie Europa in den Krieg. Von neuem sahen sie sich überrumpelt durch die elementare Kraft der deutschen Revolution. Mit Entsetzen erlebten sie, wie nun erst recht der teutonische Sturm die Dämme ihrer Sekurität überflutete. Auf den Spuren der Ordensritter erschienen die Deutschen in Polen, auf den Spuren der Hansen in Bergen, auf den Spuren des großen Karl an den Pyrenäen. Rings um den Kern des Großdeutschen Reiches begannen sich die Umrisse eines noch gewaltigeren Reiches abzuzeichnen, eines Reiches, in dem die Deutschen der Mittelpunkt einer übervölkischen Ordnung des Erdteils wurden. Da rief die kapitalistische Welt des Westens den bolschewistischen Osten zu Hilfe.

Der Bolschewismus ist der neue Aufbruch der jahrhundertealten „hunnischen“ Tradition des Ostens. Er ist zugleich die letzte Konsequenz des aus dem westeuropäischen Judentum stammenden Marxismus. Um den Kapitalismus zum Sturz zu bringen – so hatte der jüdische Intellektuelle Karl Marx die arbeitenden Massen gelehrt –, müsse man ihn erst einmal auf seinen Höhepunkt treiben. Zuerst also gelte es, alle die „reaktionären“ Hemmnisse zu vernichten, die sich dem Kapitalismus entgegenstellten: Mittelstand und Bauerntum, Heer und Kirche, Königtum und nationales Führertum, die Nationalitäten überhaupt. Dann endlich, wenn auf der einen Seite die internationalen Riesenkonzerne des Kapitals, auf der anderen die internationalen „enterbten“ Massen des „Proletariats“ stünden –, dann würde ganz von selbst der Umschlag eintreten vom Kapitalismus in den – sozialistischen Zukunftsstaat.

Jüdischer Haßinstinkt hat die Lehre geformt. Waren doch jene Kräfte der Verwurzelung, gegen die hier die Wut des „Proletariers“ gehetzt werden sollte, eben dieselben Kräfte, die der Macht des Judentums entgegenstanden! Waren diese Kräfte erst vernichtet –, dann mußte im „Zukunftsstaat“ über einer führerlosen Masse die jüdische Intelligenz, die internationale Geldmacht zur Weltherrschaft emporsteigen.

Walther Rathenau – der das Apostolat radikaler sozialistischer Theorien so elegant mit der Praxis eines Millionärs verband – hat die Theorie seines Rassengenossen Marx noch charakteristisch weitergebildet: er hat den marxistischen „Klassenkampf“ zugleich als Rassenkampf gedeutet. Nur „zwei Völker“ gebe es in Europa –, so lehrt Rathenau: die „blonden Herren“ auf der einen Seite, herrlich anzusehen, aber der Vernichtung geweiht –, und die breiten Massen slawischen Blutes, die sich in Rußland zusammenballen, aber als Unterschicht über ganz Europa wogen, und die einmal unaufhaltsam diese „blonden Herren“ überwinden werden. „So erfüllt es sich: Die Letzten werden die Ersten sein.“

Gewiß, die jüdische Lehre war eine Konstruktion: all jene Arbeiter nordischen Blutes, die nicht daran dachten, „Proletarier“ zu sein, sondern die um Besitz und Erbe, um Familie und Heim rangen, widerlegten sie. Aber die Lehre war ja erfunden, um an die Minder-wertigkeitskomplexe aller Klassen und aller Rassen zu appellieren. Den uralten „Hundehaß“ gegen die „blonden Herren“ trug der Jude selbst im chaotisch verwirrten Blut. Den „Hundehaß“ wollte er auch aufrufen in all denen, die sich wirklich als „Proletarier“ oder als Menschen niedrigen Blutes fühlten. Man erkennt nun, was es weltgeschichtlich bedeutet, daß sich mit dem Jahre 1917/18 der „Hundehaß“ der Juden zusammenschloß mit jenem anderen alten „Hundehaß“ des Ostens, dem Haß, der Attilas und Temudschins Ansturm gegen das Abendland geleitet hatte. Nie war Europa furchtbarer bedroht als jetzt. Denn die Hunnen und die Awaren und Mongolen waren nur von außen gekommen. Der Bolschewismus aber Setzte den Hebel der Zerstörung zugleich von außen und von innen her an. Im räumlich größten Staat Europas waffnete er die „überquellende Zahl“ östlicher Massen mit den Mitteln des modernen Maschinenkrieges. Aber in allen Staaten Europas wappnete er die „Unterwelt“ mit dem Dynamit der „Weltrevolution“. Man erkennt freilich auch, was es für diese Welt der Zerstörung bedeutete, daß sich um die gleiche Zeit aus den Trümmern des kaiserlichen Deutschlands eine neue nordische, die nationalsozialistische Revolution erhob und im Herzen Europas siegreich wurde. Wenn eine in echtem Sinne sozialistische Revolution sich in den Dienst der bodenständigen Mächte des Blutes und der Rasse stellte, wenn die breiten Massen nicht erzogen wurden zum neidvollen Haß des „Proletariers“, sondern zum Adel der schaffenden Arbeit, und wenn das Herzland Europas dem ganzen Erdteil der praktische Beweis wurde für die Eingliederung der Klassen in die Nation wie für die Ausgliederung der Juden aus den Nationen –, so war dies auf die Dauer unvereinbar mit dem Bestehen einer Großmacht der Zerstörung im Osten.

Zwischen der bolschewistischen Revolution und ihrem europäischen Sieg stand von Anfang an allein das Reich Adolf Hitlers. Niemals konnten die „westlichen Demokratien“ dem Bolschewismus eine Gefahr bedeuten. Jene Plutokratie, die dort herrschte, jenes Judentum, das – wenn auch noch in „bürgerlich“ gemäßigter Form – auch dort mächtig war, jener liberale Nihilismus, der dort die Bindungen von Blut und Rasse zersetzte – sie empfanden ja die geheime Verwandtschaft mit dem wilderen Vetter aus dem Osten. Gewiß, auch in diesem Westen hätte es große Traditionen und mancherlei Werte zu verteidigen gegeben, die ein Sieg des Bolschewismus unweigerlich vernichten mußte. Indem der „Westen“ im Kampf gegen das Reich der Deutschen die östliche Steppe zu Hilfe rief, hat er das „Gleichgewicht“, in dem er sein Interesse sah, viel gefährlicher erschüttert, als es je durch die Deutschen erschüttert werden konnte. Er hat vergessen, daß „Attila“ und „Dschingiskhan“, wenn sie diesmal bei „Liegnitz“ siegen würden, auch nicht mehr aufzuhalten wären auf den Feldern von „Chalons“ – und daß, wenn einst der Atlantik den Rossen der Hunnen und Mongolen die Grenze gewesen wäre, heute der Funke der „Weltrevolution“ auch die Meere überspränge.

Aber für den „Westen“ sprachen in entscheidender Stunde die Menschen des blinden Hasses. Sie taten das Werk des Juden – des Juden, der derselbe ist, ob er in London und Washington als „Kapitalist“ sitzt oder in Moskau als „Kommissar“; des Juden, der frohlockt, wenn unter den Bomben amerikanischer Nigger die Dome und Burgen des alten Abendlandes zerbrechen; des Juden, dem im Flammenschein brennender Städte die Zukunft erscheint, in der es unter seiner Peitsche nur noch „Proletarier“ gibt, Besitzlose, Enterbte, Entwurzelte.

Erst mit dem 22. Juni 1941, an dem auch die hunnisch-jüdische Weltmacht des Ostens in den Kampf mit dem Reich eintrat, hat dieser Krieg sein Gesicht ganz enthüllt. Erst seitdem ist es klar, daß dieser Krieg nicht nur um ein Großreich der Deutschen in Europa geführt wird, sondern um Europa überhaupt; daß er die letzte und größte der „Katalaunischen Schlachten“ ist und darüber entscheidet, ob dieser Erdteil, der der ganzen Welt ihr Antlitz gab, bestehen bleiben oder vernichtet werden soll. Attila und Dschingiskhan traben heute wild jauchzend neben den Heeren Stalins über die östlichen Steppen, sie erscheinen als apokalyptische Reiter am Flammenhimmel unserer Bombennächte. Aber wie einst Römer und Germanen gegen Attila standen und Germanen und Slawen gegen die Mongolen, so haben sich auch heute an der Seite der Deutschen die Legionen germanischen, slawischen, romanischen Blutes erhoben, um Europa zu retten. Auf dem Höhepunkt dieses Entscheidungskampfes stehen wir heute. Und in aller Schwere des Kampfes empfinden wir seine unausweichliche Notwendigkeit. In den Ungarnschlachten und auf den Römerzügen wuchs aus Sachsen und Franken und Schwaben das „Kaiservolk“. In den Schlachten des Siebenjährigen Krieges wurden aus Untertanen des Königs von Brandenburg die Preußen. Auf den Schlachtfeldern des Französischen Krieges von 1870 wuchsen Preußen und Bayern und Württemberger in eine deutsche Gemeinsamkeit. Genau so muß in den Schlachten dieses Krieges, der Ostmärker in Narvik und Pommern auf dem Balkan, Niedersachsen in Italien und Franken am Peipussee sieht, die Großdeutsche Gemeinschaft unseres Volkes ihre Feuerprobe bestehen. Genau so müssen in den großen Schlachten gegen Temudschins Erben die Völker Europas im Norden, Südosten, im Westen wieder zu einer Gemeinsamkeit zurückfinden. Genau so müssen in den Schlachten der Heimatfront die Deutschen erweisen, ob der Nationalsozialismus des neuen Reiches stark genug war, aus Arbeitern und Bauern und Bürgern ein einziges Volk zu schmieden.

Es ist selbstverständlich, daß die Feinde des Reiches alles daran setzen, diese in den Feuern des Krieges wachsende neue Einheit der Deutschen zu sprengen. Es ist, wir sagten es, dieselbe Führergeneration, die drüben im Westen den Ersten Weltkrieg führte und die auch heute den Zweiten Weltkrieg führt. Und so ist es der Wunschtraum dieser Führerschicht, daß der Erste Weltkrieg von 1914 – 1918 sich wiederholt, daß vor allem sein Ende sich wiederhole: der Selbstmord der Deutschen im November 1918. Im Jahre 1943 gelang den Feinden zunächst ein Schlag, der ihre Hoffnung aufs höchste spornen mußte. Es gelang ihnen, den Italienern ihren „November 1918“ zu bereiten. In den Jahrhunderten, in denen sich die Völker Europas zur nationalen Einheit formten, waren neben den Deutschen die Italiener die einzigen gewesen, die in der kleinstaatlichen Auflösung verharrten. Erst im 19. Jahrhundert, gleichzeitig mit der deutschen Reichsgründung Bismarcks, schuf Cavour einen italienischen Staat, der freilich nie zu einer der des Deutschen Reiches ähnlichen Bedeutung gelangte. Die Parallele Bismarck-Cavour schien sich zu wiederholen, als nach dem Ersten Weltkrieg die Bewegungen Adolf Hitlers und Benito Mussolinis es unternahmen, ihre Völker zu neuer Größe zu führen.

Dem Parallelismus standen erhebliche Unterschiede der Entwicklung gegenüber. Wohl war vor allem im Norden Italiens (aus dem sowohl Cavour als auch Mussolini kamen) auch jetzt noch nordisches Blut wirksam. Aber das italienische Volk trug in sich auch die Elemente des mittelmeerischen Rassenchaos. Dieses Blutserbe lehnte sich auf gegen den hochherzigen Anspruch des Duce, ein „Römertum der Neuzeit“ oder ein „Preußentum des Südens“ zu schaffen. Zur Belastung des Blutes gesellte sich die Belastung der Geschichte. Nicht nur sieben Jahrhunderte, nein, eineinhalb Jahrtausende hatte Mussolini zu überbrücken, bis er wieder an eine wirklich große nationalstaatliche Tradition, an die Tradition der römischen Cäsaren, anknüpfen konnte. Dazwischen lag das Italien der kosmopolitischen Päpste, das Italien der käuflichen Kondottieri und der in Bürgerkrieg, Verschwörung und Blutrache sich verzehrenden Fraktionen, lag das Baedekerland, in dem reiche Lords und Amerikaner durch antike Ruinen schlenderten und lungernden Lazzaronis Trinkgelder zuwarfen. Der Erbfluch der Italiener war also ungleich schwerer als der deutsche. Und dieser Erbfluch hatte noch lebendige Gestalt und Macht behalten inmitten des faschistischen Staates. Der deutsche Nationalsozialismus hatte in 14 mühevollen Jahren um die Seele der Nation gerungen und dann, 1933, die totale Macht erobert. Der Faschismus hatte einen schnelleren Sieg gehabt, er hatte wenige Jahre nach der Gründung der Fasci in einem Staatsstreich der bewaffneten Minderheit das parlamentarische Italien hinweggefegt. Aber er hatte niemals die totale Macht erobert, hatte von Anfang an die Macht geteilt mit einem minderwertigen Königtum und mit all den Kräften der Zersetzung, die sich im Schatten dieses Königtums bargen. Es war dies alte Italien der käuflichen Kondottieri und der Lazzaroni, das zwischen dem 25. Juli und dem 3. September 1943 aufstand gegen das bessere Selbst der Nation und das dem größten Manne des Vaterlandes und seinem Traum vom Impero den Dolch in den Rücken jagte.

Aber Italiens „November“ sollte nur das Vorspiel sein für den zweiten, den entscheidenden „November“ der Deutschen. Wie den Alten beim Anblick der Medusa das Herz im Leibe erstarrte, so sollte im Angesicht einer blitzschnellen Invasion zum Brenner und zum Balkan im Angesicht eines großen Schauprozesses gegen Mussolini und den Faschismus den Deutschen der Minderwertigkeitskomplex aus der Zeit ihres November 1918 wachgerufen werden. Man müsse nur, sagte Radio Boston im August 1943, die Stelle finden, auf die dem deutschen Siegfried das Lindenblatt gefallen sei. Zum entscheidenden Stoß hob sich im September 1943 der Speer gegen Siegfrieds Schulter. Splitternd prallte er ab.

Wie in blitzartigem Schlage weniger Tage alle Pläne des Verrates, alle Hoffnungen einer schnellen Invasion zerschlagen, wie im verwegenen Sprung aus dem Himmel Mussolini dem Feind entrissen wurde – das enthüllte mitten in einer wahrhaft mörderischen Krise die unheimliche Überlegenheit der soldatischen und politischen Führung Deutschlands. Im jähen Ansprung tigerhafter Kraft zerschlug das Reich in wenigen Tagen den ganzen militärischen und politischen Aufmarschplan der Gegner.

Es bedurfte eines vollen Jahres, bis der Feind zum zweiten Versuch einer politischen Durchbruchsoffensive an der deutschen Heimatfront antreten konnte. In diesem Sommer 1944 hatte die politische Feindoffensive einen schmalen, aber tödlich gefährlichen Einbruch erzielt. Am 20. Juli griff sie nach dem höchsten Ziel. Am 20. Juli ist sie zusammengebrochen.

Wer den 20. Juli 1944 mit dem 9. November 1918 vergleicht, der erkennt sofort den wesenhaften Unterschied beider Revolten. Im November 1918 war der selbstmörderische Aufstand getragen von den breitesten Massen der Nation, von jenen Massen, die das alte kaiserliche Regime nicht mehr zu führen verstanden hatte. Im Juli 1944 empörte sich eine kleine Clique feudaler oder besitzbürgerlicher Prägung, die seit langem die Regierung eines von „unten“, aus den breiten Massen aufgestiegenen Führers als eine Kränkung ihrer vermeintlichen gesellschaftlichen Vorrechte empfand. Zur Nation als Ganzes hatte diese Clique keine Verbindung. Trotzdem wird niemand den furchtbaren Ernst des 20. Juli verkleinern wollen. Wieder einmal hat sich aus dem, was der Großadmiral von Tirpitz in seinen Erinnerungen die „Selbstmörderecke der deutschen Seele“ nennt, Hödur erhoben und hat Lokis Pfeil geschnellt gegen den deutschen Völkerfrühling. Über zwei Jahrtausende unserer Geschichte schritt plötzlich ein Gespenst auf uns zu, und als es vor uns stand, erkannten wir sein in grauen vollem Hohn verzerrtes Antlitz: es war der Geist, der einst in den Anfängen unseres Werdens den großen Cherusker erdolchte und der nun die Bombe legte, um in Adolf Hitler die deutsche Einheit für immer zu sprengen.

Niemand, wir wiederholen es, soll den Ernst dieses Ereignisses verkennen. Niemand aber soll auch mißverstehen, daß in diesem weltgeschichtlichen Augenblick an unserer Nation einer jener Vorgänge sich vollzog, die mit Fug und Recht als Gottes Wunder in der Zeit betrachtet werden dürfen.

Wer die Geschichte kennt, der weiß, wie alle menschliche Klugheit und Berechnung und Willenskraft, so groß ihre Rolle im Geschehen ist, doch auch immer wieder korrigiert werden durch ein Unwägbares, ein Unberechenbares, durch den Eingriff einer Macht, die die kleine Seele als „Zufall“ anspricht, die aber der tiefer Denkende als Fügung der göttlichen Macht empfindet.

Daß am 9. November 1923 der erste Ansturm des Nationalsozialismus an der Feldherrnhalle im deutschen Feuer in Blut und Tränen zerbrach, erschien uns damals als tiefstes Unglück. Später haben wir erkannt, daß ohne diese Niederlage das Wachstum der nationalsozialistischen Bewegung in die Tiefe, ihr Sieg von unten und von innen her, niemals möglich geworden wäre.

Daß im November 1941, als eben die deutsche Zange um Moskau  sich schließen wollte, das Unberechenbare in Gestalt eines furchtbaren Winters uns in den Arm fiel und den schwersten militärischen Rückschlag einleitete, das lastet heute militärisch, politisch und moralisch schwer auf unserer Nation. Und doch werden wir erkennen, daß so, wie einst erst das Scheitern des nationalen Staatsstreichs von 1923 die nationalsozialistische Bewegung wirklich begründet hat, auch erst das Scheitern des militärischer Blitzkrieges im Jahre 1941 und 1942 den Weg geöffnet hat zur Bildung des deutschen Reichs- und Führervolkes in schwersten Krisen des Krieges.

Daß die Bombe eines Mannes, dessen Name in unserer Geschichte denselben Klang behalten wird wie der Name des Judas Ischariot in der Geschichte der christlichen Religion, zu den Füßen Adolf Hitlers niedergelegt wurde, daß diese Bombe nach jeder Berechnung menschlicher Vernunft gerade den Führer mit völliger Sicherheit vernichten mußte – und daß diese Bombe allein von allen Menschen in dem Raume Adolf Hitler nicht traf – dies ist wiederum einer der Eingriffe des Unberechenbaren, die dem Lauf der Weltgeschichte eine neue Wendung zu geben bestimmt sind. Gott, so vertrauen wir, hat nicht gewollt, daß die deutsche Geschichte, die beginnt mit dem deutschen Mord an Arminius, ende mit dem deutschen Mord an Adolf Hitler. Gott gab mitten im schwersten Kampf unserem Volk ein Zeichen. Wir haben das Zeichen verstanden. Die deutsche Nation, die im Jahre 1918, politisch führerlos, im Augenblick äußerer Rückschläge blitzartig zusammenbrach, hat in den Jahren 1943/44 auf Niederlagen so reagiert, wie es die Römer taten. Sie legt damit die Probe ab auf die Kraft der politischen Erziehung, die der Revolution Adolf Hitlers innewohnt. Wir alle wissen, daß diese Probe nicht zu Ende ist, sondern daß sie nun erst auf dem Höhepunkt steht. Erst am Tage des Sieges haben wir das Recht, sie endgültig als bestanden anzusehen. Aber wir alle wissen und fühlen doch auch das eine: daß die Nation, der wir angehören, in Führung und Gefolgschaft ihre Parallele nicht im Deutschland Wilhelms II. findet, sondern im Preußen Friedrichs des Großen.

Unser Volk besitzt einen Führer von der Größe des Fridericus. Es sah den Stern dieser Größe leuchten in der Sonne gewaltiger Siege. Es sieht ihn auch leuchten im Dunkel schwerer Stunden. Es weiß, daß aus König Friedrich nie der Große geworden wäre, wenn er nicht in der Nacht nach Kunersdorf, im Dammhaus zu Reitwein, und in mancher anderen Nacht die schwarzen Fittiche der Vernichtung um sich hätte rauschen hören und sie doch verjagt hätte durch die Kraft des königlichen Willens. Es weiß, daß den Siebenjährigen Krieg nicht der Friedrich gewann, der strahlend in die Blitzsiege seiner ersten Kriegsjahre ritt, sondern daß ihn der König gewann, der an immer neuen Abgründen vorbei sich vorwärts rang und dem die Schultern sich krümmten unter der Last der Sorge und der Verantwortung.

Der Morgen nach Kunersdorf entscheidet über den Rang der Führer. Am Morgen nach Kunersdorf entscheidet sich auch der Rang der Nationen. Heute, im Zeitalter der totalen Völkerkriege mehr denn je, erfordern große Führer auch große Völker. In einem berühmten Brief hat der Kanzler von Bismarck im Jahre 1888 den jungen Prinzen Wilhelm an die Pflichten der Könige erinnert. „Die festeste Stütze der Monarchie“, so schreibt da Bismarck, „suche ich in einem Königtum, dessen Träger entschlossen ist, nicht nur in ruhigeren Zeiten arbeitsam mitzuwirken an den Regierungsgeschäften des Landes, sondern auch in kritischen lieber mit dem Degen in der Faust auf den Stufen des Thrones für sein Recht kämpfend zu fallen als zu weichen. Einen solchen Herrn läßt kein deutscher Soldat im Stich.“

Wilhelm II. war nicht stark genug, diese Mahnung zu befolgen. An jenem Tag, als er, statt zu fechten und vielleicht zu fallen, nach Holland floh, hat er sein Leben gerettet und die Monarchie getötet. Darum liegt heute das Königtum in den Händen eines Mannes aus dem Volk, eines Gefreiten des ersten Krieges. Wir wissen, daß dieser Gefreite des Ersten, dieser Oberste Kriegsherr des Zweiten Weltkrieges den Degen niemals fallen lassen wird, solange er atmet. Darum läßt ihn auch der deutsche Soldat nicht im Stich. Der deutsche Soldat, der deutsche Offizier kämpft lebend und sterbend an allen Fronten dieses Krieges. In „Etzels Saal“ an der Wolga, wo im Hause der GPU die letzten Kämpfer fielen – in der Ebene von Catania, wo inmitten desertierender italienischer Regimenter junge Soldaten, bis zum Tode kämpfend, „Hitlerjungen mit dem Nazi-Fanatismus“, wie englische Reporter staunend schrieben, wochenlang der britischen Übermacht den Weg versperrten – in den Ruinen Von Cherbourg, wo, wieder nach englischen Berichten, die letzten Stoßtrupps der Deutschen in Kellern lauerten, um dann nochmals hervorzubrechen im Kampf – in den Gefangenenlagern, von denen Daily Expreß erzählt, daß die Deutschen dort, obwohl sie zum Teil vier Jahre lang die reine Luft des Angelsachsentums atmeten, heute noch „vollgestopft seien mit dem ,Heil Hitler’, daß sie immer noch am liebsten das Lied sängen: „Und wir fahren gegen Engelland“ – hier und in manchen anderen härtesten Stunden des Krieges hat der deutsche Soldat, der deutsche Offizier bestätigt, daß der mächtigste und sicherste Instinkt unserer Nation, der soldatische, nicht wanken wird, solange sein Kriegsherr befiehlt. Aber nicht allein auf dem Instinkt der soldatischen Ehre, des soldatischen Gehorsams und der soldatischen Tapferkeit ruht das Verhältnis der Nation zu ihrem Führer. Es gründet sich darüber hinaus auf die klare Einsicht, daß in diesem Führer heute die große Reihe unserer Reichsgründer von Otto dem Großen über Barbarossa, von Friedrich über Bismarck mündet und daß sie in ihm nun um ihre Erfüllung kämpft.

Von der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern erzählt die Sage, daß sie in den Lüften mitgekämpft worden sei von den Toten. Auch in den großen Schlachten, in denen uns heute Adolf Hitler führt, stehen mitten unter uns alle Toten unserer Geschichte. Es treten zu uns alle Kämpfer um das Reich der Deutschen. Da, wo Deutsche den Kampf in Italien kämpfen, da reitet unter ihnen Friedrich Barbarossa. Da, wo deutsche U-Boote durch die Meere kreuzen, da fahren auf ihnen die Hansen mit. Da, wo Deutsche im Osten sich der asiatischen Flut entgegen werfen, da erheben sich hinter ihnen die Ritter des Deutschen Ordens, die Mongolenkämpfer von Liegnitz und die Türkenbesieger von Wien. Da, wo wir vielleicht im Angesicht der Gefahr schwanken möchten, da herrscht uns Fridericus an: „Kerls, wollt ihr denn ewig leben?“, da erinnert Bismarck uns daran, daß die Deutschen, wie er sie wollte, Gott fürchteten und sonst nichts auf dieser Welt. Alle großen Jahrhunderte unserer Geschichte treten vor uns hin in ihren Toten und beschwören uns, nicht zu wanken, auf daß ihr eigenes Ringen und Mühen nicht vergeblich gewesen sei für ewig.

Es mögen in anderen Stunden auch jene anderen Toten unserer Geschichte zu uns treten, die Gespenster aus den Zeiten der Anarchie. Vielleicht locken manche von ihnen uns, ihren Weg zu gehen. Dann müssen wir stark genug sein, unsere eigenen Toten zu erschlagen, auf das wir leben. Vielleicht aber locken sie uns gar nicht auf ihren Weg. Vielleicht treten die Schatten zu uns klagend und warnend. Vielleicht heben sie mit uns die Hände zur Gottheit und bitten, daß nun der Erbfluch über unserem Volke erschöpft sein möge, daß es unserem Zeitalter vergönnt sei, den Fluch zu lösen für ewig. Wir hören ihre Stimmen alle. – Wir sprechen mit den Schatten in der uralt-eigenen Sprache unseres Volkes, und von den Schatten der Geschichte, die wir mit unserem Blut zum Sprechen brachten, steigen wir empor in unsere Zeit und gehen den Weg unseres eigenen Lebens und Sterbens. Es gibt ein Wort von einem unserer großen Dichter, von Friedrich Hebbel. Es sagt, daß „in die Hölle nur der hohe Adel der Menschheit“ komme, die anderen wärmten sich im Vorraum. Und es gibt von einem anderen unserer großen Dichter, von Goethe, das Wort, daß die Götter ihren Lieblingen alle Freuden, die unendlichen, und alle Leiden, die unendlichen, ganz schenkten. Es gelten diese Worte von den besonderen Einzelmenschen, die zu allen Zeiten die Entwicklung der Dinge trieben. Sie gelten aber wohl auch von den Völkern; und so ist es unser Glaube, daß der furchtbare Wechsel von Himmel und Hölle, von unendlichen Freuden und unendlichen Leiden in unserer deutschen Geschichte unsere besondere Anwartschaft erweist, zum „hohen Adel der Menschheit“ und zu den „Lieblingen der Götter“ zu gehören. Es ist die Stunde jedenfalls gekommen, wo die Gottheit ihren letzten Willen mit dem Volk der Deutschen offenbaren muß. Seit 1914 dauert für uns Deutsche der große Krieg um unser Reich. Er steht in seinem dreißigsten Jahr. Jenen ersten Dreißigjährigen Krieg unserer Geschichte haben wir erlitten, er hat unser Elend vollendet für lange Jahrhunderte. Den zweiten Dreißigjährigen Krieg führen wir als geschlossenes Volk unter einer großen Führung. Er soll, so ist es unser Wille, unser Reich begründen für viele Jahrhunderte. Wir führen diesen Krieg zugleich in dem ingrimmigen Bewußtsein, daß er, verlören wir ihn, das Ende unserer Nation besiegeln würde für alle Ewigkeit. Zweimal haben wir ein großes Reich gegründet, zweimal sind wir gestürzt. Fiele auch das dritte Reich der Deutschen, es käme über uns die ewige Nacht.

Wir wissen, daß die letzten Entscheidungen der Geschichte nicht zu berechnen sind, denn sie werden gefällt von der Gottheit. Aber in uns lebt auch der alte germanische Glaube, daß um die Entscheidung der Gottheit gerungen werden muß und daß das „Tapfersichzeigen“, „Nirmmersichbeugen“ die „Arme der Götter“ herbeiruft.

Zweitausend Jahre unserer Geschichte sehen heute auf uns herab. Zweitausend Jahre unserer Geschichte wollen nicht umsonst gewesen sein.

Daß zweitausend Jahre unserer Geschichte heute ihre Erfüllung finden im Reich der Deutschen durch Adolf Hitler – das schenke uns der allmächtige Gott!

Walter Frank | Adolf Hitler Vollender des Reichs


Brüder, eh’ der Becher kreise

Brüder, eh’ der Becher kreise
Zu des Festes frohem Glanz,
Singet eine ernste Weise,
Denkt des deutschen Vaterlands!
Unsern Brüdern, die Ihr Leben,
Wie es unseren Bund gebeut,
Brav und ehrlich hingegeben,
Sei das erste Glas geweiht.
Gern als seines Heiligtumes
Hüter zoget ihr das Schwert.
Ja, es war ein Land des Ruhmes,
Und des Bluts der Besten wert.
Eure Gräber, sie zerfallen,
Unbekränzt und unbekannt –
Hört, wir schwören es euch allen,
Euch und unserem Vaterland!
Niemals wollen wir vergessen,
Wem ihr starbet euren Tod,
Was du warst, was du besessen,
Land des Leidens, Land der Not.
Wollen nicht als Knechte sterben,
Betteln nicht im Bußgewand,
Nein, in Gram und Schmach verderben,
Sollst du nicht, lieb’ Vaterland!
Jeder erster Becher, Brüder,
Sei gemischt mit Bitterkeit,
Stets das erste unsrer Lieder,
Tote Brüder, dieser Eid!
Und so wollen wir es halten,
Bis die Schmach ein Ende fand,
Bist du aufersteht im alten
Glanze, deutsches Vaterland!

Text: Fritz Kaufmann um 1920
Melodie: Franz Greiner 1920


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