Ein Brief aus Deutschland


Der Brief des Sohnes des deutschen Anthropologen Otto Reche an Wladimir Awdejew

Hamburg, d.23.April 2004


Herrn
Wladimir B. Awdejew
Mytnaya Str.  23 - 1 - 47 a
115162 Moskau/Russland


Sehr geehrter Herr Wladimir Awdejew!

Daß Sie meinen langen Brief vom 10. Februar d.J. nicht erhalten haben, bedauere ich außerordentlich, - zumal ich diesem Schreiben noch 2 Photos von meinem Vater - aus seinen letzten Lebensjahren - beigefügt hatte.  Danke für auch Ihren letzten Telephonanruf! - Ich will nun versuchen den Text des offenbar verlorengegangenen Briefes zu wiederholen. Wunschgemäß in deutscher Sprache.

Vielen Dank für Ihre umfangreiche Sendung vom Januar dieses Jahres und Ihr freundliches Schreiben! Es bedeutete für mich eine der größten Überraschungen in der Zeit nach diesem letzten Krieg. Ich wußte nichts von Russen, die meinem Vaterland wohlgesonnen sind. Seit 1914 war meine Heimat ja fast immer Gegenstand bösartiger Hetze. Aber es gibt in meinem Land nicht nur Menschen mit schlechten Eigenschaften, sondern - wie in anderen europäischen Ländern auch - Kluge, Anständige und in ihrer Kultur und ihrer Bildung Hochstehende.

Aber nun zu Ihrem Anliegen: Leider muß ich Sie dabei bitter enttäuschen! Die Information des Professors Streck aus Leipzig - ich hätte ein großes "Archiv", ist leider absolut falsch. Fast alle wissenschaftlichen Unterlagen, Bücher und Arbeiten, die mein Vater in seiner Bibliothek verwahrte, sind in der Nachkriegszeit dem allgemeinen Chaos und auch Plünderungen zum Opfer gefallen. Mein Vater war vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Leipzig, zusammen mit vielen anderen Professoren der Universität, von den Amerikanern nach dem Westen verschleppt worden. Meine Mutter blieb schutzlos zurück und starb auch bald darauf an Unterernährung. Ich selbst war in amerikanischer Gefangenschaft bis 1946. So verloren wir unser Haus mit fast allem, was darin war. Später konnte ich - durch einen Zufall - wenigstens noch die meisten der wichtigen Arbeiten meines Vaters in die britische Besatzungszone (wohin ich entlassen worden war) - retten und somit vor dem Verlust bewahren. Aber das war nicht viel. Warum Prof. Streck Ihnen solche falsche Information gab - ich besäße "ein großes Archiv" - kann ich nicht sagen. Selbst wenn das zutreffend gewesen wäre, hätte er es unmöglich wissen können. Ich kenne diesen Herren nicht. Er beauftragte eine Studentin (als Dissertation) eine Art "Biographie" meines Vaters zu schreiben, hatte meine Anschrift ermittelt, - und so besuchte mich einmal diese junge Frau um einige Fragen zu stellen. Mir war sofort klar, was für eine Sorte von "Biographie" das werden würde. Es wurde ein dickes Buch, sehr fleißig, aber natürlich voller bösartiger Diffamierungen (auch hinsichtlich des Charakters meines Vaters). Natürlich war er ein schlimmer "Nazi", "Rassist" usw. Indes - da ich seit 1945 an derartige Dinge mich habe gewöhnen müssen, beachte ich sie nicht mehr.  Sie nannten in einem Ihrer Telephonate den Namen eines Kollegen meines Vaters: Prof. Dr. B. K. Schultz, und sagten, daß Sie auch über diesen Wissenschaftler gern eine Auskunft gehabt hätten. Zufällig hatte ich noch losen Kontakt zu einem Sohn des Prof. Schultz und bat ihn, mir einige Mitteilungen über das Leben seines Vaters zu machen. Er lehnte aber leider ab und schrieb, daß sein Vater nach dem Krieg so schlimmen Verfolgungen ausgesetzt worden wäre - wie fast alle deutschen Forscher, die auf rassekundlichem Gebiet tätig waren, - daß er es nicht wagte, darüber weiter Auskunft zu geben. So ist das leider nun in Deutschland - und es wird mit der Zeit nicht besser mit diesen Dingen, sondern die Verfolgungen und die Hetze wird immer schlimmer. Somit kann ich Ihnen - zu meinem aufrichtigen und großen Bedauern! - wahrscheinlich nicht viel bei Ihrer Arbeit helfen. Mir fehlen alle Quellen und Unterlagen. Die von Ihnen genannten Namen von deutschen Forschern kannte ich zum größeren Teil aus den Gesprächen mit meinem Vater, aber ich weiß nichts Näheres.  Zu den mir von Ihnen übersandten Druckschriften: Ich konnte nur staunen! Dergleichen würde hier so fort verboten werden.  Sie hatten sich mir so freundlich vorgestellt - und so will ich es auch kurz tun: Ich bin fast doppelt so alt wie Sie (80 J) und leider inzwischen schon ziemlich krank und hin fällig. Herz und Lunge sind in keinem guten Zustand. Als ganz junger Mann war auch ich Offizier (bei der deutschen Marine) - und mußte während des Krieges meist englische See-Minen räumen und entschärfen. Dabei  gab es natürlich auch Blessuren. Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft folgte ein Universitätsstudium mit Promotion in Pharmazie und Chemie. Bis zu meiner Pensionierung leitete ich ein staatliches chemisches Untersuchungsamt.        

Hoffentlich erreicht Sie nun wenigstens dieser Brief. Ich füge ihm wieder ein Photo meines Vaters aus seiner letzten Lebenszeit bei. Vielleicht erfreut Sie das.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen für den Erfolg Ihrer Arbeit!
Ihr Dr. Otto Reche




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