Rassen und Rassenbildung beim Menschen


Ilse Schwidetzky



Neue Merkmale

Die Evolutionsforschung ist ein Teil der Populationsgenetik. Wird doch Evolution definiert als Veränderung der Erbstruktur von Bevölkerungen, und die Erbstruktur, d. h. die Verteilung von Erbanlagen in den Bevölkerungen, ist einer der Hauptgegenstände der Populationsgenetik. Diese arbeitet in ihren Experimenten und Modellen vorzugsweise mit einfach erblichen, möglichst monofaktoriellen Merkmalen. Es war daher außerordentlich bedeutsam, daß in der gleichen Zeit, in der die Rassenkunde des Menschen in den breiten Strom der Evolutionsforschung hineingestellt wurde, Rassenmerkmale entdeckt wurden, die den Forderungen der Populationsgenetik nach einfachem, möglichst monofaktoriellem Erbgang entsprachen. Es sind dies vor allem die zahlreichen Blutgruppen, Blutfaktoren, Serumproteine und später die Enzympolymorphismen, die in wachsender Zahl bekannt wurden und für die auch erhebliche geographische Differenzierungen herausgearbeitet wurden. Bei ihnen sind alle Forderungen, die man an gute Rassenmerkmale stellen kann (SCHWIDETZKY 1962, S. 20) erfüllt; sie sind sicher bestimmbar, sie sind erblich und umweltstabil, und sie variieren geographisch.

Zuerst wurde der genetische Polymorphismus der ABO-Blutgruppen entdeckt und für sie auch als erste Rassenunterschiede festgestellt (HIRSCHFELD und HIRSCHFELD 1919). Weitere Polymorphismen, für die deutliche geographische Unterschiede nachgewiesen sind, stellt in der Reihenfolge ihrer Entdeckung Tab. 2 zusammen. Sie strebt keine Vollständigkeit an, die schon deshalb nicht möglich ist, weil ständig neue Polymorphismen gefunden werden. Für viele von ihnen liegen zudem bisher nur wenige Bevölkerungsstichproben vor, die zwar die geographische Variabilität als solche belegen, ohne aber ein global oder auch nur regional geschlossenes Bild der geographischen Variation zu vermitteln (BECKER 1972, 1975, MOURANT et al. 1976).

Tab. 2:  Die Entdeckung genetischer Polymorphismen beim Menschen *

Jahr  Polymorphismen Autor
1900  ABO Landsteiner
1927 MN Landsteiner
1927 P Landsteiner u. Levine
1932 Ausscheider / Nichtausscheider Schiff u. Sasaki
1940 Rhesusfaktor (D)  Landsteiner u. Wiener
1946 Kell (K) Coombs et al.
1946 Lutheran (Lu) Callender u. Race
1946 Lewis (L) Mourant
1947 Ss (MN-gekoppelt) Walsh u. Montgomery
1950 Duffy (Fy) Cutbushetal.
1951 Kidd (Jk) Allen et al.
1954 Diego (Di) Levine et al.
1955  Haptoglobin (Hp) Smithies
1956 Gammaglobulin (Gm) Grubb
1957 Transferrin (Tf) Smithies
1958 Hl-A (Leukozytenantigene) Dausset
1958 Glucose-6-Phosphatdchydrogenase-Mangel (G-6PD) Childsetal.
1963 Saure Phosphatase Hopkinsonet al.
1964 Phosphoglucomutase (PGM) Spencer et al.
1966 Adenylatkinase (AK) Fildesu. Harris
1971 Glutamat-Pyruvat-Transaminase Chen u. Giblett
1975 Glyoxalase I (GLO) Kömpf et al.

*Nach einer Aufstellung von W. BECK, Anthropologisches Institut der Universität Mainz.       

Es gibt noch weitere genetische Polymorphismen, die für die Rassenkunde wichtig sind, d. h. einfach erbliche Merkmale, die gleichzeitig geographisch variieren. Hierher gehören z. B. verschiedene Geruchs- und Schmeckfähigkeiten, von denen die dominante Fähigkeit, Phenylthiocarbamid (PTC) bitter zu schmecken, am besten bekannt ist (JÖRGENSEN 1969). Es handelt sich zwar um ein offenbar einfach erbliches Merkmal, aber es ist nicht völlig umweltstabil: Ermüdung, Tabak- und Alkoholgenuß u. a. können die phänotypische Manifestation des dominanten Allels für Schmecken beeinflussen, und auch Altersunterschiede scheinen für die Manifestation eine gewisse Rolle zu spielen. Es ist daher verständlich, daß dieses neue Merkmal nicht die gleiche Bedeutung für die Populations- und Evolutionsgenetik erhalten hat wie viele Blutmerkmale.

Aber auch noch von anderen Seiten her wurde die Merkmalsbasis der Rassenkunde, die zunächst von sichtbaren, anschaulichen Unterschieden ausging, verbreitert. An erster Stelle sind hier die Merkmale des Hautleistensystems zu nennen: Die Verteilung der Hauptmuster auf Finger- und Zehenbeeren, der quantitative Wert, d. h. die Leistenzahl der Muster; der Verlauf der Hauptlinien auf der Handfläche (Palma) und die Bemusterung von Daumen und Kleinfingerballen; Musterhäufigkeiten auf der Fußfläche (Planta) und vieles andere (Abb. 4). Es handelt sich um gut erbliche, aber nicht monofaktorielle Merkmale, sondern solche, die wie auch sonstige Größen- und Formmerkmale jeweils auf einer Vielzahl von erblichen Anlagen beruhen. Die Hautleisten sind streng altersstabil, d. h. für eine Reihe kleinerer Modifikationen, die durch Zwillingsuntersuchungen belegt sind, kommen nur vorgeburtliche Faktoren in Frage. Da aber der Erbanteil sehr hoch ist und die meisten der zahlreichen Hautleistenmerkmale deutlich geographisch variieren, handelt es sich auch bei ihnen um gute Rassenmerkmale, zumal auch die Bestimmungsmethoden weitgehend standardisiert sind (CUMMINS und MIDLO 1943, GEIPEL 1935, LOEFFLER 1969).

Ilse Schwidetzky | Fingerbeermuster und Hauptlinien

Abb. 4. Fingerbeermuster und Hauptlinien. Links: Die Haupttypen der Fingerbeermuster
(Bogen, Schleife, Wirbel, Doppelschleife.) Rechts: Die Hauptlinien der Handflache (A, B, C, D)
und die Endfelder am Handrand (1-13) (nach G. Geipel 1935).

Ein weiterer Versuch, über die schmale Merkmalsbasis der älteren Rassenkunde hinauszukommen, betrifft die deskriptiven oder morphognostischen Merkmale, d. h. solche, die sich einer metrischen Analyse entziehen oder jedenfalls zunächst zu entziehen schienen. Die Entwicklung standardisierter Meßmethoden ist ja eine der Errungenschaften der Anthropologie des 19. Jahrhunderts (MARTIN 1914, 1928, MARTIN-SALLER 1957 ff.); durch sie wurden Größen- und Proportionsunterschiede zwischen Individuen und Bevölkerungen genauer erfaßt und besser der statistischen Analyse zugänglich gemacht, als dies durch einfache Beschreibung möglich ist. Sie gewannen in neuerer Zeit eine wachsende Bedeutung auch in anderen Biologien, und zwar in dem Maße, wie die Variabilität innerhalb von Populationen (vgl. I/l) und die feinen Unterschiede unterhalb der Artgrenzen im Zuge der Evolutionsgenetik interessant wurden (vgl. 1/2). Ihre Bedeutung für die Rassenkunde, für die ja nur Erbunterschiede von Interesse sind, wurde jedoch dadurch eingeschränkt, daß Größenmerkmale auch Umwelteinflüssen unterliegen (vgl. 11/2).

Für metrische Merkmale, insbesondere Körperhöhe und Längenbreitenindex des Kopfes, stand schon DENIKER (1900) für seine Klassifikation ein umfangreiches Material zur Verfügung, während für die zahlreichen sonstigen Merkmale, die in der Beschreibung der Rassentypen eine Rolle spielten, kaum statistische Unterlagen vorhanden waren: Kraushaar oder Mongolenfalte, Lippendicke oder Nasenprofil, Bartwuchs oder Körperbehaarung, Mittelgesichtsrelief, Kinnformen und vieles andere blieben auf die einfache Anschauung und auf die typologische Erfassung wesentlicher Bevölkerungsunterschiede angewiesen. Um auch für diese Merkmale vergleichbare, für die Statistik zugängliche Unterlagen zu gewinnen, mußten sie entweder meßbar gemacht werden, oder man mußte wenigstens verbindliche Klassifikationssysteme entwickeln. Ein gutes Beispiel dafür sind die Gesichtsrelief maße. Kennzeichnend für die Mongoliden im Vergleich mit den Europiden ist die Gesichtsflachheit, die sich u. a. in frontal vorgeschobenen Wangenbeinen, niedriger Nasenwurzel, geringer Prominenz der Nase ausdrückt. WOO und MORANT (1932) stellten solche Schädelmaße zusammen, die etwas über das Gesichtsrelief aussagen (Abb. 5); sie wurden übernommen und ergänzt von der sowjetischen Anthropologie, für die schon im europäischen Teil, noch mehr aber im asiatischen Teil ihres Landes die Unterscheidung von Europiden und Mongoliden ein besonders wichtiges diagnostisches Problem darstellt (vgl. III/4). Für Untersuchungen an Lebenden wurden wenigstens systematisch die für die Unterscheidung von Mongoliden und Europiden wichtigsten Merkmale einbezogen und überwiegend auf Grund von quantifizierenden Klassifikationsschemata erfaßt, die auch die Berechnung von Mittelwerten und Streuungsmaßen gestatten: Epicanthusbildung, Bartwuchs, Körperbehaarung, Mittelgesichtsflachheit, Höhe der Nasenwurzel u. a.

Ilse Schwidetzky | Rhinialindex und Prämaxillarindex

Abb. 5. Zwei Gesichtsreliefmaße: Rhinialindex und Prämaxillarindex berechnet
aus je einem breiten- und einem Tiefenmaß. Die Dreiecke geben das Verhältnis
von Breite zu Tiefe wieder (nach A. Riesenfeld 1970).

Auch viele andere rassendiagnostisch wichtige Merkmale sind zweifellos meßbar oder mindestens quantifizierbar. Die Lippendicke z. B. läßt sich entweder direkt am Lebenden oder anhand von guten Fotos messen (SCHWIDETZKY 1967), ebenso die negride Prognathie sowie die Unterschiede in der Weite und Stellung der Lidspalte u.a. Manches ließe sich in dieser Richtung auch ohne Neuexpeditionen erarbeiten, wenn wir von ebenso vielen Populationen, für die Mittelwerte von Körperhöhe und Längenbreitenindex vorliegen, ein gutes, ausreichend umfangreiches Bildmaterial zur Verfügung hätten. Von weiteren Merkmalen, die sich bei neueren Bevölkerungsuntersuchungen als ergiebig erwiesen, seien noch die der Zähne bzw. das Gebiß genannt (z. B. FRIEDLÄNDER 1975). Solange sie an Zahnabgüssen festgestellt werden müssen, sind allerdings nur Untersuchungen an kleineren Stichproben möglich.

In der prähistorisch-historischen Anthropologie sind es die sogenannten epigenetischen Merkmale, durch die man die genetischen Beziehungen zwischen Bevölkerungen schärfer zu fassen versucht, als dies durch metrische Merkmale möglich ist. Es handelt sich um anatomische Variationen, die oft, aber nicht immer Alternativ-Merkmale darstellen, d. h. solche, die vorhanden sind oder fehlen. Ihre Genetik ist aber bisher besser für Mäuse als für Menschen bekannt (BERRY und BERRY 1967); und die Brauchbarkeit der einzelnen Merkmale für den Bevölkerungsvergleich steht noch im Prüfstand.

Zeichnet sich also in der neueren Anthropologie eine Vielzahl neuer Möglichkeiten ab, Unterschiede von Bevölkerungen merkmalsstatistisch zu erfassen, so gibt es doch bisher nur für sehr wenige dieser Merkmale einen großräumigen Überblick über die geographische Variabilität auf Grund zahlreicher Bevölkerungsstichproben (vgl. II).



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